18.08.1980

Zweitstimmen: Lieber Liberale als Linke

SPIEGEL-Umfrage über Stimmen-Splitting und über die Wahlchancen der Parteien am 5. Oktober
Jeder siebte Bundesbürger erwägt oder ist sogar entschlossen, bei der Bundestagswahl am 5. Oktober seine Erststimme dem Kandidaten einer anderen Partei zu geben, als er mit der Zweitstimme wählt: Drei Prozent werden dies "auf jeden Fall" tun, 12 Prozent "vielleicht".
Nur gut die Hälfte der Wähler kennt den Unterschied zwischen den beiden Stimmen, die sie am 5. Oktober besitzen. Und sogar nur jeder vierte Bundesbürger ist darüber im Bilde, daß die zweite Stimme wichtiger ist als die erste.
Das ergab in der vergangenen Woche eine Umfrage des Emnid-Instituts. Im Auftrag des SPIEGEL befragten die Interviewer des Bielefelder Instituts 1000 Männer und Frauen, repräsentativ für alle Bundesbürger ab 18 Jahren.
Zum erstenmal werden die Ergebnisse einer Umfrage zu diesem Thema publik gemacht. Zwar erforschen die Demoskopie-Institute alle Wahljahre wieder, was die Deutschen über ihre Stimmen wissen und wie sie mit ihnen umgehen wollen. Aber stets glauben die Strategen auf beiden Seiten, nur dann aus solchen Zahlen erfolgversprechende Konzepte für den Wahlkampf entwickeln zu können, wenn die Gegenseite und die Öffentlichkeit sie nicht kennen.
Dabei kamen vor vier Jahren Infratest (München) für die Regierung und Allensbach für die Opposition zu fast gleichen Zahlen. Kurz vor der Wahl waren laut Infratest sieben, laut Allensbach sechs Prozent der Wähler zum Stimmensplitting entschlossen. Die Zahlen waren realistisch. Am Wahltag gaben tatsächlich -- wie das Statistische Bundesamt auszählte -- sechs Prozent der Wähler ihre Erst- und ihre Zweitstimme verschiedenen Parteien.
Die 1980er SPIEGEL-Umfrage geht weiter als die internen 1976er Studien der Koalition und der Opposition. Zusätzlich wurde erforscht, womit die Deutschen für den 5. Oktober rechnen und wovor sie sich fürchten.
Denn von den Motiven hängt es ab, in welchem Maße Erst- und Zweitstimmen unterschiedlich verwendet werden.
Franz Josef Strauß als Bundeskanzler, ein Bundestag ohne FDP, eine absolute Mehrheit der SPD -- diese etwaigen Folgen der Oktoberwahl sind es, die jüngst die Diskussion um Erst- und Zweitstimmen belebten.
Die Emnid-Untersuchung zeigt, daß die meisten Deutschen keines dieser Wahlergebnisse wünschen.
Nur 39 von 100 Bundesbürgern würden sich bei einer Direktwahl des Kanzlers für Strauß entscheiden, hingegen würden 60 von 100 Helmut Schmidt wählen.
Ein Ausscheiden der FDP aus dem Parlament würden nur 23 von 100 Deutschen begrüßen, und eine Alleinherrschaft der SPD wollen nur 33 von 100 Wählern. Umgekehrt würden es 52 von 100 bedauern, "wenn die SPD die absolute Mehrheit erhielte".
Warum viele Deutsche so denken, offenbaren die Antworten auf eine andere Emnid-Frage. Zwei Antworten standen zur Wahl, als erklärt werden sollte, "was es für Helmut Schmidt als Bundeskanzler bedeuten würde", wenn seine Partei mehr Sitze im Parlament bekommen würde als die anderen Parteien zusammen. Das Ergebnis:
* Nur 38 von 100 Befragten meinten, dies wäre für Schmidt "gut, weil er auf die FDP als Koalitionspartner nicht mehr Rücksicht zu nehmen brauchte".
* Hingegen erklärten 60 von 100 Befragten, dies wäre für Schmidt "nicht so gut, weil dann die Linken in der SPD ihm mehr Schwierigkeiten machen würden als jetzt".
Sogar 40 von 100 SPD-Wählern sind der Ansicht, daß der Kanzler mit den Liberalen als Koalitionspartner leichter regieren könne als nur mit seinen eigenen Genossen.
Im Wahljahr 1980 gibt es drei relativ große Gruppen von Bundesbürgern mit Wünschen für den Wahltag, die einander widersprechen.
Die Wähler der ersten Gruppe sind für die CDU/CSU, aber gegen Strauß. 14 von 100 Unions-Anhängern sehen lieber Schmidt, den Spitzenmann der Gegenseite, im Kanzleramt als den Kandidaten ihrer Unionsparteien.
Die zweite Gruppe wählt zwar die SPD, wünscht ihr aber keinen allzu großen Sieg. 17 von 100 SPD-Anhängern würden es bedauern, wenn die Partei ihrer Wahl die absolute Mehrheit erhielte. Weiteren 13 Prozent ist es gleichgültig, ob die SPD allein oder nur mit der FDP zusammen die Regierung bilden kann.
Die dritte Gruppe hofft aufs Überleben der FDP, wählt aber andere Parteien. Das gilt für 47 von 100 SPD-Anhängern und für 37 von 100 CDU/ CSU-Wählern.
Das Wahlrecht bietet ihnen allen die Chance, ihre widersprüchlichen Wünsche auf dem Stimmzettel auszudrücken: wenn sie ein Kreuz dem Wahlkreis-Kandidaten ihrer Partei, das andere Kreuz der FDP geben.
Daß solche Gedanken etliche Wähler bewegen, stellte sich heraus, als Emnid die entschiedenen und potentiellen Splitting-Wähler nach ihren Motiven fragte. Es erklärten
* 37 Prozent: "Ich will einen Bundeskanzler Strauß verhindern";
* 26 Prozent: "Meine Erststimme gebe ich dem Wahlkreiskandidaten, der mir am sympathischsten ist, seiner Partei möchte ich meine Zweitstimme aber nicht geben"; S.33
* 17 Prozent: "Die FDP soll auf jeden Fall in den Bundestag kommen";
* 11 Prozent: "Ich will eine absolute Mehrheit der SPD verhindern."
Daß von vielen Wählern das Stimmen-Splitting als Waffe gegen Strauß genutzt wird, zeigen auch etliche andere Zahlen. Während sich von den Befragten insgesamt bei einer Direktwahl 60 Prozent für Schmidt und 39 Prozent für Strauß entscheiden würden, sind von den Splitting-Wählern weit mehr für Schmidt (83 Prozent) und weit weniger für Strauß (15 Prozent).
Aus den Ergebnissen der Emnid-Umfrage knapp acht Wochen vor der Wahl lassen sich keine sicheren Schlüsse ziehen, ob sich die Wähler am 5. Oktober so verhalten werden wie vor acht oder so wie vor vier Jahren.
1972 erhielt die FDP viele sogenannte Leihstimmen aus der SPD-Wählerschaft. Von den Bundesbürgern, die ihre Zweitstimme der FDP gaben, entschied sich mehr als die Hälfte (53 von 100) für einen Kandidaten der SPD.
1976 hingegen gaben von je 100 Zweitstimmen-Wählern der FDP nur 30 einem SPD-Kandidaten ihre Erststimme.
Die Kenntnisse der Wähler über ihre doppelten Kreuze sind auch 1980 etwa so unterentwickelt geblieben, wie sie schon in den Wahljahren 1972 und 1976 gewesen sind.
Zwar ist -- so das Ergebnis der SPIEGEL-Umfrage vergangene Woche -- 71 von 100 Bundesbürgern bekannt, daß "man sowohl einen Kandidaten als auch eine Partei wählt". 22 Prozent glauben, es ginge nur um die Parteien, sechs Prozent nehmen an, es würden nur Kandidaten gewählt.
Aber fast jeder zweite wußte nicht die richtige Antwort, als weiter gefragt wurde, "wozu die Erststimme dient". 59 Prozent stimmten der richtigen Vorgabe zu ("Wahl des Kandidaten"). 21 Prozent glaubten, mit der Erststimme werde die Partei gewählt. 20 Prozent bekannten ihr Unwissen.
Und sogar nur jeder vierte Befragte (25 Prozent) wußte, daß "ausschlaggebend für die Verteilung der Sitze im Parlament" die Zweitstimme ist.
Das stellte sich heraus, als Emnid eine Infratest-Frage aus dem Jahre 1976 wiederholte. 14 Prozent der Befragten gaben der Erststimme diese Bedeutung, 49 Prozent erklärten "beide Stimmen für gleich wichtig", 11 Prozent wußten keine Antwort.
Aber auch wenn die Deutschen ihre Wahlrechte besser kennen würden, so würde in diesem Jahr wahrscheinlich kaum häufiger gesplittet. Denn nach Ansicht der meisten Bundesbürger droht am 5. Oktober keine Gefahr, die auf diese Weise abgewendet werden müßte.
Jeweils eine Dreiviertel-Mehrheit ist davon überzeugt, daß
* Helmut Schmidt weiterhin Bundeskanzler bleibt (73 Prozent),
* die FDP wieder in den Bundestag kommt (78 Prozent),
* die SPD nicht die absolute Mehrheit erhält (73 Prozent).
Als Emnid fragte, wie sich die Befragten derzeit ("am nächsten Sonntag") bei einer Wahl entscheiden würden, entsprach das Ergebnis diesen Erwartungen.
Die SPD würde demnach 43, die CDU/CSU 45 Prozent erreichen. Der SPD, aber auch der CDU/CSU fehlen so viele Prozente zur absoluten Mehrheit, wie ihnen in den wenigen Wochen bis zur Wahl nur bei erdrutschartigen Veränderungen zufliegen könnten. Demnach sind unabhängig davon, wie viele Wähler am 5. Oktober ihre Stimmen splitten, weder ein Kanzler Strauß noch eine Alleinherrschaft der SPD zu erwarten.
Und mag die FDP beim Buhlen um Zweitstimmen noch so sehr klagen, wie groß ihre Sorge sei: Wer die Zahlen kennt, weiß es besser.
8 Prozent der Bundesbürger würden derzeit die FDP wählen. Selbst wenn davon jeder Dritte es sich noch anders überlegte, so blieben immer noch genug Stimmen für den erneuten Einzug ins Parlament.

DER SPIEGEL 34/1980
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