18.08.1980

„Die Leute wollen Geld und sonst gar nichts“

Enttäuschte Urlauber erstreiten Schadensersatz in Millionenhöhe Sie zählen Ameisen und messen enge Hotelzimmer nach, nörgeln über Quallen, knarrende Betten und Behinderte am Ferienort: Häufiger denn je gehen deutsche Touristen vor Gericht, um Schadensersatz für „entgangene Urlaubsfreuden“ einzuklagen. Jeder 25. Urlauber legt sich bereits mit den Reiseveranstaltern an.
Als die Reisewelle gerade wieder anrollte, rechneten im Zimmer 72 des Frankfurter Amtsgerichts Touristen mit Veranstaltern über den verflossenen Urlaub ab. Gestritten wurde, an einem Juli-Tag zwischen neun und elf Uhr, über den Minderwert eines Ferienaufenthaltes durch einen "ein Kilometer langen Weg zum Strand" wie über entgangene Urlaubsfreude wegen einer "wackligen Klobrille".
Den zwanzig Klägern paßte vieles nicht. Da verlangte eine dreiköpfige Familie von "Neckermann und Reisen" (NUR) die Hälfte der gezahlten 4100 Mark zurück, weil ihr auf Madeira das Zimmer mit 21 Quadratmetern "zu klein" und die Badewanne "um 30 Zentimeter zu niedrig" war. Mehr noch: nur ein Tennisplatz am Hotel, öfter mal Wassermangel und ein "acht Millimeter breiter Spalt an der geschlossenen Balkontür".
Amtsrichter Harald Bartl fand die Latte der Reklamationen "ein bißchen dünn", und "kaum gravierend" erschien ihm auch, was ein Urlauber während einer Südamerikareise Tag für Tag notiert hatte: "Begrüßungscocktail statt mittags erst am Abend", "Reiseleiterin alles andere als ordentlich", "Essen einmal im Coffeeshop statt im Restaurant", insgesamt 13 Schreibmaschinenseiten voll Beschwerden. Das mache, so die Klägerforderung, zehn Prozent Abzug.
Nur einen Mangel machte eine Skifahrerin geltend, dafür wollte sie aber 200 Mark Schadensersatz. Nach verspäteter Zugankunft habe sie in St. Anton "anderthalb Stunden im Schneetreiben auf den Transfer zum Hotel gewartet". Richter Bartl fand das "nicht so doll", denn es "gab doch sicher ein Taxi oder eine Kneipe, in die man sich setzen konnte".
Vorgelegt wurden aber auch Klagen, bei denen nach Einschätzung des Amtsrichters "schon etwas rauskommen wird". Ein Studiendirektor und eine wissenschaftliche Assistentin waren auf einer anderen Malediveninsel einquartiert worden, nicht auf Emboodoo, sondern auf der 20 Bootsminuten entfernten Villingilli.
Emboodoo schien dem Paar aber unverzichtbar, weil es dort noch "ein intaktes Korallenriff" gab, an dem sich beide "von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang erforschend unter Wasser betätigen wollten". Villingilli hielt Richter Bartl zwar nicht für ein "alind", aber doch für so anders, daß er nur noch über die "Höhe der Minderung" nachdenken wollte.
Vollen Ersatz, da ließ der Richter nicht mit sich handeln, müsse NUR aber für den Schaden leisten, den ein Urlauber in Kenia durch eine staatlich angeordnete Strom- und Wassersperre erlitten hatte. Das zähle, erläuterte Bartl, "zum Investitionsrisiko, der Veranstalter könne da unten ja Regreß nehmen". Das war NUR-Rechtsanwalt Klaus Thieleking zu viel: Bei solcher Rechtsansicht wäre es für seinen S.71 Mandanten "besser, in Zukunft Knöpfe zu produzieren".
Reisende und Richter setzen den Touristikunternehmen immer mehr zu, der Vormittag beim Amtsgericht Frankfurt ist mittlerweile zum Alltag im Urlaubsgeschäft geworden: Nichts, was die Erholungssuchenden nicht schon einmal als Anlaß zum Reklamieren und Klagen gefunden hätten; Urteile häufen sich, die Urlaubsmittler in die Pflicht nehmen, für die Streikfolgen auf Gran Canaria etwa oder den Anblick Behinderter in einem griechischen Hotel.
Die Rechtsfindung in Reisesachen ist verwirrend. Je nach Sitz des Gerichtes gibt es nur ein finanzielles Trostpflaster oder aber ein paar Hunderter wegen des nächtlichen Lärms aus der Diskothek. Für "entgangene Urlaubsfreuden" werden, das mag einer verstehen, Spitzenverdiener höher abgefunden als der Fließbandarbeiter.
Schadensersatz wird mittlerweile, beobachtet NUR-Justitiar Alexander Paschkes, "mit den abstrusesten Begründungen" gefordert, hartnäckig, aber oft auch aussichtslos. Von NUR wollte ein Ehepaar Geld zurück, weil die Ehefrau im Meer "von einer Qualle umschlungen" worden und dann für den Rest des Urlaubs ungenießbar war.
Bei schlechter Kost lassen sich Reisende nicht länger mit einer Entschuldigung oder einer kleinen Aufmerksamkeit abspeisen. Die Leute wollen heute, wie Geschäftsführer Hans-Jürgen Kaul von "Kaufhof-Reisen" in Köln registriert, "Geld und sonst gar nichts".
Das kostet die Branche einiges. Rund zwanzig Millionen Mark haben Deutschlands Reiseunternehmer im vergangenen Jahr ihren Kunden rückvergütet, mehr denn je zuvor. Vier von S.73 hundert Pauschalreisenden legen sich inzwischen mit den Veranstaltern an. Und die Tendenz zu streitigen Auseinandersetzungen ist nach Auskunft von Reisejuristen "steigend".
Früher, stellt Kaul fest, "haben die Leute uns noch selbst geschrieben, heute kommt gleich der Anwaltsbrief". Es folgen massenhaft Prozesse. Allein in Frankfurt waren 1979 rund eintausend Klagen anhängig, dieses Jahr stieg die Quote der Verfahren bislang um 20 Prozent.
Die Publizität kundengeneigter Rechtsprechung und Aufklärungskampagnen über die Rechte wecken bei vielen Prozeßlust. Das Bundesjustizministerium verteilte dieses Jahr die Broschüre "Ihr Recht reist mit", Hessens Justizminister Herbert Günther gab "Tips zum neuen Reisevertragsrecht für Pauschalreisende" mit auf die Fahrt, dargestellt an "Herrn Lustig", der "von einem Urlaubsärger in den anderen stolperte".
Springers "Bild am Sonntag" läßt wöchentlich den "Reise-Inspektor" sprechen: "Sie haben viel mehr Rechte, als Sie denken." Selbst Amtsrichter Bartl wirbt für mehr Zulauf zur Justiz. Einem Handbuch "Mein Recht im Urlaub von A bis Z" hat er gleich die Schadenstabelle beigefügt mit Beispielen, wieviel wann zu holen ist.
Doch nicht allein gestärktes Verbraucherbewußtsein treibt Urlauber zu Beschwerden und Klagen. Freizeitforscher und Reiseexperten sehen tiefere Ursachen: Enttäuschungen im Urlaub, hervorgerufen durch allzu hohe Erwartungen und mangelhafte Informationen über die fernen Gestade, werden nicht länger aus Scham vertuscht, sondern den Reiseunternehmen aufgetischt.
Und beides, mehr Rechtsaufklärung und größerer Frust, habe eine, wie es Diplom-Psychologe Heinz Hahn vom Starnberger Studienkreis für Tourismus erläutert, "sehr komplexe Wechselwirkung".
Mit überzogenen Forderungen treten dann Reisende vor Gericht, die "im Blindflug" (Bartl) nach Fernost aufgebrochen sind und dort mit Klima und Käfern nicht zurechtkamen. Mangelndes Informationsinteresse ist, so das Ergebnis einer Tourismus-Fachtagung in Berlin, einer der wesentlichen Gründe, warum es vor Ort "zu unliebsamen Überraschungen kommt".
Und weniger als seine Nachbarn kann der Deutsche, das fiel Freizeitforschern auf, Unannehmlichkeiten im Urlaub wegstecken, für Psychologe Hahn "ein völkerpsychologisches Phänomen": Während Briten und Franzosen auf Mängel im Urlaub "zwar durchaus kritisch und frech, aber gelassen" reagieren, ist nach Ansicht Hahns den deutschen Gästen eigen, daß sie "ziemlich kritteln und schon aus der Haut fahren, wenn das Bettgestell knarrt".
Das Angenehme von daheim wollen sie in der Ferne nicht missen. Nur der "deutsche Dauerregen", so NUR-Anwalt Thieleking, "hat sich gefälligst nicht im Reiseland einzustellen". Regnet es dann auf Gran Canaria, beschreibt der Frankfurter Reiserechtler Wolfram-Rainald Taesler den Kreislauf, "dann hagelt es zu Hause Klagen".
Er fällt auf und ist kein Einzelgänger, der Pauschalreisende, der im Hotel das enge Zimmer nachmißt, den verbauten Ausblick photographiert und die Ameisen zählt. Es sind, den Veranstaltern mitunter schon bekannt, notorische Nörgler darunter, und auch immer häufiger "Kunden, die nur ein bißchen Geld für den nächsten Urlaub rausschinden wollen" (Kaul). Die "setzen sich dann hin", beschreibt der Münchner Reisepsychologe Reinhard Schober diese Spezies, "und knobeln, wo was zu holen ist".
Sie opfern, gerne oder unbewußt, einen Teil ihres Urlaubs für die Mängelsuche. S.76 Erheblicher noch ist der Aufwand, den Pauschalreisende für die Durchsetzung ihrer Ansprüche schon am Ferienort treiben müssen, seit vergangenes Jahr das Gesetz über den "Reisevertrag" in Kraft trat. Die aufgedeckten Fehlleistungen muß der Urlauber jetzt dem Veranstalter am Ort melden und ihm eine "angemessene Frist" zur Abhilfe setzen, für Reiserechtler wie Richter Bartl "urlaubsfremde Auflagen".
Außer Frage steht, daß nörgelnde Urlaubs-Konsumenten und verbraucherfreundliche Richtersprüche die Touristikmanager zwangen, die Kataloge ehrlicher zu gestalten und die Hotels sorgfältiger auszuwählen. "Die Branche hat früher stark gesündigt", räumt Kaul von "Kaufhof-Reisen" ein, "aber unter dem Druck von außen wurden die sichtbaren Mängel beseitigt." Wenn heute dennoch "der zugesagte Balkon nicht da ist", versichert Kaul, "dann kriegen die Leute ihr Geld sofort zurück, bums, aus".
Weiter geht es in der Regel zum Anwalt oder vor die Zivilgerichte, wenn Störungen des Urlaubsgenusses nicht mit dem Zollstock meßbar sind, sondern nach Art und Umfang dem persönlichen Empfinden des Reisenden entspringen.
Zwar ist gesetzlich geregelt, daß ein Mangel den Reisepreis "mindert", daß Schadensersatz verlangt werden kann, wenn der Reiseveranstalter "den Mangel zu vertreten" hat, und daß der Reisende auch "wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit eine angemessene Entschädigung" verlangen kann, wenn die Reise "vereitelt oder erheblich beeinträchtigt" wird.
Die gesetzliche Maßgabe ist aber derart unbestimmt, daß richterlicher Ausfüllung weiter Lauf gelassen wird.
Um Zahlungen an enttäuschte Urlauber kommen die Touristikunternehmen fast nie herum, wenn vor Ort nicht gehalten wird, was im Prospekt versprochen wurde.
So offerierte ein Sonderkatalog "Club 28" Urlaub für junge Leute: "Wer schon über 33 ist, muß leider draußen bleiben." In den Club-Hotels, so die Werbung, "sind die Engelchen und Teufelchen meist lebhafter und jünger, geschlafen wird in den Morgenstunden". Für den Tag wurden "rasende Rallyes" angekündigt, für die Nacht die "Rolling Disco".
Im "Club Romantica" auf Mallorca aber traf das junge Ehepaar mit Kleinkind unter zwanzig Club-Gästen auch welche über 33. Das Durchschnittsalter der ausländischen Urlauber habe, so die Beschwerde, "um vierzig Jahre" gelegen, und in der Diskothek sei "nur Musik für Rentner" gespielt worden.
Das Landgericht Frankfurt verurteilte den Reiseveranstalter zur Rückzahlung von 1998 Mark (Pauschalpreis: 2320 Mark). Die Reise sei für die junge Familie "praktisch wertlos" gewesen, so die Richter, "denn statt des verkauften Urlaubs in aufgeschlossener, gelockerter Clubatmosphäre unter jungen Leuten handelte es sich um einen biederen Familienurlaub".
Auch ist es kein unerheblicher kleiner Unterschied, wenn im Katalog das Hotel "für Anhänger der FKK-Bewegung" angepriesen ist und die Reisende sich nur abseits "am Felsenstrand nahtlos bräunen" konnte, wie das Landgericht Frankfurt feststellte. Denn es fehlt am einsamen Felsenstrand, so die richterliche Begründung, "die Gelegenheit, sich in Gesellschaft mit anderen Anhängern des FKK-Gedankens zu bewegen und die Eigenart einer solchen Gemeinschaft zu erleben".
Umgekehrt müssen die Reiseunternehmen mitunter auch zahlen, wenn sie Hinweise weglassen -- an einem ruhigen Ferienort etwa auf anhaltenden Baustellenlärm oder nächtliches Gedröhne aus der Diskothek. Einem Ehepaar, das in Thailand statt im Luxushotel "erst in einem Bordellbetrieb" und dann "wieder in einem Puff" untergebracht wurde, sprach das Münchner Landgericht die vollen Reisekosten und darüber hinaus 2300 Mark für "entgangene Urlaubsfreude" zu.
Für Entspannung im Urlaub sind Lärm und Lasterhöhlen gewiß die falsche Umgebung. Für rechtzeitige Aufklärung oder rasche Abhilfe zu sorgen liegt, wie selbst Veranstalter zubilligen, "nur in unserem eigenen Interesse". Denn "es ist ja nicht so", plädiert Geschäftsführer Kaul für einen anständigen Kundendienst, "daß wir einen Teppich verscheuern und dann mit unserem Laden verschwinden".
Betroffen machte die Reisebranche freilich ein Urteil des Frankfurter Landgerichts, in dem ausgeführt wurde, daß "auch die Anwesenheit einer Gruppe von jedenfalls 25 geistig und körperlich Schwerbehinderten" einen "zur Minderung des Reisepreises berechtigten S.78 Mangel" darstellt. Die Touristikunternehmen (NUR-Paschkes: "Ein hanebüchenes Urteil") reagierten unterschiedlich: Einige ignorierten den Richterspruch und nahmen weitere Schadensersatzklagen in Kauf, andere wiesen fortan in ihren Katalogen dezent auf die mögliche Anwesenheit von Behinderten hin -- was schon Folgen hatte.
Zwei Schwestern, die einen Urlaub auf Rhodos gebucht hatten, entdeckten im Katalog eines anderen Reiseveranstalters bei ihrem Hotel den Hinweis "gut geeignet für Rollstühle". Das fanden sie "schockierend" und baten, da sie sich "unter dieser Art von Menschen nicht wohl fühlen" könnten, um "eine Lösung".
Immer häufiger müssen die Reiseveranstalter auch für Zwischenfälle aufkommen, die Touristen zwar den Urlaub vermiesen, aber nicht etwa schlampiger Planung des Unternehmens angelastet werden können.
Selbst für die Folgen schlechten Wetters, gegen die sich Urlauber bislang nur durch den Abschluß einer gesonderten Versicherung abdecken konnten, haftet mitunter der Veranstalter -- jüngste Fortentwicklung der höchstrichterlichen Reiserechtsprechung.
Auf einer Mittelmeerkreuzfahrt, dieser Fall stand zur Entscheidung, hatte das Schiff "Aserbaidschan" nach den Angaben des Reiseveranstalters "Touropa" wegen "ungewöhnlich ungünstiger Witterungsverhältnisse" den Hafen von Alexandria in Ägypten nicht anlaufen können. Auch die türkische Küste sei nicht erreichbar gewesen: In Alanya habe das Schiff "wegen des hohen Seegangs nicht festmachen können", in Antalya sei "das Ausbooten wegen heftiger Gewitter unmöglich gewesen".
"Touropa" erstattete die Beträge für die ausgefallenen Landausflüge. Nach Ansicht des Oberlandesgerichts (OLG) München, bestätigt jetzt auch vom Bundesgerichtshof (BGH), war das zu wenig: Das Reiseunternehmen wurde verurteilt, darüber hinaus ein Drittel des Preises zurückzuzahlen.
Denn die Hindernisse, argumentierte das OLG, beruhten "jedenfalls nicht auf einem aus der Sphäre der Reisenden kommenden Umstand". Der Senat, so die weitere Begründung, "vermag ebensowenig, wie er die Beklagte für schlechtes Wetter verantwortlich halten würde, diesen Umstand den Reisenden zuzurechnen". Lagen die widrigen Umstände aber "außerhalb des Einflußbereiches beider Parteien", so das OLG, dann mindere sich der Reisepreis entsprechend.
Das höchstrichterliche Grundsatzurteil führt nach Ansicht von TUI-Justitiar Wolf Tschierschke zu "untragbaren Konsequenzen": Kleinere Unternehmen könnten es sich jetzt "nicht mehr leisten, Kreuzfahrten anzubieten". Womöglich, sieht Tschierschke weitere Folgen, "werden wir auch noch zur Rechenschaft gezogen, wenn kein Schnee da ist".
Reiseveranstalter müssen sich auch, das ist immerhin machbar, über "die akuten Risiken des Ferienlandes und des Aufenthaltsortes eingehend" informieren und ihre Kunden über die "Gefahren des jeweiligen Reiselandes" rechtzeitig aufklären. Unterbleibt die Warnung vor einer "ausgedehnten Gewaltkriminalität", dann muß der Touristikunternehmer zahlen -- Ersatz für die Folgen eines Überfalls, geraubten Schmuck oder gestohlenes Bargeld.
Diesen Grundsatz stellte jetzt das Oberlandesgericht Nürnberg in einem Urteil auf, das erstmals der zunehmenden Gefährdung deutscher Touristen im Ausland Rechnung trägt und die Reiseveranstalter in die Pflicht nimmt, wenn sie die schlimmen Zustände vertuschen.
Der Fall, der vor dem 5. Zivilsenat zur Verhandlung stand: Einem Ehepaar war die Karibikinsel Jamaica in Reiseprospekten als "ein Paradies" vorgestellt worden, mit "seltenen tropischen Vögeln, die zurücklächeln, damit man sich gleich richtig versteht".
Doch in das Ferienhaus in Montega Bay drangen nachts finstere Gestalten ein, bedrohten die beiden Urlauber mit Pistolen und Haumessern und machten reichlich Beute -- Brillanten, Banknoten und Kleidungsstücke.
Als der Reiseunternehmer den Rest des Pauschalpreises von 3695,50 Mark S.80 eintreiben wollte, rechnete das überfallene Ehepaar mit dem Schaden aus dem Raub in Höhe von insgesamt 6053,50 Mark auf -- zu Recht, wie die OLG-Richter fanden.
Denn der Reiseunternehmer, so urteilte der Zivilsenat, habe gegen seine Hinweispflicht "schuldhaft verstoßen". Es sei verborgen geblieben, was sich Urlaubern auf der Karibik-Insel tatsächlich bietet: eine steigende "Gewaltkriminalität, die in den letzten Jahren auch auf die Touristikzentren übergegriffen hat. Einbrüche, Überfälle auch auf Urlauber und deren Ferienhäuser und sogar Morde sind keine Seltenheit".
Die Aufklärungspflicht erübrigt sich nach Auffassung der Nürnberger Richter freilich dann, wenn kriminelle Übergriffe in bestimmten Regionen auch bei deutschen Urlaubern schon allgemeines Gedankengut sind. Der Zivilsenat sprach vor allem "die südeuropäischen Länder" an, "so Italien" und "die Häufigkeit dort vorkommender Kraftfahrzeugdiebstähle". Jamaica dagegen, so der Vergleich des Zivilsenats, "ist eine überseeische und zumindest gegenwärtig noch exotische Insel, über deren Eigenheiten hierzulande bei Touristen erst wenige Erfahrungen vorliegen".
Auch Drohungen von Terroristen können zu Lasten der Reisebranche gehen. Das Amtsgericht Frankfurt entschied, nach einem angekündigten Anschlag auf besetzte Lufthansamaschinen verängstigt aus dem Vertrag aussteigenden Urlaubern müsse der Veranstalter den gesamten Reisepreis erstatten. "Eine Gefährdung der Reise", so die Urteilsbegründung, sei selbst "dann anzunehmen, wenn mit einer spanischen Gesellschaft geflogen werden sollte".
Das Landgericht Mönchengladbach freilich entschied genau andersherum. Bei kurzfristigem Rücktritt von der Reise müsse die vereinbarte Ausfallgebühr gezahlt werden, denn durch die Bombendrohung sei eine "konkrete Gefährdung" nicht eingetreten. Die richterliche Argumentation: "Da Charterflugzeuge im allgemeinen von den Fluggästen langfristig gebucht werden, war hier die Gefahr eines Sabotageaktes durch Mitreisende wesentlich geringer als bei einer Linienmaschine."
Die unterschiedliche Rechtsprechung verunsichert Kunden wie Unternehmer. Herumgesprochen hat sich unter Anwälten, S.81 daß bei der Frankfurter Justiz (Kaul: "Hochburg des Veranstalterschrecks") am meisten zu holen ist. Betroffen sind vor allem NUR und airtours, die ihren Sitz am Main haben.
Die Urlaubsunternehmen, auch das entschied das Amtsgericht Frankfurt, haften selbst dann, wenn Gäste auf staatliche Anordnung im Luxushotel politischen Persönlichkeiten kurzfristig Platz machen müssen. Als Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat und Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Kairoer Friedenskonferenz Weihnachten 1977 noch zu einem Ausflug nach Luxor und Assuan starteten, wurden Touristen in ein Hotel "mit kaltem Wasser und penetrantem Gestank" umquartiert.
Auch die Geste des Kanzlers, die vertriebenen deutschen Urlauber durch eine Einladung zum Abendessen zu entschädigen, versöhnte nicht alle. Einer klagte und erhielt rund 1000 Mark zurück -- vom Reiseveranstalter.
Empfindlicher noch traf Touristikunternehmer jetzt ein Urteil der Frankfurter Landrichter, das ihnen die Folgen von Streiks am Urlaubsort aufbürdet. Einer vierköpfigen Familie, die während des Ausstandes im Dezember 1978 auf Gran Canaria "beträchtliche Leistungsstörungen" hinnehmen mußte, sprach die 24. Zivilkammer neben einer -bislang meist anstandslos gezahlten -- Minderung des Reisepreises auch "Schadensersatz wegen vertanen Urlaubs" zu.
Dabei ließ das Gericht in seiner Begründung dahingestellt, ob der Streik rechtswidrig oder rechtmäßig war. Bei zulässigem Ausstand, der ja vorhersehbar und deshalb auch "keine höhere Gewalt" sei, hätte sich der Veranstalter vor Reisebeginn über die beabsichtigten Kampfmaßnahmen informieren und den Kunden rechtzeitig davon in Kenntnis setzen müssen.
War der Streik rechtswidrig und deshalb nicht voraussehbar, so die weitere Begründung, dann habe die Beklagte "das Fehlverhalten ihrer Erfüllungsgehilfen zu vertreten" -- und das seien eben auch die Angestellten der Hoteliers, Köche wie Zimmermädchen.
Und gegen die Hotelunternehmer und auch das wild streikende Personal, wiesen die Richter einen Weg des Ausgleichs, könne der Reiseveranstalter ja "vertragliche Schadensersatzansprüche selbst geltend machen".
Die Entscheidung des Landgerichts blieb nicht ohne Kritik. NUR-Justitiar Paschkes sieht die Gefahr, daß dieses Urteil "das letztlich verfassungsrechtlich geschützte Tarifrecht aus den Angeln hebt". Warum, fragt Paschkes, "haftet der Reiseveranstalter, wenn der Hotelangestellte streikt, aber nicht, wenn die Fluglotsen streiken? Und daß man bei den Hotelangestellten Regreß nehmen könnte, findet NUR-Anwalt Thieleking "einfach zum Totlachen".
Andernorts wird die Bedeutung des Urteils heruntergespielt. Rolf Fechner, Justitiar bei TUI in Hannover, schreibt die Entscheidung der etwas "eigenen Vorstellung der Frankfurter Justiz über Streik" zu und kann sich "nicht vorstellen, daß diese Art von Rechtsprechung Schule macht".
Andere Gerichte entscheiden auch schon anders. Das Amtsgericht Hannover wies eine Klage auf Schadensersatz wegen der Streikfolgen auf Gran Canaria mit der Begründung ab, Arbeitskämpfe seien "Teil des demokratischen Wirtschaftslebens, ohne daß sie von Außenstehenden beeinflußbar wären", auch nicht durch einen Reiseveranstalter.
Als problematisch hat sich der Berechnungsmodus erwiesen, nach dem die "nutzlos aufgewendete Urlaubszeit" einem Geschädigten abzugelten ist. Maßstab ist der Verdienstausfall, den einer erleidet, wenn er zum Nachholen der entgangenen Urlaubsfreude unbezahlten Urlaub nimmt. "Da kriegt dann der Chefarzt, der 20 000 Mark im Monat verdient", rechnet Paschkes vor, "für dieselbe Beeinträchtigung weitaus mehr Geld als die alte Rentnerin."
Doch oft werden allzu hohe Forderungen vor Gericht auch gehörig zurückgeschraubt. Weil ein Ehepaar in Kenia nicht im gebuchten Hotel "Two Fishes", sondern im "Mombasa Beach" untergebracht wurde, klagte es 4990,80 Mark Schadensersatz ein. Das Amtsgericht Köln speiste die Kläger mit zehn Mark ab, Ersatz lediglich "für das am Ankunftstag entgangene Abendessen".
Ganz leer ging eine Familie aus, die 3500 Mark für einen verpatzten Urlaub in Dalmatien (Pauschalpreis: 1558 Mark) haben wollte. Neben anderen Mängeln, so die Klagebegründung, habe "das Fenstergitter einen unteren Abstand von 21 cm gehabt", so daß der dreijährige Sohn "leicht habe hindurchrutschen können". Es sei doch "selbstverständlich", schrieb der Amtsrichter den Eltern ins Urteil, daß kleine Kinder "in fremden Hotels nicht unbeaufsichtigt gelassen werden können".
Die Reiseveranstalter haben sich unterdessen auf schwer zufriedenzustellende Kundschaft eingestellt. "Was uns berechtigt erscheint, wird im Kulanzwege geregelt", beschreibt Kaufhof-Reisen-Geschäftsführer Kaul die Praxis, "meistens schon am Urlaubsort."
Dort betreuen inzwischen Reiseleiter die Urlauber, die über Rechtsansprüche ebensogut Bescheid wissen wie über die Sitten des Reiselandes -- und die auch wie Kriminalbeamte Spuren sichern und beanstandete Hotelzimmer photographieren.
Um im Termin vor dem Frankfurter Amtsgericht den Vorwurf zu entkräften, im Urlaubs-Appartement sei die Klobrille lose gewesen, hatte ein Reisebetreuer den Gegenbeweis angetreten. "Der war 80 Kilo schwer, hat sich draufgesetzt", trug Rechtsanwalt Thieleking vor, "da hat nichts gewackelt."
S.70 Auf dem Flughafen Frankfurt. * S.73 unten: auf Mallorca. * Oben: in Torremolinos; * S.78 An der Costa del Sol. * An der Costa del Sol. *

DER SPIEGEL 34/1980
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