18.08.1980

CHINA-HANDELGroß, aber arm

Chinas Wirtschaftsfunktionäre erhoffen sich von den Deutschen billige Kredite. Sie locken mit langfristigen Rohstoff-Verträgen.
Die erste Sitzung der deutsch-chinesischen Wirtschaftskommission hatte kaum begonnen, da erfuhren die Chinesen bereits, daß Otto Graf Lambsdorff wenig von asiatischen Verbindlichkeiten hält.
Direkt, wie es seine Art ist, kam der Wirtschaftsminister in der "Großen Halle des Volkes" zum heikelsten Thema seines China-Besuchs. Die Bundesregierung, so erklärte der Bonner schnurstracks, gebe keine Zinssubventionen. Auch Chinesen hätten, wie alle anderen, den Marktzins zu zahlen.
Die Gastgeber ließen sich nicht so schnell abwimmeln. Mit wem auch immer der Bonner Minister vorige Woche in Peking sprach: Alle forderten sie den deutschen Gast auf, ihrem Riesenreich mit günstigen Krediten auf die Sprünge zu helfen.
"China ist groß, aber arm", klagte Außenminister Huang Hua, "und wir möchten auch so behandelt werden."
Tatsächlich ist die Bundesrepublik das einzige Land, das beim Wettlauf um Geschäfte und Rohstoffe nicht mit direkten Finanzspritzen nachhilft.
So räumten die Japaner, die wie die Bundesdeutschen auf chinesische Metalle, auf Kohle und Öl erpicht sind, dem großen Nachbarn im Westen einen freien Milliarden-Kredit ein. Das japanische Darlehen läuft über 30 Jahre und wird zu einem Spottzins von drei Prozent gewährt. Amerikaner, Franzosen und Engländer bedienen Peking ebenfalls mit Rabatt.
Auch von den reichen Deutschen, deren Qualitätsprodukte und Pünktlichkeit sie schätzen, erwarten die Wirtschaftsplaner Pekings Entgegenkommen -- und das nicht ohne Grund.
Im Abkommen über die wirtschaftliche Zusammenarbeit vom Oktober vorigen Jahres hatte Bonn Finanzierungen "zu möglichst günstigen Bedingungen" versprochen. Möglichst günstige Bedingungen aber, so interpretierten die Chinesen, erforderten Beihilfen des deutschen Finanzministers.
Obendrein hatten deutsche China-Reisende, Unternehmer und auch Politiker, wie etwa Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth, ohne Kompetenzen, dafür aber großzügig, Gaben in Aussicht gestellt. Lambsdorff in Peking: "Ich mußte die fröhlichen Versprechungen hier erst einmal geraderücken."
Daß die Chinesen nicht gern Bares herausrücken, merkten die deutschen Unterhändler auch, als es um konkrete Projekte ging. Anlagen wollen die Asiaten nach Ostblock-Vorbild am liebsten mit Rohstoffen bezahlen.
Fünf Tagebau-Anlagen, Ausrüstungen für sechs Kohlegruben, zwei Kokereien und die Modernisierung von zwei Bergbau-Maschinenfabriken seien geplant, erläuterte Kohle-Minister Kao Jang-wen.
Wollten die Deutschen das Geschäft machen, dann sollten sie selber Kohle abnehmen oder helfen, die chinesische Kohle auf Drittmärkten abzusetzen.
Metallurgie-Minister Tang Ke warb mit dem, was die Bundesrepublik nicht hat: mit Rohstoffen wie Wolfram und Antimon, Titan und Vanadium -- allesamt rare Stoffe, die für die Industrieproduktion benötigt werden. Der Chinese: "China ist bereit, Deutschland sicher mit Titan zu versorgen."
Einige Geschäfte laufen bereits an. Die deutsche "Gesellschaft für Elektrometallurgie" (GfE) will in einem Großversuch in Nürnberg aus 300 Tonnen chinesischer Schlacke Vanadium aufbereiten.
Glückt der Versuch, dann baut die GfE im chinesischen Eisen- und Hüttengebiet Pantschihua eine Anlage zur Vanadium-Gewinnung. Bezahlt wird sie mit Vanadium-Produkten, abgesichert in einem langfristigen Liefervertrag.
Die Essener Firma Goldschmidt will den Chinesen helfen, Seltene Erden aus der Lagerstätte Baotou zu gewinnen. Gegenleistung: weltweiter gemeinsamer Vertrieb aller Seltenen Erden aus dieser Lagerstätte.
In der Abschlußsitzung der Kommission am Mittwoch voriger Woche versprach Außenhandelsminister Li Tschiang: "Wir wollen dafür kämpfen, ab 1985 mehr Rohstoffe und auch Erdöl in die Bundesrepublik zu liefern."
Bei dem Versuch, Devisen für die Finanzierung ihrer großen Pläne zu sammeln, kamen die Chinesen auch auf ungewöhnliche Gedanken. Man könne doch, so schlug Kohle-Minister Kao Jang-wen vor, billige chinesische Arbeitskräfte nach Deutschland vermieten.
Erschrocken wehrten die Deutschen ab und redeten sich verlegen mit dem Gastarbeiter-Stopp und anderen gesetzlichen Bestimmungen heraus. Ein Lambsdorff-Mitarbeiter sagte es klarer: "Wir können doch nicht Chinesen S.47 aufnehmen und die bei uns zu Hungerlöhnen als Sklaven halten."
Der Vorschlag freilich, sich zumindest auf Drittmärkten, in Afrika oder Asien, billiger chinesischer Arbeitskolonnen zu bedienen, fand bei den Managern, die mit Lambsdorff nach Peking geflogen waren, Beifall. "Das ist gar kein dummer Vorschlag", urteilte Heinrich Weiss, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer Schloemann-Siemag AG, "wir prüfen das."
Die Anstrengungen, westliche Devisen zu verdienen und die Industrialisierung ohne allzu große Verschuldung zu schaffen, nehmen die Chinesen freiwillig auf sich. Nur allzugern würden Banker in aller Welt ihr Geld in das Riesenreich pumpen; denn mit zwei Milliarden Dollar bislang aufgenommener Kredite ist China noch fast schuldenfrei. Die gewaltigen Rohstoffvorkommen aber sind für viele Milliarden gut.
Auch die mitgereisten deutschen Banker boten in Peking einige Milliarden an. Delegationsleiter Lambsdorff ermunterte die Chinesen zuzugreifen. Zinssubventionen, so erklärte der Graf beispielsweise, seien gar nicht nötig. Die niedrige Inflationsrate in der Bundesrepublik bewirke, daß deutsche Zinsen allemal konkurrieren könnten -selbst mit den heruntersubventionierten einiger westlicher Nachbarn.
In der Abschluß-Sitzung aber waren die Chinesen immer noch nicht zufrieden.
Als Freunde, so bemerkte Außenhandelsminister Li Tschiang, hätten sie Respekt vor der Haltung der Deutschen, keine Zinsnachlässe zu gewähren. "Aber als Freund muß man auch sagen", schob er nach, "daß Zinsen in den internationalen Handelsbeziehungen eine bedeutende Rolle spielen."

DER SPIEGEL 34/1980
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