18.08.1980

BAYERNFürsorgliche Geste

Einer Aussiedlerfamilie gelang zwar der Transfer von Ost nach West, aber nicht die Zusammenführung zwischen Nordrhein-Westfalen und Bayern.
Als die Siebenbürger Sachsen Helmut und Helga Plattner 1973 "nach vielen Jahren des Kämpfens" aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland reisen durften, schien dem ersehnten Leben in Freiheit und Wohlstand nichts mehr im Wege zu stehen.
In Essen fanden die Eheleute rasch Wohnung und Anstellung, er als Kirchenmusiker, sie als Lehrerin; Sohn und Tochter schafften den Sprung ins Gymnasium. Helmut Plattner: "Wir hatten überschwengliche Hoffnungen für unsere gemeinsame Zukunft in Deutschland."
Seit drei Jahren leben die Plattners 540 Kilometer voneinander getrennt, sehen sich höchstens einmal im Monat und hadern mit ihrem Schicksal in der Bundesrepublik, an dem sich durch Bittbriefe und Behördengänge bislang nichts ändern ließ. "Familienzusammenführung", so Ehemann Plattner, "aus dem kommunistischen Ostblock in den freien Westen war möglich, Familienzusammenführung innerhalb des freien Teiles Deutschlands ist nicht möglich -- es sei denn, man hängt seinen Beruf an den Nagel."
Der Kirchenmusiker war 1976 nach Ablauf eines Zeitvertrages arbeitslos geworden und hatte nach einem halben Jahr Stellensuche eine Beschäftigung als Organist und Bezirkskantor der Stadtkirche Bayreuth in Oberfranken angenommen. Sonntags orgelt er nun in der Bayreuther Heiligdreifaltigkeitskirche, wochentags unterrichtet er an der örtlichen Kirchenmusikschule. "Trotzdem", so Plattner, "langt das nicht für den Unterhalt der Familie."
Ehefrau Helga Plattner, deren Einkünfte benötigt werden, unterrichtet aber noch immer als Gymnasiallehrerin für Deutsch und Französisch am Ruhrkolleg zu Essen, weil das bayrische Kultusministerium ihre Übernahme in den Staatsdienst ablehnt. Die Bayern stellen Bedingungen, die von der Spätaussiedlerin als "erniedrigend und entwürdigend" empfunden werden.
Seltsam ist der Vorgang jedenfalls. Im Bundesland Nordrhein-Westfalen wurde der Sprachlehrerin nach zwei Jahren Vorbereitungszeit, zwei Unterrichtsinspektionen und einem abschließenden Kolloquium eine der zweiten Lehramtsprüfung gleichwertige Ausbildung zuerkannt, die Lehrkraft Beamtin auf Lebenszeit. Im Bundesland Bayern aber soll das nicht zählen, weil es "keine länderübergreifenden Absprachen im Anerkennungsverfahren für Aussiedlerlehrer" gibt (so Kultus-Staatssekretärin Mathilde Berghofer-Weichner).
Auf eine unbürokratische Ausnahmeregelung wollen die Südländer sich keineswegs einlassen, denn sie pochen darauf, daß in Bayern der "Status der Studienrätin auf Lebenszeit nach anderen Grundsätzen zuerkannt" werde als in Nordrhein-Westfalen.
Die bayrische Abwehrstellung ist formalrechtlich kaum zu beanstanden. Die Bundesländer gliedern in der Tat Aussiedlerlehrer nach jeweils eigenen Maßstäben ein, die, je nach Schulgattung, mal mehr, mal weniger voneinander abweichen. Kein Gesetz schreibt vor, daß einer, dem in einem Bundesland der Beamtenstatus gegeben wurde, nun auch Anspruch darauf in einem anderen Land hat. Nur: Praktisch bedeutet dies, daß ein einmal integrierter Lehrer gefälligst im selben Bundesland zu bleiben hat oder, wenn er denn schon von da nach dort ziehen will, wieder von vorn anfangen muß.
Und deshalb müsse sie sich, verlangt das bayrische Kultusministerium, zunächst einer Überprüfung ihrer Deutschkenntnisse und fachwissenschaftlichen Fähigkeiten sowie anschließend einem zweijährigen Vorbereitungsdienst mit pädagogischer Prüfung unterziehen. Mithin steht Helga Plattner in München wieder als Aussiedlerin vor der Tür, auch wenn "an der Universität bestimmt schon Leute studieren, die ich zum Abitur geführt habe".
Dazu wäre die Essenerin sogar bereit gewesen, wenn man ihr bei einer Vorstellung im bayrischen Kultusministerium nicht "aufrichtigerweise" (Helga Plattner) bekundet hätte, daß auch für den Fall dieser Pflichterfüllung keine Anstellung zugesichert werden könne -- für sie "eine Zumutung, die ewige Jugend voraussetzt", und "ein Zynismus zugleich".
Immerhin war Bayerns Kultusbürokratie zu einer fürsorglichen Geste imstande. Im "Hinblick auf das besondere Schicksal von Frau Plattner", bemerkte Staatssekretärin Berghofer-Weichner, bestünden "keine Einwände hinsichtlich einer Tätigkeit an einer kommunalen oder privaten Schule" des Landes. Diese Großzügigkeit galt einer Bewerbung der Lehrerin am städtischen Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Bayreuth, wo zum Schuljahr 1979/80 gerade eine Fachkraft für Deutsch und Französisch gesucht wurde.
Nach anfänglicher Hilfsbereitschaft der Stadt Bayreuth sagte jedoch auch die Verwaltung der Festspielstadt ab -mit der gleichen Begründung wie zuvor die Ministerialen. Und so ging es weiter. Als liefen alle Fäden zum Münchner Salvatorplatz: Vom Petitionsausschuß und dem Ausschuß für den öffentlichen Dienst im Bayerischen Landtag, von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wie der CDU-Bundesgeschäftsstelle und den CDU-Sozialausschüssen erhielten die Plattners in den Antworten "wortgetreue Abschriften des ersten Bescheides des bayerischen Kultusministeriums".
Irdischen Beistand erwartet der Kirchenmusiker Plattner nun nicht mehr, auch nicht vom orgelspielenden Kultusminister Hans Maier, den persönliche Fürbitten der getrennten Aussiedler offenbar nicht erreichten. Helmut Plattner: "Wir warten aber natürlich immer noch auf ein Wunder."

DER SPIEGEL 34/1980
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