02.06.1980

STÄDTEBAULetzte Schlacht

Zehn Jahre feilschten die Stadt Lübeck und der Kaufhauskonzern Horten - in der Pfingstwoche wurden sie einig: Horten baut ein Warenhaus am Holstentor.
Lübecks Wahrzeichen, das Holstentor, war in 500 Jahren nie, was es hätte sein sollen. Dennoch wurde es vielen unentbehrlich -- vor allem dem Kommerz.
Bereits beim Bau im Morast versackt und bei Fertigstellung schon veraltet, diente es nie als Wehrbau: Kanonen und Kasematten blieben unbenutzt.
Um so mehr dienten die Rundtürme mit den Kegeldächern als Markenzeichen -- für Lübecker Produkte wie Flaschenbier und Marzipan -- und als Werbesignet für die Stadt, etwa als Aufkleber fürs Autoheck.
Zum jedermann vertrauten Wertsymbol wurde der Traditionsbau spätestens im Jahre 1958, als die Deutsche Bundesbank ihn auf die Rückseite ihres Fünfzigmarkscheines hob.
Das Original, als Stadtmuseum hergerichtet, ruht indessen auf einer Garteninsel ziemlich isoliert, nur schwer zugänglich, von Autoströmen umtost -- wie ein großer, klinkerfarbener Briefbeschwerer auf grüner Matte.
Nun steht ihm eine neue Karriere als Emblem bevor: Der Düsseldorfer Kaufhauskonzern Horten KG errichtet in seiner unmittelbaren Nachbarschaft seine jüngste Kundenfalle. Längst macht der einprägsame Stabreim die Runde, "Horten am Holstentor"; und schon zeichnet sich drohend das Kürzel ab: "Hortentor".
Bei soviel Brisanz darf niemanden wundernehmen, daß die Stimmung in Lübeck der lateinischen Inschrift über dem Holsten-Torbogen kraß widerspricht: "Concordia domi foris pax".
( "Drinnen Eintracht -- draußen Friede". )
Über die Frage, ob überhaupt -- und wenn ja, dann wann, wie und wo -- Horten in Lübeck ein Kaufhaus bauen könne, solle oder dürfe, stritten in den letzten zehn Jahren nicht nur der Senat und der Konzern miteinander; es zerstritten sich die Bürgerschaft und die Bürger, Geschäftswelt und Architektenschaft -- sogar die zweiköpfige S.196 FDP-Fraktion war unversöhnlich uneins.
Ein "Ja" zu Hortens Verlangen, so warnte die "Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit" noch im Herbst letzten Jahres, wäre "das schimpflichste ''Ja'' seit dem ''Ja'' zum Bau von Karstadt".
Schimpf luden die Lübecker nach 1945 nicht nur durch die Baugenehmigung für einen häßlichen Karstadt-Klotz neben dem Rathaus-St.-Marien-Komplex auf sich. Auch sonst verfuhren sie beim Wiederaufbau der 1942 zerbombten Altstadt mit ihrem historischen Erbe oft rigoros.
Bei der Neugestaltung des Marktplatzes wurde der Pranger abgetragen. Vis-a-vis von St. Petri wurde eine nierenförmige Hochgarage zwischen gotische Bürgerhäuser gequetscht. Noch in den siebziger Jahren wurde der Bestand an Bürger- und Handwerkerhäusern rüde gelichtet.
Der Kunsthistoriker Michael Brix registrierte "beschämende Beispiele verlogener Anpassungsarchitektur". Denn Handel und Gewerbe haben im Verein mit der Verwaltung aus der einst gut durchmischten Altstadt eine fast reine Geschäfts- und Büro-City gemacht.
So beginnt die Innenstadt zu veröden, "zu einem toten Warenlager zu werden, über dem nur noch hin und wieder Glocken läuten", so der Architekturtheoretiker Jonas Geist in seiner Monographie "Versuch, das Holstentor zu Lübeck im Geiste etwas anzuheben".
Zu spät entwickelte die Bauverwaltung Pläne für einen entlastenden City-Ausläufer vor dem Holstentor, zum Hauptbahnhof hin -- nicht zu spät für Horten freilich.
Als sich die Lübecker vor rund zehn Jahren die Frage stellten, ob denn Karstadt Konkurrenz vertragen könnte, nahm Horten die Antwort gleich vorweg. Die Firma erwarb das Parkhotel am Holstentor und erklärte: Nur hier oder gar nicht.
Empörung kam nicht nur von denkmalbewußten Bürgern, Proteste wurden vor allem beim Einzelhandel laut, der von einem neuen Magneten am Stadteingang eine Minderung der City-Zugkraft fürchtete.
Noch bevor die Bürgerschaft im Jahre 1974 ihr grundsätzliches Einverständnis zu einem Kaufhausbau am Holstentor gab, hatte Bausenator Hans-Dieter Schmidt gegenüber den "Lübecker Nachrichten" erklärt: "In dieser wertvollen Nachbarschaft" würde "selbstverständlich nicht die übliche Horten-Strickmusterfassade geduldet". Von der war der Konzern sowieso gerade abgerückt.
Hinter dem Aluminium-Wabenlook, den Architekt Egon Eiermann einst im Auftrag des ehemaligen Alleinbesitzers entworfen hatte, steckte nicht nur Helmut Hortens Ehrgeiz, zwischen Kiel und Kempten ein Warenzeichen präsent zu haben, von der Fassade bis zur Warentüte.
Die neutrale Einheitsfront sollte auch kurzfristige technische Veränderungen an Fenstern und Klimaanlagen und somit Unansehnlichkeiten kaschieren: Nur: Bald mochten die Bundesdeutschen die Fassade nicht mehr sehen.
Nach großem Krach in Regensburg -- wo Horten 1972 die klassizistische Fassade der aufgekauften Alten Wache wie eine riesige Briefmarke vor die Wabenfront geklebt hatte -- überkam die Konzernleute Einsicht: Künftig sollten Horten-Häuser in den Städten keine Fremdkörper mehr sein.
Horten Nr. 57 in Bielefeld wurde 1976 völlig verklinkert. Auch Horten Nr. 58, das im nächsten Jahr in Hamburg-Wandsbek eröffnen soll, bekommt eine Ziegelfassade.
Mitspracherecht bei der Materialauswahl war nur eine von vielen Bedingungen, von denen die Lübecker Bürgerschaft ihre Zustimmung abhängig machte. Horten mußte sich zudem verpflichten, einen bundesweiten Architektenwettbewerb zu finanzieren, von dem man sich eine städtebaulich vernünftige Lösung für die Umgebung und akzeptable Gestaltungsvorschläge für den Kaufhausbau erhoffte.
Die "Lübeckischen Blätter" fanden einen mit dem dritten Preis bedachten Entwurf noch am ehesten akzeptabel, weil er "ein versteckt eingegrabenes kleines Kaufhaus" vorsah. Doch die "Maulwurflösung" war für Senator Schmidt ebenso undiskutabel wie für den umsatzorientierten Bauherrn. Schmidt: Es sei schon "schwierig, mit nur einem Baukörper Städtebau machen zu wollen".
Die Preisrichter (neben anderen die Planungsprofessoren Rudolf Hillebrecht, S.198 Friedrich Tamms, Peter Zlonicky) zeichneten mit dem Ersten Preis einen Entwurf aus, dem sie eine "sympathische Grundhaltung" bescheinigten. Der Lübecker Altmeister Karl Horenburg und das Braunschweiger Ehepaar Maija Hakala-Meyer und Dirk Meyer, so befanden die Juroren, böten mit ihren Plänen eine Architektur, die "sich ein- und unterordnet, ohne zu verleugnen, daß es sich um ein Bauwerk unserer Zeit handelt".
Der Entwurf sieht einen niedrigen, dreigeschossigen, klar gegliederten Kaufhaus-Trakt vor. Unter seinen geneigten Kupferdächern mit langen Firsten wird das rotbraune Backsteinmauerwerk immer wieder von Fensterflächen unterbrochen, zuweilen bis zum Granitsockel herab: für Restaurants und Ateliers oder als Schaufenster unter Arkaden zur Trave hin. Terrassen bieten Ausblicke auf St. Marien, St. Petri und den Dom. Der Haupteingang liegt, natürlich, auf der Baufluchtlinie vis-a-vis vom Holstentor.
Um diese Linie entbrannte die letzte große Schlacht.
Die Horten AG wollte mit der Kaufhausfront "so nah wie möglich an die Lauflinie des Kundenstroms" ran -nach der Maxime: "Der Kunde muß ins Haus fallen." Sie wollte auch mindestens 16 000 Quadratmeter Verkaufsfläche -- nach der Maxime: "Das Angebot muß möglichst umfangreich sein."
Tatsächlich sind Hortens geräumigste Häuser auch die umsatzstärksten: Hannover, Hamburg und Düsseldorf haben zwischen 17 100 und 20 700 Quadratmeter Verkaufsfläche und machen zwischen 145 und 168 Millionen Mark Jahresumsatz.
Doch Lübecks Bürgerschaft ließ sich nicht erweichen. Horten mußte das Bauvolumen verringern und andere Einschränkungen akzeptieren: Zurücknahme der Baufluchtlinie um 16,50 Meter, Minderung der Verkaufsfläche auf 12 000 Quadratmeter, Firsthöhe 18,50 Meter, Traufenhöhe 15,60 Meter.
Die zurückgesetzte Bauflucht soll nicht nur gebührenden Abstand zum Holstentor garantieren, sondern auch eine breite Sichtschneise auf die eindrucksvollen alten Salzspeicher an der Trave.
Um auch Laien die Größe des geplanten Baukörpers zu verdeutlichen, mußte Horten an Ort und Stelle und exakt auf der Baufluchtlinie Stahlrohrgerüste montieren lassen, mit Schildern wie "Hier Traufenhöhe" und "Hier Arkadenhöhe".
So wird "Horten Lübeck" -- mit Baukosten in Höhe von 50 Millionen Mark -- zwar des Konzerns mit Abstand teuerste, aber eine nur durchschnittlich große Filiale. Eins freilich ist sie schon jetzt: die bekannteste.
S.193 "Drinnen Eintracht -- draußen Friede". * S.196 Als Papiergeld-Symbol, Werbesignet, Marken-Zeichen und Andenken-Kitsch. *

DER SPIEGEL 23/1980
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