20.02.2016

Kolonialzeit„Du geht wo?“

In einer Missionsstation im Südpazifik entwickelten Kinder ein Deutsch, das heute noch rund hundert Menschen beherrschen: das Unserdeutsch.
Der Augsburger Professor Péter Maitz ist auf einer Expedition entlang der australischen Ostküste: von der Touristenstadt Cairns im Norden über die Metropole Brisbane bis nach Sydney im Süden, rund 2500 Kilometer.
So weit muss er reisen, um Zeugnisse einer sterbenden Sprache zu sammeln. Bewaffnet mit Aufnahmegerät, Computer und Fotoapparat, trifft Maitz die letzten Menschen, die sich auf besondere Weise verständigen können. Vor rund hundert Jahren, während und nach der deutschen Kolonialzeit, entwickelte sich im heutigen Papua-Neuguinea ein Deutsch, das sonst nirgends auf der Welt gesprochen wurde: das sogenannte Unserdeutsch.
Etwa hundert Menschen beherrschen diese seltene Variante des Deutschen noch, fast alle sind über 70 Jahre alt und leben in Australien. Sprachwissenschaftler Maitz will sie nach ihrer Familiengeschichte befragen – und vor allem Tonaufnahmen machen. Denn mit ihnen wird auch ihre Sprache sterben. "Da ihre Kinder nur Englisch sprechen, ist die Sprachkontinuität für immer gebrochen", sagt Maitz, "in 20 bis 30 Jahren wird Unserdeutsch von der Erde verschwunden sein."
Die Sprache entstand im Südpazifik: in der katholischen Herz-Jesu-Missionsstation Vunapope nahe der Hafenstadt Rabaul, gelegen in der heutigen Provinz East New Britain in Papua-Neuguinea.
Unter der deutschen Kolonialherrschaft hieß diese Insel Neu-Pommern und gehörte zu Deutsch-Neuguinea; Beamte des deutschen Kaisers hatten hier von 1899 bis 1918 das Sagen. Das deutsche Kolonialgebiet im Pazifik nordöstlich Australiens umfasste einige größere und viele kleine Inseln. 1909 lebten hier rund 450 000 Einheimische und 1534 Europäer.
Die Missionsschule in Vunapope besuchten Kinder, deren Mütter Einheimische und deren Väter meist Beamte, Händler oder Abenteurer aus Deutschland waren. In einzelnen Fällen stammten die Erzeuger auch aus anderen europäischen Staaten oder aus Asien.
Da die europäischen Missionare mit der christlichen Erweckung der erwachsenen Einheimischen am Anfang erfolglos geblieben waren, konzentrierten sie sich auf die Kinder. "Es sollte eine neue europäisch-christliche Generation herangezogen werden", sagt Forscher Maitz. Manche Mütter gaben ihre Kinder an der Station ab, anderen wurden sie abgekauft oder weggenommen.
In der Schule sollte nur Deutsch gesprochen werden. Die Kinder vereinfachten die Sprache jedoch und vermischten sie mit der Kreolsprache Tok Pisin. Nach Ende der deutschen Kolonialherrschaft heirateten viele von ihnen untereinander und gaben das Unserdeutsch an ihre Kinder weiter.
Die Variante unterscheidet sich in der Grammatik und manchen Lauten von der deutschen Standardsprache, ist aber auch heute noch gut zu verstehen. Fragewörter finden sich meist am Ende eines Satzes ("Du geht wo?"); es gibt kein Maskulinum, Femininum oder Neutrum, es heißt "de Mann, de Frau, de Buch"; der Plural wird mit "alle" gebildet, zum Beispiel "alle Freund". Teilweise sind auch englische Einflüsse zu erkennen. Angelehnt ans Englische "to pick someone up" sagt jemand, der einen anderen abholen will: "I komm aufpicken du."
Unserdeutsch gilt als die einzige Kreolsprache, die das Deutsche hervorgebracht hat, eine Mischung der Sprachen von Kolonialherren und Einheimischen. Entdeckt wurde es in den Siebzigerjahren von dem jungen Lehrer Craig Volker, der an der australischen Gold Coast einen Deutschkurs gab. Er traf auf eine dunkelhäutige Schülerin, die ein etwas seltsam klingendes Deutsch sprach und ihm erklärte, das sei "Unserdeutsch" – so redeten alle bei ihr zu Hause.
Linguist Volker veröffentlichte daraufhin eine wissenschaftliche Arbeit, doch die germanistische Fachwelt nahm das Phänomen bis heute kaum zur Kenntnis. Maitz will nun gemeinsam mit Kollegen wie Volker, der an Universitäten in Papua-Neuguinea und in Australien lehrt, das Unserdeutsch für die Nachwelt retten.
Seine Gesprächspartner in Australien hätten sich über das Interesse an ihrer Sprache gefreut, berichtet der Wissenschaftler. Viele von ihnen hatten in den Pflanzungen der Missionsstation gearbeitet, bevor sie nach Australien auswanderten, wo sie sich eine bessere Lebensperspektive erhofften. Sie seien stolz auf ihre Verbindung zu Deutschland, sagt Maitz, und bezeichneten sich als "mixed-race Germans".


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* Mit Familie und einheimischem Bediensteten.
Von Joachim Mohr

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