18.08.1980

„Wir waren die Sklaven der Schweizer“

Die zwielichtigen Geschäftspraktiken der „Europäischen Kooperative Longo mai“ Die Aussteigerkommune „Longo mai“ wollte der Jugend Europas einen Ausweg zwischen Drogen und Terror bieten. Doch sie wurde zu einem millionenschweren Bettelmulti. Wohlhabende Bürger, im Kommunenjargon „Fettsäcke“ genannt, wurden angepumpt, davon profitiert hat die Führungschlique der Alternativ-Sekte.
Es war vier Uhr morgens am 2. Juli 1979, als sechs Männer und zwei Frauen an der Haustür eines Basler Arztes Sturm läuteten. Ihr Anführer, "Remi" genannt, war so betrunken, daß er gestützt werden mußte.
Als die Tür geöffnet wurde, drangen die acht ins Haus und fingen gleich an, die Zimmer zu durchsuchen. "Wo ist Heiner", riefen sie, "wir müssen mit ihm abrechnen]" Sie entdeckten ihr Opfer im Bett, zerrten es aus den Federn, schlugen darauf ein. Heiner Stein sollte sich anziehen und mitgehen: Er hatte die Gruppe verlassen, nun sollte er seinen "Verrat" büßen.
Die Arztfrau Jeanine Meyer kannte die Eindringlinge gut. Jahrelang hatte sie mit ihnen zusammengearbeitet. Doch nun war es ihr zuviel: Sie griff zum Telephon, drohte mit Polizei. Das Schlägerkommando flüchtete.
Der Bruch mit ihren einstigen Freunden fiel Jeanine Meyer schwer. Trotz des nächtlichen Überfalls meint sie noch immer: "Die Idee war gut."
Die Idee: der hoffnungslosen Jugend Europas etwas Neues bieten, eine wirkliche Alternative; mit Kolonien von "Pionieren" verarmte Landgebiete neu S.132 besiedeln und wirtschaftlich beleben; jugendlichen Arbeitslosen die Möglichkeit geben, die unwirtlichen Städte zu fliehen und in Landkommunen eine neue Existenz als Holzfäller, Hirten oder Bauern aufzubauen; ein Netz sich selbsttragender landwirtschaftlicher und industrieller Produktionsgenossenschaften über Europa spannen und eine krisensichere Ernährungsgrundlage schaffen.
Europa schließlich umwandeln in eine "Eidgenossenschaft" freier Regionen und Gemeinden, eine Föderation von Mikroökonomien unter der Kontrolle unabhängiger menschlicher Gemeinschaften.
Dies alles bietet die "Europäische Kooperative Longo mai", mit Sitz in Basel, der Jugend Europas an. Bislang konnte sie beachtliche Erfolge verbuchen.
Fünf landwirtschaftliche Betriebe in Frankreich, Österreich und der Schweiz gehören heute zur Organisation, dazu zwei Spinnereien, zwei Sägewerke, ein Feriendorf, eine Filmschule und eine Früchte- und Gemüseverteilungsgenossenschaft. Sogar eine Einheit für Tiefbau, eine Gesamtschule und eine "Flüchtlingskooperative" in Costa Rica finden sich auf dem Organigramm der Basler.
Ein Netz von Freunden über ganz Europa unterstützt Longo mai; Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kunst setzen sich für die neuartige Alternative ein. Für den Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt etwa ist Longo mai "nicht mehr aus dem europäischen Alltag wegzudenken". Filmregisseur Volker Schlöndorff beteuerte, "seit Jahren ein Freund von Longo mai" zu sein.
Professor Marc Sieber, Direktor des mächtigen Basler Pharma-Konzerns Sandoz, gestand, er sei anfangs "angefressen" von der Idee gewesen, die Berglandwirtschaft neu zu beleben. Bundesminister Hans Apel, damals noch Chef des Finanz-Ressorts, stiftete der Alternativ-Bewegung ein Schaf.
Denn um Spenden ging es ja letztlich. In den sieben Jahren seit ihrer Gründung hat Longo mai bei Kirchengemeinden, Gewerkschaften und bei Industriellen über dreißig Millionen Mark an Spenden und Darlehen eingetrieben. Immer neue "Aktionen" sorgten für einen nie abbrechenden Strom von Einzahlungen.
Doch eine Alternative für die Jugend, oder gar ein ausbaufähiges Modell für ein neues Europa, für ein neues gesellschaftliches System, ist Longo mai nie geworden.
Schlimmer noch: Die "Europäische Kooperative" wurde eine autoritär geführte, sektenartige Organisation, deren Führungsclique dank dem Spendenfluß auf großem Fuß zu leben vermag. "Das große Leben auf Pump", urteilte die Tageszeitung "Basler AZ".
Wie Manager eines Großkonzerns entscheidet eine kleine Elite über die Organisation der "Kooperative". Dazu verfügt sie über Luxusautos und sogar ein Privatflugzeug. Während die Führung herumreist und repräsentiert, besorgt das "Fußvolk" die harte landwirtschaftliche Arbeit.
Das "selbständige Zusammenleben auf der Grundlage der Erklärung der Menschenrechte", wie Longo mai dies anpreist, die engeren zwischenmenschlichen Beziehungen oder die Wärme eines alternativen Lebens sucht der jugendliche Aussteiger hier vergebens.
So steht denn auch von den 15 000 Jugendlichen, davon die Hälfte aus der Bundesrepublik, die in sieben Jahren die Longo-mai-Kooperativen besuchten, nur eine winzige Minderheit zur Fahne: kaum 150 Personen.
Zurück blieben jedoch die Spenden und die Frucht der Arbeit Tausender Freiwilliger. Das Anhängen an die alternative Welle erlaubte den neuartigen Aussteigern, einen millionenschweren Bettel-Multi aufzubauen.
Angefangen hatte alles im Dezember 1972, als Kader linksradikaler Gruppen aus Basel und Wien einem "Internationalen Kongreß zur Bildung Europäischer Jugendgemeinschaften" ihre Gedanken vortrugen.
Es waren meist Söhne und Töchter aus gutem mittelständischen Haus, ehemalige Studenten, die ihrer Enttäuschung über das Ausbleiben eines revolutionären Aufschwungs nach 1968 zu entfliehen suchten, Nicholas und Thomas Busch zum Beispiel, Söhne des Geigers Adolf Busch, oder der Politologiestudent Gotthard Klingler, Sohn eines Direktors des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche.
Auch die Kongreßteilnehmer aus Wien waren aus bürgerlichem Milieu, aber linksradikaler Ideologie. Sie sahen das Projekt nicht als "Aussteigen", sondern als Möglichkeit, Europa mit einem Netz antifachistischer Stützpunkte zu überziehen, die von der Bourgeoisie finanziert werden würden.
Aus Wien kam auch Remi, ein rund fünfzigjähriger Franzose, den abgesprungene Kommunarden als den "Guru" Longo mais bezeichnen. "Das Ganze ist nur die Verwirklichung der Wahnvorstellung eines einzelnen", erklärten sie in einem öffentlichen Protestschreiben. Remi sei ein Mythomane.
Legendär scheint das Leben des humorvollen und charmanten Provenzalen, der in Wirklichkeit Roland Perrot heißt, tatsächlich zu sein, wenigstens so, wie er es darstellt. In stundenlangen Monologen erzählt er von seinen vergangenen Heldentaten im Algerienkrieg und bei den Pariser Unruhen im Mai 1968. Sogar in der Resistance, dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, will er mitgekämpft haben, obwohl er 1940 höchstens zehn Jahre alt gewesen sein kann.
Während des Algerienkrieges reiste er mit einigen Deserteuren in Frankreich herum, um den "Widerstand" aufzubauen. Zwei Guerilla-Stützpunkte behauptete er eingerichtet zu haben -- doch sie existieren nur in seiner Phantasie. Damals suchte und fand er finanzielle Unterstützung von Studenten, die Sammlungen organisierten für den "antifaschistischen Kampf".
Das Modell war also vorgezeichnet. Doch was eine harmlose Spinnerei gewesen war, wurde von den Schweizern nun zum Geschäft durchorganisiert. S.133
Statt revolutionärer Zerstörung propagierte man nun friedlichen Aufbau. Daß es sich, wie der Schweizer Psychologe Richard E. Rutishauser analysierte, um Ideen eines "kleinen Kreises cleverer Halbgebildeter" handelte, "die wissenschaftlich fundierte, allgemeinbekannte Tatsachen über einen drohenden Ölkollaps zur Endzeitpanik emporstilisierten", störte niemanden.
Viele Eltern waren dankbar, daß ihre revolutionären Kinder wieder zu Vernunft und konstruktiver Arbeit kamen. Sie waren auch bereit, die neue Phase finanziell zu unterstützen.
So konnten die "Pioniere" im südfranzösischen Forcalquier 300 Hektar Land mit einem halbverfallenen Hof erwerben. Die Mutter der Gebrüder Busch steuerte 260 000 Franken bei, Gotthard Klingler trieb 60 000 auf. Das Gut, Grundstein der "Europäischen Kooperative", bekam den provenzalischen Namen "Longo mai" (Es möge lange währen).
Begeistert gingen die "Pioniere" an die Bestellung der seit 30 Jahren verlassenen Felder, an den Aufbau der Gebäude. Sogar benachbarte Bauern, die schon viele durch die südfranzösische Sonne angelockte Aussteiger hatten kommen und gehen sehen, waren beeindruckt. "Es ist selten, daß man junge Leute mit solcher Energie arbeiten sieht", meinte Landwirt Pierre Pellegrin.
Den französischen Behörden war diese Arbeit jedoch suspekt -- möglicherweise wegen der Nähe zu den in den provenzalischen Alpen eingegrabenen Atomraketen-Silos. Drei Schweizer, drei Österreicher, ein Deutscher und ein Engländer bekamen jedenfalls einen Ausweisungsbefehl. "Es sind Hippies, Linke", so der damalige Innenminister Raymond Marcellin. Und der Präfekt der Provinz: "Sie sind eine Gefahr für die öffentliche Ordnung."
Doch die Öffentlichkeit sah sich nicht bedroht durch die Agrar-Kommunarden. Positive Berichte in der französischen Presse veranlaßten einheimische Jugendliche, die Arbeit der unerwünschten Ausländer fortzusetzen. In der Schweiz ergingen Aufrufe an die französischen Behörden, die Ausweisungen rückgängig zu machen.
Für Altbundesrat Philip Etter war Longo mai "ein gottgefälliges Werk". "Deshalb bitten wir Sie", schrieb Nationalrat und Gewerkschaftsbund-Präsident Ezio Canonica an den französischen Innenminister, "alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, damit die notwendige Aufenthaltsbewilligung unseren Mitbürgern gewährt werde".
Die Krise wurde für Longo mai zur Erfolgsschule. Die gesellschaftlich gutsituierten Basler bauten ein Netz von "Persönlichkeiten" auf, das ihnen immer wieder als Reklame mit Garantie für neue Aktionen dienen konnte. Die finanzielle Solidaritätskampagne, als Rettung eines Experiments gedacht, flaute nie mehr ab.
Selbstversorgung lernten die einstigen Linksradikalen nie -- dafür aber das Eintreiben von Spenden. Aufgrund "des schlechten Gewissens der überentwickelten Schweizer", so französische Longo-mai-Kritiker, konnten sie ihre Alternative zu einer multinationalen, computergesteuerten Inkassomaschinerie ausbauen: 120 000 Adressen tatsächlicher und potentieller Spender stehen heute in der zentralen Kartei in Basel. Ein Computer (5000 Franken Monatsmiete) sorgt für rationelle Einteilung in "Zielgruppen".
Denn gezieltes Betteln ist produktiver. Am Anfang reisten junge Genossenschafter noch mit Pferd und Planwagen in der Schweiz herum. Mit Volksliedern und dem Verkauf von südfranzösischem Lavendel warben sie für ihre Idee.
Doch auf Dauer genügte die Idee nicht mehr, den Spendenfluß in Bewegung zu halten. An Stelle des alternativen Lebens trat die Wohltätigkeit als Alternative in den Vordergrund: Longo mai bat nicht mehr um Hilfe, sondern vermittelte Hilfe an andere, ein einträgliches Geschäft.
Als 1975 Präsident Stroessner von Paraguay, am längsten regierender Diktator Lateinamerikas, christliche Landwirtschaftsgenossenschaften zerstören ließ, schalteten sich die Basler gleich ein.
"Ich habe mich damals für eine gute Sache engagiert", erinnert sich Jesuiten-Pater Weich, Leiter des Heinrich-Pesch-Hauses in Ludwigshafen. Dem für Longo mai in Kirchenkreisen werbenden Kaplan Cornelius Koch stellte er Büroräume und Telephon zur Verfügung. Doch die Begeisterung der deutschen Jesuiten schwand rasch.
"Die Art und Weise des Benehmens", so Pater Weich, "war unverschämt. Es ist am Rande des Vertretbaren, auf solche Art die Leute um Hilfe anzugehen." Dem Pesch-Haus wurden 2000 Mark an Schulden hinterlassen, wohin die mindestens 20 000 Mark an Spenden gingen, wurde dagegen niemals gemeldet.
Klarer war die Abrechnung der "Aktion Dürre" im darauffolgenden S.134 Jahr. Aufgerufen wurde zur Solidarität mit Bergbauern in der Schweiz und in Frankreich, denen wegen fortgesetzter Trockenheit Futtermittel fehlten. "Handelt, unternehmt etwas", rief Bundesrat Ernst Brugger, der sich für die Aktion hatte einspannen lassen.
Die Schweizer handelten. Sie spendeten über eine halbe Million. Doch nur 31 696,05 Schweizer Franken wurden für Heu ausgegeben, während fast 160 000 Franken für "Druck, Porti, Spesen" abgerechnet wurden und beinahe 20 000 Franken für "Informationsreisen".
Während die Genossenschafter 183 223 Franken offen als "Mehrertrag" aufführten, buchten sie weitere 125 463 Franken als Überweisung an einen "Landwirtschaftsfonds" in Südfrankreich, der mit der "Aktion Dürre" nichts gemein hat. Der Vorwurf "Spendenmißbrauch" erschien seltsamerweise erst zweieinhalb Jahre später in der Schweizer Presse.
Auslöser der verspäteten Skepsis war wohl die an "Umsatz" und Reichweite größte Aktion von Longo mai, die Flüchtlingshilfe Nicaragua. Wieder war die Grausamkeit eines lateinamerikanischen Diktators Anlaß für die Basler, sich als Retter in der Not aufzuspielen, wieder erreichte die Betroffenen nur wenig vom gespendeten Geld.
Unter den Augen der Weltöffentlichkeit ließ Nicaragua-Präsident Somoza im September 1978 einen Aufstand in mehreren Städten blutig niederschlagen. Der pressefreundliche Diktator ließ frei berichten und filmen -- die Brutalität seines Regimes wurde auf den Bildschirmen Europas eindrucksvoll wiedergegeben.
"In Europa lebende Nicaraguaner", so behauptete die Europäische Kooperative in einem Prospekt, "bitten Longo mai um Hilfe."
Es folgte in schon klassischem Muster die finanzielle Ausschlachtung einer ansprechenden Idee: In Costa Rica sollte eine landwirtschaftliche Kooperative den Flüchtlingsstrom aus Nicaragua aufnehmen, die Geflohenen ausbilden und auf die Rückkehr in ihr Land vorbereiten. Die Organisatoren spielten das Projekt hoch zu einem "dritten Weg zwischen verzweifelter Revolte und blutiger Unterdrückung".
Die Entsendung von "Soforthilfe" im Wert von 320 000 Franken sorgte für Publizität und freundschaftliche Beziehungen zur Regierung Costa Ricas. Am 24. Oktober 1978 wurden 31 junge Nicaraguaner in die Schweiz geflogen, um, so versprachen es die Genossenschafter, in den europäischen Longomai-Kooperativen ausgebildet zu werden.
"Sie boten Studienpläne an, sogar Stipendien der Schweizer Regierung", erzählte der Flüchtling Dario Carrasco, "oder eine Ausbildung als Agrar-Techniker." Doch harte Rodungsarbeiten auf einem Longo-mai-Hof im Schweizer Jura war das einzige, was die Nicaraguaner von Landwirtschaft zu spüren bekamen: "Wir waren wie die Sklaven der Schweizer."
Für propagandawirksame Sammelaktionen waren die Flüchtlinge jedoch gut zu gebrauchen. Nach wenigen Wochen wurden sie, angeblich wegen "Anpassungsschwierigkeiten", wieder nach Costa Rica abgeschoben. Dort kaufte die Basler Genossenschaft am 27. Dezember 1978 das 3000 Hektar große Landgut "Finca Sonador" für 1,6 Millionen Schweizer Franken.
Während aber bewährte internationale Hilfsorganisationen in Honduras und Costa Rica Tausenden Flüchtlingen beistanden, schaffte es Longo mai nie, mehr als 80 Personen auf seinem Grundstück unterzubringen. "Wir wissen nicht recht, was hier vor sich geht", klagten Flüchtlinge im März 1979 dem SPIEGEL, "wir scheinen hier für nichts zu arbeiten."
Tatsächlich gedachten die Genossenschafter aus Europa niemals, die Eigentumsrechte über das Landgut an eine sich selbst versorgende Kooperative von Flüchtlingen zu übergeben. Für die revolutionäre Regierung Nicaraguas ist die ganze Affäre eine Veruntreuung von Spendengeldern. "Wir mögen keine Leute", so Sergio Ramirez von der fünfköpfigen Regierungsjunta Nicaraguas zum SPIEGEL, "die Geschäfte machen mit dem Blut des nicaraguanischen Volkes."
Das Geschäft mit der Solidarität hatte Longo mai nun aber doch überfordert. Der Sprung über den Atlantik trieb die Organisation an den Rand des Ruins. Denn kurz vor dem Lancieren einer Fünfzehn-Millionen-Anleihe zur S.135 finanziellen "Sanierung", kam die fragwürdige Handlungsweise der Genossenschafter in der Schweizer Presse unter Beschuß. "Mißbrauch von Spenden", "Schmarotzertum" oder gar "Rücksichtslose Scharlatane" lauteten die Anschuldigungen.
Plötzlich wurde der Abgrund zwischen der theoretisch so einleuchtenden Alternative und den praktisch so bedenklichen Errungenschaften bloßgelegt. "Manchmal beschlich uns das Mißtrauen", so berichtete schon im Februar 1979 das linke Zürcher Alternativ-Blatt "Focus", "die ganze landwirtschaftliche Abteilung könnte zu einem böhmischen Dorf zwecks Mobilisierung von Spenden entarten."
Nun erschienen Zeugenaussagen, die diesen Verdacht erhärten konnten. "Gutes kann man nicht sagen", bestätigte Landwirt Alfonso Toscano über den genossenschaftseigenen Hof im südschweizerischen Misox. "Im großen und ganzen war es eine Schlamperei." Auch Dr. Alexander Dönz, Chef der Abteilung für Landwirtschaft des Kantons Graubünden, änderte seine zuerst positive Einstellung zur "Europäischen Kooperative" wegen deren Mißwirtschaft und Inkompetenz.
6000 Schweizer Franken im Monat, so berichtet eine ehemalige Buchhalterin, mußten noch 1979 von der Basler Zentrale an den ursprünglichen Hof in Forcalquier überwiesen werden. Nicht einmal hier hatte Longo mai die Selbstversorgung gelernt. Während Landwirtschaftsmaschinen verrosteten und die Ernten vernachlässigt wurden, reisten Remi und seine Führungsclique in teuren Autos -- namentlich Renault Alpine und Citroen CX waren beliebt -- in Europa herum.
Während die genossenschaftliche Autowerkstatt wie auch die Gemüse- und Obstverteilungs-Kooperative eingingen, nahmen neun führende Kader Flugstunden, ja kauften sogar ein Privatflugzeug. "Diese vermeintlichen Experten können eigentlich gar nichts", so ein dänischer Journalist nach einem mehrtägigen Besuch bei der Flüchtlingskooperative in Costa Rica, "außer Autofahren und PR-Arbeit."
Doch trotz PR-Erfahrung konnte Longo mai die Flut der Enthüllungen über "Mißwirtschaft und Schmarotzertum", so der "Schweizerische Beobachter", nicht mehr eindämmen. Es wurde sogar noch schlimmer.
Denn erst im Sog der Presseartikel wagten sich zahlreiche verängstigte Ex-Kommunarden mit ihren Erlebnisberichten hervor. Noch voller Furcht vor Repressalien erzählten sie von psychologischer Unterdrückung, der sie in Longo mai ausgeliefert gewesen seien.
Schon in den ersten Tagen auf dem Hof in Forcalquier wird der Neuling in einer abendlichen "Vollversammlung" regelrecht "fertiggemacht", seine Vergangenheit systematisch zerstört. Nichts ist gut am Neuankömmling, jedes Wort wird mit Hohn begrüßt.
"Stundenlang", so der Schweizer Kommunenbesucher Adrian Stucki, "hat man uns mit heftigsten Vorwürfen, Schimpfwörtern, Anschuldigungen und Bedrohungen beschossen." Nur wer bereit ist, sich ganz der neuen Gemeinschaft hinzugeben, hält das aus.
"Wir werden dich so klein und fertigmachen", bekam die neuangekommene Suzanne zu hören, "daß dir dein zuckersüßes Freaklächeln vergeht. Du kannst ja nicht einmal dialektisch argumentieren. Was hast du eigentlich gelernt, außer Männer aufzugeilen."
Als Schule sieht Longo mai eine derartige Behandlung an. "Diese Härte", so Jürgen Holzapfel zum SPIEGEL, "steht in keinem Verhältnis zur Härte der Jugend außerhalb Longo mais."
Für Thomas Busch ist das Leben in der Kooperative von "menschlicher Härte" geprägt. Longo-mai-Präsident Gotthard Klingler sagt: "Selbstverwaltung ist ein Modewort. Es ist etwas anderes, wenn man es selber machen muß. Das erste, das man jedem sagt, ist, daß Longo mai nicht einfach ist."
Einfach scheint es nur für den Guru Remi und seine Clique zu sein. Remi, S.137 der die einst als demokratisches Führungsorgan gedachte Vollversammlung mit seinen Monologen monopolisiert, weiß immer zur rechten Zeit an die Ursprünge zu erinnern, vermag den rechtlosen Kommunarden immer klarzumachen, wie wichtig ihre Rückzugstellung gegen den Faschismus doch sei.
"Bewußtes Schüren von Paranoia" nennt Ex-Kommunarde Chris Wroblenski aus Saarbrücken das Herrschaftssystem Remis. Denn Einkreisung und Widerstandskampf waren Mittel, die Begeisterung in der Kommune wachzuhalten.
"Als der Hühnerstall abbrannte", so Chris, "wurde das Faschisten aus Marseille zugeschrieben." Gewehre wurden ausgeteilt, auch wenn es nur Jagdflinten waren, und nächtliche Wachen aufgestellt. "Die Leute wurden in regelrechte Angstzustände versetzt", erinnert sich Roland Jung. "Die haben dann wirklich den Feind gesehen." Denn wer sich gegen Aggressionen von außen verteidigen muß, muckt nicht auf gegen die innere Ordnung.
Festungsdenken nach außen wie auch das Beschimpfen des Neuen erlauben es dem "Fußvolk" Longo mais zu vergessen, daß es emotional und materiell völlig abhängig ist von der Führungsclique.
Materiell, weil Geld nur den Oberen zur Verfügung steht. "Wir hatten nur das, was wir anhatten", so Chris, "und das waren Kleider aus dem gemeinsamen Schrank." Nur wenn man in die "Verkaufsgruppe" kam oder irgendeine andere öffentliche Arbeit verrichten mußte, wurde man "gewaschen und ins Kaufhaus gebracht, um neue Hosen und Hemd einzukaufen". Sonst konnte man nicht einmal in die Dorfkneipe gehen, um einen Wein zu trinken, während die "Oberschicht" dort regelrechte Gelage veranstalte.
Emotionell abhängig wurden Longomai-Mitglieder wegen der bewußten Zerstörung aller persönlichen Bindungen. Ein Kommunarde mußte in der Gruppe aufgehen, auf Privatleben sollte er verzichten. "Wir wurden zum Beispiel möglichst getrennt", erzählt Harald Kilian, der schon vor dem Eintritt in Longo mai mit Chris Wroblenski und Roland Jung befreundet und politisch aktiv gewesen war.
"Theoretisch durfte man zwar wählen", bestätigt Chris, "in welchem Betrieb oder Hof man arbeiten wollte. Doch in der Praxis erfand die Führung immer ''objektive Umstände'', um einen irgendwohin zu versetzen. Man müsse dann, sozusagen zum ''Unteroffizier'' aufgebaut, ''unbedingt Ordnung schaffen'' und kam, von den Freunden getrennt, frustriert und dementsprechend aggressiv am neuen Arbeitsplatz an."
Liebesverhältnisse wurden ebensowenig toleriert wie Freundschaften. Wenn anfangs noch "sexuelle Freiheit" herrschte, wie dies Ende der 60er Jahre in der Kommunenszene Europas üblich wurde, so führte in Longo mai die radikale Unterdrückung von Zweierbeziehungen zu verordneter sexueller Abstinenz.
Unterbrochen wurde diese Enthaltsamkeit, wenn Remi plötzlich Kinder wünschte. Im Nachwuchs, den er mystisch zu verherrlichen pflegte, sah der Guru die Zukunft seiner Bewegung.
Für die Frauen dagegen hatte er wenig übrig. "Frauen sind wie Schafe", erklärte er einmal, "um rentabel zu sein, müssen sie ein oder zwei Lämmer produzieren im Jahr." Die Unterdrückung der Frauen, die Zerstörung ihrer emotionalen Bindungen soll nach Ansicht des Ex-Kommunarden Patrick Benquet drei von ihnen -- Therese, Claudine, Rael -- in den Selbstmord getrieben haben.
"In Longo mai zerstört man alles, was du einmal warst", bekräftigt auch Dominique, "wenn du weggehst, hast du nichts mehr." Wie die meisten, die Longo mai verließen, floh Dominique eines Tages. "Wenn ich meine Tochter nicht gehabt hätte, ich hätte mich erschossen."
Remis Frauenhaß steht eine auffallende Vorliebe für die männlichen Kommunarden gegenüber. Abtrünnige berichten, daß "die Befriedigung seiner homosexuellen Wünsche beinahe obligatorisch" gewesen sei. Ex-Kommunenmitglied Pierre Boncarrere hat vor einem französischen Gericht bezeugt, er sei von Remi vergewaltigt worden.
Andere schätzen diese Homosexualität eher als latent ein; sie sei aber ein Grund für die Aggressivität in den zwischenmenschlichen Beziehungen Longo mais.
Für Remi ist aber gerade diese Aggressivität nichts weiter als ein Spiel. "Wir haben eben verschiedene Utopien der Weltgeschichte durchgespielt", erklärte er vor einem französischen Gericht. Die harten Vollversammlungen seien die "pharaonischen" und "feudalen" Zustände gewesen.
Das Gericht wies Longo mais Klage der Verleumdung gegen die südfranzösische Zeitung "La Bugada" zurück. Der Kampf gegen die Enthüllungen, gegen den "Blitzkrieg der Presse" -- so Longo mai -- scheint aussichtslos zu sein, die Kooperative mit Millionenumsatz steht vor dem Ruin.
Denn die "Schweizer Fettsäcke" (so Longo-mai-Mitglieder zu einem Besucher) wollen nicht mehr zahlen. Die Kooperative sucht ihr Heil in der Flucht nach vorn. Nach altbewährtem Muster werden neue Aktionen lanciert, die das fehlende Geld einbringen sollen.
"Acht Wochen für Europa" veranstaltet Longo mai nun auf seinem südfranzösischen Refugium vom 1. Juli bis zum 1. September. Über die europäische "Krise oder Umstrukturierung" soll dort zum Beispiel diskutiert werden, über kulturelle Traditionen und ökologische Probleme.
Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur setzen sich inzwischen immer noch für die angegriffene Alternative ein. In einer vom Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg sowie 17 weiteren Personen unterschriebenen Erklärung heißt es: "Alles basiert auf billigsten Denunzierungen."
S.135 Für Nicaragua-Flüchtlinge in Costa Rica. * Für Nicaragua-Flüchtlinge in Costa Rica. *

DER SPIEGEL 34/1980
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