28.01.1980

Türken in Berlin - „die Heimat hast du hier“

Berlins Türken, bislang als Folkloreminderheit verniedlicht, werden unruhig. Ihre radikalen Gruppen liefern sich Gefechte, aber der Zorn in Sanierungsvierteln beginnt sich auch gegen Deutsche zu richten. Integrationsversuche des Senats kommen womöglich zu spät. Motto unter jungen Türken: „Wir werden uns unsere Rechte holen.“
Berlins Verwaltungsrichter sind es gewohnt, auch Rechtsfragen außerhalb der Routine zu beantworten, etwa, ob zotige Examensarbeiten anerkannt oder Bäume abgeholzt werden dürfen. Aber darf da jemand in der Stadt zum "Cihada Cagri" aufrufen, zum Heiligen Krieg?
Die Inschriften auf der Berliner Mauer belegten bislang kaum mehr als hausgemachten Frontstadthumor. "DDR = drei doofe Russen". Nun aber bekommt auch diese Institution fremdländischen Anstrich: "Kurtulus-Yeter", zu deutsch sinngemäß "Befreiungskämpfer, jetzt reicht''s."
Ein Menetekel? In Berlin, der größten Türkenstadt diesseits des Bosporus, zeichnen sich Veränderungen ab: Die hunderttausend Orientalen, bis vor kurzem noch anscheinend selbstgenügsam im Abseits der Hinterhöfe, verschaffen sich öffentlich Gehör.
Vielfach noch sind es Signale, die keiner so recht versteht. Die Verwaltungsrichter behalfen sich, indem sie den Heiligen Krieg als "religiös-missionarisch gebrauchten Begriff" ausklammerten und eine "unmittelbare Gefährdung" der öffentlichen Sicherheit verneinten.
Kürzlich gab es mitten in Schöneberg, nicht weit vom Rathaus, eine Türkenschlacht. Teilnehmer wurden durch Messer verletzt -- glaubt die Polizei; sie weiß es nicht genau, denn Täter wie Opfer waren hinterher spurlos verschwunden. "Was sich da an Irrationalem entwickelt, verstehen unsere Leute nicht", sagt der Innensenator Peter Ulrich.
Das den Berlinern liebgewordene Türkenbild vom "Kleen-Smyrna" -- es ist schon immer ein Vexierbild gewesen, das, je nach Blickwinkel, nicht nur Folklore, sondern die soziale Misere einer Randgruppe zeigt. Und jetzt treten die Negativkonturen schärfer hervor als je zuvor.
Schwarze Schleier und Hammelduft über Kreuzberg, Zockerstuben mit dunkelhäutigen Männern beim Brettspiel in Neukölln, der Anblick schwersteißiger Kurdinnen auf dem Türkenmarkt am Maybachufer, Gebet gen Mekka bei Siemens -- das Pittoreske ist geblieben, gewiß.
Aber hinzugekommen ist, daß sich viele Berliner Türken aus gescheiterter Hoffnung in nationale Subkultur flüchten oder sich in radikalen Islamgruppen ("Großer Ideal-Verein") organisieren. Immer öfter stoßen Anhänger rivalisierender Gruppierungen gewaltsam aufeinander.
Unterstützt vornehmlich von rechtsradikalen Türkenorganisationen, betreiben Moscheen und Koranschulen die Abgrenzung von den Ungläubigen. Frommer Flugblattaufruf: "Eure Art, euer Ansehen und die Intimität eurer Familien werden mit Füßen getreten" oder "Erwachet und erhebt euch]" Unverkennbar, daß sich die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in der Heimat wie auch die Folgen der weltweiten Neuorientierung im Islam auch auf die Diaspora-Türken auswirken.
Und vor allem: Den Türken wird zunehmend bewußt, was die Deutschen stets verdrängt haben -- die Diskriminierung am Arbeitsplatz, in der Schule, im täglichen Leben der großen Stadt. Türkische Jugendliche, die so ausgebildet sind wie ihre bundesdeutschen Altersgenossen und dennoch nicht die gleichen Bildungs- und Startchancen haben, kündigen verbittert an: "Wir werden uns unsere Rechte holen."
Gut 200 000 Ausländer wohnen in Berlin, die Hälfte von ihnen Türken. Als nächstgrößere Gruppe folgen die Jugoslawen (30 000), und selbst die Zahl der Asylbewerber, meist Araber und Pakistaner, ist fast auf 4000 gestiegen. Die sozial Schwächsten, meist Türken, drängen sich in den schlimmsten Berliner Sanierungsgebieten auf engstem Raum. Von den knapp 4500 türkischen Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren hatten Ende letzten Jahres gerade 371 einen Berufsausbildungsplatz. S.39
"Vor 15 Jahren", weiß der zur Zeit arbeitslose 27jährige Zimmermann Ugur Sirman aus Erzählungen seiner Eltern, "da hatte man als Türke noch Aufstiegschancen." Heute müßten er und seine Landsleute "zurückstecken, und je mehr einer zurücksteckt, um so mehr kriegt er eine rein".
Den 22jährigen Maschinenhelfer Selcuk Mete, Hauptschulabsolvent, schickte das Arbeitsamt nacheinander zu drei Lehrherren. Jedesmal wurde er abgewiesen; er sei "zu spät" gekommen, was ihm in einem Fall gleich schon der Pförtner eröffnete.
Die Ablehung der deutschen Mitbürger ist auf Schritt und Tritt zu spüren. "Darüber zu räsonieren", weiß Berlins Sozialsenator Olaf Sund, "ist etwas anderes, als mit Türken in einem Haus zu wohnen, wo es nach Knoblauch riecht." Hans-Joachim Jankus von der Arbeitsgruppe Ausländer bei der Berliner Polizei scherzt: "Der blonde Türke hat es bei uns viel leichter."
Die derart nur noch hermetischer geschlossene Gesellschaft im Abbruchquartier nährt Zorn und Aggressivität. "Die wollen beweisen, daß sie leben, so oder so", sagt der türkische Schriftsteller Aras Ören. "Was die alles schlucken müssen, sucht sich ein Ventil."
Noch schätzt die Polizei die Zahl der Militanten "auf 2000 bis 3000". Aber das Gefühl, "die Deutschen hassen uns" (so der Gewerkschafter Necati Gürbaca), treibt auch in der schweigenden Mehrheit die Abgrenzung voran.
Im Berliner Senat hat sich die Einschätzung durchgesetzt, daß jahrelang gehegte Hoffnungen, die Integration der Türken werde sich mit der Zeit schon automatisch ergeben, getrogen haben. Der aus Touristensicht so idyllische Kiez ist zum Getto geworden.
Berlins Regierender Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD) teilt inzwischen "die berechtigte Sorge, daß der soziale Friede in Berlin gefährdet" sei -durch Aufbegehren der Ausländer gegen die "als Unterprivilegierung empfundene Situation" oder auch durch Angstreaktionen der Deutschen.
Nun auf einmal wird das Ausländerthema "zu einem der Schwerpunkte unserer Politik in der laufenden Legislaturperiode" (Stobbe). Die Planer des Berliner SPD-Landesparteitags am letzten Wochenende setzten denn auch dieses "wichtige Stück gesellschaftlichen Neuansatzes" in den Mittelpunkt. Als Hauptreferent war ein veritabler Türke geladen: IG-Metall-Sekretär Gürbaca.
Der türkische Gewerkschafter stellt der sozialliberalen Ausländerpolitik der letzten Jahre ein schlechtes Zeugnis aus. Die Ämter sähen seine Landsleute nicht anders als die einheimische Bevölkerung -- als Lückenbüßer. Die "sogenannte Integration" werde nur als "Erleichterung für diejenigen, die man braucht", gewährt.
Vor allem aber warf Gürbaca den Ausländerpolitikern vor, sie orientierten sich immer nur an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes, statt gesellschaftliche Hilfe zu leisten.
Politiker-Irrtümer haben mitgeholfen, die Gettos zu stabilisieren. Mit der 1975 für die überfüllten Ausländerbezirke Kreuzberg, Wedding und Tiergarten verhängten Zuzugssperre wurde zwar die Invasion gestoppt; die ausländische Bevölkerung schrumpfte, nach den amtlichen Zahlen, innerhalb von drei Jahren um 16 000 Menschen.
Aber viele Türken, die beispielsweise durch Sanierungsmaßnahmen in andere Stadtviertel komplimentiert werden sollten, schlugen den Statistikern ebenso ein Schnippchen wie dem Gesetz, das auch bei vorübergehendem Auszug die Rückkehr untersagt. Sie meldeten S.41 sich nur pro forma im neuen Wohnviertel an, blieben in Wirklichkeit aber im vertrauten Hinterhof in Kreuzberg.
Und obwohl aus Sicht der Bürokraten inzwischen liberalere Praxis herrscht -- "in Härtefällen" dürfen schon mal Ehepaare zueinanderziehen --, zeitigt der Bezirksbann nach wie vor absurde Folgen.
Der 35jährige Gartenbauarbeiter, der vorletzte Woche in Kreuzberg unbefristete Aufenthaltsberechtigung beantragte, wollte ursprünglich keineswegs auf Dauer bleiben. Den Amtsweg beschritt er lediglich, weil in diesem Falle der Sonderstatus der Aufenthaltsberechtigung die einzige gesetzlich vorgesehene Chance bietet, zu den Freunden ins gesperrte Viertel zu ziehen -ein türkischer Dauerkreuzberger mehr.
So höhlen ausländerpolitische Behördenakte und -ziele einander bisweilen gegenseitig aus und fördern dann auch noch die Grauzone der Illegalität. Der Berliner Diplompsychologe Peter Rothammer, der sich im Auftrag des Deutschen Instituts für Urbanistik mit Ausländerintegration befaßte, stufte die Zuzugssperre als "untauglichen Versuch" ein, "soziale Probleme mit räumlichen Maßnahmen zu lösen".
Berliner Verwaltungsrichter nannten die Regelung sogar rechtswidrig und rügten Verstöße gegen die Grundrechte auf freie Wohnsitzwahl und auf Familienintegrität, die den Türken nachgerade heilig ist. Beharrlich verweigern sie sich denn auch der amtlichen Doktrin von der "besseren Verteilung" übers Stadtgebiet.
So hat keine Planung verhindern können, daß allein in den letzten sechs Monaten rund 10 000 türkische Kinder aus der Heimat nach Berlin gezogen sind, so jedenfalls schätzt es einer der besten Kenner der Kreuzberger Orientszene, der Sozialberater Seyfi Ecevitoglu, seit Jahren in Diensten der Arbeiterwohlfahrt: "Viele werden gar nicht erst angemeldet, viele kommen nur zur Beaufsichtigung anderer Kinder." Und alle ziehen sie dorthin, wo schon die Verwandtschaft siedelt -- zumeist nach Kreuzberg, Wedding und Neukölln.
Sinnlos mutet da die Praxis der Behörden an, bei Zweifelsfällen, derer sie habhaft werden, mit besonderer Strenge Zuzug und Aufenthalt zu reglementieren, wie etwa bei der 23jährigen Susan Aysun Akatam. Deren Eltern und Großeltern waren Gastarbeiter in Deutschland, wo auch sie selbst zwischen dem fünften und siebzehnten Lebensjahr wohnte.
Inzwischen möchte Susan auf Dauer nach Berlin und hat auch schon Arbeit. Das Arbeitsamt gibt ihr jedoch keine Erlaubnis dafür, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hat. Die wiederum verweigert die Ausländerbehörde, solange die Arbeitserlaubnis fehlt.
Ungeachtet solcher Bremsschikanen ist im Kiez die Türkisierung endgültig, selbst für die nur widerstrebend Eingemeindeten. "Als Türke braucht man eine Heimat", sagt der von Deutschland enttäuschte Jungtürke Ugur Sirman, "und die hast du hier."
Das Farbenfrohe, das schon Mitte der sechziger Jahre türkische Lebensart rund um den Görlitzer Bahnhof oder das Kottbusser Tor ankündigte, bezeichnet mittlerweile Seßhaftigkeit. Man sieht mehr Bleibendes, nicht mehr nur Schaufenster voller Hammelleiber, Peperonimärkte, Kebabstuben: Türkiye Emlak Kredi Bankasi A. O., eine Bank aus der Türkei, machte in der Adalbertstraße auf, deutsche Bausparkassen haben türkisches Beraterpersonal angeheuert, die Zahl der türkischen S.42 Speiselokale ist auf 200 gestiegen. Selbst die Weisen des Engin Basaria, des "türkischen Udo Jürgens" (Türkenlob), werden schon in Berlin aufs Cassettenband gezogen.
Schon gibt es den ambulanten Friseur, der wie daheim am Wochenende in die Kneipe zum Gästebalbieren kommt. Etabliert ist inzwischen auch das Brautfestgewerbe, das gegen Entgelt üppige Hochzeiten arrangiert mit meist mehr als 200 Gästen, mit Bauchtänzerin und Türkenkapelle. Zahnärzte, Geburtshelfer, Fahrschulen -kaum eine Dienstleistung im Türkenquartier, die nicht schon von Hand eines Landsmannes geboten würde.
Und wer die wirkliche Heimat sehen möchte, und das wollen fast alle einmal im Jahr, bucht bei einem von mehr als 30 türkischen Reisebüros. Allein Marktführer Öncü verkauft im Jahr rund 50 000 Charterflug-Tickets an Berliner Türken -- mit Rückflug.
Öncü Gürsu ist einer, der es geschafft hat. Vor zehn Jahren kam er nach Deutschland, das verklärt heute bereits die Legende am Kiez. Er begann als Student, jobbte beim Generalkonsulat und bald auch, noch einträglicher, in der Reisebranche. Mittlerweile hat Familie Gürsu es zu sechs Berliner Büroniederlassungen gebracht.
Arrivierte wie Öncü stehen für ein Stück Entwicklungsgeschichte der türkischen Gemeinde: Eine erste Generation der Angepaßten hat in Berlin bereits fest Wurzeln geschlagen. Unter den Erfolgreichen überwiegen die Geschäftsleute, wie Atalay Özcakir, der im stillgelegten U-Bahnhof Bülow-Bogen, wo vor ihm eine Gruppe deutscher Ladenunternehmer pleite ging, nun einen türkischen Basar wagt.
Oder Nazmi Kavasoglu, Chef eines Werbebüros. Als er vor neun Jahren nach Deutschland kam, so sagt er, kannte er nur zwei deutsche Wörter, "Achtung" und "Brot". Jetzt gestaltet er auf türkisch Anzeigenblätter mit Karstadt-Werbung, macht seinen Landsleuten Schwedenmöbel schmackhaft ("Ikea mobilyalari neden ucuz, biliyormusunuz?") -- und veröffentlicht ab und zu, etwa im katholischen "Petrusblatt", Kurzgeschichten über türkische Dropouts.
Die Biographien solcher Erfolgstürken haben sich bürgerlich entwickelt, teils nach geradezu deutschem Muster, wie Landsmann Aras Ören beobachtete: "Die erste Generation träumte vom Capri, um bald nach Hause zu fahren. Als die Arbeitsemigration länger dauerte, folgte der Wunsch nach eigener Wohnung. Neuerdings sollen es nun die Wertsachen im Safe sein."
Diese "Societey" (Ören) hat gelenkige Deutschlandkarrieren hinter sich. Meist kamen sie als Studenten, Schauspieler, Dolmetscher oder Lehrer ins Land und sind nach ihrem Blitzaufstieg dem Kiez auch längst schon wieder entwachsen -- in Richtung Grunewald.
Nur wenige schaffen den Durchbruch am Fabrikarbeitsplatz, wie die insgesamt neun weiblichen Betriebsräte in der Wirtschaft der Stadt oder der eine türkische Jugendsprecher unter West-Berlins Lehrlingen. Der 21jährigen Fatme Erdem gelang es gar, sich bis zum Titel "bester Friseurlehrling Berlins" hochzutoupieren.
Freilich, die Anerkennung durch die Deutschen reicht selten über den Arbeitsalltag hinaus. "Die Integration", so Sozialsenator Olaf Sund, "klappt nur in einem Punkt, im Betrieb."
Als der 20jährige Nihat Dogru nach Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft in den Berliner Polizeidienst trat, empfing ihn neben Ermutigung auch ein gehässiges Echo aus der Bevölkerung. Tonprobe: "Ich würde niemals einen Kanaken in deutscher Uniform respektieren."
Die Erlebnisse des türkischen Ordnungshüters belegen Sozialsenator Sunds These von der begrenzten und nur einseitigen Toleranz vieler deutscher Mitbürger: Akzeptiert werden die Türken, solange sie die von Einheimischen ungeliebte Wechselschicht fahren oder die Schmutzarbeit machen.
Die deutsche Staatsbürgerschaft brächte die Türken da nicht unbedingt weiter, zumal die Jüngeren aus der zweiten Zuwanderergeneration nicht. "Komm mal auf die Behörde, da zeigen sie dir, wer du bist", fürchtet der Kreuzberger Sirman. "Und wenn ich in die Diskothek will und sage, ich bin Deutscher, dann lachen die mich aus."
Die herablassende Behandlung durch die Angestammten lassen sich S.43 mittlerweile immer weniger Türken gefallen. In Jugendfreizeitheimen prügeln sich türkische Burschen schon häufiger gruppenweise mit ihren deutschen Altersgenossen. Im Bilka-Kaufhaus an der Kottbusser Brücke konnte vor zehn Jahren eine türkische Kundin kaum einmal in die Brotauslagen greifen, ohne gerüffelt zu werden -- jetzt stehen meist gleich zehn Türkinnen gegen unhöfliches Verkaufspersonal zusammen und machen auf gut türkisch klar: "Ihr habt ja nur uns als Kundinnen."
"Ein Gutes hat das Getto", erfuhr Aras Ören, Redakteur im Gastarbeiter-Ressort des Senders Freies Berlin, "das Selbstbewußtsein der Leute wird gestärkt." Und so suchen sie in zahlreichen Organisationen den Rückhalt beim Landsmann. Sozialberater Seyfi Ecevitoglu hat erfahren: "Wo immer ein paar Türken sind, machen sie einen Verein" -- Fußballverein, Boxverein, Betverein, Idealverein, Arbeiterverein, Kulturverein.
18 Moscheen und zahlreiche Gebetsstätten haben sich in Berlin aufgetan. Manche in Hinterhöfen, andere in Fünfzimmerwohnungen. Hodschas, die Vorbeter, werden oft unter frommen Arbeitskollegen aus- und notfalls wieder abgewählt, andere kommen als Koranexegeten aus der Türkei in hauptberufliche Dauerstellung nach Berlin.
Vielen Moscheen sind Koranschulen angeschlossen. Diese islamischen Glaubensschmieden unterrichten nach vorsichtigen Schätzungen türkischer Szenenkenner rund 4000 Kinder. Lehrstoff ist die streng traditionalistische Unterweisung im Großen Buch. Die Kultwahrer in den Gotteshäusern sind vorwiegend rechtslastig. Das schier undurchsichtige Nebeneinander islamischer Strömungen, die in den einzelnen Moscheen regieren, reicht von den streng orthodoxen Suleyman bis zur mystikorientierten Risale-I Nur-Bewegung, die in Berlin mit drei Moscheen und einem Verlag vertreten ist.
Soviel jedenfalls ist dabei auch Nicht-Moslems klargeworden: Um die Vorherrschaft innerhalb der Glaubensvielfalt ringen zwei erbitterte Rivalen der innenpolitischen Szene der Türkei, die Partei der Nationalen Bewegung (MHP) und die Nationale Heilspartei (MSP), samt den oft gewalttätigen Jungkadertruppen, etwa den berüchtigten "Grauen Wölfen".
Der Streit geht oft im Handstreichverfahren. Ende letzten Jahres traten auf einmal 182 neue Gemeindemitglieder in die Moschee "Hagia Sophia" im Bezirk Tiergarten ein. Bald darauf war der alte Vorstand entmachtet und durch Fanatiker ersetzt -- die MSP hatte eine Bastion mehr. Allein fünf Moscheen haben Gruppierungen dieser Partei in den letzten zwei Jahren der Konkurrenz abgejagt.
Manche der Moscheen finanzieren sich nach türkischem Brauch durch "Almosensteuer": Gemeindemitglieder spenden bis zu 2,5 Prozent ihres Nettoeinkommens. Das erhöht das Gewicht der türkischen Geschäftsleute auch im Gemeindeleben und verstärkt zugleich die Beziehung dieser Etablierten zu den türkischen Rechtsparteien.
Das Miteinander von Geld und Ultrarechten herrscht seit langem schon auch in Kleinasien, hier wie dort mittlerweile das gleiche Bild -- "eine S.44 Hand wäscht die andere", sagt Merih Apakbey von der Arbeiterwohlfahrt.
MSP wie MHP verstärken sich regelmäßig durch Mitstreiter aus der Heimat. Darunter sind, so wissen Kreuzberger Türken, oft genug "Schläger, die der Partei in der Heimat zu heiß geworden sind".
Berliner Türkennachwuchs, der Koranschule entwachsen, wird parteifromm und im Namen Allahs in Karate gedrillt. Die Übungsstätten liegen zuweilen gleich neben den Gebetsräumen. Ein 18jähriger Arbeitsloser, bereits im Kampfsport erfahren, berichtet, wie ihn vor der Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor der alte Hodscha persönlich zu keilen versuchte: "Ich sollte die Ausbildung übernehmen."
Gelegentlich kommt es zwar zu Handgreiflichkeiten zwischen den Rechten, aber letztlich verbindet der gemeinsame Feind: kommunistische Arbeiter, sozialdemokratische Flugblattverteiler, linke Sozialbetreuer.
Am 5. Januar verblutete in der Nähe des Kottbusser Tors der Berufsschullehrer Celalettin Kesim, 36, nach einem Messerstich in den Oberschenkel. Vorangegangen war eine Straßenschlacht zwischen Linken und Rechten. Der rechte Stoßtrupp hatte sich, bewehrt mit Ketten, Holzstücken, Gerüststangen und Messern, vor der Mevlana-Moschee formiert; seither sind sieben Türken als tatverdächtig in Haft.
Für Innensenator Peter Ulrich ist das alles erst der Anfang. Handgreifliche Spannungen werden nach seiner Einschätzung "mit Sicherheit in den nächsten Monaten zunehmen". Zwar läßt der Staatsschutz jetzt die türkischen Blätter auswerten, Namenslisten radikaler Türkenführer werden angelegt, die Polizeipräsenz in den Ballungsquartieren erhöht sich zusehends. Aber "irgendwo", so der Innensenator, "hat man das Gefühl, man kriegt das nicht greifbar."
Diese "Integrationshemmnisse" (Ulrich) könnten womöglich auch das neue Senatskonzept für die Eingliederung der Türken gefährden, zu dem sich die Politiker nun durchgerungen haben.
Der Senat läßt derzeit mit Umfragetrupps die soziale Lage der Hinterhofminderheit erforschen und hat schon angekündigt, daß für die Türkenkinder bessere Schulbedingungen sichergestellt und die Sanierungsprojekte vorangetrieben werden sollen.
Die deutschen Berliner möchte der Senat, wieder einmal, "von der Notwendigkeit der Integrationspolitik überzeugen". Doch die Chancen der Betriebsamkeit mögen selbst Regierungsmitglieder nur behutsam taxieren.
Sozialsenator Sund, der seit geraumer Zeit den Koran studiert und schon eine Lieblingsstelle gefunden hat (Sure 113: "Das Morgengrauen"), schätzt die Schwierigkeiten so ein: "Das kann 50 Jahre dauern mit der Integration."
S.42 Oben: Im Islamischen Zentrum in Kreuzberg; * unten: Razzia auf Waffen bei Moscheebesuchern. *

DER SPIEGEL 5/1980
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