18.08.1980

VERHÜTUNGSMITTELZart gerillt

Die Präservativ-Hersteller freuen sich über kräftige Zuwachsraten.
Die internationalen Standards sind hoch. Gefordert werden in der westlichen Welt eine Wandstärke von höchstens 0,06 Millimeter, eine Dehnungsfähigkeit von 650 Prozent, und beim Aufblastest müssen mindestens 25 Liter Luft reingehen.
Solche (freiwilligen) Normen können Unternehmen aus den sozialistischen Staaten nicht erfüllen. "Importe aus der DDR", berichtet Claus Richter, Marketing-Leiter bei der Mapa GmbH im norddeutschen Zeven, "sind ganz schnell vom Markt verschwunden."
Um so besser floriert das Geschäft der wenigen Präservativ-Hersteller, die in Bundesdeutschland angesiedelt sind. Beim Branchenführer Mapa (Hauptmarken: "Fromms" und "Blausiegel") werden seit knapp drei Jahren jährliche Zuwächse von fünf bis zehn Prozent spielend erreicht. Und Helmut Storandt, Geschäftsführer der London Rubber Company in Mönchengladbach, prophezeit: "Die Zuwachsraten dürften in den nächsten Jahren noch höher ausfallen."
Für die Branche kam der Aufschwung ziemlich unverhofft. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hatte es die Anti-Baby-Pille möglich gemacht, daß immer weniger Männer Vorsorge gegen unerwünschten Kindersegen treiben mußten.
Doch seit die Frauen nicht mehr gar so selbstverständlich die tägliche Hormondosis schlucken, seit vor allem bei Frauen über dreißig die Pillenmüdigkeit grassiert, erlebt der Gummischutz seinen Wiederaufstieg. Nun ist der Mann mal wieder dran.
Die Renaissance des ältesten Verhütungsmittels ist dennoch einigermaßen erstaunlich. Denn trotz vielfältiger Werbeanstrengungen (Mapa-Slogan: "Fromms macht frei") stehen die Kondome in schlechtem Ansehen.
Nicht wenige der Kunden, weiß Mapas Richter, streiten auf Befragen ab, Präservative bereitzuhalten. Der Marketing-Stratege: "Die Vorurteile gegen das Kondom sind schwer abzubauen."
Berechtigt sind sie nach Meinung der Kondom-Kaufleute nicht mehr. Extreme Sicherheitsnormen schlössen Reiß-Risiken weitgehend aus, moderne Verfahren sorgten für hauchdünnes Material. Früher, als noch Kautschuk verwendet wurde, "waren das Dinger wie Fahrradschläuche", graust es Richter. Doch längst werden sie aus dem Milchsaft Latex gefertigt.
Die Ansprüche der Kundschaft sind mitgewachsen. Gefragt werden fast nur noch befeuchtete Kondome. Bei London Rubber etwa macht die Trocken-Ausführung ("Normal") nur noch fünf Prozent vom Umsatz aus.
Außer der Befeuchtung -- mit Silikon und Glyzerin -- hat sich die Branche noch einiges andere einfallen lassen: Behandlung mit spermiziden Mitteln, belebende Oberflächen, die beispielsweise im Mapa-Sortiment von "zart gerillt" bis "richtig genoppt" gehen. Für "die Leute, die sich von Farben inspirieren lassen", hat Mapas Richter die Marke "Colibri" parat, in sechs verschiedenen "Popfarben".
In diesem Jahr werden die Deutschen für den Verbrauch von etwa 160 Millionen Präservativen rund 110 Millionen Mark ausgeben. Doch von der steigenden Nachfrage profitiert kein deutscher Hersteller mehr -- der letzte hat im vergangenen Jahr aufgegeben.
Der Markt ist fest in ausländischer Hand:
* Branchenführer Mapa (Marktanteil: gut 50 Prozent) gehört der französischen Hutchinson-Mapa-Gruppe, die wiederum zum Mineralölkonzern Compagnie Francaise des Petroles ("Total") zählt;
* die London Rubber in Mönchengladbach (Marktanteil: rund 25 Prozent) untersteht der britischen London Rubber Company International, die weltweit 8000 Menschen beschäftigt und Präservative in 140 Ländern verkauft;
* die Ritex-Rubion Gummiwarenfabrik (Hauptmarke: "Ritex"), mit einem Anteil von fünf bis sieben Prozent der drittgrößte Hersteller, S.50 hat im vergangenen Jahr den Produktionsbetrieb in Sarstedt an London Rubber verkauft und vertreibt seitdem nur noch Importartikel.
Rund 15 weitere Firmen im Präservativ-Geschäft machen es wie Beate Uhse. "Wir", so ihr Sohn und Mitarbeiter Dirk Rotermund, "kaufen überall da, wo es gut und preiswert ist."
Importiert wird aus den USA wie aus Korea, vor allem aber -- wie denn auch sonst -- aus Japan. Mapa muß, der regen Nachfrage wegen, zukaufen, und was London Rubber in der Bundesrepublik feilbietet, ist zu einem guten Teil in England produziert und in Holland verpackt worden.
Für ausgefallene Wünsche freilich steht deutsches Know-how in gutem Ruf. So beherrschen etwa die Mapa-Techniker in Zeven die schwierige Kunst, Latex geschmacklich aufzubereiten.
Die deutschen Verbraucher, so stellte sich heraus, goutieren solche Produkte zwar nicht.
Aber die Amerikaner. Die kaufen Präservative Made in Germany in den Geschmacksrichtungen Banane, Erdbeere, Kirsche und Limone.

DER SPIEGEL 34/1980
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