18.08.1980

SPIONAGEUngeheurer Druck

Wenn unbescholtene Bürger unter Spionageverdacht geraten, sind ihre Chancen für eine Rehabilitierung gering.
Am Morgen des 20. März schreckten die 13jährige Miriam und der neunjährige Mirco Kreibich aus dem Schlaf. Gegen sechs Uhr drang ein halbes Dutzend Männer durch das Fenster ihres Kinderzimmers in die Villa zu Berlin-Dahlem ein.
Zur selben Stunde wunderte sich Frühaufsteher Hans Buchholz, einer der drei Geschäftsführer des Berliner Instituts für Zukunftsforschung (IFZ), beim Betreten seiner Arbeitsstelle über "mehrere dubiose Leute, die sich im Flur herumdrückten". Die Gäste wiesen sich als Kriminalbeamte aus und begehrten Einlaß.
Der Berliner Generalstaatsanwalt Dietrich Schultz hatte eine Haus- und Bürodurchsuchung beim ehemaligen Präsidenten der Freien Universität und derzeitigen IFZ-Geschäftsführer Rolf Kreibich angeordnet. Grund: Der linke Sozialdemokrat Kreibich sei "dringend verdächtig", für die DDR spioniert zu haben.
Zwei Monate nach dieser überfallartigen Aktion mußte der Generalstaatsanwalt eingestehen, es gebe "nicht den geringsten Anhaltspunkt" für einen solch schwerwiegenden Vorwurf. Doch die Affäre, von der Berliner Presse ausführlich geschildert, blieb nicht ohne Folgen. Kreibich, der ein Bundestagsmandat anstrebte, fiel bei den Genossen durch, seine politische Karriere scheint vorerst beendet.
Kreibich ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren gerieten immer wieder unbescholtene Bürgerr in den Ruch, für den anderen deutschen Staat spioniert zu haben. Und immer wieder wurden die Verdächtigten durch gezielte Indiskretion aus den Geheimdiensten, meist aber von den Ermittlungsbehörden in aller Öffentlichkeit vorab zu Agenten abgestempelt.
Eine völlige Rehabilitierung der unschuldig in Verdacht Geratenen ist allerdings nur selten die Folge.
So verloren der Bonner Journalist Karsten Knolle und der Abgeordneten-Assistent Reinhard Spilker ihren Job, obwohl sich der Spionage-Verdacht nicht erhärten ließ.
Ebenso erging es dem Gewerkschaftsfunktionär Walter Böhm, den der Deutsche Gewerkschaftsbund sofort nach Bekanntwerden des Verdachts feuerte und nicht mehr auf seinen alten Posten zurückließ, als das Verfahren eingestellt war.
Den von der Springer-Presse leichtfertig zu Top-Agenten erklärten Sozialdemokraten Uwe Holtz MdB und Joachim Broudre-Gröger bescheinigte zwar Generalbundesanwalt Kurt Rebmann persönlich, daß der "gegen Sie entstandene Tatverdacht" durch die Ermittlungen "ausgeräumt" sei. Aber, so solidarisch sich in diesen Fällen auch Kollegen und Vorgesetzte verhielten, "irgend etwas bleibt doch an einem hängen" (Broudre-Gröger).
Über 3000 Quadratzentimeter, so errechnete SPD-Fraktionspressesprecher Knut Terjung, widmete "Bild", gespickt von Geheimdienstquellen, dem angeblichen Bonner Spionagefall. Mit 30 Quadratzentimetern begnügte sich das Boulevardblatt, als es über die Einstellung des Verfahrens berichtete.
Geht es nach einem anderen Sozialdemokraten, so müssen die Betroffenen solche Konsequenzen schon verkraften können. Staatssekretär Manfred Schüler, Koordinator der Geheimdienste im Kanzleramt: "Das sind doch erwachsene Menschen, die müssen mit so etwas fertig werden."
Damit fertig werden müssen nicht nur Rolf Kreibich, sondern auch der angebliche Agentenführer Steffen von Bamberg und der vermeintliche Spitzenspion Siegfried Petrelli. Kreibich wurde denunziert, der Lektor von Bamberg Opfer seiner deutsch-deutschen Familienverhältnisse, Bundeswehr-Oberst Petrelli schlicht verwechselt.
Den Berliner Sozialdemokraten hatte schon im letzten Jahr ein -- wie es in den Presseverlautbarungen des Staatsanwaltes hieß -- "Wissenschaftler aus Dresden" beim Staatsschutz und auch beim Axel-Springer-Inland-Dienst (ASD) angeschwärzt. Der Informant: ein ehemaliger Arbeitskollege von Kreibichs Schwiegermutter.
Als es den Schwiegereltern vor Jahren gelang, mit gefälschten Pässen in den S.36 Westen zu flüchten, argwöhnte der Wissenschaftler, dies könne nur aufgrund guter Beziehungen zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit geschehen sein. Kreibich und seine Frau Renate, die seit 1960 in West-Berlin leben, wurden aufgrund dieser "detaillierten und durchaus stichhaltigen Angaben" (Generalstaatsanwaltschaft) des Dresdners zu sogenannten Perspektiv-Agenten gemacht, die in jungen Jahren für ihre Spionagetätigkeit ausgebildet worden seien.
Beide Dienste -- Verfassungsschutz und ASD -- recherchierten ein halbes Jahr lang ohne Erfolg. Weil noch "Zweifel" an der Schuld Kreibichs "bestanden", ordnete der Generalstaatsanwalt schließlich die Hausdurchsuchung an. Ungeklärt war etwa, wie die Pässe erfolgreich frisiert werden konnten. Ergebnis: Der Verdacht, der Stasi habe mitgeholfen, konnte binnen Stunden ausgeräumt werden.
Der 52jährige von Bamberg, der drei Monate in Untersuchungshaft saß, geriet in Spionageverdacht, weil sein Name -ebenso wie der Petrellis -- auf der Liste eines Stasi-Mannes gestanden hatte. Dieser DDR-Geheimdienstler, als Admiral in der Abteilung für Auslandsaufklärung im Ministerium für Staatssicherheit in hohem Rang, wollte sich mit Hilfe eines Agenten des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) in den Westen absetzen.
Etwa zwei Jahre lang hatten sich die Bemühungen des BND um den trinkfreudigen Admiral hingezogen, der als guter Freund von Abteilungsleiter Generalleutnant Markus Wolf und Chef Erich Mielke galt. Als Beweis seiner Glaubwürdigkeit lieferte der potentielle Überläufer eine Namensliste von DDR-Agenten in der Bundesrepublik. Drei der Genannten, der 63jährige Handelsvertreter Martin Henselmann und ein Ehepaar Braun, konnten sich damals rechtzeitig in die DDR absetzen, der 48jährige Inspektor bei der US-Armee Anton Hummel aus Eßlingen wurde festgenommen.
Als der Admiral nicht zum entscheidenden Termin für den Frontwechsel erschien, begann das ganze Verfahren noch einmal: Wieder lieferte er seinem BND-Kontaktmann eine Liste ab, diesmal mit den Namen "Raimund von Bamberg, Bonn", und "Oberst Petrelli" -- es fehlten die Adressen und bei Petrelli sogar der Vorname.
Kurz danach scheiterte auch der zweite Versuch des Offiziers, in den Westen überzulaufen: Admiral und Abwerber wurden vom Stasi verhaftet.
Nach zwölfmonatigen Recherchen bei Kollegen und Verwandten, nach Hausdurchsuchungen und wochenlangen Verhören mußten die BND-Leute eingestehen, daß die zweite Liste des Admirals ein Blindgänger war.
Doch zunächst heizten die verwandtschaftlichen Beziehungen von Bambergs zu DDR-Größen Spekulationen um seine Spionagetätigkeit an: Von Bambergs Schwester Karin war lange Jahre mit dem DDR-Regime-Kritiker Robert Havemann verheiratet, sie ist die Mutter von Florian und Sybille Havemann. Die zweite Schwester Isi ist die Ehefrau des renommierten Ost-Berliner Architektur-Professors und Erbauers der Stalin-Allee, Hermann Henselmann, dieser wiederum ein Bruder des flüchtigen Handelsvertreters Martin Henselmann.
Vergebens durchforsteten die Ermittlungsbeamten von Bambergs Wohnung und Büro nach Photoapparaten, Sendevorrichtungen, Geheimtinte und verdächtigen Unterlagen. Vergebens suchten sie nach einem Campingwagen, der als Kommandozentrale für den angeblichen Agentenführer gedient haben könnte. S.37 Sie verhörten einen 90jährigen Onkel in München und eine 71jährige Tante in Aachen als mögliche Mitglieder eines Spionageringes. Dem Neffen wurde eine Zeugenaussage vorgehalten, nach der er in den 50er Jahren mehrere schnelle Wagen gefahren habe. Ein Mercedes 170, wie sich herausstellte, den der damalige Kunsthändler von Bamberg 1956 für 850 Mark von einem Studenten gekauft hatte. "Die Verhöre", so der Beschuldigte, "waren korrekt, aber grotesk."
Selbst daß Staatsdiener von Bamberg, seit 1963 war er beim dem Bundespresseamt unterstellten Public-Relations-Unternehmen "Inter Nationes" beschäftigt, den Kontakt zu seinen Ost-Berliner Angehörigen längst abgebrochen hatte, legten die Verfolger negativ aus.
Nach der Haftentlassung konnte von Bamberg immerhin an seinen Schreibtisch bei Inter Nationes zurückkehren. Eine fristlose Kündigung des in Verdacht geratenen Mitarbeiters war vom Bonner Arbeitsgericht zurückgewiesen worden. Doch dem Mitverdächtigen Oberst Petrelli ist eine Rückkehr an seinen alten Arbeitsplatz verwehrt -- für den Offizier um so unverständlicher, als es sich bei seiner Festnahme eindeutig um eine Verwechslung gehandelt hat.
Denn kaum hatte die Erfolgsmeldung des BND "Neuer Schlag gegen DDR-Agenten" Schlagzeilen gemacht, meldete sich ein Namensvetter Petrellis bei der Bundesanwaltschaft. Nur er könne mit dem Spionageverdacht gemeint sein, weil er in den 50er Jahren als Student mit dem Kommilitonen von Bamberg befreundet gewesen sei.
Plausibel erklärte er, wieso ausgerechnet seiner und von Bambergs Namen in die Archive des Staatssicherheitsdienstes geraten waren: Er hatte 1955 für eine englische Zeitschrift einen Aufsatz über den Aufbau der Bundeswehr verfaßt. Von Bamberg und er hatten -- und das kam ihm schon damals seltsam vor -- den Artikel, den ein Engländer abholte, unterschrieben. Wahrscheinlich landete das Papier über diesen englischen Mittelsmann beim DDR-Geheimdienst. Daß Siegfried Petrelli verwechselt wurde, dafür sprechen auch die ungenauen Angaben des DDR-Admirals zu seiner Person.
Die Dauer der elfwöchigen Untersuchungshaft kann sich Petrelli nur erklären, daß der BND "wohl unter ungeheurem Erfolgsdruck stand". Der Dienst mochte so schnell nach dem von der Presse bejubelten großen Fang nicht zugeben, daß er einer Fehlinformation aufgesessen war.
Enttäuscht ist der Oberst vor allem von seinem Heeresinspekteur. General Hans Poeppel hatte schon am 6. Juli vorigen Jahres, also knapp drei Wochen nach Petrellis Verhaftung, den Verdächtigen für schuldig befunden. "Sie übten bis zu Ihrer vorläufigen Festnahme", schrieb der General an den Oberst, "in einem nicht näher bekannten Zeitraum in Mönchengladbach und an anderen Orten für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR geheimdienstliche Tätigkeit ... gegen die Bundesrepublik Deutschland aus."
Durch die sofortige Dienstenthebung sollten Petrelli, so Poeppel, keine "irreparablen Nachteile" für die "weitere dienstliche Laufbahn entstehen". Aber als sich seine Unschuld herausstellte, war von der vor seiner Verhaftung in die Wege geleiteten Beförderung in die Besoldungsgruppe B3 nicht mehr die Rede. Sein Posten als Oberst im Generalstab war von einem anderen besetzt.
Da ihm vom Verfassungsschutz wegen des Ermittlungsverfahrens nun der sogenannte "Sicherheitsbescheid" verweigert wird, mußte die Bundeswehr für ihn eine neue Stelle schaffen, bei der er trotz seines hohen Dienstgrads nicht mit vertraulichen oder geheimen Dokumenten zu tun hat.
Eine vollständige Rehabilitierung will Petrelli mit einem nach der Wehrdisziplinarordnung möglichen "Selbstreinigungsverfahren" erreichen. "Denn irgendwie", so Petrellis Rechtsanwalt Rudolf Heppner, "muß es doch in einer Demokratie möglich sein, jemanden wirklich zu rehabilitieren."
Ein solches Verfahren sei nur möglich, wurde Petrelli jedoch vom Wehrdisziplinaranwalt beschieden, wenn der "erhobene Verdacht widerlegt wird". Und das könnte eindeutig nur der Informant. Doch der sitzt in Ost-Berlin im Gefängnis. Heppner: "Mal sehen, ob ich einen Besuchstermin bei dem Admiral kriege."
Sein Bundesverdienstkreuz hat Petrelli inzwischen an den Bundespräsidenten zurückgeschickt.

DER SPIEGEL 34/1980
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