18.08.1980

Mit Weltkrieg-I-Waffen gegen die Schurawi

Ein Deutscher bei den Befreiungskämpfern im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet Der deutsche Staatsbürger H. ging mit mohammedanischen Mudschahidin ins Gefecht. Er berichtet im SPIEGEL:
Hauptquartier der Mudschahidin in Parachinar, einem Ort direkt an der pakistanisch-afghanischen Grenze. Auf der afghanischen Seite liegt die Provinz Paktia, eines der heißesten Kampfgebiete.
Die Organisation, Teil der Islamischen Nationalfront von Afghanistan, gehört mit etwa 600 Kämpfern zu den kleinsten unter den sechs vom pakistanischen Peschawar aus gegen Afghanistan operierenden Guerillagruppen. Untereinander sind die einzelnen Organisationen hoffnungslos zerstritten und von KGB-Agenten durchsetzt, allesamt leiden sie unter chronischem Geld- und Waffenmangel.
Offiziell ist Ausländern der Zutritt zu den Stammesgebieten strengstens verboten. Um überhaupt bis hierher zu gelangen, muß man ein Vermögen an Bestechungsgeldern investieren. Eine Erlaubnis zum Besuch von Flüchtlingslagern bringt einen wenigstens in die Nähe.
In Parachinar werden Waffen ausgegeben, Munitionskisten in einen Mercedes-Kleinbus verladen, ein 81-Millimeter-Mörser verstaut.
Gegen Mittag bricht der kleine Konvoi auf, wir fahren bis dicht an die Grenze. Dort werden Waffen und Munition auf Kamele umgeladen, ich in die Obhut eines afghanischen Gruppenführers gegeben, der überraschenderweise ein paar Brocken Deutsch spricht.
Um nicht allzusehr als Fremder aufzufallen, muß ich meine westliche Kleidung gegen einheimische tauschen. Das Angebot, mein blondes Haar schwarz umzufärben, lehne ich ab. Später sollte ich diesen Entschluß bereuen.
Schinwan, unser Führer, fragt unterwegs, ob ich etwas von Mörsern verstände. Als ich bejahe, wird er plötzlich sehr freundlich.
Nach einstündigem Fußmarsch durch die Berge erreichen wir das Camp der Mudschahidin, ein ehemaliges Zeltlager der afghanischen Grenzpolizei, die längst aus dieser Gegend vertrieben ist. Im Gegensatz zu der erdrückenden Julihitze in der Ebene um Peschawar ist das Klima hier angenehm, die Vegetation erinnert an die Alpen, überall sprudeln kristallklare Bäche.
Am nächsten Morgen nimmt mich Schinwan mit, um mich anderen Mudschahidin-Gruppen vorzustellen. Ich werde wie ein Wundertier herumgereicht und skeptisch betrachtet.
Erst als ihnen Schinwan erklärt, daß schon mein Vater und Großvater gegen die "Schurawi" gekämpft hätten, ist der Bann gebrochen. "Schurawi" ist in der Sprache der Paschtunen, die beiderseits der Grenze leben, das Wort für "Sowjet".
Die militärische Ausrüstung der Mudschahidin ist, soweit sichtbar, weniger für den "Heiligen Krieg" gegen die Schurawi geeignet als für einen guten Platz in einem Museum. Der größte Teil besitzt Lee-Enfield-Gewehre oder Mauser-Karabiner aus dem Ersten Weltkrieg. Nur wenige haben erbeutete 10-schüssige SKS-Selbstladekarabiner sowjetischen Ursprungs oder Kalaschnikows.
Ein englisches Bren-Maschinengewehr ohne Ersatzlauf, Baujahr 1945, stellt die Hauptfeuerkraft dar.
Schließlich haben diese Krieger noch eine 12,7-Millimeter- und eine 20-Millimeter-Kanone, hergestellt in Darrha. Dort, eine halbe Autostunde östlich von Peschawar, sind die berühmten primitiven Waffenschmieden der Paschtunen. Darrhas legendärer Ruf steht in keinem Verhältnis zu verwendeten S.124 Stahlqualitäten oder den Fertigungstoleranzen der in Handarbeit hergestellten Waffen und Munition.
An schweren Waffen werden mir zwei englische 81-Millimeter-Mörser, Baujahr 1930, ein nagelneuer chinesischer 82-Millimeter-Mörser und eine russische RPG-7-Panzerfaust gezeigt. Große Vorräte chinesischer Mörser und Handgranaten sind vorhanden.
Aber nirgends eine Spur von westlicher Unterstützung, von Waffenmengen, die angeblich die CIA herangeschafft hat. Diese Beobachtung deckt sich auch mit den Aussagen westlicher Reporter in anderen Kampfzonen.
Den Nachmittag verbringe ich damit, den Kriegern den Gebrauch der englischen Mörser-Visiere zu erklären. Die Mudschahidin sind von Kind an mit Gewehren vertraut, aber über schwere Waffen wissen sie so gut wie gar nichts.
Am folgenden Tag gehe ich mit einem Spähtrupp, der ein afghanisches Armeelager auskundschaften soll. Unterwegs zeigt man mir das Wrack eines BTR-60-Schützenpanzers und die Ruinen eines deutschen Sägewerks.
Das Lager selbst liegt in der Mitte des Jaji-Tals. Da die Aufständischen alle Straßen der Umgebung unterbrochen haben, wird die etwa 300 Mann starke Garnison ausschließlich aus der Luft versorgt. Wir können gutausgebaute Feldstellungen, Stacheldrahtverhaue und breit angelegte Minenfelder erkennen.
Schinwan meint: "Alles wie gewöhnlich, keine Veränderungen." Dieses Lager steckt wie ein Dorn im Fleisch der Mudschahidin.
Auf dem Rückweg passieren wir Waldstücke, in denen etliche aus der Luft abgeworfene Sprengfallen liegen, am häufigsten ein Typ in Form eines Blattes mit grünem Plastiküberzug, aber auch Sprengladungen, die mit Uhren, Ringen und Kugelschreibern gekoppelt sind.
Wir machen uns einen Spaß daraus, diese tückischen Fallen durch Steinwürfe zur Explosion zu bringen. Die Opfer der Höllenmaschinen zeigte man mir im Lazarett von Parachinar: meist alte Leute, die es beim Holzsammeln erwischt hatte. Der behandelnde Arzt erklärte: "Das Schlimmste an der Sache sind die Plastiksplitter, weil sie durch Röntgenstrahlen nicht entdeckt werden können]"
Am nächsten Morgen kommen zwei Führer aus Peschawar mit dem Befehl, das Armeelager anzugreifen. Nun werden die Gewehrläufe gereinigt, Waffen durchgecheckt, Patronen und Handgranaten ausgegeben. Wir warten bis zum Einbruch der Dämmerung, um vor den russischen Kampfhubschraubern sicher zu sein. Dann setzt sich die aus 300 Mann bestehende Kolonne in Marsch.
Die ganze Aktion zeigt, wie planlos diese Krieger vorgehen und mit welch unzulänglichen Mitteln sie kämpfen. Wenn die Russen Afghanistan nicht beherrschen können, die Freiheitskämpfer können es auch nicht befreien.
Während einer Rast beten die Guerrilleros gemeinsam und bitten Allah um Erfolg für ihr Unternehmen. Danach trennen sich die verschiedenen Gruppen, um zurück in die ihnen zugewiesenen Bereitstellungsräume zu marschieren.
Wir schleichen in 300 Meter Entfernung an dem Lager vorbei. Gegen Mitternacht erreichen wir ein Dorf, in dem wir Schlafquartiere bekommen.
Kurz nach Sonnenaufgang schrecken uns zwei Mi-24-Kampfhubschrauber aus dem Schlaf. Sie suchen die umliegenden Berge ab, können aber offenbar nichts entdecken.
Gegen Mittag brechen wir auf, um auf dem Jaji-Berg Stellung zu beziehen, dessen Gipfel wir kurz vor Sonnenuntergang erreichen. Von hier aus können wir das nur zwei Kilometer entfernte Lager gut einsehen.
Die Mudschahidin arbeiten fieberhaft, um ihre Waffen in Stellung zu bringen. Gegen sieben Uhr beginnen die insgesamt drei Mörser zu feuern. Mächtige Erdfontänen wachsen wie Pilze aus dem Lager. Der Gegner antwortet mit Maschinenkanonen und S.127 Granatwerfern, der Geschoßhagel zwingt alle, so schnell wie möglich in Deckung zu gehen.
Gegen zehn Uhr hört der Beschuß auf, dafür setzt nun aus dem Lager das Geplärre eines Lautsprechers ein. Schinwan übersetzt: Im Tal treibe sich ein ausländischer Agent herum, auf dessen Kopf eine Belohnung ausgesetzt sei.
Schinwan sieht mich nun mißtrauisch an und meint, daß es unter den Mudschahidin tatsächlich Leute gebe, "denen man nicht trauen" könne. Mir wird bewußt, daß die Lage gefährlich ist: Obwohl ich afghanisch gekleidet bin, verraten doch Brille und blondes Haar den Fremden.
Gottlob bringen zwei unserer Mörsergranaten den Lautsprecher zum Schweigen, gegen Mitternacht rücken wir ab. In der Dunkelheit stolpern wir den Berg hinunter und legen uns in einem Waldstück schlafen.
Am späten Vormittag wecken uns Essensträger, die heißen Tee und Brot aus einem in der Nähe gelegenen Dorf bringen. Zwar ist jetzt noch der Fastenmonat Ramadan, doch wenn gekämpft wird, ist das Fastengebot außer Kraft gesetzt.
In der nun folgenden Lagebesprechung kann ich die Mudschahidin davon überzeugen, daß es Selbstmord wäre, das Lager in einem nächtlichen Sturmangriff überrennen zu wollen. Um eine Bresche in das Minenfeld und durch die Stacheldrahtverhaue zu schießen, haben die Kämpfer bei weitem nicht genug Mörsergranaten. So entschließt man sich zu erneuter Beschießung durch Mörser und Infanterie.
Bei Sonnenuntergang bezieht unser Team die alte Stellung und beginnt die Bombardierung, zweite Auflage. Jedesmal, wenn ein Mudschahidin eine Granate ins Rohr fallen läßt, sendet er ein lautes Stoßgebet zu Allah.
Offenbar treffen wir das Lager diesmal schwer, denn das Feuer wird nicht mehr erwidert. Um 8.30 Uhr zerlegen wir unsere Mörser und beginnen den Abstieg ins Tal. Der Mond geht auf, gefährlich voll. Alles ist in gespenstisch fahles Licht getaucht. Die Gegenseite feuert nun doch wieder mit Granatwerfern.
Wir hasten weiter durch die Nacht, springen über Zäune und Wassergräben und nehmen lange Umwege in Kauf, um Dörfer zu umgehen, in denen wir regierungsfreundliche Einwohner vermuten.
Plötzlich stoßen wir auf etwa 400 weitere Mudschahidin, die in Bereitschaft liegen, unter ihnen viele alte Männer, die die Aussicht auf einen gewaltsamen Tod offenbar gelassen hinnehmen.
Schinwan sagt: "Um elf Uhr fangen wir an", als ob er den Beginn eines Fußballspiels meint. Nach einer kurzen Rast marschiert der kleine Trupp weiter.
Eine halbe Stunde später beginnt das Gefecht erneut. Das Lager verwandelt sich in einen feuerspeienden Vulkan. Überall krepieren Granaten, Leuchtspurgarben durchpflügen die Nacht. Wir sind bestrebt, so schnell wie möglich aus diesem Hexenkessel herauszukommen, und stürzen in wilder Flucht nach allen Seiten davon.
Nach stundenlangem Rückmarsch erreichen wir die Posten, die die Straße zur Grenze sichern, um zwei Uhr nachts stolpern wir erschöpft in unsere Zelte.
Als ich am Morgen das Lager verlasse, um den Bus nach Peschawar zu erreichen, höre ich, wie die russischen Kampfhubschrauber das Tal bombardieren. Mir war, als liefe ich über eine Brücke, die langsam Stück für Stück hinter mir zusammenbricht.
S.127 unten: die Sprengfallen werden durch Steinwurf zur Explosion gebracht. * Rechts: Sprengkörper in Blattform aus Kunststoff; *

DER SPIEGEL 34/1980
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