04.02.1980

OLYMPIARettende Idee

Griechenland möchte die Olympischen Spiele nach Hellas heimholen -- für immer.
Angelos Koutras, Bürgermeister des kleinen Dorfes Olympia im Westen des Peloponnes, trägt an einer derzeit weltbewegenden Idee:
Er und seine 800 Mitbewohner wollen den olympischen Sport den Launen der Politiker entziehen und darum "die Olympiade zu ihrem Geburtsort zurückführen" -- ins griechische Olympia, wo sich in alten Zeiten Athleten, Sänger und Dichter alle vier Jahre zum friedlichen Wettkampf trafen.
Die Idee, den Spielort für immer den Hellenen zu überlassen, hatte noch nie so viele Befürworter wie zu Beginn des Olympia-Jahres 1980.
US-Präsident Jimmy Carter, der das Moskauer Spektakel mit einem Boykott überziehen will, tat kund: "Meiner Ansicht nach ist Griechenland der bestgeeignete ständige Ort für die Sommerspiele." Und die "New York Times" sekundierte: "Die Logik und das Gefühl sprechen für Griechenland."
Vorige Woche sprach der US-Senat mit 88 gegen vier Stimmen die Empfehlung aus, neben dem Boykott der Moskauer Olympiade auch für Griechenland als künftigen Standort der Sommerspiele einzutreten.
Geht es nach dem Willen der Griechen und Amerikaner, würden sich im schönsten Tal der Landschaft Elis, nur 15 Kilometer von der Küste, bald einmal S.152 die weltpolitisch verfeindeten Mächte zum heiteren Spiel zusammenfinden wie einst die alten Griechen.
Rätselhaft freilich blieb bis heute, was die Männer zu den Spielen trieb: Ob der griechische Halbgott Herakles seinen militärischen Sieg über Augias feiern wollte oder ob es der Tantalos-Sohn Pelops war, der beim Wagenrennen die Königstochter gewann und aus Freude Wettkämpfe veranstaltete -der Ursprung des Olympischen Spiels hüllt sich ins Dunkel hellenischer Sagen.
Der Wahrheit näher kommt wohl die Vermutung, daß die vor 2756 Jahren eingeführten Spiele von Anfang an neben dem Training von Geist und Körper auch politischen Zielen dienten -etwa, um gegenüber dem feindlichen Ausland die Überlegenheit der Griechen zu demonstrieren.
Von Priestern behütet, brannte das "ewige Feuer" Olympias nahe den Gefilden eines heiligen Olivenhains. Dort gab es eine Rennbahn mit Stadion, Trainingsanlagen, zahlreiche Gebäude sowie die mächtigen Tempel zu Ehren der Götter Zeus und Hera.
Trotz des göttlichen Schutzes waren auch jene Spiele oft schlechter als ihr Ruf: Sportler mußten disqualifiziert werden, weil sie den Gegner im Eifer des Spiels getötet hatten. Auch kam es schon mal vor, daß sich verkleidete Frauen in die nur Männern zugänglichen Anlagen schlichen, um die nackten, eingeölten Körper der Athleten zu bewundern. Oft auch überforderten sich ehrgeizige Kämpfer, so daß sie noch während des Spiels tot zusammenbrachen.
Doch wer als lorbeerbekränzter Sieger Olympia verließ, den besangen Dichter dann als Helden. In seiner Heimatstadt wurde für den Triumphzug sogar ein Stück der Stadtmauer eingerissen, gemäß der Losung: Wer einen Olympioniken zum Bürger hat, braucht keine Mauern mehr.
Als aber Hellas unter die Oberherrschaft Roms geriet, verloren die Spiele mit ihrem politischen Sinn auch an Zugkraft: Die Einheimischen ärgerte vor allem, daß statt der Griechen-Söhne zunehmend dunkelhäutige Profikämpfer im Ausland gekauft und in die Spiele geschickt wurden.
Einzelne Stadtstaaten drohten hin und wieder mit Boykott, wenn ihnen die Entscheide der Olympia-Richter nicht paßten. Und immer häufiger bestachen die rivalisierenden Städte nicht nur Spieler, sondern auch Schiedsrichter --Olympiaskandale noch und noch.
Schließlich schafften die Römer das Vierjahrestreffen nach dem 293. Spiel im Jahr 393 n. Chr. ganz ab. 150 Jahre später gingen auch noch die riesigen Anlagen durch Erdbeben zu Bruch, Überschwemmungen deckten den Rest mit Schlamm zu.
So blieb von einst wohl nur mehr der Name übrig -- und zur Erinnerung das quälende Ritual, die Flamme Olympias zum Spielort tragen zu lassen, vorige Woche im Flugzeug nach Lake Placid.
Für die Hellenen ist die Idee des alten Spiels lebendig geblieben: Sie sehen sich dazu berufen, den antiken Sport-Gedanken ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten. "Wir Griechen haben eine nationale Pflicht", verkündete Ministerpräsident Karamanlis bei der Grundsteinlegung des neuen Athener Olympia-Stadions Anfang Januar, "für das Überleben der Olympischen Spiele zu kämpfen."
Seine Kampftaktik: das Athener Stadion schon für 1984 als Ersatz für das umstrittene Los Angeles anzubieten, mit der Aussicht, die Spiele für immer in Griechenland zu haben.
Ob das Stadion, das nach den Plänen der Stuttgarter Consulting-Firma Weidleplan für rund 50 Millionen Mark errichtet wird, bis dahin fertig wird, ist fraglich. Ursprünglich sollte es erst zwölf Jahre später fertiggestellt sein, weil erst 1996 die Jubiläumsspiele, wie schon die von 1896, in Athen stattfinden sollen.
1984 jedenfalls wäre das Olympia-Stadion viel zu klein, urteilte die Zeitung "Eleftherotypia" über die Absicht der Regierung, "es reicht nicht einmal für die Athener aus". Zudem fehlen die Sportanlagen für Schwimmwettkämpfe, für Rudern und Reiten.
Grundsätzliche Bedenken gegen den festen Olympia-Standort haben die S.155 IOC-Oberen aber auch aus politischen Gründen: Sie zweifeln an der innenpolitischen Standfestigkeit der Griechen.
"Da braucht man nur zehn Jahre zurückzudenken", sagte NOK-Präsident Willi Daume, "dann hätten wir Obristen-Spiele gehabt."
IOC-Präsident Lord Killanin gab zu bedenken, auch Griechenland sei "gegenüber politischen Pressionen verletzbar". Seine Bedingung für einen festen Standort: "Der Ort muß eine Art Vatikanstaat sein" -- nämlich politisch neutral und ideologisch ungebunden.
Dies erschien nun den Olympia-versessenen Hellenen als rettender Gedanke: einen neutralen Olympia-Staat auf dem traditionsgetränkten Boden der Olympia-Gemeinde zu gründen.
Dort solle "eine Stätte für die gesamte Menschheit, ein Ort der Weltbegegnung" errichtet werden, schwärmte das Blatt "Vradyni". Aus Athen kam die Kunde, die Regierung Karamanlis wolle der künftigen Olympia-Stätte einen völkerrechtlich geschützten, exterritorialen Status geben. Mini-Staaten wie San Marino sollten als Beispiel gelten.
Der Olympia-Staat beflügelt bereits die Phantasie der griechischen Sportfunktionäre: Mindestens 5000 Hektar müsse der Staat umfassen, wurde berechnet.
Und wie des Papstes Heiliger Stuhl in Rom solle das IOC-Präsidium im Sportler-Staat seinen Sitz nehmen, sollen IOC-Funktionäre die Stätten betreuen. Die Finanzierung, so glauben die Olymper, könnten die Nationen nach Art der Unesco entsprechend ihrem Prokopf-Einkommen sichern.
Der politisch neutrale, weltweit finanzierte Olympia-Staat bedeute sogar einen Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens, gab Karamanlis zu bedenken: Schon im Altertum mußten die teilnehmenden Stadtstaaten geloben, sich während der Spiele jeder Feindseligkeit zu enthalten und die "heilige Waffenruhe" zu respektieren.
Doch es scheint, als verhindere gerade die neugriechische Olympia-Begeisterung, daß jener Ort des Friedens neu entsteht: Nachdem sich das griechische Olympische Komitee nicht für Olympia, sondern für Athen als Standort der Olympischen Spiele entschieden hatte, riefen die Olymper wie einst die alten Griechen zum Boykott der Wettkämpfe auf.
Bürgermeister Koutras: "Die Athener haben bei der Grundsteinlegung ihres Stadions nicht mal Erde aus Olympia geholt, anders als bisher alle Olympia-Städte auf der Welt."
Als vorigen Mittwoch die Olympia-Flamme für Lake Placid in Olympia entzündet wurde, blieb der Gemeinderat des Dorfes aus Protest dem Zeremoniell fern.
S.152 Übergabe der Flamme für Lake Placid vorigen Mittwoch. *

DER SPIEGEL 6/1980
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