20.02.2016

RegionenEin rechtes Rätsel

Lange galt Sachsen als der ostdeutsche Musterstaat – heute bestimmen Pegida-Aufmärsche, Ängste und Anschläge das Bild des Bundeslandes. Was ist da los?
Horst Hirsch hat alles vorausgesehen. Hat davor gewarnt, dass Deutschland wie Duisburg oder Köln werde. Dass es überfremde. Und gefragt: "Wollen wir, dass wir ein islamischer Staat werden?"
Das war nicht nach der Silvesternacht von Köln. Das war vor mehr als einem Jahr, am 21. Januar 2015. Hirsch, 72, war einer von 300 sächsischen Bürgern, die im Dresdner Kongresszentrum mit Politikern über Asyl und Integration diskutieren sollten. Seit Wochen marschierte Pegida auf den Straßen der Landeshauptstadt, die Staatsregierung wollte gegensteuern und suchte den Dialog mit dem renitenten Volk. Das Losglück verschlug Hirsch, der am Rande des Erzgebirges lebt, an den Tisch von Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU).
Es war der Abend, an dem Hirsch sagte, er habe die tiefe Sorge, heimatlos zu sein im eigenen Land, und fürchte die "militante Ideologie des Islam". Es war auch der Abend, an dem Tillich an seinem Tisch 26 erstmals ein klares Statement abgab: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland."
Ein Jahr später zweifelt der sächsische Ministerpräsident zwar nicht an seiner damaligen Aussage, aber an seinem Land. Es ist ein sonniger Vormittag Ende Januar in Dresden, auf den Elbwiesen liegt noch Reif. Tillich öffnet das Fenster in seinem Büro in der Staatskanzlei, er braucht frische Luft.
Jeden Montag muss Tillich erleben, wie Tausende Landsleute durch die historische Altstadt unter der Pegida-Fahne spazieren. Viele Menschen sind darunter, die immer CDU gewählt haben, sie nennen jetzt Tillich in Nazidiktion einen "Volksverräter". Der Ministerpräsident fühlt sich einsam an solchen Tagen. Wo sind die Kirchen, die Gewerkschaften, die Unternehmer und Künstler? Warum stellen sich so wenige Pegida entgegen? "Die ganze Gesellschaft ist gefordert", sagt Tillich.
Seit mehr als zwölf Monaten protestieren seine Bürger fast jeden Montag gegen den Untergang des Abendlandes, und auch 2016 wollen sie Ausdauer beweisen; bis Ende März haben die Pegida-Organisatoren Plätze in der Innenstadt für ihre wöchentliche Kundgebung reserviert.
Was ist nur mit den Sachsen los? Es ist ein rechtes Rätsel, das den Landesvater beschäftigt, den Rest der Republik verstört – und nun auch weltweit irritiert. Auf dem Cover des US-Magazins "Time" erschien ein düsteres Dresden: Pegida-Demonstranten schwenkten Deutschlandfahnen vor der historischen Stadtkulisse, die Titelzeile lautete "Unwelcome". Und auch am vorigen Wochenende richteten sich wieder viele Augen nach Dresden, das der alliierten Bombenangriffe vom 13. bis zum 15. Februar 1945 gedachte – Rechtsradikale nutzen den Jahrestag traditionell für Aufmärsche.
Das miese Image hat inzwischen wirtschaftliche Folgen. Touristen bleiben aus, ausländische Wissenschaftler sagen den Forschungsinstituten und Hochschulen ab, weil sie in "Pegida-Land" nicht leben wollen. Die fremdenfeindlichen Demonstrationen "machen Dresdens Bild in der Welt kaputt", klagt nun nach langem Schweigen Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle. Er fordert eine Bannmeile um das Stadtzentrum.
Bevor in Dresden Pegida aufmarschierte, war die Stadt berühmt für Hochkultur: Grünes Gewölbe, Staatsschauspiel, Alte und Neue Meister. Der Freistaat glänzte als Pisa-Sieger und Wirtschaftsmotor des Ostens. Und nun? Bis zu 40 Demonstrationen melden Flüchtlingsfeinde in Sachsen pro Woche an. Ein Fünftel der Angriffe auf deutsche Flüchtlingsunterkünfte wurde im vergangenen Jahr laut "Mediendienst Integration" in Sachsen begangen. Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz warnt vor einer "Pogromstimmung" gegen Migranten.
Die Stimmung gegen Flüchtlinge, heißt es öfter, drohe zu kippen. In Sachsen ist sie das längst. Am Beispiel des Freistaats lässt sich erkennen, was passiert, wenn die Zivilgesellschaft in Teilen versagt und wenn es keinen Diskurs mehr gibt.
In Flöha, einer Kleinstadt bei Chemnitz, sitzt Horst Hirsch in seiner kleinen Küche im Erdgeschoss, im Rücken die Bilder seiner acht Enkel und vier Kinder. Ein gütiger kleiner Mann mit silbernem Haar, Brille und Vollbart. In der DDR verfolgte ihn die Staatssicherheit, seine Kinder durften nicht studieren. Sein Geld verdiente er in der evangelischen Jugendarbeit.
Auf dem Tisch steht Geschirr mit Zwiebelmuster, vor dem Fenster der Fahnenmast. Neben dem Küchenfenster hängt das Bundesverdienstkreuz samt Urkunde an der Wand. Er erhielt es 2003 von Bundespräsident Johannes Rau für sein Engagement in der Jugendarbeit, für seinen aufrechten Gang zu Zeiten der DDR und sein Engagement für Roma aus Rumänien.
Dieser Horst Hirsch war bei Pegida-Demonstrationen. Aus Neugier, sagt er. Aber auch, weil er sich freut, "dass es Leute gibt, die den Mund aufmachen. Das nimmt Druck aus dem Kessel". Hirsch findet, Deutschland müsse sich bei Pegida bedanken. "Weil die Politik jetzt Stück für Stück Positionen bezieht, die die Demonstranten in Dresden lange eingefordert haben."
Hirsch hatte einen Linksruck der Regierenden ausgemacht, der den Ostdeutschen missfalle. Er sehe alte sozialistische Ideologien, sagt er, die den Menschen das Paradies versprächen. Etwa mit dem Merkel-Spruch: "Wir schaffen das." Man versuche, die Bevölkerung im eigenen Sinne zu bilden, kritische Stimmen zu verhindern. "Das merkt das Volk im Osten, weil es das schon kennt. Wir haben Zwangserziehung hinter uns und Gängelei." Die Menschen wollten den Islam nicht. Und die Flüchtlinge müssten respektieren, wie das Land geprägt sei, statt "auf dicke Hose zu machen". Doch wie ist das Land geprägt? "Durch das Christentum, das macht die Ordnung in Deutschland aus."
Die Statistik besagt, dass in Sachsen 4 Prozent Katholiken leben, 19 Prozent Protestanten und 75 Prozent Konfessionslose. 40 Jahre Sozialismus haben dem Land das Christentum ausgetrieben. Trotzdem ist sich Hirsch sicher, dass die Tradition das Land zusammenhält. Und dass vom Islam eine Gefahr für diese alte Ordnung der Dinge ausgehe. Gerade Köln habe diese Sorge bestätigt. Nötig sei nun ein straffes Staatswesen, eine Polizei, die sich auch etwas traue. Vorfälle wie in Köln seien "die ersten Früchte einer liederlichen Politik".
Nur warum fällt das im Westen niemandem auf, warum gibt es dort keine Massenproteste? Den Westdeutschen fehle schlicht die Übung, meint Hirsch. Die Ostdeutschen hätten 1989 gemerkt, dass der Druck auf der Straße etwas verändern kann. Obwohl der Sachse sehr weltoffen sei, fürchte er sich vor der Ideologie des Islam und vor Multikulti. Hirsch glaubt, dass die Proteste in Dresden immer weitergehen werden. "Weil das Problem weiter besteht und weil keine größeren Wahlen anstehen, die das ändern könnten."
Es ist ein vergleichsweise freundliches Gespräch in der Küche von Horst Hirsch, Journalisten werden von ihm nicht als Lügenpresse beschimpft wie auf den Montagsdemos von Pegida. In ruhigen Worten schildert er seine Positionen. Vielleicht kann so ein Diskurs beginnen?
Wenig später schickt er eine wütende Mail an die Redaktion, eine kritische Titelgeschichte über die AfD hat ihm missfallen, er will seinen Namen nun nicht mehr in einem "linken Kampfblatt" lesen; der SPIEGEL verwendet deshalb für ihn ein Pseudonym, Horst Hirsch. Beim Interview war der alte Herr noch angetan von dem Versuch, ins Gespräch zu kommen, jetzt blockt er ab. "Auch der süßeste Brei wird ungenießbar", steht in seiner Mail, "wenn der Topf dreckig ist."
Bis heute fällt es schwer zu verstehen, warum sich ausgerechnet in Sachsen die Sprache so sehr verschärft, weshalb Positionen verhärten, wieso der Raum für Austausch und Kompromiss immer enger wird.
Einer, der diesen Prozess seit Langem verfolgt, ist Omar Allham. Auch er hat demonstriert in Dresden – gegen Islamhass und Überfremdungsangst von Menschen wie Hirsch. Im vorigen Jahr stand der gebürtige Syrer auf dem Schlossplatz, inmitten von vielleicht 150 Demonstranten, die gekommen waren, um das bunte Dresden gegen Tausende Pegida-Fans zu verteidigen. Dass es nur so ein kümmerliches Häuflein war, kann Allham immer noch nicht begreifen. "Man muss doch zeigen, dass Dresden nicht nur Pegida ist."
Seit 22 Jahren lebt Allham in der sächsischen Landeshauptstadt. 1986 war er zum Medizinstudium aus Damaskus in die DDR gekommen. Rassismus hat Allham während seines Studiums nicht wahrgenommen. "Wir kamen aus unterschiedlichen Ländern, waren befreundet mit vielen deutschen Kommilitonen", sagt er, "wir hatten ein gemeinsames Ziel, gute Ärzte zu werden."
Das änderte sich schlagartig mit dem Zusammenbruch der DDR. Pöbeleien, Drohungen, Handgreiflichkeiten waren an der Tagesordnung. "Man war oft einfach nur froh, wenn man heil zu Hause angekommen ist", erinnert sich Allham an die Zeit Anfang der Neunzigerjahre, als Skinheads und Neonazis im Osten, von der Polizei meist unbehelligt, Jagd auf Migranten machen konnten.
Allham hat längst die deutsche Staatsbürgerschaft, er arbeitet am Herzzentrum der Universitätsklinik und wohnt in einem gutbürgerlichen Gründerzeitviertel im Osten Dresdens. Der Arzt glaubt genauso an Gott wie Pegida-Demonstrant Hirsch. Nur heißt er bei Allham eben Allah. Und im Gegensatz zu Hirsch hat Religion für ihn nichts mit Politik zu tun.
Wer sich zwischen Neiße und Erzgebirge auf Spurensuche begibt, stößt immer wieder auf Brüche in der sächsischen Geschichte, sie können vielleicht erklären, warum die Verlustängste hier größer sind als anderswo. In Sachsen etablierte sich die Reformation, hier entwickelten Lucas Cranach und Johann Sebastian Bach ihre Meisterschaft, hier wurde eine eigene Formel für Porzellan entdeckt, ein Triumph der deutschen Chemie. "All dies machte Sachsen zur Brutstätte für Ideen, zum Nabel der Welt", sagt Martin Roth, der zehn Jahre lang die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden leitete, bevor er ans Victoria and Albert Museum in London wechselte.
Und doch haderten die Sachsen immer wieder mit ihrem Selbstverständnis. Sie hatten die Kultur, aber die preußischen Nachbarn im Norden waren mächtiger als sie. Sie hatten Bildung, ein selbstbewusstes Bürgertum, Geld und gehörten dennoch zu den Ersten, die den Nazis zujubelten. Und sie erlebten Bombenangriffe auf ihre Hauptstadt, die so massiv waren wie etwa in Hamburg und Köln; aber nur die Sachsen entwickelten daraus einen Trauerkult, der bis heute anhält. "In Dresden spürt man bis heute diesen Identitätsverlust im und nach dem ,Dritten Reich'", sagt Roth. "Was bleibt, ist diese Selbstherrlichkeit, dieses Im-eigenen-Saft-Schmoren und gleichzeitig glauben, man sei der Größte."
Wenige Kilometer elbabwärts von Dresden liegt Kötzschenbroda, ein Stadtteil von Radebeul. Rund um den Anger, den zentralen Platz, ducken sich spitzgiebelige Häuser aus vergangenen Jahrhunderten. Im Parterre liegen kleine Läden oder gemütliche Lokale, die Alte Apotheke oder Dampfschiff heißen und Quarkkeulchen reichen, eine sächsische Süßspeise aus Kartoffelteig.
Der Schriftsteller Jörg Bernig hat sich vor 14 Jahren in dem schmucken Örtchen niedergelassen und gemeinsam mit seiner Frau ein Haus aus dem 19. Jahrhundert saniert. Jetzt ist alles hübsch gemütlich wie in der Alten Apotheke.
Bernig könnte rundum zufrieden sein. Doch der 52-Jährige fremdelt mit seinem Land, den Politikern, den Medien und dem Kulturbetrieb. Den Literaten, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und des deutschen PEN-Zentrums, stört eine vermeintliche Political Correctness, die seiner Meinung nach Multikultur "verordnet" und das "Bedürfnis der Menschen nach Homogenität ignoriert".
An der Friedenskirche in Kötzschenbroda hängt ein Transparent mit einem Spruch aus dem Matthäusevangelium: "Christus spricht: Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen." Solche "von oben verordneten Aktionen", sagt Bernig beim Spaziergang über den Kirchhof, "sind es, die die Menschen in Sachsen aufbringen". Sie grenzten auch die Kirchengemeindemitglieder aus, "die eine Politik der unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen".
"Zorn allenthalben" betitelte Bernig einen Essay, in dem er seine Gedanken zur Lage der Nation und der aus den Fugen geratenen Welt zu Papier brachte. Es sind Thesen, die so auch auf den Dresdner Pegida-Spaziergängen regelmäßig die Runde machen, nur sind die Worte wohlgesetzter.
Statt "Volksverräter" wie bei Pegida heißt es bei Bernig: "Welch Zorn darüber, dass die Bundesregierung die Souveränität des Staates beiseitewischte und zum massenhaften un- oder kaum kontrollierten Grenzübertritt einlud, ja, aufrief."
Und statt "Lügenpresse": "Welch Zorn auch, dass uns, also dem, ganz pathetisch gesprochen, Volk, Tag für Tag gesagt wird, wie wir zu denken haben. Siehe den strafenden Ton und Blick im ,heute journal' des ZDF, wann immer es um Menschen geht, die Kritik an der Flüchtlingspolitik äußern."
Die "Sächsische Zeitung" hat lange gezweifelt, ob sie Bernigs Text drucken soll. Am 21. Dezember erschien er schließlich und traf beim Publikum auf große Zustimmung. "Danke für den Mut zur Veröffentlichung", schrieb ein Leser, ein anderer: Man dürfe ja nicht mehr "stolz auf Deutschland sein" und stattdessen "nur in vom 68er-Zeitgeist genehmigten oder angepassten Begriffen denken und reden".
Der "68er-Zeitgeist" ist ein zentraler Kampfbegriff in Sachsen. Die gesellschaftliche Modernisierung Westdeutschlands nach der Studentenrevolte Ende der Sechzigerjahre gilt bis weit ins sächsische Bildungsbürgertum hinein als Grundübel. Denn ein modernes und auch konfliktbehaftetes Deutschland ist in Sachsen schlecht gelitten, nicht nur bei Heimattümlern in engen Erzgebirgstälern. Auch Bildungsbürger am Dresdner Elbhang hegen Retrogefühle. Bei Hauskonzerten und Dichterlesungen in privaten Salons haben sie die DDR überlebt und danach ihr geliebtes Dresden konsequent restauriert.
Die Wiederherstellung einer vorsozialistischen Bürgerlichkeit war für sie eines der wichtigsten Ziele nach der Wiedervereinigung. Daran knüpfte Kurt Biedenkopf an, als er 1990 Ministerpräsident wurde. Der westdeutsche CDU-Politiker hatte erkannt, dass Menschen Umbrüche leichter ertragen, wenn sie sich auf die glorreiche Vergangenheit rückbesinnen und ein Heimatgefühl kultivieren. Vorbild war der Freistaat Bayern mit seiner ähnlich stolzen Geschichte.
So entschloss sich der Landtag auf Initiative der CDU im Oktober 1990, Sachsen wieder zum Freistaat zu erklären, eine politisch zwar ziemlich bedeutungslose Angelegenheit, aber eine voller Symbolik.
Dem Volk gefiel es, dem Regenten passte es ins politische Kalkül. Biedenkopf konnte als Sachsen-Identitätsstifter seinen politischen Widersacher Helmut Kohl triezen, wie es vorher nur Franz-Josef Strauß als bayerischem Ministerpräsidenten gelungen war. Der SPIEGEL veröffentlichte eine Titelgeschichte über Sachsen, das Cover zeigte Biedenkopf hoch zu Ross als Sachsen-Fürst August den Starken. Vergrößert auf Plakatmaßstab hing das Titelbild noch Jahre später in der Staatskanzlei.
Der Dresdner Politologe Hans Vorländer sieht in derartigem Regionalismus eine der Wurzeln für die Entstehung von Pegida. Er spricht von einem "sächsischen Chauvinismus" – Sachsen wissen, was richtig ist, und dürfen sich deswegen mehr Rechte herausnehmen als andere.
An seinem Anger in Kötzschenbroda sucht Bernig, Träger diverser Literaturpreise, die nach Eichendorff, Hölderlin und Lessing benannt sind, nach anderen Worten, um die sächsische Eigenart zu beschreiben. Die Bürger im Freistaat, sagt er, seien nicht "ewig gestrig", sie wollten nur ihr Land bewahren. Sie hätten seit 1990 große Veränderungen aushalten müssen. "Jetzt brauchen sie Zeit zum Innehalten und Durchatmen. Sie wollen die Konflikte anderer Kulturen nicht importiert haben."
Konflikte schüren in Sachsen jedoch vor allem Einheimische, wie Meldungen eines beliebigen Winterwochenendes aus dem gesamten Bundesland zeigen: In Chemnitz jagen drei maskierte Männer zwei Migranten durch die Stadt, sie demolieren einen Döner-Imbiss, verletzen den Inhaber und einen der Migranten. In Bautzen attackieren zwei Männer einen Info-Stand der Initiative "Bautzen bleibt bunt", Rechtsextreme setzen am selben Wochenende ein ehemaliges Asylbewerberheim in Brand. In Altenberg im Erzgebirge geht auf einem Rodelhang ein Mann mit Stahlhelm und Hitlerbart auf zwei Afghanen los. Er schlägt einen der beiden Männer und erhebt die Hand zum Hitlergruß.
Auch in Meißen hat bereits ein Gebäude gebrannt, das gerade für Flüchtlinge hergerichtet wurde. Zuvor gab es anonyme Warnungen, Zettel an der Eingangstür mit dem Hinweis an die künftigen Bewohner, "unser Meißen" doch möglichst schnell wieder zu verlassen.
Das Anschlagsziel liegt nur wenige Hundert Meter von der Meißner Porzellanmanufaktur entfernt, die 2015 mehr als 90 000 Besucher aus dem Ausland zählte. "Manche Meißner mögen Ausländer nur, wenn sie Geld ausgeben und um 18 Uhr die Stadt wieder verlassen", sagt Walter Hannot.
Seit 1991 lebt der gebürtige Rheinländer in Sachsen, er ist seit seiner Jugend CDU-Mitglied und in Meißen seit fast einem Jahr stellvertretender Vorsitzender des Stadtverbands. Gegen Rassismus hat Hannot Lichterketten organisiert, für Flüchtlinge Solidaritätsfeste veranstaltet.
Seine Parteifreunde sind nicht gerade begeistert, viele Christdemokraten in Meißen finden solches Engagement imageschädigend. Hannot, Mitinhaber einer Werbeagentur, sitzt in einem Café in der Altstadt und versteht die Welt nicht mehr. Ein ehemaliger CDU-Stadtrat gehört zu den Gründern von Pegida und schrieb auf Facebook hasserfüllte Kommentare, doch das örtliche Parteigericht lehnte seinen Ausschluss aus der CDU ab. Ein anderer Christdemokrat aus der Region Meißen, Geert Mackenroth, stieg zum Ausländerbeauftragten Sachsens auf, nennt sich aber lieber "Inländerbeauftragter" und vertritt offensiv Positionen der AfD.
In diesem Klima fällt es offenkundig schwer, mit anderen Standpunkten durchzudringen. "Buntes Meißen" heißt ein Bündnis, das für ein Miteinander von Sachsen und Flüchtlingen wirbt. Doch viele Geschäftsleute verzichten lieber darauf, die Plakate des Vereins in ihre Schaufenster zu hängen, aus Angst, dass ihnen die Scheiben eingeworfen werden. "Es gibt Runden in der Stadt", sagt Hannot, "da fühle ich mich inzwischen selbst fremd in Meißen."
Sachsen hat nicht erst seit vergangenem Jahr ein Problem mit Rechtsextremismus. Es gibt im Freistaat schon lange Landstriche, in denen Neonazis praktisch die Kontrolle übernommen haben. Die Eskalation rechter Gewalt, der Erfolg von Pegida, die asylfeindlichen Demonstrationen – all das, glaubt Dietrich Herrmann, Sozialwissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, geschehe nicht zufällig in Sachsen, sondern sei das Ergebnis der politischen Kultur im Freistaat. In Sachsen seien rechtsextreme Umtriebe über Jahre hinweg ignoriert und verharmlost worden.
Andrea Hübler sitzt in einer Kellerkneipe in der Dresdner Neustadt. "Dem alltäglichen Wahnsinn in Sachsen wird seit Jahren zu wenig entgegengesetzt", sagt sie. Hübler arbeitet für eine Beratungsstelle, die Opfern rechter Gewalt hilft. Auf ihrem Schreibtisch landen jeden Tag Berichte über Angriffe auf Migranten.
In den vergangenen Jahren hat Hübler für die Opferberatung unzählige Stunden in Prozessen gegen rechtsextreme Straftäter verbracht. Ihre Bilanz fällt bitter aus: Es dauert zum Teil Jahre, bis Täter vor Gericht gestellt werden. Allzu oft würden rechte Motive vor Gericht ausgeblendet, die viel beschworene Härte des Rechtsstaats bekämen rechte Gewalttäter selten zu spüren
Stattdessen werden Aktivisten, die sich gegen Rassisten und Neonazis engagieren, in Sachsen gegängelt. Antifaschisten, Oppositionelle, Flüchtlingshelfer werden als Ruhestörung, Einmischung, ja gar als Bedrohung wahrgenommen. Sachsen hatte vorrübergehend eine sogenannte Extremismus-Klausel erlassen, die Initiativen ein formales Bekenntnis zum Staat abnötigte. Jahrelang ermittelte das Landeskriminalamt gegen eine vermeintliche "Antifa-Sportgruppe", die in Sachsen Jagd auf Neonazis gemacht haben soll. Die Polizei durchsuchte Wohnungen, nötigte Personen zu DNA-Tests, spionierte mehr als 200 000 Telefone aus. Vor eineinhalb Jahren wurden die Verfahren eingestellt. Dem angeblichen Rädelsführer konnte lediglich nachgewiesen werden, dass er an einer friedlichen Demonstration gegen Neonazis teilgenommen hatte.
Als im Januar über 250 Neonazis und Hooligans den Leipziger Stadtteil Connewitz verwüsteten, warnte der Chef des sächsischen Landeskriminalamts, Jörg Michaelis, nicht vor rechter Gewalt, sondern vor Linksextremisten. Autonome hatten sich in Leipzig vor Weihnachten mit der Polizei eine Straßenschlacht geliefert. "Wir haben ein schweres Problem links", sagte er auf einer CDU-Versammlung in Dresden.
Und nun? Muss es in Sachsen auf Monate, vielleicht Jahre so weitergehen? Ist der gesellschaftliche Friede so sehr beschädigt, dass kaum noch Platz bleibt für Kompromisse, einen gewaltfreien Diskurs?
Es gibt im Freistaat Orte, an denen sich Bürgermeister und Kirchenleute, Künstler und Unternehmer den Pegida-Anhängern von Anfang an konsequent entgegenstellten.
Zum Beispiel in Leipzig, der größten Stadt Sachsens. Am Montag, dem 11. Januar, stand dort Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) mit Tausenden Bürgern am Ring, um mit Kerzen in der Hand gegen Legida, den lokalen Ableger von Pegida, zu demonstrieren. Die Dresdner Pegida-Organisatoren hatten an jenem Abend zur Großkundgebung in Leipzig aufgerufen, doch in der Messestadt haben sie mit ihren Parolen kaum Erfolg. Rassisten und Islamhasser haben hier nie Fuß fassen können, wie in westdeutschen Großstädten treffen sie regelmäßig auf eine große Zahl von Gegendemonstranten.
Warum tickt Leipzig anders als Dresden? Burkhard Jung hat keine eindeutige Antwort parat. Er überlegt und blickt ins Leere. Dann beugt er sich am Besprechungstisch in seinem Bürgermeisterbüro nach vorn und sagt: "Leipzig verändert sich ständig und mischt sich neu. Die Hälfte unserer Bevölkerung hat seit 1990 gewechselt. Viele neue Bürger kamen aus dem Westen." So wie er: Jung wuchs in Siegen auf und kam erst 1991 nach Sachsen. Ist Leipzig damit eine westdeutsche Stadt? "Vom Lebensgefühl her wohl schon", sagt Jung. "Zumindest sind wir weltoffen, gerade wegen unserer Messen, und nicht zu sächsisch."
In Dresden blieb es unterdessen zum Jahrestag der Bombenangriffe vergleichsweise ruhig. In einer S-Bahn brüllten zwei Männer rassistische Parolen, auf einer Kundgebung schrien sich AfD-Anhänger und ihre Gegner gegenseitig an, am Stadtrand marschierten 600 Neonazis auf.
Für Dresdner Verhältnisse sind das gute Nachrichten. Vor wenigen Jahren trafen sich hier im Februar jeweils Tausende Neonazis zur europaweit größten Kundgebung der Szene.
Diesmal reihten sich 13 000 Bürger in eine Menschenkette ein, als Zeichen gegen Krieg, Fremdenfeindlichkeit und Extremismus. "Wer sein Herz gegenüber denjenigen verschließt, die bei uns Schutz suchen", sagte Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), "der hat die Botschaft des 13. Februar nicht verstanden."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

"In Dresden spürt man bis heute diesen Identitätsverlust im und nach dem ,Dritten Reich'."

Über den Autor

Steffen Winter, geboren 1969 in Thüringen, machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und nach der Wende ein Volontariat bei der "Thüringer Tagespost". Zunächst war er für die "Thüringische Landeszeitung" tätig, 1999 wechselte er zum SPIEGEL. Als Korrespondent in Dresden berichtet er vor allem über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
* Auf dem Papststein in der Sächsischen Schweiz.
Von Maximilian Popp, Andreas Wassermann und Steffen Winter

DER SPIEGEL 8/2016
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