23.03.1981

FREIMAURERDrei Punkte

Wer Freimaurer ist, hat in der katholischen Kirche nichts zu suchen. Mit einem Bannfluch beendete der Vatikan fünfzehn Jahre der Versöhnung.
Der Schloßherr Ludwig-Peter Freiherr von Pölnitz aus dem fränkischen Aschbach, Meister der Freimaurer-Forschungsloge Quatuor Coronati (Die vier Gekrönten) zu Bayreuth und dennoch zugleich Katholik, hatte dem Papst persönlich geschrieben: Seine Heiligkeit möge, anders als die deutschen Bischöfe 1980, Freimaurern endlich auch offiziell eine Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ermöglichen.
Die päpstliche Antwort kam Anfang dieses Monats in Form einer knappen Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre: "Die diesbezügliche kirchenrechtliche Regelung ... bleibt voll in Kraft" -- Freimaurer seien weiterhin exkommuniziert. Jede andere Auslegung "bestehender Normen" sei "irrig" und "tendenziös".
Das vatikanische Veto war kaum veröffentlicht, da ging durch die Reihen der rund 13 000 deutschen Freimaurer "eine Welle der Resignation" (von Pölnitz). Führende Freimaurer fühlen sich von der katholischen Kirche "mißverstanden", "verleumdet", "hereingelegt". Die "Freimaurer-Korrespondenz" registriert "eine zunehmend intolerante Haltung der katholischen Kirche, die zu früheren Äußerungen in krassem Widerspruch steht".
Noch weniger schmeichelhaft urteilen Kenner der Freimaurer unter den katholischen Theologen. Der Kölner Pater Alois Kehl aus der "Gesellschaft des Göttlichen Wortes", der sich seit 14 Jahren mit dem Thema befaßt, nennt den katholischen Freimaurer-Bann "unfair", "widersprüchlich", "unwahr" und "blamabel" -- das abrupte Ende 15jähriger Versöhnungsversuche von beiden Seiten.
Es ist allerdings nicht das erste Mal, daß die katholische Kirche sich mit den Logen anlegt. Die Geschichte des 1717 in England gegründeten Männerbundes ist die Geschichte von mehr als 400 kirchlichen Bannflüchen gegen die Logen, darunter vierzehn päpstliche Bullen und Enzykliken.
Es waren durchweg vier Faktoren, an denen die kirchliche Hierarchie Anstoß nahm:
* das humanistisch-ethisch orientierte Freimaurer-Programm, das Kirche als Lebenshilfe entbehrlich mache: Die Logen wollen ihre Mitglieder im Geist der "Weisheit, Stärke und Schönheit" zu Humanität und Brüderlichkeit erziehen, ohne ständische, weltanschauliche oder nationale Grenzen;
* das Freimaurer-Ideal religiöser Toleranz, das die Dogmen der Kirche in Frage stelle: Freimaurer verpflichten sich zu religiöser Toleranz, "schließen alle religiösen und konfessionellen Streitgespräche von den Logenzusammenkünften aus", bekennen sich jedoch durchweg zu einem Minimum an Religion von der Art, "in der alle Menschen S.96 übereinstimmen"; es steht den einzelnen Mitgliedern frei, über dieses Minimum beliebig hinauszugehen;
* die geheimen Freimaurer-Rituale, die dem Gottesdienst der Kirche Konkurrenz zu machen schienen: Bei bestimmten Zusammenkünften meditieren die Freimaurer über den Sinn ihres Daseins anhand von Ritualen und Symbolen, die sie aus dem Brauchtum mittelalterlicher Bauhütten übernommen haben; durch Eid verpflichten sie sich, die Rituale geheimzuhalten, um sie vor Profanisierung zu schützen;
* die -- ebenfalls geheime -- Zusammensetzung der Mitgliedschaft, die der Kirche gefährlich erschien: Die Mehrzahl der Freimaurer gehört zur gehobenen Mittelschicht; Freimaurer sind nicht selten reich und häufig einflußreich.
Welchen Einfluß die Freimaurerei im Laufe ihrer 264jährigen Geschichte auf das politische wie gesellschaftliche Leben Europas und Amerikas tatsächlich hatte, dafür könnte die Liste prominenter Freimaurer dieses Jahrhunderts ein Indiz sein.
Zur Loge gehörten Schriftsteller wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky, der Hotelkönig Charles Hilton und der Maler Lovis Corinth, der Komponist Jean Sibelius wie der Penicillin-Entdecker Alexander Fleming, der Autobauer Henry Ford und der Mediziner Charles Mayo, Mitgründer der Mayo-Klinik.
Zum Anlaß kirchlicher Verdächtigungen wurde vor allem die Mitgliedschaft prominenter Politiker. Freimaurer waren der deutsche Reichskanzler Gustav Stresemann ebenso wie der englische Premier Winston Churchill, der amerikanische FBI-Direktor John Edgar Hoover oder der US-Außenminister Christian Herter. Allein dreizehn amerikanische Präsidenten gehörten der Loge an. Im Jahre 1930 waren von 531 Kongreßabgeordneten 372 Freimaurer.
Häufig wird erst nach dem Tode eines Logenbruders bekannt, daß er dem Orden angehörte. Von den derzeit rund sechs Millionen Freimaurern sind die wenigsten mit Namen bekannt. Kaum jemand weiß, daß der hessische SPD-Ministerpräsident Holger Börner oder der NRW-Landtagspräsident John van Nes Ziegler Freimaurer sind.
Gerade die Geheimhaltung von Namen und Ritual aber wurde bald nach der Gründung der ersten Logen zum Anlaß für wilde Gerüchte über Orgien, Satansmessen, Menschenschlachtung und die große Verschwörung: Die Freimaurer strebten die Weltherrschaft an oder stünden gar kurz davor.
Freimaurerei als die "Weltmacht hinter den Kulissen" (NS-Buchtitel) oder als Bestandteil des "internationalen jüdischen freimaurerisch geführten Bolschewismus" (SS-Chef Heinrich Himmler) -- das waren die Vorwände, unter denen die Nazis die Logen verboten und Freimaurer in Konzentrationslager verschleppten, umbrachten oder verbannten. Im Ostblock ist die Freimaurerei heute noch verboten; der Moskauer "Prawda" zufolge sind die Logen eine "Agententruppe des Imperialismus und Kapitalismus", in einem DDR-Lexikon firmieren sie als "Männervereinigung mit dem Ziel, die Herrschaft der bürgerlichen Klasse auf dem Wege der Gesellschaft zu sichern".
Aber auch im Westen sind sie manch einem noch so suspekt, daß die deutsche Freimaurer-Zeitschrift "Humanität" es "schon als günstiges Ergebnis" wertet, "wenn man der Freimaurerei gleichgültig und nicht ablehnend gegenübersteht". In den bundesdeutschen Kirchen trifft bisweilen gar auf Verständnis, was der Aachener Dominikaner Greinemann 1778 schrieb: "Die Juden, die den Heiland kreuzigten, waren Freimaurer, Pilatus und Herodes die Vorsteher einer Loge."
Seit Papst Clemens XII. im Jahre 1738 mit seiner Bulle "In eminenti" den ersten päpstlichen Bann gegen die Freimaurer sprach, war katholischen Kirchenführern kein Fluch zu billig oder ungeheuerlich. Freimaurerei war für Papst Pius IX. (1846 bis 1878) die "Synagoge des Satans", für Leo XIII. (1878 bis 1903) "Pest" und "Lues" zugleich -- Freimaurer wie Lessing, Goethe, Mozart oder Preußens Friedrich inbegriffen.
Nach dem seit 1918 gültigen Canon 2335 des kirchlichen Gesetzbuches Codex Iuris Canonici sind Mitglieder der Freimaurer automatisch exkommuniziert, dürfen also keine kirchlichen Sakramente empfangen. Nach Canon 1240 dürfen sie nicht einmal kirchlich begraben werden.
Brauchbar schienen die Freimaurer der Kirche allenfalls als Sündenbock. Für Pius XII. (1939 bis 1958) waren sie schuld am "wissenschaftlichen Materialismus, Rationalismus und Laizismus" wie am "modernen Glaubensverfall". Für den traditionalistischen, seiner Ämter enthobenen Erzbischof Marcel Lefebvre sind sie noch heute "der Untergang der christlich-abendländischen Kultur".
Doch Lefebvre schien eine Ausnahme. Endgültig Schluß mit dem Verdammungswahn schien das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) gemacht zu haben. Daß "in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln", und nunmehr auch Katholiken die Wahrheit "auf dem Wege der freien Forschung ... und des Dialogs" suchen dürften (Konzilserklärung über die Religionsfreiheit), schlug alsbald für die Freimaurer positiv zu Buche.
Bereits 1968 bot der Vatikan den deutschen Logen über seinen Apostolischen Protonotar Johannes B. de Toth Gespräche an. Und tatsächlich gelang es den schließlich vom Vatikan eingesetzten Theologen, unter ihnen der Münsteraner Dogmatik-Professor Herbert Vorgrimler, zusammen mit einer S.100 Gruppe deutscher Freimaurer alte Vorurteile zu revidieren.
Im Jahre 1970 gab die gemischte Runde in ihrer "Lichtenauer Erklärung" zu Protokoll, "daß die päpstlichen Bullen, die sich mit der Freimaurerei befassen, nur noch eine geschichtliche Bedeutung haben".
Der Vatikan zog daraus Konsequenzen. In einem Brief vom 18. Juli 1974 teilte Kardinal Franjo Seper, Präfekt der römischen Glaubenskongregation, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz mit: Der Exkommunikationskanon 2335 betreffe nur Katholiken, "die Vereinigungen beitreten, welche wirklich gegen die Kirche arbeiten". Wo Bischofskonferenzen feststellen, daß Logen nicht antikirchlich eingestellt sind, sei die Mitgliedschaft von Katholiken in Logen gestattet.
Der Gesinnungswandel in der römischen Zentrale tat seine Wirkung. Die Bischofskonferenzen Großbritanniens, der Niederlande, Skandinaviens und der USA sahen für ihre Katholiken kein Hindernis mehr, der Loge beizutreten.
Selbst der Münchner Erzbischof Julius Kardinal Döpfner schritt 1974 als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zu einer ersten Tat. Dem Freimaurer Ludwig-Peter von Pölnitz, der 1953 aus der katholischen Kirche ausgetreten war und ausgerechnet durch die Freimaurerei wieder Gefallen am Katholischen fand, ermöglichte der Kardinal die offizielle Rückkehr in die Kirche. Der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt ortete 1977 zwischen Freimaurern und Katholiken "mehr Gemeinsamkeiten, als allgemein angenommen wird".
Und noch im Januar des vergangenen Jahres umriß der italienische Priester und Historiker Don Rosario Esposito im offiziösen Radio Vatikan die Beziehungen zwischen Kirche und Loge so: "Wir können sagen, daß zwischen den beiden Kommunitäten eine Versöhnung stattgefunden hat."
Den deutschen Freimaurern kam soviel Wohlwollen gerade recht. "Es ist doch ein Wahnsinn", kommentierte Logenbruder von Pölnitz das katholische Wohlwollen, "wenn zwei Organisationen, die Güte und Liebe predigen, sich jahrhundertelang ohne wirklichen Grund zerfleischen."
Dennoch endeten die Jahre der Versöhnung zwischen Kirche und Loge für die deutschen Freimaurer gleich mit zwei Bannflüchen. Im Mai vergangenen Jahres schockte die Brüder eine "Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zur Frage der Mitgliedschaft von Katholiken in der Freimaurerei". Blatt 1 des 20-Seiten-Papiers faßt das sechs Jahre währende Gespräch zwischen deutschen Bischöfen, Theologen und Freimaurern in dem Satz zusammen: "Die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und zur Freimaurerei ist unvereinbar."
Mehr noch als der Bann selbst empörte die Freimaurer das katholische Falschspiel: Was 1974 als "Dialog" begonnen hatte, firmierte in dem Bischofspapier des Jahres 1980 plötzlich als "Prüfungsverfahren"; entgegen der Vereinbarung veröffentlichten die Bischöfe ihre Stellungnahme, ohne die Freimaurer vorher zu konsultieren; bei ihrem Urteilsspruch bezogen sich die Bischöfe auf Texte, die nie Gegenstand der gemeinsamen Gespräche waren; auf die Gesprächsbeiträge der Freimaurer nahmen sie kaum Bezug.
Während der Augsburger Bischof Josef Stimpfle, Vorsitzender der Gesprächsrunde, die "profunde Akribie und Gründlichkeit" seiner theologischen Inquisitoren rühmte, fand Gesprächsteilnehmer von Pölnitz, daß die Theologen "von Freimaurerei eigentlich kaum etwas verstanden haben".
Sie wollten offenbar nichts verstehen. Bischof Stimpfle hatte drei der konservativsten deutschen Theologie-Professoren in die Runde berufen, von denen zumindest der Münchner Kirchenrechtler Audomar Scheuermann "mit dem Vorurteil kam: Die Exkommunikation der Freimaurer muß auf jeden Fall bleiben, ich werde dafür sorgen" (Vorgrimler).
In Scheuermanns Kopf spukten allerlei Absurditäten -- etwa, die FDP sei nichts anderes als der verlängerte Arm der Freimaurerei. Das schien ihm unter anderem deshalb sicher, weil die FDP in ihrer Werbung drei Punkte verwendet ("F.D.P.") und drei Punkte auch in der Symbolik der Freimaurerei eine Rolle spielen.
So kraus solches Denken auch anmutet, es entsprach jener Mentalität, die mit dem Amtsantritt Papst Johannes Pauls II. im Herbst 1978 zur kirchlichen Richtschnur wurde. Daß der Vatikan den Freimaurer-Bann jetzt bestätigte, ist nur der jüngste von zahlreichen Beweisen für den Rückmarsch der Kirchenführer ins Getto.
Der Münsteraner Dogmatik-Professor Herbert Vorgrimler, einst selber als Konsultor des vatikanischen Sekretariats für die Nichtglaubenden zu Gesprächen mit deutschen Freimaurern delegiert, sieht die vatikanische Erklärung eingereiht in "die Sammlung aberwitziger Bannflüche seit rund 250 Jahren".
Vorgrimler: "Die Kirche muß sich nicht wundern, wenn sie angesichts solcher Erklärungen als Gesprächspartner nicht mehr ernst genommen wird."

DER SPIEGEL 13/1981
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