18.08.1980

STÄDTEBAULetztes Haus

In West-Berlin machen sich Architekten für den Erhalt einer Altbau-Villa stark, die den Neubauten für die Staatlichen Museen im Wege steht.
Seit 18 Jahren bemüht die West-Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz sich um eine maßgebaute neue Bleibe für die 1500 alten Meister ihrer Gemäldegalerie, für Rembrandts "Mann mit dem Goldhelm", Tizians "Venus mit dem Orgelspieler", Cranachs "Ruhe auf der Flucht", für all die Brueghels und Dürers, Raffaels und Rubens' in ihrem Dahlemer Notquartier.
Jetzt, da die Pläne bis zur Baureife gediehen und die Finanzierung gesichert sind -- Monate vor dem geplanten Baubeginn --, steht der neuen Gemäldegalerie plötzlich eine ramponierte Stadtvilla aus dem vorigen Jahrhundert im Wege.
Das kriegsbeschädigte Haus, Baujahr 1896, blockiert am südlichen Tiergartenrand ein Stückchen Baugrund für die Galerie. Über einen Abriß, der lange als ausgemacht galt, herrscht wieder Ungewißheit. Um das Schicksal der Villa ist ein vehementer Kulturkampf entbrannt.
Das Haus, Sigismundstraße 4a, genießt weder Denkmalsschutz noch besonderes künstlerisches Ansehen; außer einigen Putten und einem grimmigen Bismarckkopf trägt es auch keinen bemerkenswerten Zierat.
Dennoch ist das Haus, wie der Architekturhistoriker Vittorio Magnago-Lampugnani schrieb, "in schroffer Einsamkeit ein unfreiwilliges Monument" oder, wie Olav Münzberg in den "Frankfurter Heften" dichtete, "das einzige noch lebende Haus".
Tatsächlich sind auf dem kriegsverwüsteten Areal am südlichen Tiergartenrand von ursprünglich 529 Gebäuden nur noch sieben erhalten, und als einziges Wohnhaus weit und breit steht neben dem nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten "Kulturforum" -- mit Philharmonie, Nationalgalerie und Staatsbibliotheken -- die Nummer 4a in der ansonsten kahlgeschlagenen Sigismundstraße.
Vor einem halben Jahrhundert herrschte Weltstadttrubel gleich um die Ecke: Der Potsdamer Platz galt damals als Europas verkehrsreichste Drehscheibe. Bis zum Mauerbau belebten noch Grenzgänger und ihre Bedarfsbuden die Gegend -- die seitdem, seit nunmehr 19 Jahren, aber wie vom Stadtleben ausgeklammert ist.
Das Kulturforum liegt, inmitten der geteilten Stadt, an einem äußersten Rand. Außer Wildkaninchen sagen sich in seiner Nähe tatsächlich nur die Mieter aus der Sigismundstraße 4a gute Nacht.
Die derzeit 23 Bewohner forderten in einem Flugblatt: "Das letzte Haus muß bleiben]" Die Direktion der "Bauausstellung Berlin" fand zudem, daß man sich "ganz frei von Sentimentalität und nostalgischer Erregung" auch "sehr rational" für die Erhaltung des Hauses engagieren könne.
Um die "trostlose Unbelebtheit dieses Gebietes außerhalb von Öffnungs- und Veranstaltungszeiten zu vermeiden", also Leben zwischen die Kulturbauten zu bringen, empfahl ein Direktor der Bauausstellung, der Architekt Josef Paul Kleihues, das alte Haus zum Herzstück einer neuen Stadthausreihe zu machen -- und die Museumsplanung entsprechend zu ändern. Der Verlust von 20 Prozent Museumsfläche könnte durch kompaktere Bebauung wettgemacht werden.
Ein derart "brutaler Eingriff" scheint dem Stiftungspräsidenten Werner Knopp und dem Generaldirektor der Staatlichen Museen, Stephan Waetzoldt, "aus finanziellen, funktionalen und ästhetischen Gründen" unzumutbar. Planungsänderungen würden das Projekt außerdem um mindestens drei weitere Jahre verzögern. Die bislang aufgewandten 2,5 Millionen Mark Planungskosten wären vertan.
Damit sitzt Berlins Bausenator Harry Ristock in der Klemme. Einerseits kann und will er die Museumsplanung "nicht anhalten". Andererseits hat auch der Senat schon vor zwei Jahren gefordert, die "isolierte und teilweise desolate Situation" am West-Berliner Kulturforum zu überwinden und die "volle städtebauliche Einbindung" herzustellen.
Folgerichtig lautet das Hauptthema der Bauausstellung 1984 auch "Die Innenstadt als Wohnort" -- die Berliner wollen "Beispiele für eine menschliche Stadt" geben: durch "Stadtreparatur" und "Bürgerbeteiligung", "Problemlösungen" und "Erhaltung von Altbausubstanz".
Die Chronik der Berliner Museumsplanung und der Wirbel um das Haus in der Sigismundstraße machen den Wandel in städtebaulichen Gepflogenheiten und die Veränderungen im Bewußtsein der Öffentlichkeit deutlich.
Als der Stiftungsrat im Jahre 1962 den Standort für die Staatlichen Museen der europäischen Kunst bestimmte -- für Gemälde- und Skulpturengalerie, Kunstgewerbemuseum und Kupferstichkabinett --, waren Hans Scharouns Philharmonie fast vollendet und der Grundstein für Mies van der Rohes Nationalgalerie soeben gelegt. Die Museen sollten sich in direkter Nachbarschaft S.163 ausdehnen. Kaum jemand dachte dabei an den Erhalt des ramponierten, dreigeschossigen Altbaus im städtebaulichen Niemandsland.
Gebaut hatte das Haus im Jahre 1896 der Buchverleger Paul Parey, als städtische Villa mit feinster Adresse. Später wurden die Etagen in Wohnungen aufgeteilt. 1938, als der Tiergartensaum zum Diplomatenviertel ausgebaut wurde, kaufte die Reichsregierung das Haus für das Oberkommando des Heeres. Den Nazis folgten als Eigentümer der Bund, das Land Berlin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Mählich wurden die Kriegsschäden ausgebessert, insgesamt 14 Mietparteien teilten sich das Haus, in der Giebelwand nistete sich ein Turmfalkenpaar ein, und Hollywood-Trupps nutzten den Bau bevorzugt als Kulisse für Berlin-Thriller.
Daß die Villa nicht schon während der sechziger Jahre einfach weggesprengt worden war, hatte einen eher betrüblichen Grund: Die Architektenwettbewerbe für die Museumsbauten waren ohne Ergebnis geblieben.
"Kein baureifer Entwurf", berichtete die "Bauwelt" im August 1966 von der Jury-Sitzung und kommentierte, daß "heute in Deutschland offensichtlich keine Architektur zu haben" sei, "die dem Rang der Berliner Sammlungen auch nur entfernt entspräche".
Unter den durchweg "provinziellen Lösungen" war auch ein Vorschlag des Stuttgarter Bauprofessors Rolf Gutbrod, an dem das Preisgericht gleichfalls mehr Mängel als Anregungen entdeckte: Zweckbauten, lose um einen Hof gruppiert. Doch Gutbrod antichambrierte in der Folgezeit so fleißig beim Stiftungsrat, daß er im Herbst 1968 den Auftrag zur Bearbeitung erhielt.
Im Rezessionsjahr 1971 wurden die Planungen an dem Projekt unterbrochen. Gutbrod verlegte seine Tätigkeit nach Mekka. Erst 1977 sprudelten auch in Berlin wieder die erforderlichen Mittel -- insgesamt 370 Millionen Mark aus dem "Zukunftsinvestitionsprogramm" wurden für den Museumsneubau in Aussicht gestellt.
Doch weder die finanzielle Verheißung noch die Hinwendung zu Allah vermochten offenbar Gutbrods Ingenium zu beflügeln. Auch das neueste Modell, urteilte Camilla Blechen in der "FAZ", lasse "keine Handschrift" erkennen, die mit den "umstehenden baukünstlerischen Vermächtnissen" von Scharoun und Mies van der Rohe "in ein formales Zwiegespräch auf gleicher Stilhöhe treten könnte".
Dennoch: Im ersten Bauabschnitt wächst bereits das Kunstgewerbemuseum, und in drei weiteren Bauabschnitten soll der gesamte Komplex bis 1992 fertig sein -- bei "optimalen Voraussetzungen", wie Stiftungsdirektor Knopp betont.
Die scheinen nun aber nicht mehr gegeben -- denn dagegen steht der Freundeskreis des Hauses Sigismundstraße 4a. Alle Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung Tiergarten haben sich für die Erhaltung ausgesprochen. Das Landesamt für Wohnungswesen hat den Abriß abgelehnt: Die bauliche Beschaffenheit sei gut.
So sind die Fronten verhärtet:
* "Ein heruntergekommenes Haus bedroht die Einheit des geplanten Museumskomplexes", zürnt der Kunstkritiker der "Berliner Morgenpost", Peter H. Göpfert
* "Der Abrißantrag bedroht ein Stück Berlin, vor allem aber ein Stück städtische und architektonische Kultur", warnt Architekturhistoriker Magnago-Lampugnani.
Keine Lösung?
Auch die Haus-Freunde sehen am Ende das noch immer stärkere Argument auf der Gegenseite: Planungsänderungen könnten die Bonner Geldgeber zu einer Sperre der Museumsmittel veranlassen. Welcher Kommunalpolitiker wollte so etwas auf sich nehmen -auf 370 Millionen zu verzichten?

DER SPIEGEL 34/1980
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