18.08.1980

TERRORISTENDas Pharaonengrab

Trotz der jüngsten Erfolge bei der Terrorfahndung fürchten Experten neue Anschläge gegen Politiker, Justiz oder Militär.
Auf der großflächigen Landkarte an einer Wand im Lagezentrum des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden sind die jüngsten Spuren der Terrorfahndung eingezeichnet: ein buntes Gewirr von Schriftzeichen und Zahlen, auffällig konzentriert in einer Art Nord-Süd-Korridor, begrenzt von Karlsruhe im Westen und Stuttgart im Osten.
Die Markierungen entstanden aus mehr als 2500 Hinweisen, die seit dem tödlichen Autounfall der beiden mutmaßlichen Terroristen Juliane Plambeck und Wolfgang Beer Ende Juli in der Nähe des baden-württembergischen Bietigheim beim BKA eingingen.
In den letzten 14 Tagen vor dem Verkehrsunfall sind Plambeck, Beer und ihre Genossen, so zeigt die Schautafel, immer wieder innerhalb dieses Korridors hin und her gefahren. Noch wissen die Experten des Bundesinnenministeriums nicht genau, welche Ziele die Terroristen im Visier hatten.
Aus der Fülle der Spuren, dazu aus schriftlichen Bekenntnissen folgern die Fachleute, es seien Terroraktionen nach dem "Modell '77" geplant. Damals waren die Anschläge gegen Repräsentanten von Staat und Wirtschaft gerichtet. Mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback sollte die Justiz, mit den Attentaten auf Bankier Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer das Großkapital getroffen werden.
Jetzt stehen offenbar Akteure oder Objekte aus Justiz, Militär und Politik im Zentrum der terroristischen Überlegungen. Obgleich die Aktivitäten in der Nähe von Karlruhe sofort den Verdacht aufkommen ließen, Buback-Nachfolger Kurt Rebmann sei als neues Opfer ausersehen, scheint der Generalbundesanwalt derzeit nicht akut gefährdet.
Die Experten trauen der Versicherung aus einem Bekennerbrief, in dem wahrscheinlich der seit Jahren gesuchte Christian Klar schreibt, die Terroristen wollten gegen Rebmann einstweilen nichts unternehmen. "Die haben", so stellte einer der Fahnder staunend fest, "eine brutale Wahrheitsliebe."
In größerer Gefahr sind einige Juristen, die in letzter Zeit Terroristen-Prozesse geführt haben, wie der Stuttgarter Gerichtsvorsitzende Eberhard Foth. "Mit Ihnen diskutieren wir nicht", sagte Knut Folkerts bei seinem Prozeßbeginn, "solche wie Sie erschießen wir."
Daß auch Soldaten und militärische Einrichtungen bedroht sein könnten, folgern Beamte aus den Ausflügen der Plambeck/Beer-Gruppe, die auffallend oft in die Nähe von Nato-Anlagen, so zu Raketenstellungen, führten. Und noch ein anderes Indiz weist in Richtung Militär. In Schriften und Aktionen -- wie den Bremer Krawallen bei dem Gelöbnis von Wehrpflichtigen -wird immer deutlicher, daß sich Linksextremisten und Terroristen durch Gewalt gegen Militär mehr Zulauf erhoffen.
Im Bereich der Politik gilt weiterhin die höchste Alarmstufe zum Schutz von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Zwar hieß es im letzten Bekennerbrief der RAF nach dem Plambeck/Beer-Unglück, man habe nicht vor, "Schmidt in die Luft zu jagen".
Aber die Hinweise auf ein geplantes Attentat gegen den Bundeskanzler sind so seriös, daß die Sicherheitsbehörden die Brief-Passage nur so weit wörtlich nehmen, als es um Explosionen geht. Sie schließen andere Methoden für einen Anschlag auf Schmidt keineswegs aus.
Der Tip, daß es die Terroristen auch auf Regierungschef Schmidt abgesehen haben, stammt aus einer Quelle, die der Polizei schon mit anderen zutreffenden Informationen aushalf. Von dort erhielt das BKA jene Angaben, die zur Festnahme der fünf mutmaßlichen Terroristinnen in der Pariser Rue Flatters führten.
In jener mit Spuren übersäten Wohnung (BKA-Präsident Horst Herold: "Ein Pharaonengrab") fanden die Fahnder bestätigt, mit welch hohem technischem Niveau die deutschen Terroristen inzwischen vorgehen. In der Wohnung lagerten insgesamt 109 Kilogramm Natriumchlorat, Material zur Herstellung von Sprengstoff höchster Brisanz, wenn annähernd dieselbe Menge Puderzucker dazugemischt wird.
Im "Pharaonengrab" an der Rue Flatters stand auch eine geräumige schwarzgestrichene Blechkiste, die als Mantel "zur Grobverdämmung" (Fachjargon) einer gewaltigen Bombe geeignet wäre. Zwei ähnliche Kisten, gelb und grün, aber etwas kleiner, waren bereits 1978 in einer konspirativen Wohnung in der Hannoveraner Ihmepassage gefunden worden.
Die Pariser Wohnung barg zudem die Vorrichtung, die zum fachmännischen Zünden einer so großen Sprengstoffmenge nötig ist: zwei ineinander gesteckte Glühstrümpfe, deren große Oberfläche ausreichend Zündwärme entwickelt hätte.
Aus den Sender- und Empfängerelementen eines Modellflugzeug-Fernsteuerungssets bastelten die Terroristen eine passende Fernzünd-Anlage.
Dazu gehörte ein acht Meter langes Doppelkabel für die Verbindung zwischen Glühstrumpfzünder in der Bomben-Kiste und dem Auslöser-Mechanismus. Auf einer Schalttafel hatten die Heimwerker den Kippschalter für das Schließen des Zündstromkreises über eine Kordel mit dem Schwenkarm des Flugzeugsteuergerätes verbunden.
Der Funkimpuls aus einem Handsender hätte -- bei freier Sicht über eine Entfernung von drei bis vier Kilometer, bei weniger günstiger Lage über eine Distanz von einem Kilometer -die Bomben hochgehen lassen. Fortschritt gegenüber früheren Fernzündgeräten: Die Apparatur arbeitet auf dem relativ wenig benutzten 72-Megahertz-Band; eine Zündung zur Unzeit durch Funksignale aus fremden Geräten S.86 wäre weniger wahrscheinlich gewesen.
Unklar ist, wo die black box mit der Pariser Mischung abgestellt werden sollte. Wollten die Terroristen eine Sprengfalle nach Vorbild der IRA oder der Palästinenser in einem abgestellten Auto aufbauen? Oder sollte der Vier-Zentner-Kaventsmann dazu dienen, die Außenmauer einer Strafvollzugsanstalt gerade dann zu knacken, wenn drinnen RAF-Häftlinge beim Hofgang sind?
Eine weitere RAF-Kreation, die neue Version eines Flächenschußapparates, hat trotz aller Tücke für die Fachleute inzwischen etwas von ihrem Schrecken verloren. Sie taugt nicht für den mobilen Einsatz, zum Beispiel als Einfachst-Stalinorgel auf dem Dachträger eines VW-Bully. Die Geschosse besitzen, wie neue Gutachten ergaben, auch nicht genügend Explosivkraft, um gepanzerte Limousinen zu durchschlagen.
Wohl aber hat die Waffe eine verheerende Wirkung beim Schuß auf großflächige Objekte, zum Beispiel auf eine Fensterfront. Ein in Düsseldorf von den Terroristenbekämpfern entdeckter Schießapparat wurde aus einem Modell fortentwickelt, das 1977 bereits gegenüber der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe montiert war.
Vorzug der zweiten Generation: Die Holzpaletten mit jeweils sieben oder acht Abschußrohren sind wesentlich leichter zu transportieren und zusammenzuschalten; die Geschosse sind nicht mehr hintereinander, sondern alle auf einmal abzufeuern, bei einfachster Verkabelung. Pannen mit Strippen-Gestrüpp wie noch in Karlsruhe sind weniger wahrscheinlich.
Zu den RAF-Raffinements gehört neuerdings auch eine aufwendige Paß-Fälschtechnik. In der Pariser Wohnung fanden sich dafür Photo-Gerät, Zinkplatten und Silikon zum Gießen von Druckstöcken.
Mit solch perfekt gefälschten Papieren können die Terroristen Bankkonten einrichten und vom Ausland aus gefahrlos Mittel -- etwa aus dem Lösegeld für den 1977 entführten österreichischen Industriellen Walter Michael Palmers -- anweisen, mithin bargeldlos zahlen. Die Zeiten sind vorbei, in denen Terroristen stets auch größere Beträge für Autokauf oder Wohnungsmiete bar auf den Tisch blätterten.
Trotz aller Erfolge, die der Zufall oder polizeiliche Feinarbeit den Fahndern bescherten, ist BKA-Präsident Herold beunruhigt, welches Potential noch im Terroruntergrund steckt. Führende Figuren, zumal die mutmaßliche Chefin Brigitte Mohnhaupt, sind nicht ins Netz gegangen.
Seit März registrierten die Fahnder einen außergewöhnlich starken Reiseverkehr von mehr als 50 Personen aus dem RAF-Umfeld über die deutschfranzösische Grenze. Frankreich ist nach Überzeugung Herolds Aufmarschgebiet der deutschen Terroristen.
Letzte Woche gelang dort nur ein halber Erfolg. Der Unfall von Bietigheim hatte Hinweise auf eine weitere konspirative Wohnung in der Pariser Rue Jacob Nummer 16 geliefert. Doch der Mieter, der Hamburger Arzt Ekkehard Freiherr von Seckendorff-Gudent, hatte kurz vor dem Unglück gekündigt.
Im Appartement, das als Anlaufadresse diente, waren alle Spuren fachmännisch getilgt.

DER SPIEGEL 34/1980
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