02.06.1980

SILBERMÜNZENTief getroffen

Bonn setzt auf steigende Silberpreise; der Otto-Hahn-Fünfer wird eingeschmolzen.
Als der Silberpreis zur Jahreswende explodierte, war für Finanzminister Hans Matthöfer schnell klar, daß "die Dinger schleunigst in die Schmelze" müssen.
Jetzt, sechs Monate später, sind die Dinger endlich drin: 8,35 Millionen silberblanke Fünfmarkstücke, die zu Ehren des Atomphysikers Otto Hahn bereits geprägt waren, werden derzeit wieder eingeschmolzen. Aus sieben Gramm Silber pro Münze fließen insgesamt fast 60 Tonnen in Barren.
Doch die teure Aktion scheint nicht mehr einleuchtend. Denn steil wie der Preis des Silbers erst stieg, ist er anschließend gepurzelt. Mit dem Barrensilber ließ sich noch vor wenigen Tagen kaum mehr Gewinn erzielen als mit den Silbermünzen.
Was zunächst wie ein gutes Geschäft zur Entlastung der Staatskasse aussah, könnte nun sogar den Staat Millionen kosten.
"Ein Schildbürgerstreich in unvorstellbarem Ausmaß", klagt Heinz Müller vom Verband der Münzhändler über die Fünfer-Schmelze. Müller fühlt sich -- und er leidet mit seinen Kunden -- zugleich "tief in der Sammlermentalität getroffen".
Die Trauer um den zerflossenen Fünfer ist verständlich. Denn das Silber der Otto-Hahn-Münze war nach dem Marktpreis des Metalls zu Beginn der vergangenen Woche gerade etwa so viel wert, wie ein Fünfmarkstück eigentlich wert sein sollte: fünf Deutsche Mark.
Tatsächlich stimmen der Materialwert und der Nominalwert bei Münzen nur selten überein. Die Differenz kassiert zunächst der Staat.
Das war auch 1979 bei der Prägung des jüngsten deutschen Silberlings so geplant. Acht Millionen Hahn-Taler sollten für fünf Mark, weitere 350 000 besonders feine Glanzstücke für neun bis zehn Mark angeboten werden.
Rund 43 Millionen Mark wären damit in die Kassen des Finanzministers geflossen, nach Abzug der Prägekosten und des Materialeinsatzes die Hälfte als Reingewinn.
Doch zwei Tage vor der vorgesehenen Auslieferung Ende Oktober wurde die Aktion abrupt gestoppt. Die sieben Gramm Silber pro Münze waren mit dem Preisboom plötzlich im Wert auf sieben Mark gestiegen.
Zum Höhepunkt der Hausse Mitte Januar dieses Jahres hätte das gesamte Silber auf dem Markt schließlich rund 155 Millionen Mark erzielt. Die Entscheidung, die Münzen wieder in Barren zu gießen, schien folgerichtig. Anderenfalls hätte der Finanzminister über 100 Millionen Mark verschenkt.
Die Rechnung ging indes ein weiteres Mal nicht auf. Ende März brach der Silbermarkt zusammen. Und noch Anfang letzter Woche war der geschmolzene Schatz des Finanzministers gerade 41 Millionen Mark wert. Nach Abzug der Kosten für das Prägen, Schmelzen und Scheiden hätte sich beim Verkauf der Barren ein Verlust von sechs Millionen Mark ergeben, verglichen mit dem Erlös aus dem ursprünglich vorgesehenen Münzgeschäft.
Regierungsdirektor Günther Oltmann, im Finanzministerium verantwortlich für die Silberfünfer, gibt sich gleichwohl gelassen. "Die Ära der deutschen Silbermünzen" sei nun einmal "endgültig zu Ende".
Die Sammler will der Finanzminister mit 5,35 Millionen neuen Otto-Hahn-Münzen trösten. Die sind allerdings nur aus Kupfer und Nickel.
Die Bonner setzen auf steigende Silberpreise. "Dasselbe Theater geht doch bald wieder los", meint Oltmann, "in einem Monat könnte sich der Preis verdoppeln."
Die Spekulation könnte sogar aufgehen. An einem einzigen Tag Mitte vergangener Woche stieg der Silberkurs um zehn Pfennig pro Gramm. Für den noch unverkauften Silberberg aus der Hahn-Aktion brächte das sechs Millionen Mark mehr -- der Schmelzverlust wäre getilgt.

DER SPIEGEL 23/1980
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