18.08.1980

POSTMehr absahnen

Die Bundespost drängelt sich zunehmend ins Kreditgeschäft. Banken und Sparkassen wehren sich gegen die unliebsame Konkurrenz.
Deutschlands Bankmanager wittern eine gelbe Gefahr.
"In kleinen Schritten", so Wolfgang Grüger, Vorstand beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, "tasten die Leute von der Post sich vor zur Vollbank."
Der Verdacht ist begründet: Der Bundeskonzern mit der gelben Firmenfarbe will sich zukünftig noch stärker im Bankgeschäft breitmachen.
Europas größtes Unternehmen plant, seine Dienste für Sparfreudige mit einer gewinnträchtigeren Form der Vermögensbildung zu krönen: einer Art Kapital-Sparbuch, bei dem der Zins von Jahr zu Jahr steigen soll. Und am liebsten würden die Postler bald auch Sparbriefe anbieten, festverzinsliche Zertifikate mit genauem Rückzahltag.
Gewöhnliche Banken halten solche Sparofferten schon seit Jahren bereit, weil ihrer Klientel das simple Häufelspiel mit dem herkömmlichen Sparbuch längst nicht mehr reicht.
Und das Geschäft floriert: In den ersten sechs Monaten räumten Banken und Sparkassen mit diesen Anlage-Angeboten über zwölf Milliarden Mark ab, fast dreimal soviel wie zur gleichen Zeit des Vorjahres.
Da möchten die Postbeamten nicht mehr nur zuschauen. Unbeeindruckt von der wachsenden Kritik an den Monopol-Allüren der Post, will sich Kurt Gscheidles Staatsbetrieb nicht mehr darauf beschränken, den Banken und Sparkassen mit Sparbüchern und Postscheckkonten Konkurrenz zu machen. Der Service soll verfeinert werden.
So ganz einfach geht das allerdings nicht. Während das Sparbuch mit wachsendem Zins längst beschlossene Sache ist, hindert die Rechtslage noch das Geschäft mit den Sparbriefen. Die gelten nämlich schon als Wertpapiere. Für den Handel mit solchen Zertifikaten fehlt der Post aber die gesetzliche Grundlage, vorerst jedenfalls.
Nicht nur beim Einkassieren von Spargeldern möchte die Post zukünftig mehr absahnen. Der Bundeskonzern will auch beim Geldverleihen besser ins Geschäft kommen.
Bisher können die Inhaber von Postscheckkonten allenfalls mal mit 500 Mark ins Minus geraten, während Privatkonten bei Sparkassen und Banken normalerweise um ein Monatssalär und mehr überzogen werden können.
Mit solchen Kontokorrent- oder Dispositionskrediten machen die Geldhäuser ein gut Teil ihres Geschäfts. Um daran teilhaben zu können, würden die Post-Ministerialen ihren Kunden gern eine Freigrenze "um die 2000 Mark" einräumen. Ärzte oder Unternehmer könnten, so die Vorstellung der Postler, je nach Einkommen und Kontoumsatz auch höher einsteigen, während Lehrlinge und Studenten knapper gehalten werden sollen.
Die etablierte Bankenkonkurrenz hält von diesen Expansionsplänen des Kommunikations-Kolosses herzlich wenig. Sie sieht, zu Recht, in den Kontenüberziehungen S.48 nichts anderes als einen Kleinkredit. Gscheidles Mannschaft würde daher mit dem Projekt eine weitere Bastion des Bankengewerbes stürmen: den Geldverleih.
Die Manager der Banken und Sparkassen klagen schon jetzt, daß die Post sich reichlich ungeniert um ihre Kundschaft bemüht. An den 19 000 Postschaltern in der Bundesrepublik werden mittlerweile Euroschecks, Reiseschecks und Kreditkarten akzeptiert. In einigen Großstädten wechseln die Schalterbeamten sogar ausländische Valuta.
Die Postsparkasse verwaltet über 18 Millionen Konten mit fast 28 Milliarden Mark; keine andere Bank oder Sparkasse der Bundesrepublik kann da mithalten.
Gemeinsam mit einem festen Bodensatz von zehn bis zwölf Milliarden Mark auf den 3,8 Millionen Postscheckkonten spülen die Bankgeschäfte rund 40 Milliarden in die Kasse -- Kapital, das die Post auf dem Markt erheblich teurer bezahlen müßte.
Der Möglichkeit, daß die Postler die Milliarden auch ausleihen, setzt vorerst noch die Verfassung Grenzen: Der neue Dienst könnte nur nach einer Änderung des Grundgesetzes, das die wirtschaftliche Betätigung des Bundes umschreibt, eingerichtet werden. Und eine Zweidrittelmehrheit im Parlament für die Postbank mit vollem Service ist gegenwärtig wohl nicht drin. "Aber wie lange?" fragt sich Wolfgang Grüger von den Volks- und Raiffeisenbanken.
Der Banken-Lobbyist kann darauf verweisen, daß die Bonner gerade erst ein anderes Bundes-Unternehmen befördert haben: die Deutsche Siedlungs- und Landesrentenbank.
Das Spezialunternehmen, das Flüchtlingen nach dem Krieg die Heimstatt im Westen finanzieren half, wurde per Gesetz zur Vollbank geschlagen.

DER SPIEGEL 34/1980
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