28.01.1980

In 48 Stunden am Rhein?

Die Unfähigkeit der Sowjet-Union, einen Mehrfrontenkrieg zu führen Die sowjetische Militärdoktrin ist ihrem Wesen nach offensiv. General Sidorenko in: „Sowjetisches Offizier-Handbuch“
Für die sowjetischen Generalstabsoffiziere an der Moskauer Frunse-Akademie gehören militärische Interventionen zu den alltäglichen Planspielen ihrer Ausbildung:
Jeder Schlag gegen den "aggressiven Imperialismus", so die offizielle sowjetische Militärdoktrin des "sozialistischen Verteidigungskrieges", "trifft zwangsläufig das Gebiet des Gegners und endet immer mit der Besetzung seines Territoriums". Letztes Beispiel für diese raumgreifende Strategie Moskaus: die militärische Invasion in Afghanistan.
Der offensive Charakter der Sowjetstreitkräfte tritt freilich nicht erst seit der Besetzung Afghanistans zu Tage. Seit Jahren schon stimmen die Analysen des Londoner Instituts für strategische Studien und die Ergebnisse der Nato-Studien darin überein, daß das Militärpotential der Sowjet-Union bei weitem das zur Verteidigung notwendige Maß übersteigt.
Darüber hinaus rüstet der Osten stärker als der Westen. Gemessen an der Stärke des Heeres und der taktischen Luftstreitkräfte, gebieten Moskaus Generäle inzwischen über die stärkste Landmacht, die es in Friedenszeiten je gegeben hat.
Fast zwei Millionen Armeesoldaten, gegliedert in 173 Panzer-, Mot-Schützen- und Luftlande-Divisionen, von denen jede etwa 13 000 Mann stark ist, bilden das Rückgrat der sowjetischen Militärmacht. Zum Vergleich: Die Supermacht Amerika verfügt über 16 Divisionen mit 751 000 Soldaten.
Die Hauptstoßrichtung dieser Truppenansammlung Moskaus gilt Westeuropa. Denn mehr als zwei Drittel der Sowjettruppen sind im Westen des Warschauer Paktes stationiert.
Insgesamt 31 Divisionen (davon 20 allein in der DDR) stehen am Mittelabschnitt der Nato-Front; dazu kommen 29 Divisionen der anderen Warschauer-Pakt-Staaten, zusammen rund 777 000 Mann. Auf westlicher Seite stehen ihnen 27 Nato-Divisionen mit etwa 540 000 Soldaten gegenüber. Weitere 66 Divisionen -- im Ernstfall die zweite Angriffswelle gegen Westeuropa -sind im westlichen Teil der Sowjet-Union stationiert.
"Dieser konventionellen Übermacht", so ein Brüsseler Nato-Mann, "können wir in Westeuropa nichts Vergleichbares entgegenstellen."
Sechs Divisionen in Zentralrußland und dem Ural, 24 Divisionen in den kaukasischen Militärbezirken komplettieren den Aufmarsch der Rotarmisten entlang der Grenzen der Nato-Partner Griechenland und Türkei sowie des Nato-Anrainers Iran.
Gegenüber China hat Moskau 46 Divisionen stationiert -- mehr als doppelt so viele Soldaten und Panzer als noch vor zehn Jahren. Trotz dieser gewaltigen Militärpräsenz bleibt die 6000-Kilometer-Grenze zu China der "weiche strategische Unterleib" der Sowjet-Union. Denn nach Meinung westlicher Militärs reicht die sowjetische Truppenmassierung nicht einmal aus, um die Grenze zu dem volkreichsten Land der Erde wirkungsvoll zu schützen.
Eine Truppenverlegung von der chinesischen Grenze an die afghanische Front oder sogar nach Mitteleuropa erscheint deshalb wenig realistisch: Die Generäle im Kreml, so urteilen Generäle im Westen, würden diese Flanke niemals ungeschützt lassen. Einen Zweifrontenkrieg Moskaus -- gleichzeitig gegen die Nato und gegen China -schließen Nato-Offiziere deshalb völlig aus. Selbst die militärische Supermacht Sowjet-Union, so die Brüsseler Einschätzung, könnte zwei derart unkalkulierbare und risikoreiche Unternehmungen kaum durchstehen.
Die Invasion Afghanistans bestätigt die Nato-Einschätzung. Selbst die Bereitstellung von nur sieben Divisionen stellte die sowjetische Militärführung vor erhebliche Probleme. Sie mußte fast die gesamten Heeresverbände der Militärbezirke Turkmenistan und Kaukasien abziehen und obendrein zusätzliche Reservisten einberufen. Die Bindung dieser Truppen in Afghanistan dürfte den Handlungsspielraum der Sowjet-Generäle für die nächste Zukunft erheblich einschränken.
Ein Angriff im Westen scheint unter diesen Umständen wenig wahrscheinlich. Selbst bei einer Überlegenheit von zwei zu eins zugunsten Moskaus (50 Warschauer-Pakt-Divisionen gegen 27 im Westen) könnte die Nato-Verteidigung standhalten.
Siegreiche Befehlshaber des Zweiten Weltkrieges, wie Montgomery und Rommel, griffen meist nur mit einer Überlegenheit von mindestens drei zu eins an. Und von den sowjetischen Militärs ist bekannt, daß sie sich eher risikoscheu S.93 verhalten. Nichts ist unter Sowjetgenerälen mehr verpönt als militärisches Abenteurertum.
Angstszenarios wie das des belgischen Generals Close, der einen sowjetischen Angriff auf Westeuropa in "48 Stunden am Rhein" wähnt, bezeichnen Nato-Offiziere denn auch als "völlig übertrieben".
Selbst wenn die Sowjet-Union zusätzlich zu ihren eigenen Truppen alle Divisionen der CSSR, Polens und der DDR einsetzen würde, habe der Westen eine gute Chance, einen konventionellen Krieg zu überstehen. Denn abgesehen von ihrer unterschiedlichen politischen Zuverlässigkeit sind viele dieser östlichen Divisionen mit veralteten sowjetischen Waffen ausgerüstet und manche personell nicht auf Soll-Stärke.
Zu diesem Ergebnis kommen Nachrichtenexperten der Nato, die darauf hinweisen, daß es auch sonst keine Anzeichen gibt, die auf verstärkte Aktivitäten von Truppen in Osteuropa hindeuten.
Im Gegenteil: Noch gilt, daß nur die Sowjettruppen in der DDR, in Polen und in der CSSR zu etwa 90 Prozent personell aufgefüllt und nach geringer Vorwarnzeit einsatzbereit sind. Zusammen mit den ständig einsatzbereiten Luftlande-Divisionen zählen sie zur ersten Kategorie der Warschauer Pakt-Divisionen. Alle übrigen Verbände sind nur zu 30 bis 70 Prozent einsatzbereit. Ohne zusätzliche Mobilisierung von Reservisten ist ihre Kampfkraft gleich Null.
Hinzu kommt, daß die Sowjets zum Großaufmarsch gegen den Westen eine Mobilisierungsdauer von etwa 30 Tagen bräuchten. So lange dauert allein der Bahntransport von Mannschaften und Material der 66 Divisionen aus den westlichen Militärbezirken der Sowjet-Union in die vorgesehenen Einsatzräume. In jedem Fall hätte die Nato Zeit genug, Gegenmaßnahmen zu treffen.
Obendrein, so die Einschätzung westlicher Verteidigungsexperten, hätten die militärischen Verstärkungen der Amerikaner in Europa und die waffentechnologischen Entwicklungen der Nato die Sowjets eher noch vorsichtiger gemacht.
Vor allem die Fähigkeit des Westens, sowjetische Panzerangriffe durch ein Sperrfeuer treffsicherer Panzerabwehr-Raketen zu stoppen, wird von östlichen Militärzeitschriften als besonders bedrohlich herausgestellt.
Bundesverteidigungsminister Hans Apel, Anfang letzter Woche zu Besuch im Nato-Hauptquartier im belgischen Casteau, zeigte sich nach seinen Gesprächen mit dem Nato-Oberbefehlshaber Bernard Rogers denn auch beruhigt. Apel zum SPIEGEL: "Es gibt keinen Anlaß, über die Lage in Mitteleuropa besorgt zu sein."

DER SPIEGEL 5/1980
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