18.08.1980

AUTORENRarissima geworden

Willy Brandts Exil-Schriften werden zu Höchspreisen gehandelt -- bis zu 2200 Mark.
Zwanzig Jahre lang fahndete der Germanist und Historiker Werner Berthold nach einem verschollenen Buch über die Geschichte des Volkskriegs, eine historische Studie, die von den Schnapphahnfehden im Skandinavien des Mittelalters bis zu den Partisanenkämpfen im Zweiten Weltkrieg reicht.
Letzten Monat endlich hatte er es gefunden: Für 2200 Mark kaufte Berthold, Leiter der Abteilung Exil-Literatur bei der Deutschen Bibliothek in Frankfurt, das Buch "Guerilla Krig" -- eine Übersetzung aus dem Norwegischen, erschienen 1942 im angesehenen Stockholmer Verlag Albert Bonniers. Autor: Willy Brandt.
Anfang der vierziger Jahre hatte Brandt das Buch auf norwegisch verfaßt. Doch in Oslo konnte es nicht mehr erscheinen, weil der Emigrant, damals norwegischer Staatsbürger, vor den deutschen Besatzern nach Schweden fliehen mußte.
Die Abteilungsleiter bei der Deutschen Bibliothek in Frankfurt berieten lange, bevor sie sich zum Ankauf entschlossen. Berthold: "Wir haben vergebens versucht, den Preis herunterzuhandeln. Manchmal muß man zugreifen, auch wenn es teuer ist."
So viel wie letzten Monat war noch nie für ein einzelnes Buch des heutigen SPD-Vorsitzenden und Friedensnobelpreisträgers bezahlt worden. Der Antiquar Hartmut König aus dem rheinischen Heinsberg, ehemals selber Mitarbeiter der Frankfurter Bibliothek, hatte den unscheinbaren Band mit dem Besitzvermerk "Ole-Thor Svele 9-8-42" auf einer Skandinavienreise von einem Kollegen wohlfeil erstanden. Jahrelang hat König Brandt-Bücher gesammelt, bevor er nun die womöglich umfangreichste Sammlung anbot, die bisher im Handel war.
Gesucht sind die Schriften Willy Brandts schon seit langem. Zunächst waren es politische Gegner, die in Exil-Veröffentlichungen nach Zitaten suchten, die sich in den Wahlkämpfen gegen den Kanzlerkandidaten verwenden ließen. Einige Male mußte sich Willy Brandt sogar gegen Fälschungen und Diffamierungen, abgeleitet aus seinen Exil-Veröffentlichungen, gerichtlich zur Wehr setzen.
Das Interesse von Sammlern und Bibliotheken an den meist auf miserablem Papier gedruckten und allenfalls mittelmäßig erhaltenen Büchern setzte erst in den siebziger Jahren ein. Nirgendwo gibt es bislang eine lückenlose Sammlung, nicht bei der Deutschen Bibliothek (Berthold: "Wir erreichen langsam eine gewisse Komplettheit"), nicht einmal im "Willy-Brandt-Depot" der SPD-eigenen Friedrich-Ebert-Stiftung -- obwohl Willy Brandt alles, was er an persönlichen Schriften gesammelt hat, der Parteistiftung vermachte. Wolfgang Groef, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Betreuer des Brandt-Bestandes: "Die Exil-Bücher fehlen so gut wie alle."
Dabei hat er eine Menge geschrieben. Sein erster Zeitschriftenbeitrag ("Ny Internasjonale") erschien schon 1933 in der "Tidsskrift for Det norske Arbeiderparti". Manche Schrift kursierte nur hektographiert wie "Ein Jahr Krieg und Revolution in Spanien" (ein Referat des "Gen. Brandt"), manche anonym wie "Norwegen unter dem Hakenkreuz".
Nur weniges ist schon damals übersetzt worden: "Krieg in Norwegen" etwa, das 1941 in Stockholm auf schwedisch und ein Jahr später in Zürich auf deutsch erschien. Ein norwegisches Buch über "Das Kriegsziel der Großmächte" -- das in der Deutschen Bibliothek noch immer fehlt -- mußte gleich nach Erscheinen in Oslo wieder eingestampft werden, weil die Deutschen inzwischen einmarschiert waren. Ein Brandt-Beitrag, ins Dänische übersetzt, wurde zusammen mit anderen als "Handbuch für Überschwemmungen" veröffentlicht. Dänische Widerständler verteilten die getarnte Broschüre (heutiger Preis: 340 Mark) unter den Augen der deutschen Besatzer.
Brandt ist, wie es der heutige Berliner Kultus-Senatsdirektor Günter Struve deutet, auch im Exil "bienenfleißig gewesen". Struve, der 1966 einen Auswahlband ("Draußen -- Schriften während der Emigration") mit Brandt-Schriften herausgegeben hat: "Zum Geschichtsprofessor hat es nicht gereicht, dafür war er zu jung, und Politik durfte er nicht machen. Deshalb schrieb er eben Bücher."
Er lebte davon, besser als die meisten anderen Emigranten. Zeitgenossen berichten, daß Willy Brandt immer als erstes nach einer Schreibmaschine Ausschau hielt, wenn er irgendwo hinkam -- sogar 1936, als er für kurze Zeit illegal ins Reich zurückkehrte.
Da er schnell Norwegisch und Schwedisch gelernt hatte, das eine perfekt, das andere immerhin noch sehr gut, hielt er sich als Journalist und politischer Autor über Wasser. Die Schriften erzielten bescheidene Auflagen, meist nicht mehr als 2200 Exemplare. Das allein indes erklärt nicht, warum sie heute "Rarissima geworden sind, für die Museumspreise verlangt werden", so Werner Röder, Archivleiter des Instituts für Zeitgeschichte in München.
Ausschlaggebend scheint vielmehr, daß, wegen der Sprachbarriere, in früheren Jahren skandinavische Literatur im Original in Deutschland kaum gefragt war und auch kaum angeboten wurde. Allenfalls das renommierte "Hamburger Antiquariat" hat gelegentlich ein paar Nummern im Katalog.
Auch große ausländische Antiquariate wie "Erasmus" in Amsterdam oder "Pinkus" in Zürich, beide Spezialisten für deutsche Exil-Literatur, können mit Willy Brandt nicht dienen. In der Stockholmer Buchhandlung "Bjoerck & Boerjesson", erstes Antiquariat am Platze, war zum letztenmal vor zehn Jahren ein Buch von Willy Brandt zu kaufen.

DER SPIEGEL 34/1980
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