18.08.1980

PAPIER-INDUSTRIEDieses Syndikat

Die EG-Kommission will das skandinavische Papier-Kartell in Europa sprengen.
Über fünf Jahre jagten die Fahnder durch Europa, um nach Beweisen für ihren Verdacht zu suchen. Ende Juni endlich hatten die Wettbewerbshüter der Europäischen Gemeinschaft alle Unterlagen zusammen und präsentierten dem zuständigen EG-Kommissar, dem Luxemburger Raymond Vouel, ihren Fall.
Die Anklage richtet sich gegen die Verkaufsorganisationen der norwegischen, schwedischen und finnischen Zeitungspapierhersteller. Durch eine monopolartige Preispolitik vor allem in Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland haben diese Unternehmen nach den Brüsseler Ermittlungen gegen die Wettbewerbsregeln in der EG verstoßen.
Die Männer der Generaldirektion IV ("Wettbewerb") in der EG-Zentrale waren diskret vertraulichen Hinweisen von Informanten aus der Industrie nachgegangen, gelegentlich auch traten sie zu spektakulären Durchsuchungsaktionen in Haupt- und Großstädten der Gemeinschaft an.
So platzten an einem kalten Februar-Morgen des Jahres 1977 gleich nach Bürobeginn zwei Herren in die Londoner Geschäftsräume einer Verkaufsgesellschaft für skandinavisches Zeitungspapier und filzten die Unterlagen.
Was die EG-Sheriffs, wie englische Zeitungen die europäischen Kartellbeamten gern nennen, bei ihren Schnüffeleien herausfanden, dürfte die nordischen Papierhersteller schon bald zu einer Änderung ihrer Verkaufsstrategie zwingen.
Zwar gehört keines der drei betroffenen Länder Nordeuropas der EG an; doch ihre Papier-Produzenten sind innerhalb der Gemeinschaft äußerst verwundbar: Allein 75 Prozent ihres Exports -- im Werte von fast zwei Milliarden Mark jährlich -- fließen in den EG-Raum.
Wie die Sheriffs mit dem Aktenkoffer nun herausgefunden haben wollen, gehen die Nordeuropäer bei diesem Handel mit ihren Kunden in Westeuropa wenig zimperlich um.
Die zwölf großen skandinavischen Papier-Produzenten leiten ihre Verkäufe in die EG ausschließlich über ihre nationalen Verkaufsagenturen. Dem Kunden in der Gemeinschaft bleibt kaum eine Wahl, die zuständige Agentur und die Preise werden ihm vorgeschrieben. Ein Brüsseler Beamter: "Wir wollen künftig verhindern, daß dieses Syndikat von außerhalb Warenströme innerhalb der Gemeinschaft regeln kann."
Zunächst einmal hat die Wettbewerbs-Generaldirektion den betroffenen Konzernen ihre Beschwerdepunkte sowie die ermittelten Tatsachen mit der Bitte um rechtliche Würdigung zugestellt. Verweigern die Firmen ihre Kooperation, kann die Kommission den Agenturen alle Geschäfte innerhalb der EG verbieten.
Als letztes Mittel bleibt Brüssel die Festsetzung von Zwangsgeld in Höhe von bis zu zehn Prozent des letzten Umsatzes innerhalb der Gemeinschaft.
Zur Konfrontation scheint es vorerst freilich nicht zu kommen. Schweden und Norweger erklärten sich inzwischen bereit, künftig ihre nationalen Agenturen zu reinen Serviceorganisationen zu degradieren und den einzelnen Herstellern wieder das eigentliche Verkaufsgeschäft zu überlassen.
Auch haben der umsatzstärkste deutsche Papierhersteller, die Düsseldorfer Feldmühle AG, und der schwedische Großproduzent Stora Kopparberg angeboten, ihre gemeinsame Vertriebsgesellschaft in Düsseldorf zu entflechten.
Lediglich die Finnen, mit jährlichen EG-Exporten in Höhe von über einer Milliarde Mark größtes nordisches Papierland, zeigen sich noch starrköpfig. Sie verlangen Sonderrechte, die sie mit der Nachbarschaft zur mächtigen Sowjet-Union begründen.
Bestehe die EG auf dem Abbau der bereits seit 1918, einem Jahr nach der finnischen Unabhängigkeit von Moskau, existierenden Finnpap-Dachorganisation -- so ihr Einwand --, dann werde dies zu innenpolitischen Schwierigkeiten in Finnland führen, an denen der Westen kein Interesse haben könne.
Doch die Brüsseler wollen sich nicht erpressen lassen. Sie entgegnen kühl, sie wollten Finnpap nicht zerstören. Als Verkaufshelfer für kleine und mittlere Unternehmen könne die Organisation ruhig weiterleben. Die großen Unternehmen müßten sich selbst um den Verkauf ihres Papiers bemühen.

DER SPIEGEL 34/1980
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