02.02.1981

PRESSEKleinstes Übel

Rupert Murdoch, der ruppige Aufkäufer maroder Zeitungen, steigt nun bei der „Times“ in London ein.
Seit Citizen Kane durch die Räume des legendären "New York Inquirer" fegte und die verstaubten Chefredakteure auf die Straße setzte, hat kein Pressemann so aufgeräumt wie Rupert Murdoch, der australische Tycoon.
Murdoch, der auf seinem Heimatkontinent mehr als 70 Zeitungen sein eigen nennt, kauft geschäftlich schwer leidende Blätter auf, um die preiswert angebotenen Ruinen rasch und billig zu sanieren -- gewöhnlich mit drallem Sex und tumbem Tratsch.
So richtig wirkte die simple Mischung erstmals 1969, als Murdoch das halbtote englische Massenblatt "Sun" wiederbelebte. Von damals 800 000 schwollen die Verkaufsziffern auf 3,6 Millionen Exemplare täglich an.
1973, als der Presse-Krake Murdoch auch noch in die USA ausgriff, waren es beispielsweise Horror-Storys über sogenannte Mörderbienen, die zwei Murdoch-Neuerwerbungen in Texas gegen Auflagenschwund immunisierten. Das Geschäft mit der Angst lief derart gut, daß Murdoch gleich noch in New York zukaufte. Er erwarb dort die Tageszeitung "New York Post", aber auch schicke Szene-Blätter wie die "Village Voice" und das Magazin "New York".
Seit Anfang dieses Jahres managt Murdoch seinen bislang schwierigsten, seriösesten und mit Abstand prestigeträchtigsten Neuankauf -- die "Times" in London, eine Institution wie Königshaus und Tower, die aber, wie das ganze Land, wirtschaftlich in ihren Grundfesten erschüttert ist.
Über 300 Millionen Mark schossen die kanadischen Besitzer Roy Baron Thomson of Fleet und nach dessen Tod Sohn Kenneth in den letzten 14 Jahren zu, um die "Times" und ihr Niveau zu halten.
Ein Entkommen aus den roten Zahlen aber schien unmöglich. Denn was theoretisch kein Problem gewesen wäre -- 450 Redakteure redigieren ein konservatives, oft gut informiertes Blatt, das von Bankern und Butlern gleichermaßen gern gelesen wird --, stieß bei den Mannschaften auf Widerstand.
Wegen zahlloser Streiks der verschiedenen Gewerkschafts- und Betriebsgruppen, die zu jener Zeit bei der "Times" aktiv waren, stellte das Thomson-Blatt vor zwei Jahren sogar zeitweise sein Erscheinen ein.
Unfaßbar für das Land, wo die "Times" wie der aufgerollte Regenschirm zum Alltagsbild gehört: Die Unterhauswahlen S.121 gingen zum erstenmal unkommentiert von der "Alten Dame" über die Bühne.
Die "Times" erstand dann wieder aus den Bleikästen; die 117 computergesteuerten Setzgeräte aber, an denen sich der Streit entzündet hatte, blieben weiter ungenutzt.
"Fleet Street ist ein Dschungel", resignierte Zeitungserbe Thomson junior und ließ, im Oktober letzten Jahres, den 4200 Mitarbeitern brüsk die Nachricht unterbreiten: Endgültiges Aus für die "Times", deren drei separate Beilagen und die Stallgefährtin "Sunday Times", falls sich bis Mitte März 1981 kein Käufer für sie finde.
Murdoch ließ nicht lange auf sich warten -- erst recht nicht, als er erfuhr, daß ein Versuch der Redakteure, das Schicksal ihrer Zeitung selber in die Hand zu nehmen, fehlgeschlagen war. Chefredakteur William Rees-Mogg, von dem die Idee stammte, ein "Times"-Konsortium von Kollegen und Mäzenen wie beim Pariser "Le Monde" zu gründen, ging die Luft aus beim großen Gebot: 50 Millionen Pfund plus Abfindungen im Fall von Entlassungen nennen Insider als Preis der "Times".
Den Außenseiter aus Australien dünkt das nicht zuviel. Der Kauf der "Times" sei "die aufregendste Sache meines Lebens", tönte Murdoch. Gefragt, wie er mit den aufs Blei fixierten Gewerkschaftsleuten friedlich leben wolle, antwortete er: "Ich bin ein Optimist." Wie er die "Times" retten wolle? "Durch harte Arbeit."
Selbstsicher auch trat der sonst scheue Murdoch in edlem Tuch mit Nadelstreifen vor die Redaktion. "Ich verkaufe mich Ihnen als das kleinste Übel." Dann gelobte er, die redaktionelle Unabhängigkeit der "Times" nicht anzutasten.
Doch versprochen hat der "äußerst ehrgeizige Bursche", wie er sich selber nennt, schon viel im Leben. "Er ist unfähig, seine Finger von einer solchen Zeitung zu lassen", meint ein Murdoch-Beobachter in den USA, "der Mann hat sein Leben lang redaktionelle Unabhängigkeit zugesagt -- und dann selbstverständlich mitgemischt."
Vorigen Dienstag, im Unterhaus, gab es eine Mehrheit dem Käufer Murdoch denn auch schriftlich. Sie lehnte es zwar ab, die Monopolkommission im Fall "Times" anzurufen -- womöglich hätte der Vertrag mit "Times"-Lord Thomson dann nicht rechtzeitig geschlossen werden können.
Handelsminister John Biffen verlas aber einen Katalog von Auflagen, die Murdoch künftig erfüllen muß. Den Chefredakteuren von "Times" und "Sunday Times" wird dabei unter anderem zugesagt, sie müßten "keiner Form von Beschränkung oder Beeinträchtigung nachgeben", die vom Inhaber der Blätter "direkt oder indirekt" ausgeübt würde, um die Nachrichten und Kommentare zu beeinflussen.
Daß Murdoch, der in den jeweiligen Wahlkämpfen Margaret Thatcher wie auch Ronald Reagan Flankenschutz gewährte, mit der "Times" in ernsthaften Konflikt geraten könnte, scheint fürs erste unwahrscheinlich. Der umstrittene Wirtschaftskurs Margaret Thatchers etwa, einige Zeit von der "Times" mit Skepsis aufgenommen, wird nun wieder gnädiger beurteilt, da die Inflationsrate leicht sinkt.
Murdoch, der gelassen den Oppositions-Vorwurf im Unterhaus hinnahm, er besitze eine "beispiellose Konzentration von Pressemacht", weiß auch, wer zur Zeit am längeren Hebel sitzt. "Entweder wir einigen uns in drei Wochen", so sieht er die Lage, "oder ich verschwinde von der Bildfläche."

DER SPIEGEL 6/1981
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