31.03.1980

POSTNeigt zu Überschlägen

Die Bundespost möchte einen gerade erst ausgebauten Rundfunksender bei München möglichst bald aufgeben - die museumsreife Anlage wird zu teuer.
Zugereiste halten die Anlage auf den Wiesen isarabwärts vor München meistens für eine Ölraffinerie. Acht runde Tanks glänzen silbern in der Sonne, leicht angerostete Rohre winden sich über das Gelände, aus einem Maschinenhaus steigt weißer Dampf.
Doch die surrende Anlage liefert keineswegs Benzin und Heizöl -- sie schluckt das kostbar gewordene Öl selbst. Und das nicht zu knapp: 4500 Liter täglich, soviel etwa wie ein Eigenheimbesitzer den ganzen Winter zum Heizen braucht.
Die kostspielige Technik gehört der Bundespost: Sie betreibt damit den Langwellensender Erching der bundeseigenen Rundfunkanstalt "Deutschlandfunk".
Wenn früh um vier Uhr die erste Schicht dieses "etwas eigentümlichen Senders" (so die Fachzeitschrift "Funkschau") ihren Dienst antritt, dann werfen die Postler vom zuständigen Münchner Fernmeldeamt 3 erst mal zwei Schiffsdiesel vom Typ "Worthington SDR 8" an. Mit je 1320 Pferdestärken treiben die Motoren zwei Generatoren, die den Strom für den 500-Kilowatt-Sender liefern.
Denn zu den zahlreichen Eigentümlichkeiten der Erchinger Geräte gehört auch, daß sie nicht einfach an das bundesdeutsche Stromnetz angeschlossen werden können. Die Station wurde nämlich 1952 von der US-Regierung für den Auslands-Propaganda-Dienst "Voice of America" gebaut -- natürlich mit amerikanischer Technik.
Die Konstrukteure schafften fast alle Bauteile eigens aus den Staaten ins Nachkriegs-Deutschland. Der Sender funktioniert daher auch nur mit der im amerikanischen Stromnetz üblichen Frequenz von 60 Hertz. Und so bauten die alliierten Techniker neben der Funkanlage gleich noch ein Diesel-Kraftwerk nach US-Normen hin.
Bis zum Anfang der siebziger Jahre strahlte der Erchinger Sender Programme der "Stimme Amerikas" für die Bürger der Sowjet-Union aus. Im Zeichen der Ost-West-Entspannung aber wurde die Station 1973 eingemottet.
Sechs Jahre später, just am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli 1979, meldete sich Erching wieder im Äther -- diesmal mit deutschem Programm. In monatelanger Bastelarbeit hatten Posttechniker die antiquierte Anlage betriebsbereit gemacht.
Fast die Hälfte der 18 Senderöhren -- jede so groß wie eine Stallaterne und 12 000 Mark teuer -- mußte ersetzt werden. "Am Rande des technisch Möglichen", so Funkreferent Robert Uhlitzsch von der Münchner Oberpostdirektion, wurden die Spulen -- armdicke Kupferrohre, mit deren Hilfe die Sendefrequenz erzeugt wird -- auf eine neue Wellenlänge umgetrimmt.
Verteilt auf zweieinhalb Schichten, halten nun 21 Mann den wiedererweckten Sender auf Draht. Das museumsreife Stück gilt der Post sogar als "relativ betriebssicher". Dafür muß die Wachmannschaft allerdings immer auf dem Sprung sein. Denn die Anlage neigt zum Beispiel zu "Überschlägen" --Kurzschlüssen an der Antenne -- und schaltet sich selbsttätig ab.
Der diensthabende Ingenieur stürzt dann jedesmal aus seiner gläsernen Wachkanzel ans Steuerpult und reißt einen Schalter herum -- der Rekord bis zum Wiedereinschalten des Senders liegt derzeit bei 15 Sekunden.
Die deutschen Behörden hatten die Chance, einen neuen Langwellensender für den "Deutschlandfunk" rechtzeitig zu planen, in einer langjährigen Auseinandersetzung mit den Amerikanern verpaßt. Schon 1975, als bei einer internationalen Konferenz in Genf die Rundfunkwellen neu verteilt wurden, war der Bundesrepublik die Langwelle 209 Kilohertz zugeteilt worden. Als Standort allerdings wurde in den Wellenplan der eingemottete US-Sender Erching eingetragen.
Ende 1978 überließen die Amerikaner den Deutschen ihre Frequenz. Bis dahin sah die Bundespost keinen Anlaß, sich um eine neue Sendeanlage für die 1975 gewonnene Wellenlänge zu kümmern. Dann aber ging alles so schnell, daß die Beamten im Bonner Postministerium "aus Gründen der Zeit" nicht einmal eine Wirtschaftlichkeitsrechnung für den Sender Erching aufstellten -- hatten ihnen doch die Amerikaner die Anlage für sieben Jahre kostenlos überlassen.
Das kommt die Postler jetzt teuer zu stehen. Denn als sie die erste Ölrechnung für das Kraftwerk ihres Senders sahen, gaben sie hastig, Ende letzten Jahres, einen Transformator in Auftrag, der den Anschluß der amerikanischen Anlage an das deutsche Stromnetz ermöglicht. Kosten für die ungewöhnliche Sonderanfertigung: rund eine Million Mark.
Die Ausgabe ist um so ärgerlicher, als von Anfang an feststeht, daß der veraltete Sender allein wegen seines Standortes für den "Deutschlandfunk" kaum geeignet ist. Da auf der 1975 zugeteilten Wellenlänge auch der Sender Kiew arbeitet, müßten die Antennen der deutschen Station laut Wellenplan nachts gen Osten abgeschirmt werden.
Dazu fehlen bei Erching die nötigen Einrichtungen. Von 19 Uhr abends bis 5 Uhr früh wird der Sender daher abgeschaltet. Doch selbst wenn die Post zur Abschirmung eigens einen zweiten Sendeturm hinzubauen würde: Nachts wäre der "Deutschlandfunk" in ganz Südost-Bayern nicht zu hören.
Und so möchten die Postler -- kaum haben sie das Museumsstück funktionstüchtig gemacht -- die Erchinger Anlage wieder aufgegeben: Sie suchen bereits den Platz für einen neuen Sender an Bayerns Ostgrenze.

DER SPIEGEL 14/1980
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