18.08.1980

ITALIENRassische Einheit

Terrorfahnder schließen nicht aus, daß Ausländer am Bahnhofsanschlag von Bologna mitwirkten.
Die Razzia war scharf wie nie. Sogar unter Teppichen suchten Carabinieri Spuren, die zu den Mördern von Bologna hätten führen können.
Doch die Aktion, bei der die Wohnungen von über 200 amtsbekannten Ultras in zwei Dutzend Städten auf der Halbinsel gefilzt wurden, erwies sich als ein Schlag ins Leere. Bis auf zwei Personen, die wegen unerlaubten Waffenbesitzes festgenommen wurden, mußten die Fahnder alle Inspizierten wieder laufen lassen.
So erfolglos begann zunächst die Hetzjagd nach den Urhebern des schlimmsten Attentats, das Italien je erschüttert hat. Die Zahl der Opfer war vorigen Mittwoch auf 82 gestiegen, nachdem ein 16 Jahre altes Mädchen seinen Brandwunden erlegen war.
An den Regierenden in Rom liefen die Nachbeben der Explosion auch letzte Woche noch vorbei.
Der sozialistische Transportminister Salvatore Formica forderte zwar eine Terrorismus-Sondersitzung seiner Kabinettskollegen -- jedoch, wegen der Urlaubszeit, vergebens. Ministerpräsident Francesco Cossiga weilt auf der kleinen Insel Maddalena vor Sardinien, wo er ein stark bewachtes Haus mit Seezugang bewohnt. Innenminister und Polizeichef Virginio Rognoni erholt sich streng geheim an einem Ort bei Rom.
Da zündete, am Dienstag voriger Woche in Bologna, Staatsanwalt Luigi Persico einen Sprengsatz mit womöglich internationaler Wirkkraft. Man untersuche, sagte er, "einen unzweifelhaften Zusammenfluß umstürzlerischer Kräfte auf extranationaler Ebene". Im Klartext: Italiens Fahnder mutmaßen, daß die Bombe von Bologna wenn schon nicht von ausländischen Rechts-Ultras, so doch mit deren Hilfe gelegt wurde.
Ein ganzes Sammelsurium von Namen rechtsextremer Aktivisten, die mit Bologna in Beziehung stehen könnten, haben die Ermittler bereits beisammen, durchweg alte Bekannte zwar, aber alle jung an Jahren und von bemerkenswerter Reisefreudigkeit: S.105
* Marco Affatigato, 24. Der toskanische Rechtsextremist aus Lucca bei Florenz war bereits vier Tage nach dem Attentat in Nizza festgenommen worden, nachdem Zeugen ihn am Ort der Tat gesehen haben wollten. Bis zum Ende letzter Woche konnte Affatigato kein hieb- und stichfestes Alibi für den ersten Samstag im August, dem Tag der Explosion, beibringen.
* Augusto Cauchi, 28. Der Ex-Fallschirmspringer war Mitglied einer "schwarzen Zelle" in Arezzo; er kennt Affatigato und wich 1975, von der Polizei gesucht, ins Ausland aus. Dort wurde er mit Angehörigen des spanischen Rechts-Ordens "Guerrilleros de Cristo Rey" gesehen.
* Paul-Louis Durand, 26, ein Bekannter von Affatigato. Der Franzose war Inspektor der französischen Geheimpolizei und hatte sich im Juli zwei Tage in Bologna aufgehalten. Letzten Montag wurde er vom Pariser Innenministerium seines Postens vorläufig enthoben.
Affatigato wird seit seiner Festnahme in Nizza von einem rechtsstehenden "Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener" betreut. Doch dessen Versuch, Zeugen aufzutreiben, die Affatigato ein Alibi verschaffen könnten, scheiterte auch in der zweiten Woche nach dem Anschlag.
Ein 25jähriger Mestize, der den Italiener am fraglichen Samstagmittag zu einem Aperitif eingeladen haben soll, "will sich vorläufig nicht bloßstellen", bekundete Affatigatos Rechtsanwalt. Und genauso rasch, wie sie am Freitagabend vor dem Anschlag mit dem Zug in Nizza ankam, ist Affatigatos britische Freundin, bisher die wichtigste Entlastungszeugin, vorige Woche wieder abgereist.
Affatigato, der in den Verhören angab, "nie eine Waffe und schon gar nicht Sprengstoff" angerührt zu haben, fand im Juli 1978 in Nizza eine ideale Zufluchtstätte.
Die Stadt, als Sammelplatz für Neofaschisten "aus ganz Europa" ("Newsweek") in Verruf gekommen, beherbergt eine zwar zersplitterte, gleichwohl aber zahlenmäßig starke Rechte. In diesem Sommer prangen Anschläge der rechtsextremen "Front national" an Hauswänden und Mauern, auf denen der gelegentliche Augenklappenträger Jean-Marie le Pen als Präsidentschaftskandidat gepriesen wird.
Die meisten rechtsextremen Stimmen konnten bei den letzten Kommunalwahlen die "Forces nouvelles" ergattern, eine Organisation, die enge Verbindungen zur neofaschistischen Partei Italiens MSI unterhält.
Der aktivste nizzardische Rechts-Klüngel jedoch, zu dem auch Affatigato Anschluß suchte, ist neonazistischer Natur. Er heißt "Nationale europäische Aktion" und benutzt das Kürzel Fane.
( Initialwort für "Federation d''action ) ( nationale europeenne". )
Zur Fane gehört der nunmehr suspendierte Paul-Louis Durand, von dem Affatigato sagt, er habe mit ihm Zeitungen und schon auch mal Briefe ausgetauscht. Durand trat auch im monatlichen Fane-Blatt "Notre Europe" auf, ein Organ, das die "Werte des Abendlandes" und die "rassische Einheit der europäischen Nation" aufs Panier geschrieben hat.
Obendrein wird in jeder Nummer angezeigt, wie viele Tage Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß ("unser Kamerad") nun bereits in Spandau sitzt. Hitler-Bewunderer Durand kritisierte in dem Blatt etwa den "antinazistischen Faschismus", das heißt die vergleichsweise Gemäßigten unter den Rechtsfanatikern in Westeuropa.
Durand, der laut "Le Monde" zum Politbüro der Fane zählt, hielt sich am 12. und 13. Juli in Bologna auf, wo er im Hotel "Cappello" in der Via Fusari abgestiegen war -- "um politische Freunde zu besuchen", wie er sagt. Anschließend fuhr Durand in die Abruzzen, um das Sommerlager "Campo Hobbit" der MSI-Organisation "Front der Jugend" zu besuchen.
2000 Jugendliche, denen der trivialmythische Erzähler J.R.R. Tolkien als Held gilt, waren anwesend -- unter ihnen die Verkünder eines "gewalttätigeren Faschismus", wie er an der MSI-Basis gegenwärtig diskutiert wird. Ein 16jähriger zum Beispiel namens Luca Orazi wurde letzte Woche in Bologna festgenommen -- wegen des Verdachts, einer "umstürzlerischen Vereinigung" anzugehören.
Staatsanwalt Persico scheint verwirrt vom buntschillernden Bild, das die Ermittlungen bisher ergaben. Die italofranzösische Fährte, meinte er, werde weiterhin verfolgt, doch die Ermittlungen gingen auch "in eine andere Richtung".
Persico, so hat es den Anschein, muß sich sputen. Am Mittwoch letzter Woche verhinderte die Polizei womöglich eine Neuauflage des Gemetzels von Bologna: Im Badeort Gaeta nördlich von Neapel fanden Suchtrupps 69 Stangen Sprengstoff TNT.
Sie lagen, in Plastiksäcke eingewickelt, in Büschen neben der Bahnstrecke nach Rom.
S.104 Mit Bolognas Polizeichef Italo Ferrante. * S.105 Initialwort für "Federation d''action nationale europeenne". *

DER SPIEGEL 34/1980
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