18.08.1980

FERNSEHENStändiges Gebrabbel

„Abgeordnete - Szenen deutscher Politik“. Fünfteilige Serie von Peter Claus Schmidt. ZDF. Start: 24. August, 19.30 Uhr.
Die verhärmte Gattin neben sich, die Abdankungsurkunde vor sich -- so sitzt Wilhelm I. an seinem Schreibtisch und macht Weltgeschichte.
Die Deputierten des Abgeordnetenhauses, lamentiert der Preußenkönig, bewilligten kein Geld mehr für die Armee, er müsse aufgeben. Schwermütig sinkt die Hand mit der Schreibfeder zum Papier, weh neigt Königin Auguste das Haupt.
Doch Roon, Kriegsminister und bei der Schicksalsstunde aus dramaturgischen Gründen präsent, weiß Rat. Majestät solle doch den Bismarck zum Ministerpräsidenten machen, der wisse, wie man mit Volksvertretern umspringe. Wilhelm, schweren Herzens, tut''s. Auguste: "Bismarck? Der ist doch unmöglich."
Mit solchen Szenen startet kommenden Sonntag eine TV-Serie, die laut ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel "historische Dimensionen" eröffnen wird. Fünfmal hintereinander zeigt seine Anstalt "Abgeordnete", die deutsche Parlamentsgeschichte gemacht haben.
Ein halbes Hundert Schauspieler empfinden, so der Untertitel, "Szenen deutscher Politik" nach: Zwischen 1847, als die Deputierten der vereinigten preußischen Provinziallandtage dem König die Zustimmung zum Bau einer Eisenbahn ins Pommersche verweigerten -- "erste Machtfrage im deutschen Parlamentarismus" (Abgeordneten-Autor Peter Claus Schmidt) --, und 1933, als der Sozialdemokrat Otto Wels das letzte freie Wort im letzten frei gewählten Deutschen Reichstag sprach.
Zum Thema "Einheit der Nation" etwa (Sendung am 31. August) beschwört der Paulskirchen-Abgeordnete Ludwig Uhland die "hochwüchsige Germania", die zu formen er nach Frankfurt gekommen sei.
Wenn es "Wider die Allmacht des Staates" (7. September) geht, im Kaiserreich, dann tritt Kanzler Bismarck mal wie ein zynischer Mephisto auf, mal spricht er heiser und gequetscht wie sonst nur noch Willy Brandt. Der "Ausdruck Pfui", belehrt in der gleichen Folge ein Parlamentspräsident die erregten Abgeordneten, "ist nicht parlamentarisch".
Das ZDF unterlegt die wortgetreu und oft glänzend deklamierten Reden mit einer Geräusch-Kulisse aus: "Hört, hört]", "Sehr wahr]" und ansonsten ständigem Gebrabbel.
Wenn''s dokumentarisch wird, erklingt zu kolorierten Stichen von Barrikadenkämpfen immer mal die "Marseillaise", und fürs Analysieren tritt Hans Heigert auf. Mal mit windgezaustem Haar vor der Paulskirche, mal auf der letzten vom alten Reichstag noch übriggebliebenen Bank, immer aber bedeutungsschwanger erläutert der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" zu jeder Szene die "unauflöslichen Knäuel von Widersprüchen und Zusammenhängen" oder sucht "die deutsche Identität".
Die Mixtur aus Dokumentation, Kammerspiel und Analyse schickt das ZDF mit soviel Selbstlob auf den Weg wie kaum eine TV-Lektion zuvor.
Die Reihe, schwärmt Appel, rücke "Defiziten und politischem Unbewußtsein zu Leibe". Die "Abgeordneten" sollten ein für allemal klarmachen, daß "die deutsche Demokratie 1949 nicht vom Himmel hoch über uns kam".
Schöne Worte. Doch bei allem guten Willen -- mehr als ehrgeiziges Schulfernsehen hat das "Experiment" nicht gebracht. Die Regie behilft sich mit gestelzter Choreographie, weißem Schleiflackmobiliar, das den Originalen nachempfunden ist und, gelegentlich, mit aufdringlicher Symbolik.
Behende und federnden Schritts eilen die Abgeordneten-Spieler in die Bütt, und je eindringlicher in der vierten Folge ("Auf dem Weg in den Untergang") Sozialdemokrat Wels vor der Barbarei warnt ("Ich grüße die Verfolgten und Bedrängten"), desto intensiver strahlt ein übermannshohes Hakenkreuz in der Farbe einer Blutorange.
Den Eiertanz zwischen Authentizität und Ästhetik setzten die "Abgeordneten"-Macher auch da noch fort, wo es hätte aktuell werden können: Für die letzte Folge (21. September) lud das ZDF Bonner Gymnasiasten ins Bundeshaus ein. In der Lobby sollten sie am vergangenen Montag Annemarie Renger, Hermann Höcherl, Walter Scheel und Rainer Barzel Fragen zu Mitschnitten aus dem Bundestag stellen.
Das Material dazu lieferten die ZDF-Historiker per Monitor in die Lobby: Bundestags-Szenen nach dem Vorwurf des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher an Konrad Adenauer ("Kanzler der Alliierten"), aus der Verjährungsdebatte und den Tagen, als Barzels Mißtrauensvotum scheiterte.
Die Teens, im großen Kreis auf harten Stühlen, scharrten mit den Füßen und tuschelten, wie sie die Diskussion anheizen könnten. Doch allzu leger mochten es die Mainzer Nachhilfelehrer in Demokratie nun auch wieder nicht. Mit weit ausgebreiteten Armen, als wolle er, jesusmäßig, Wogen glätten, eilte Regisseur Carlheinz Caspari in die Runde und mahnte, von unverabredeten Zwischenfragen abzusehen. Im Film, sagte der Künstler, gäbe es sonst "Rumpelschnitte wie bei der Tagesschau".
Und mit scheelem Seitenblick auf den Platz in der Lobby, wo gemeinhin Ernst Dieter Lueg Aktualität zu zelebrieren pflegt: "Ich bin Spielfilmregisseur, nicht Journalist."
Rainer Weber
S.160 Gottfried Kramer als Otto Wels (vorn). *

DER SPIEGEL 34/1980
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