26.01.1981

SPIEGEL Gespräch„Nicht wie ein Affe im Zoo“

Deutschlands bester Schachspieler Robert Hübner über das Kandidatenfinale und seine Konsequenzen
SPIEGEL: Werden Sie "nie wieder Schach" spielen, oder sind Sie entschlossen, zwar nicht 1981, aber später "unbedingt Weltmeister" zu werden? Das eine wie das andere wurde in Zeitungen und Fernsehsendungen behauptet oder empfohlen, nachdem Sie das Kandidatenfinale in Meran gegen den Vizeweltmeister Wiktor Kortschnoi vorzeitig aufgegeben hatten.
Und auch nahezu alle anderen Möglichkeiten, wie Sie Ihre Zukunft gestalten können, wurden zur Sprache gebracht, sei es als Mitteilung, wie Sie sich angeblich entschieden haben, sei es als Prognose, sei es als Ratschlag:
Berufsspieler bleiben oder wieder Amateur werden, nur noch an kleinen Turnieren teilnehmen oder so weiter zu spielen wie bisher, sich nicht wieder oder aber auf jeden Fall dem Streß von Kandidaten-Zweikämpfen auszusetzen. Als Teilnehmer des 1981er Finales brauchen Sie sich für die nächste WM-Runde 1983/84 nicht erst zu qualifizieren, sondern können gleich als einer von acht Kandidaten beginnen.
Also, Herr Hübner, was werden Sie tun?
HÜBNER: Es zeigt sich wieder einmal, daß jedermann wesentlich besser weiß als ich selbst, was ich tun will oder soll. Ich habe von Journalisten schon oft Vorschriften und Vorschläge für meine Verhaltensweisen bekommen, da gibt es jetzt nur einen wesentlichen Unterschied: Sonst waren diese Direktiven so präzise, daß mir für eine eigene Entscheidung gar keine Wahl blieb. Diesmal nun bietet man mir ein ganzes Bündel von Empfehlungen an. Diese einzigartige Gelegenheit möchte ich nutzen, um in aller Ruhe die Auswahl zu treffen und zu versuchen, ausnahmsweise diesmal selbst eine Entscheidung zu treffen.
SPIEGEL: Vielleicht läßt sich zwischen den Zeilen dieses Gesprächs lesen, was Sie vorhaben. Über die Gründe, warum Sie in Meran aufgegeben haben und abgereist sind, ist viel spekuliert worden. Wir möchten von Ihnen hören: Warum haben Sie aufgegeben?
HÜBNER: Dafür gibt es einen Komplex von Gründen. Einige von ihnen sind privater Natur. Daher eignet sich das Thema nicht zur Darlegung in der Öffentlichkeit.
SPIEGEL: Haben Sie sich darüber nirgends und zu niemandem geäußert? Es gab viele Hübner-Zitate in den Zeitungen. Wir haben sie Ihnen zusammengestellt.
HÜBNER (nach Lektüre): Diese Zitate sind allesamt frei erfunden. Ich habe mich lediglich gegenüber dem Schiedsrichter, Herrn Folkers, geäußert.
SPIEGEL: Was haben Sie ihm gesagt?
HÜBNER: Dem Schiedsrichter habe ich gesagt: In meiner gegenwärtigen Situation sehe ich mich außerstande, den Wettkampf fortzusetzen. Diese Situation habe ich weder ihm noch irgend jemand anderem näher beschrieben.
SPIEGEL: Können Sie uns diese demnach einzige authentische Äußerung mit einem Satz erläutern?
HÜBNER: Ich habe damit nur ausdrücken wollen, daß ich mich der nicht näher beschriebenen Situation wegen nicht in der Lage sah, Schach mit einem Einsatz und auf einem Niveau zu spielen, wie ich es von mir selbst verlange.
SPIEGEL: War Ihr Aufgeben eine "Kurzschlußhandlung", wie Paul Tröger, Schachjournalist und Mitglied Ihres Köln-Porzer Schachklubs, geschrieben hat?
HÜBNER: Nein, ich habe mir diese Entscheidung sehr gründlich, mehrere Tage lang überlegt. Es ist auch nicht so, daß urplötzlich von außen her die böse Welt mich daran gehindert hätte, diesen Wettkampf zu Ende zu spielen, sondern ich selbst habe Fehler gemacht. Ich habe Dinge, über die ich mich nicht äußern will, nicht richtig S.153 eingeschätzt und sah mich dadurch zusätzlichem Druck von außen ausgesetzt, der mich daran hinderte, dem Schach die nötige Aufmerksamkeit zuzuwenden.
SPIEGEL: Wir würden gern von Ihnen hören, in welcher physischen und psychischen Verfassung Sie waren, als Sie aufgaben. Wir hatten den Eindruck, daß Sie die achte bis zehnte Partie nicht mehr so gut gespielt haben wie die ersten sieben, sieht man von dem schon berühmt gewordenen Patzer im 63. Zug der siebten Partie ab, der Sie einen Turm und die Partie kostete. In einer Fernsehsendung mutmaßten zwei Großmeister, Sie seien zuletzt in einer Verfassung gewesen, daß die Figuren auf dem Brett wie Feinde auf Sie gewirkt hätten. War das so? Dann wären Sie ja unfähig gewesen, weiter zu spielen.
HÜBNER: So war es nicht. Aber sicher war ich spielunfähig, sonst hätte ich ja nicht aufgehört.
SPIEGEL: Gibt es einen Widerspruch zwischen dem, was Sie vorhin, und dem, was Sie jetzt sagten? Nicht mehr fähig zu sein zu spielen, das ist doch ein Zustand, der objektiv feststellbar ist. Aber vorhin haben wir Sie so verstanden, daß Sie nicht mehr Ihren eigenen Ansprüchen genügen zu können glaubten -- das wäre doch ein subjektiver Grund.
HÜBNER: Ich habe mir die Spielunfähigkeit selbst bescheinigt. Ich hatte sicher noch genügend Kraft in den Fingern, die Figuren zu bewegen und die Uhr zu bedienen. Aber ich fühlte mich nicht in der Lage, in meinen Partien die schöpferische Kraft zu zeigen, die das Spielen lohnenswert erscheinen läßt. Ich glaube, den Begriff "Spielunfähigkeit" kann man nur auf subjektiver Basis bestimmen.
SPIEGEL: Waren Sie denn in diesem Sinne bereits spielunfähig, als Sie die achte bis zehnte Partie spielten?
HÜBNER: Ja.
SPIEGEL: Als Sie aufgaben, führte Kortschnoi mit einem Punkt, und in der zehnten Partie, die abgebrochen und nicht mehr zu Ende gespielt wurde, stand er nach einhelliger Meinung der Kommentatoren auf Gewinn (siehe Diagramm Seite 155).
HÜBNER: Man kann meines Erachtens keineswegs von einer klaren Verluststellung in der zehnten Partie sprechen. Aber das zu begründen ist wohl in diesem Interview nicht möglich.
SPIEGEL: Hätten Sie denn auch aufgegeben, wenn nicht Kortschnoi, sondern wenn Sie geführt hätten?
HÜBNER: Man kann natürlich nicht wissen, wie ich dann reagiert hätte. Es ist immer schwierig, bei hypothetischen Voraussetzungen die Entwicklung von Stimmungen und Gefühlen vorauszusehen. In einem der letzten SPIEGEL-Hefte hat ja gestanden, daß ich nach dem Abbruch der siebten Partie zum erstenmal daran gedacht und "zu Vertrauten" davon gesprochen habe aufzugeben.
SPIEGEL: Zu dieser Zeit lagen Sie mit einem Punkt in Führung, und in der abgebrochenen siebten Partie standen Sie nach bis dahin gespielten 41 Zügen eindeutig besser.
HÜBNER: Daraus kann man schon Rückschlüsse ziehen, und ich möchte ganz deutlich sagen: Mein Entschluß ist nicht durch den Stand des Wettkampfes hervorgerufen worden.
SPIEGEL: Kortschnoi versucht diesen Eindruck zu erwecken mit einem Satz, der schon viel zitiert wird und wohl zu einem geflügelten Wort werden wird: "Hübner ist unbesiegbar, immer wenn man sich anschickt, gegen ihn zu gewinnen, eilt er davon."
HÜBNER: Dies verstehe ich nicht. Wer aufgibt, ist besiegt. Wahrscheinlich spielt Kortschnoi auf den Abbruch meines Wettkampfes mit Petrossjan in Sevilla 1971 an ...
SPIEGEL: Damals gaben Sie nach sechs Remis-Partien mit der siebten Partie zugleich das Match auf.
HÜBNER: Ich beendete den Kampf seinerzeit, weil ich der Auffassung war, daß sich Petrossjan, der Schiedsrichter und die Organisatoren unkorrekt gegen mich verhielten. Davon kann diesmal nicht die Rede sein.
SPIEGEL: Wir würden Sie nun gern noch nach einigen Fakten fragen, die überwiegend mit dem Abbruch des Matchs zusammenhängen und über die bislang entweder gar nicht oder widersprüchlich oder vermutlich falsch berichtet wurde.
Ist es richtig, daß Sie zunächst dem Schiedsrichter mitteilten, daß Sie den Kampf aufgeben, und dann erst die Mitglieder Ihrer Delegation -- Manager Hilgert, die Sekundanten Hort und Sigurjonsson, den Psychologen Lorenzetto -- über diesen Schritt informierten, als also der Wettkampf schon zu Ende war?
HÜBNER: Ja.
SPIEGEL: Hat Kortschnoi Ihnen angeboten, die noch ausstehenden Partien zwar zu spielen, aber von vornherein ein Remis zu verabreden?
HÜBNER: Ja.
SPIEGEL: War das ein Vorschlag, den Sie erwogen haben?
HÜBNER: Natürlich nicht. Es wäre auf eine in extremem Maße sinnlose Zeitverschwendung hinausgelaufen. Mir ist dieser Vorschlag unbegreiflich.
SPIEGEL: Haben Sie auf das Honorar von rund 41 000 Schweizer Franken verzichten wollen, es dann aber doch erhalten?
HÜBNER: Ich habe mich um diese Frage überhaupt nicht gekümmert. Wenn ich nichts bekommen hätte, wäre ich zufrieden gewesen, und nachdem S.154 ich das Geld bekommen habe, bin ich natürlich auch damit zufrieden.
SPIEGEL: Sehr breit ist zu Beginn des Wettkampfes die Frage erörtert worden, ob Sie für das Kandidatenfinale gegen den Exilrussen Kortschnoi sowjetische Sekundanten engagieren würden. Können Sie uns sagen, von welchem Zeitpunkt an feststand, daß Sie in Meran nicht mit sowjetischen Sekundanten arbeiten würden?
HÜBNER: Für mich stand das immer schon fest.
SPIEGEL: Hat Weltmeister Karpow Ihnen zur zehnten Partie mitgeteilt, die Situation sei für Sie schwierig, aber nicht aussichtslos? In manchen Zeitungen stand, er habe von Barcelona aus in Meran angerufen, in anderen, er habe sich aus Moskau gemeldet.
HÜBNER: Das ist barer Unsinn. Ich habe selbstverständlich mit Karpow nicht den geringsten Kontakt gehabt.
SPIEGEL: In den Kommentaren zu dem Abbruch des Finales findet sich ein Argument häufig: Sie hätten sich unsportlich verhalten.
HÜBNER: Dieses Argument verstehe ich nicht. Man müßte die Begriffe "sportlich" und "unsportlich" mit Inhalt füllen; für mich sind sie zunächst leer.
Des Arguments, aus sportlichen Gründen hätte ich weiterspielen müssen, bedienen sich offenkundig Leute, die ein moralisches Urteil fällen wollen. Aber ein solches Urteil steht den Pressevertretern schon deshalb nicht zu, weil sie ja gar nicht darüber informiert sind, aus welchen Gründen ich den Wettkampf abgebrochen habe.
SPIEGEL: Erwarten Sie von den Journalisten, daß sie auf Kommentare verzichten, weil Sie über die Gründe schweigen?
HÜBNER: Allerdings, das meine ich verlangen zu können.
SPIEGEL: Von einer solchen Macht über die Presse -- sie hat zu schweigen, wenn ich schweige -- wagt wohl niemand außer Ihnen zu träumen. Die meisten Kommentatoren wollten sich vermutlich gar nicht -- wie Sie argwöhnen -- moralisch über Sie erheben. Die Sache scheint uns viel einfacher zu sein. Über dieses Schachfinale wurde wie über andere Sportwettkämpfe berichtet, und deshalb wurden dann auch die Maßstäbe wie in anderen Sportarten angelegt.
Nach einem ungeschriebenen Gesetz ist es doch wohl so, daß es nicht in das Belieben eines Sportlers gestellt ist, einen Kampf aufzugeben, wenn er dafür nur seine subjektiven Gründe hat. Man darf aufgeben, wenn man nicht mehr kämpfen kann, aber man darf nicht aufgeben, wenn man nicht mehr kämpfen will. Von daher kamen die Kommentatoren, wie wir meinen, zu ihrem Urteil.
HÜBNER: Erstens ist es so, daß das Schachspiel noch andere als nur jene sportlichen Elemente enthält, die sich in Ergebnissen niederschlagen. Eine abgeschlossene Partie bildet ein Werk, das eine bessere oder schlechtere Qualität haben kann. Das Bemühen um gute Qualität scheint mir wichtiger zu sein als das rein sportliche Ergebnis.
Zweitens habe ich ja bereits gesagt, daß die Leute, die mein Verhalten als unsportlich bezeichnen, sich gar kein Urteil darüber erlauben können, ob ich weiter spielen konnte oder nicht.
SPIEGEL: Haben Sie sich, bevor Sie aufgaben, die Frage gestellt, ob Sie durch den Abbruch des Kampfes irgend jemanden schädigen?
HÜBNER: Diese Frage habe ich mir in der Tat sehr gründlich gestellt, und ich habe sie so beantwortet, daß ich niemanden schädige, außer eventuell mich selbst, und dafür war ich bereit, die Verantwortung zu übernehmen.
SPIEGEL: Mit dem Abbruch des Kampfes ist in Deutschland die öffentliche Meinung über das Schach umgeschlagen. Bis dahin hatte Ihr Erfolg das Interesse am Schach in einem Maße erhöht wie vermutlich schon seit 50 oder 60 Jahren nicht. Seit dem überraschenden, enttäuschenden und für viele unverständlichen Ende ist eine gegenläufige Tendenz zu spüren.
HÜBNER: Es mag so sein, wie Sie sagen, ich selbst habe Beobachtungen darüber nicht in solcher Schärfe durchgeführt, daß ich eine sichere Aussage machen könnte.
Wenn das Interesse zunächst sehr groß war und jetzt plötzlich zurückgegangen ist, dann beweist dies, daß nicht ein genuines Interesse am Schachspiel bestand, denn das Schach als Schach mit seinen Inhalten ist durch mein Aufgeben in keiner Weise berührt worden. Es ist immer noch das gleiche Schach mit den gleichen Eigenschaften.
Es hat in diesem Fall ein aufgepfropftes, unnatürliches, künstlich erzeugtes Interesse bestanden, das ganz normal in sich zusammengesunken ist, nachdem der Wettkampf aufgehört hat. Es wäre auf die gleiche Weise zusammengesunken, wenn der Wettkampf auf normale Weise beendet worden wäre.
SPIEGEL: Herr Hübner, haben Sie in Meran Erfahrungen gemacht, die Sie veranlassen könnten, sich künftig in irgendeiner Hinsicht anders zu verhalten als bisher?
HÜBNER: Sicher.
SPIEGEL: In welcher Hinsicht?
HÜBNER: Einer meiner Fehler war, daß ich die Aufmerksamkeit unterschätzt habe, die die Massenmedien dem Kandidatenfinale widmen würden. Ich habe vor dem Wettkampf nicht genügend Maßnahmen ergriffen, um den störenden Einfluß der Massenmedien von vornherein einzudämmen. Das werde ich beim nächsten Mal sicher versuchen.
SPIEGEL: Wie gestört das Verhältnis zwischen Ihnen und den Massenmedien ist, ist für viele Fernsehzuschauer augenfällig geworden. In mehreren Sendungen wurde die Szene gezeigt, als Sie auf dem Wege in den Spielsaal Ihr Gesicht zu verdecken versuchten, wie man es gemeinhin nur von Leuten sieht, die gerade verhaftet wurden oder auf der Anklagebank sitzen. Warum verhielten Sie sich so? S.155
HÜBNER: Ich habe diese Bilder nicht gesehen und habe selbst keine klare Erinnerung an diese Vorfälle. Ich habe mich manchmal gegen allzu grelles Blitzlicht auf diese Weise geschützt.
SPIEGEL: Außerdem ist im Fernsehen, das Sie zwischen zwei Zügen in Ihrer Ruheecke aufnahm, mehrere Male noch eine andere Szene vorgeführt worden: wie Sie vor den Kameraleuten von Ihrem Platz am Brett, also von der Bühne in Ihre Ruheecke flüchteten.
HÜBNER: Das hätte nicht genügt, ich mußte schon auf die Toilette flüchten.
SPIEGEL: Warum?
HÜBNER: Die konnte ich abschließen.
SPIEGEL: Warum flüchteten Sie an diesem Tage, sonst aber nicht?
HÜBNER: Ich wollte halt weg. Da waren noch mehr Leute als sonst auf der Bühne, und das störte mich. Ich war zu unruhig, um die Partie zu beginnen, und ich sah keinen anderen Weg, zu der Ruhe zu kommen, die ich brauchte.
SPIEGEL: Sie müßten wohl versuchen, mit den Massenmedien ins reine zu kommen. Haben Sie da schon Vorstellungen?
HÜBNER: Ich sehe zwei Aufgaben. Zunächst müßte erreicht werden, daß bei solchen Wettkämpfen mein normaler Tagesablauf weniger beeinflußt und gestört wird, und es müßte weiter die Möglichkeit beschnitten werden, daß sachfremde Dinge hochgespielt werden und der Versuch gemacht wird, im emotionalen Dreck zu rühren.
Die Massenmedien oder die Vertreter der Massenmedien, die Journalisten, unternehmen den Versuch, in mein Leben in einer Weise einzugreifen, die ihnen nicht zusteht.
Ich möchte meine Meraner Erfahrungen in den beiden Bereichen, von denen ich sprach, mit zwei Schlagwörtern kennzeichnen. Was die Störung meines Tagesablaufs angeht, so habe ich oft ein gerütteltes Maß an Unverschämtheit erlebt. Was das Hochspielen sachfremder Themen betrifft, so habe ich einen beachtlichen Anteil an Schamlosigkeit erfahren.
SPIEGEL: Zunächst zum ersten, zu den Störungen Ihres Tagesablaufs. Konnten Sie sich nicht damit abfinden, daß gefilmt und photographiert wurde?
HÜBNER: Nein, das konnte ich nicht. Die Photographen und Kameraleute verfolgten mich nahezu auf Schritt und Tritt und zwangen mich, meinen Tagesablauf zu ändern. Ich könnte das an Beispielen erläutern.
SPIEGEL: Bitte.
HÜBNER: Ich habe in Meran mit dem vorhin kurz erwähnten Psychologen Lorenzetto zusammengearbeitet. Diese Arbeit haben wir zunächst außerhalb des Hotels, in der freien Natur, verrichtet. Wiederholt wurde an mich das Ansinnen gestellt, davon Aufnahmen zu machen. Mir schien dieses psychische Training rein privater Natur zu sein, das sogar unter das Arztgeheimnis fällt, so daß niemand das Recht hat, davon Aufnahmen zu machen.
Daraufhin ist gesagt worden: Diese Arbeit geschieht ja draußen, und wir warten einfach ab, bis die beiden Herren erscheinen, dann können wir sie leicht mit Teleobjektiven aufnehmen, ohne daß sie etwas davon merken. Diese Androhungen haben mich veranlaßt, die Arbeit mit dem Psychologen nicht mehr außer Haus durchzuführen.
Ein anderes Beispiel: Ich bin in den ersten Tagen zu Fuß vom Hotel in den Spielsaal gegangen. Weil es zu viele Leute gab, die mich auf diesem Wege unbedingt photographieren oder filmen wollten, habe ich es dann vorgezogen, mit dem Auto zu fahren.
SPIEGEL: Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, die wie Sie im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und die es so entnervt, photographiert und gefilmt zu werden. Haben Sie dafür eine Erklärung?
HÜBNER: All dies ist für mich eine Ablenkung. Wenn ein Anspruch an mich herangetragen wird und jemand ein Photo oder eine Äußerung von mir haben will, so halte ich mich für verpflichtet, darauf zu reagieren, so gut ich es vermag. Aber ich kann nichts Gutes hervorbringen, wenn ich mich auf eine unmittelbar bevorstehende Partie konzentriere. Von äußerster Absurdität ist es, daß sogar noch nach Partiebeginn photographiert und gefilmt werden darf, also in einer Phase, in der besondere Konzentration nötig ist, um in die Partie hineinzukommen.
SPIEGEL: In diesem Punkt sind wir völlig Ihrer Meinung. Wir haben nicht begriffen, warum bei Schachturnieren nicht zumindestens so verfahren wird, wie es Praxis bundesdeutscher Gerichte ist. Es werden Aufnahmen in ziemlich jedem Gerichtssaal erlaubt, auch wenn das Gericht den Saal betritt, aber es darf nur so lange photographiert werden, bis die Verhandlung beginnt.
Vermutlich müßte man noch weitergehen, denn derzeit wird den Schachspielern mehr zugemutet als zum Beispiel Opernsängern, also sensiblen Solisten einer anderen Gattung. Kein Intendant dürfte es wohl wagen, seinen Sängern vor dem Auftritt Kameraleute in die Garderobe oder hinter die Bühne zu schicken.
Aber warum sind Schachfunktionäre und Schachspieler so weltfremd, daß sie offenbar den sonst jedem Prominenten geläufigen Begriff "Phototermin" und die entsprechende Praxis nicht kennen? Wären Sie mit Ihrem Psychologen mal ein paar hundert Meter für die Photographen gelaufen, und hätten Sie mit Kortschnoi ein paar fiktive Züge gemacht, dann hätten die Reporter den Hauptteil ihrer Aufnahmen und Sie hätten mehr Ruhe gehabt.
HÜBNER: Ich will nicht ausschließen, daß ich mich dazu bereit finden könnte, aber prinzipiell sehe ich nicht ein, warum ich solche Zugeständnisse machen soll. Auch sie stören meinen Tagesablauf, der bei solchen Wettkämpfen sehr hart ist. Und außerdem: Warum soll ich dafür Zeit hergeben? Ich habe davon nichts, und ich bin daran S.158 nicht interessiert. Bei Schachveranstaltungen sollte sich die Presse auf Schach beschränken, jedenfalls was meine Person angeht. Man braucht überhaupt keine aktuellen Bilder von den Spielern. Sie haben mit Schach nichts zu tun.
SPIEGEL: Sie haben eine recht arrogante Einstellung, wie uns scheint.
HÜBNER: Wieso?
SPIEGEL: Nun, sehr viele Leute, die gar nicht oder sehr schlecht Schach spielen, haben sich für die Bilder und Berichte aus Meran interessiert, weil dort ein Deutscher darum kämpfte, Herausforderer des Weltmeisters zu werden. Diese vielen Leute interessierte überhaupt nicht, ob Sie Damenindisch oder Spanisch eröffneten, aber das Interesse zunächst nur am Schachspieler Hübner hätte sich durchaus zum Interesse am Schachsport entwickeln können. Ist es nicht arrogant zu sagen, diese Leute interessieren mich nicht?
HÜBNER: Sie mögen es als arrogant bezeichnen, aber es ist in der Tat meine Auffassung. Ich sehe nicht ein, warum ich mich wie irgendein Affe im Zoo betrachten lassen soll. Ich will Schach spielen und setze mich nicht ans Brett, um die Neugier der Leute zu befriedigen, die mein Gesicht sehen wollen. Ich spiele meine Partien und diene damit -- wie ich glaube -- dem Schach, seiner Verbreitung, und vielleicht auch seinem Niveau. Meine Partien sind jedermann zugänglich. Ich meine, daß dieser Beitrag genügt. Ich bin nicht bereit, freiwillig noch mehr zu leisten und dafür meinen Lebensbereich einengen oder sogar, wenn ich solchen Anforderungen voll Genüge leisten würde, mein Leben zerstören zu lassen.
SPIEGEL: Übertreiben Sie nicht doch ein wenig?
HÜBNER: Wenn ich mich der Öffentlichkeit in ganzer Person zur Verfügung stelle, dann muß ich mich der Öffentlichkeit anpassen, sonst werde ich -- wie ich es erfahren habe -- abgelehnt. Das ist die eigentliche Forderung, die an mich gestellt wird und die ich nicht zu erfüllen gedenke: daß ich mich in meinem Verhalten den Wünschen der Menge anpassen, daß ich mich so benehmen soll, wie es von den vielen erwartet wird. Ich möchte meine eigene Entscheidung treffen über die Art und Weise, wie ich mein Leben gestalte.
SPIEGEL: Empfinden Sie denn manches oder sogar vieles von dem, was über Sie geschrieben wird, als Eingriff oder als Übergriff?
HÜBNER: Ganz zweifellos. Die Zitate, die Sie mir vorhin gaben und die allesamt frei erfunden waren, zeigen doch, daß sogar gegen das Grunderfordernis, die Wahrheit zu schreiben, verstoßen wurde.
SPIEGEL: Entstellte oder -- wie hier -- erfundene Zitate wird niemand verteidigen wollen.
HÜBNER: Ich würde weitergehen und sagen, daß die Journalisten ihrer Verantwortung auch dann nicht gerecht werden, wenn sie blindlings alles berichten, was sich ereignet und was ihnen gesagt wird und was "neu" oder sogar "sensationell" ist. Auch mit manchem, was "stimmt" und berichtet wird, wird unzulässig in die Privatsphäre eingegriffen.
SPIEGEL: Wir kennen wohl die meisten Berichte, die in den letzten zwei, drei Jahren in größeren Blättern über Sie geschrieben wurden. Wir haben nicht gefunden, daß irgend jemand etwas "enthüllt", sich in Ihre Privatsphäre unzulässig eingemischt hätte. Oder geht es Ihnen schon zu weit, wenn berichtet wird, daß Sie keine Familie haben und keine Zeitung lesen, daß Sie selbst 1,80 Meter und Ihre Einzimmerwohnung 31 Quadratmeter groß ist, daß Sie weder ein Fernsehgerät noch ein Telephon besitzen, daß Sie acht Sprachen sprechen und nicht wissen, wer Jupp Derwall ist?
HÜBNER: Das alles halte ich für einigermaßen harmlos und für absolut überflüssig. Aber auch wenn nur dies berichtet wird, wird oft eine Bewertung daran geknüpft. Es wird dem Leser nicht die Entscheidung überlassen, ob er das gut oder schlecht findet, sondern es wird gleich dazu gesagt, wie er darüber denken soll.
SPIEGEL: Wirklich?
HÜBNER: Ich denke an eine Überschrift, die mir neulich ins Auge fiel. Da stand zu lesen: "Der Mann braucht wirklich kein Telephon." Das ist schon wertend.
SPIEGEL: Ja?
HÜBNER: Sowohl Einzelausdrücke des Satzes -- "der Mann" und "braucht wirklich" -- als auch die Gesamttendenz drücken deutlich eine Bewertung aus. Sie wirkt um so nachdrücklicher, als dem Leser keine wesentliche Information gegeben wird.
SPIEGEL: Ist unser Eindruck richtig, daß Sie sich zur Zeit mehr mit der Frage, was Massenmedien tun dürfen und lassen sollten, beschäftigen als mit Schach?
HÜBNER: Die Macht und die Wirkung der Massenmedien beschäftigen mich in der Tat. Es scheint mir so zu sein, daß die Journalisten mehr als die Angehörigen irgendeines anderen Berufes für die Erziehung der erwachsenen Menschen verantwortlich sind. Es gibt keine andere Einrichtung in unserer Gesellschaft, die in dieser Hinsicht so viel Einfluß hat wie die Massenmedien. Und ich glaube, daß sich die Journalisten dieser Verantwortung nicht bewußt sind. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, auf diesem Felde Überlegungen anzustellen, und ich will mit meinen schwachen Kräften mich daran beteiligen.
SPIEGEL: Sind Ihre eigenen Erfahrungen dafür nur Anlaß oder auch Thema?
HÜBNER: Sie sind zunächst nur Anlaß, aber ich kann mir durchaus denken, daß sie auch als Beispiele von mir herangezogen werden.
SPIEGEL: Was wird das -- ein Aufsatz, ein Buch?
HÜBNER: So konkret möchte ich darüber nicht sprechen. Ich muß erst sehen, was bei meiner Analyse herauskommt und dann werde ich mich entscheiden, ob ich das Ergebnis anderen mitteile oder für mich behalte.
SPIEGEL: Herr Hübner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
S.152 Mit Redakteur Werner Harenberg und Mitarbeiter Gisbert Jacoby in der Hamburger SPIEGEL-Redaktion. * S.153 Aus Fernseh-Sendungen des Norddeutschen Rundfunks. * S.155 Oben: auf der Pressekonferenz nach Hübners Abreise. * Unten: die zehnte Partie nach dem 43. Zug von Schwarz (Hübner). Nach acht Partien führte Kortschnoi mit 4 1/2 zu 3 1/2 Punkten. Die neunte und die zehnte Partie waren abgebrochen worden und wurden nicht mehr beendet. Kortschnoi hatte beim Abbruch der zehnten Partie den Turm-Zug f3--h3 beim Schiedsrichter hinterlegt. Hübner hält die Stellung nach einem Damen-Zug von h5 nach g4 oder f7 nicht für verloren. *
Von Werner Harenberg und Gisbert Jacoby

DER SPIEGEL 5/1981
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