18.08.1980

AUSLÄNDERNix Kasko

Die Kfz-Versicherer Allianz und Colonia wollen Kunden loswerden: Gastarbeiter.
Als der Grieche Efthinios Kokkinoplitis, Bauarbeiter in Köln, Anfang des Monats zu seinem Allianz-Vertreter kam, um seine Versicherung auf sein neues Auto umschreiben zu lassen, wurde er kurz und knapp beschieden: "Nix Kasko, nix Insasse."
Ausländer -- allen voran Türken, Jugoslawen und Griechen (Vertreter-Jargon: "Kuffnucken") -- sind der Assekuranz schon lange eine unliebe Kundschaft.
"Keiner verursacht so viele Unfälle wie die", sagt Allianz-Direktor Herbert Schmeer, stellvertretender Leiter der Abteilung Kraftfahrt beim Branchenführer, "denen ist die Umstellung vom Eselskarren auf das Automobil noch nicht gelungen."
Kollege Elmo Freiherr von Schorlemer, stellvertretendes Vorstandsmitglied der Colonia-Versicherung, erzählt schon mal von seinem "Schlüsselerlebnis": Bei einer Fahrt von Köln nach München sei er "dreimal in einen Stau geraten", und jedesmal "lag ein Türkenauto auf dem Bauch -- fürchterliche Unfälle".
Die Stammtisch-Philosophie von den miserablen Autofahrern -- 46 Prozent aller Deutschen sind der Meinung, daß Ausländer nicht einmal die Verkehrszeichen verstehen -- ist zur offiziellen Geschäftspolitik der Versicherungsbranche geworden.
Zunächst hatte ein gutes Dutzend von insgesamt 104 Kfz-Versicherern versucht, beim Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen in Berlin eine Zusatzprämie für diese Gruppe genehmigen zu lassen, die in der Tat besonders unfallträchtig ist.
Als das nicht durchzusetzen war, durchforsteten sie, wie die Kölner Colonia, ihre Karteien: Wer vom Balkan kommt und in einem Jahr zweimal einen Unfall gebaut hatte, muß seitdem mit Kündigung der Verträge rechnen.
Das ist zulässig. Nach Paragraph 158 des Versicherungsvertragsgesetzes haben beide Vertragsseiten das Recht, bereits nach einem Schadensfall zu kündigen. Am heftigsten trat jetzt, Anfang August, der unbestrittene Erste im Gewerbe auf die Bremse, die Allianz mit 3,7 Millionen Kfz-Versicherten, davon 140 000 Ausländern.
Die Allianz untersagte ihren Vertretern "die Werbung aller Ausländer-Risiken". Teilkasko und Vollkasko sowie Insassen-Unfallversicherung dürfen seitdem weder neu abgeschlossen noch auf ein neues Fahrzeug übertragen werden.
Nur die Haftpflicht läßt sich nach dem Pflichtversicherungsgesetz nicht ohne ganz besonderen Grund (zum Beispiel: ständige Zahlungssäumnis) ablehnen. Sollte, so die Allianz, ein ausländischer Kraftfahrzeughalter auf diesem "Annahmezwang" bei der Kfz-Haftpflichtversicherung S.54 bestehen, dürfe allenfalls auf ein Jahr abgeschlossen werden.
Um die Klientel zu vergraulen, ließen sich die Chefs von der Allianz einen raffinierten Trick einfallen. Der ausländische Kunde kriegt, entgegen der üblichen Praxis, seine Versicherungsbestätigung -- die er für die Anmeldung seines Autos braucht -- nicht sofort vom Vertreter ausgehändigt, sondern erst nach 14 Tagen.
Im Antrag, so die "verbindliche Mitteilung" an die Allianz-Vertreter, müsse "der Passus über die vorläufige Deckung deutlich sichtbar gestrichen werden".
Der Effekt macht den Konkurrenten von Colonia neidisch. Schorlemer: "Damit kriegen sie das Neugeschäft auf Null."
Das wäre bares Geld. Die Branchenbrüder sind es leid, immer draufzuzahlen, und haben, völlig ungewöhnlich, ihre Ausländer-Misere gegenseitig offengelegt. Die Bilanz war niederschmetternd.
Die Allianz-Leute jammerten, daß ein durchschnittlicher Vollkasko-Türke mit über 200 Mark Schaden für 100 Mark Beitrag zu Buche schlage. Ein Durchschnitts-Grieche brachte es voriges Jahr, beispielsweise bei der Colonia, auf 179,60 Mark Schaden. Das Ganze summierte sich bei den Kölnern auf einen Verlust von rund sieben Millionen Mark.
Der Trend hält schon seit Jahren an. "Vielleicht liegt es daran", sagt Schorlemer, "daß die oft alte Autos haben und immer so nach vorne fahren."
Schorlemers Colonia ist deshalb für Jugoslawen, die nach Meinung der "Neuen Zürcher Zeitung" "einen offenbar unbezwingbaren Hang zur Gefahr haben", für Türken und für Griechen eine geschlossene Gesellschaft.
Es ist nicht immer der große Bums; ein 700 000-Mark-Schaden, wie ihn die Colonia zur Zeit abwickelt, ist eher die Ausnahme -- ins Geld gehen die vielen kleinen Fälle. Die Lenker in den klapprigen Kisten bleiben zwar häufig in den höchsten Beitragsklassen, aber die Kosten kommen nicht wieder rein. Überdies haben Ausländer, so die Versicherer, meist von vornherein die Schuld.
Das Bild wird insbesondere von Türken verdorben, die in überladenen Vehikeln aus den sechziger Jahren sitzen und bei der langen Fahrt in die Heimat über den Autoput schon mal einen Ziegel aufs Gaspedal legen, um das rechte Bein auszuruhen.
Die psychischen Merkmale der größten Ausländer-Gruppen hat der Leiter der Unfallforschung bei der Bundesanstalt für Straßenwesen, Professor Karl-Heinz Lenz, in einem Bericht für das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung aufgeschlüsselt. Allen gemeinsam sei "die Ablehnung der Deutschen als Vorbild".
Die Gastarbeiter erkennen zwar "in gewisser Weise" die Notwendigkeit an, eine Verkehrsordnung strikt einzuhalten, glaubten aber, daß es den Deutschen nicht um Ordnung, sondern mehr ums Prinzip gehe. Andererseits führe eine "Fehleinschätzung der deutschen Disziplin" dazu, blindlings auf eben diese Ordnung zu bauen und sich selbst Dinge zu leisten, "die von dieser Disziplin abweichen".
Für die Versicherungsvertreter, deren Provision nach den laufenden Beiträgen bemessen wird, waren solche Kunden bislang eine sichere Pfründe. "Gute Beitragszahler", sagt Freiherr von Schorlemer, "sind sie tatsächlich, schade um sie."
S.52 Im Juli vom türkischen Fahrer des Kombiwagens verschuldet. *

DER SPIEGEL 34/1980
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