18.08.1980

FRANKREICHKrieg der Wellen

Piratensender fordern die Regierung heraus. Denn sie beherrscht die etablierten Sender.
Mit Ferngläsern beobachteten Polizisten die Straßen, die hinauf in die Hügel führen. Über Funksprechgeräte melden sie jedwede Bewegung im Tal.
Geraten Fremde gleichwohl in die Nähe, verstecken sie Funkgeräte und Radiosender im Gestrüpp.
Terroristen im Einsatz, Spione womöglich? Nein, Techniker eines Piratensenders im französischen Lothringen, irgendwo in der Umgebung von Groß-Moyeuvre. Täglich wechseln die Funkpiraten den Standort ihrer Sendestation, um der Prüfung der Störtrupps und der Polizeifahnder zu entgehen.
"Radio couarail" (etwa: Radio Plauderei) ist ein "radio de lutte", ein "Kampfsender", betrieben von der kommunistisch geführten Gewerkschaft CGT, die unlängst 65 ähnliche Radioanlagen bestellte.
Oft senden diese Stationen nur wenige Stunden, meist ist ihr Empfangsbereich gering, ihre Zahl dafür um so größer. Rund 100 solcher "radios libres" begannen in den letzten Jahren zu senden, ein Bruchteil nur der annähernd 2000 Stationen, die Italien mit S.130 Pop, Rock und Werbung überziehen, aber für Frankreich unerhört.
Gegen das Atomkraftwerk in Fessenheim ketzerte "Radio verte Fessenheim". Gegen Massenentlassungen in der Stahlindustrie protestierten die im lothringischen Longwy von Gewerkschaftern betriebenen Sender "Lorraine Coeur d'acier" sowie "S.O.S. emploi".
In niederländischer Sprache sendet "Radio Uylenspiegel" im französischen Flandern. "Radio Corse Internationale" fordert die Unabhängigkeit der Mittelmeerinsel. "Fil rose" (Rosa Faden) verbreitete Beiträge über Homosexuelle, selbst die "Bewegung der Freiheit für Schwangerschaftsabbruch und für die Verhütung" meldeten sich über einen eigenen Sender.
Technisch haben die Piraten keine Probleme: Elektrounternehmen bieten in ihren Katalogen "schlüsselfertige Radiostationen" an, Sender mit einer Reichweite von 3 bis 35 Kilometer.
Aber die Regierung fühlt sich durch die Piraten herausgefordert. Für Premier Raymond Barre enthalten die Sender "einen starken Keim der Anarchie", Alt-Gaullist Michel Debre sieht bereits die nationale Einheit bedroht: Die "radios libres" arbeiten ohne Sendeerlaubnis, sie trotzen dem staatlichen Funkmonopol.
Aber die Regierung tut sich schwer, mit den Funkpiraten fertig zu werden. Gewerkschafter und sogar Bürgermeister stellen Räume als Studios bereit.
"Radio Quinquin" im nordfranzösischen Auby beispielsweise mußte nach einer Polizeiaktion die Sendungen nur vorübergehend einstellen. In fünf Tagen sammmelten die Hörer 20 000 Franc für eine Ersatzanlage.
Französisches Machtbewußtsein war besonders schwer getroffen, als eine der großen Oppositionsparteien, die Sozialisten, ihr "Radio riposte" finanzierten, das sich gar aus dem Parteibüro in der Pariser Cite Malesherbes meldete. Und über den illegalen Sender sprach dann Parteichef Francois Mitterrand, Anwärter auf den Posten des Staatspräsidenten.
Die Polizei besetzte -- vorübergehend -- das Sozialisten-Büro. Gegen den Parteiführer und mehrere sozialistische Abgeordnete wurde ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Rundfunkmonopol-Gesetz eingeleitet. Ihnen drohen Geldstrafen von 10 000 bis 100 000 Franc und/oder Haftstrafen von ein bis zwölf Monaten. Dutzende von Sendeanlagen, Tausende von Schallplatten beschlagnahmte die Polizei bisher -- der Krieg der Wellen aber tobt weiter. Es geht weniger um Rechtsfragen als um politische Macht.
Denn stärker als in fast jedem anderen westlichen Land unterliegen Radio und Fernsehen in Frankreich dem Willen der Regierenden. "Die Regierung", so das Monopol-Gesetz vom 7. August 1974, "kann jederzeit alle Programme und Erklärungen senden lassen, die sie für nötig hält."
Die Präsidenten und die Generaldirektoren der Fernsehanstalten ernennt der Ministerrat, dessen Vorsitzender der Staatspräsident ist. Präsidenten-Vertraute beaufsichtigen jene Gesellschaften, die für den Staat Anteile der Sender wie "Radio-Tele-Luxembourg" und "Europa 1" verwalten. Paris kontrolliert überdies 83,34 Prozent der Aktien von "Radio-Monte-Carlo" und 99,9 Prozent der aus Andorra sendenden "Sud-Radio". In den Direktionen sitzen Giscard-Leute.
Kaum je kritisiert ein TV-Kommentator den Staatschef direkt. Zwar werden Politiker der Opposition heute häufiger zu Interviews und Diskussionsrunden gebeten als zu Zeiten von Charles de Gaulle, doch unverkennbar ist, daß die Journalisten linke Politiker weitaus aggressiver befragen.
Kommunisten können in Frankreich zwar Lehrer und Professor werden, kommunistische Journalisten aber, so rügt der Chefredakteur des KP-Organs "l'Humanite", Andrieu, auf nahezu jeder Pressekonferenz des Staatschefs, "finden im französischen Fernsehen keinen Job". Giscard d'Estaing verspricht dem KP-Mann jedesmal in gespielter Treuherzigkeit, er werde diesen Sachverhalt prüfen lassen.
Selten nur wird die Regierung im Rundfunk oder Fernsehen kritisiert. Die Journalisten beschränken sich allenfalls darauf, zu wiederholen, was die Opposition an den Mächtigen auszusetzen hat. Einer der populärsten Nachrichtensprecher des französischen Fernsehens, Patrick Poivre d'Arvor, protestierte gegen die "unglaublichen Zwänge, den Druck und die Zensur" im französischen Fernsehen. Der TV-Star: "Das französische Fernsehen muß sich erneuern, oder es geht an Blutarmut ein." In Funk und Fernsehen, behauptet Francois Mitterrand, werde eines der fundamentalsten Rechte, das der Informations- und Meinungsfreiheit, "mit Füßen getreten".
Das ist der politische Hintergrund, auf dem die Piratensender florieren. Denn "für die totale Wellenfreiheit nach italienischem Muster" erkennt der Journalist Francois Cazenave in seinem soeben veröffentlichten Buch über die "radios libres", "gibt es in Frankreich vorerst keine Chance".
Die Regierung will vielmehr jetzt die Piratensender unterlaufen, indem sie Sendezeit und Programmgestaltung der 19 Regionalsender ausbaut.
Bisher meldeten sich diese Stationen täglich mit Sendungen von etwa 90 Minuten bis zu vier Stunden, zusätzlich wurde ein örtliches Nachrichtenprogramm ausgestrahlt. Seit Mai sendet "Frequence-Nord" in Lille, "ein Radio, das Ihnen zuhört", ein ganztägiges Programm, das den Piraten die Hörer abspenstig machen soll. Die Beteiligung von Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen soll täglich für eine Stunde garantiert werden.
In Fernseh-Werbespots werben die Regierenden dieser Tage auch für ein "echtes Radio des Landes und des Volkes", und in Paris strahlt von frühmorgens bis Mitternacht "Radio 7" ein "Programm für junge Leute" aus, das den Beat- und Reggae-Rhythmen der Piratensender nicht nachsteht.
Aber: "Die Kontrolle dieser Sender", kritisierte die Opposition, "bleibt in der Hand der Mächtigen."

DER SPIEGEL 34/1980
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