18.08.1980

Keiner ohne Macke

Internationale Sportfeste sollten die Athleten der Boykott-Länder für Olympia entschädigen. „Als ob man Diamanten mit Dreck vergleicht“, urteilte US-Schwimmer Gaines über Ersatz-Wettkämpfe.
Wir müssen endlich was machen", bestürmte Hochspringer Andre Schneider den Sprecher der bundesdeutschen Leichtathleten, Günther Lohre. Sie beschlossen, die Saison des Olympia-Boykotts nicht "so auslaufen zu lassen, ohne selbst etwas zu unternehmen". Die Athleten organisieren ein eigenes Sportfest.
Am 30. August springen und sprinten nun die erfolgreichsten Bundesathleten beim ASV Köln in eigener Regie. Holländer, Belgier und boykottbetroffene Kenianer wählen auf Bitten der Veranstalter "den billigsten Weg" zur Anreise: Der Überschuß soll die Hungerkatastrophe in Uganda lindern helfen. Als Ehrengast hat Bundestags-Vizepräsidentin Annemarie Renger zugesagt.
Der Einsatz für Uganda hilft allerdings kaum darüber hinweg, daß "die ganze Saison im Eimer ist", wie Rekordläufer Harald Schmid schimpfte, der "Sportler des Jahres 1979". "Da kommt keiner ohne Macke raus." Alle Funktionäre, voran Ehrenpräsident Dr. Max Danz, der sich in Moskau zur Eröffnung vor das Hotel-Fernsehen zurückzog und vor den Wettkämpfen abreiste, hatten den betroffenen Sportlern "alle möglichen Hilfen" zugesagt.
Doch einen Ersatz für Olympia konnte keiner bieten. Moskauer Rekordleistungen in den olympischen Kernsportarten vereitelten den Versuch, die Olympischen Spiele durch Glanzleistungen von Boykott-Athleten bei Ersatz-Wettkämpfen auf der ganzen Welt nachträglich zu entwerten.
Amerikas Schwimmer trieb dieses Bemühen sogar zum offenen Streik. Bei ihrem Gegen-Olympia in Irvine (Kalifornien) stellten die US-Favoriten zwar drei Weltrekorde auf (Moskau: elf), unterboten aber nur in 10 von 22 Wettbewerben die olympischen Siegerzeiten. Da verlangten die Funktionäre von den resignierenden Stars, die Bilanz aufzupolieren und weitere Rekordversuche in vier Staffelrennen zu unternehmen.
"Wir schwimmen nicht", verkündete Rekordler Mike Bruner. Dabei blieb es. Wegen ihrer Wettkämpfe in Irvine verpaßten die US-Schwimmer die Verleihung der Ersatz-Goldmedaillen (Wert: etwa 100 Dollar) durch Präsident Carter auf den Stufen des Capitols. 20 Athleten verzichteten vorab. Bei den übrigen rührte sich kaum eine Hand nach Carters Rede.
Aus Protest trugen 27 Ruderinnen T-Shirts mit den olympischen Ringen und der Aufschrift: "Jimmy Carter --Gefahr für die nationale Sicherheit". Viele Sportler mieden das Defilee am Präsidenten, seiner Frau Rosalynn und Tochter Amy vorbei, weil sie, wie die Ruderin Carol Brown, "von dieser Person nicht geehrt werden" mochten.
"Alle seine Worte heute galten eigentlich den Wählern", beklagte die verhinderte Olympia-Teilnehmerin Holly Hatton. "Wenn er ein bißchen mit uns fühlte, hätte er keine politischen Erklärungen abgegeben."
Ärger und Enttäuschungen hielten an. Bei den nacholympischen Sportfesten hofften auch Leichtathleten aus den USA und der Bundesrepublik zu beweisen, daß eigentlich sie die Medaillen von Moskau verdient hätten. Doch in Berlin und Köln trafen die Amerikaner fast nur deutsche Leidensgenossen: Ostblock-Sportler mieden Sportfeste in den Boykott-Ländern. Kugelstoßer Ralf Reichenbach brach seinen Landesrekord, den Olympiasieger traf er nicht.
Die US-Weltrekordler Renaldo Nehemiah und Edwin Moses rannten zwar Glanzzeiten und übertrafen die Moskau-Sieger. Aber auch in Rom oder London stellten sich nur wenige Olympiasieger. Der Deutsche Schmid besiegte in Rom den sowjetischen 400-Meter-Olympiasieger Viktor Markin, Hammerwerfer Karl-Hans Riehm schleuderte das Gerät weiter als der sowjetische Goldmedaillengewinner Jurij Sedych. Doch die Moskau-Leistungen erreichte keiner mehr.
Auch finanziell erfüllten sich nur wenige Hoffnungen. Einen Weltrekordler wie Moses schätzen die Veranstalter auf 3000 Dollar pro Rennen, Schmid zählt zur 3000-Mark-Kategorie. Aber nur wenige Stars zehren vom Ruhm vergangener Jahre. Für die vielen Athleten der zweiten Garnitur, die sich nur in Moskau einen Marktwert hätten verschaffen können, sind die Kassen nun versiegelt. Die Veranstalter beschäftigen zuerst erfolgreiche Olympiateilnehmer.
Erträge von nacholympischen Sportfesten bieten olympischen Endkampf-Teilnehmern die Chance, einige Studiensemester zu überbrücken. Die Honorare staffeln sich nach Erfolgen und Popularität eines Athleten und werden wegen der Amateurbestimmungen als Auslagenersatz getarnt.
Vielen entgehen nun Einnahmen aus internationalen Sportfesten. Die Deutschen Meisterschaften 1980 fanden erst am vorigen Wochenende statt, als die einträglichsten Einladungs-Wettkämpfe schon vorüber waren.
In dieser Situation wollen die Leichtathleten eine Veranstaltung bieten, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat. Beim Kölner Sportfest zugunsten Ugandas schlagen sie "eine Brücke zum Publikum". Für einen Einheitspreis von fünf Mark (üblich: bis zu 40 Mark pro Tribünenplatz) dürfen die Fans bis an die Piste. Tische stehen zu Gesprächen und für Autogrammwünsche bereit.
Vor allem wollen die Athleten ihre sportlichen Leistungen anschaulicher machen. "2,20 Meter im Hochsprung sind vom obersten Rang aus gesehen nicht viel", begründete Stabhochspringer Lohre. "Aus nächster Nähe erkennt man, daß die da quasi über eine Türfüllung springen."

DER SPIEGEL 34/1980
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