20.02.2016

BildungPapa bumm

Mehrere Hunderttausend Flüchtlingskinder besuchen deutsche Schulen. Die Integration gelingt vor allem den Lehrern an einer viel geschmähten Institution: der Hauptschule.
Ara klemmt die Zunge zwischen die Lippen, starrt auf den Papierschnipsel in seiner Hand. Fünf Buchstaben stehen darauf, fünf verflixte Buchstaben, er versteht sie nicht. Er tippt an den Ellbogen seines Sitznachbarn. "Was ist Küken?" Nikola, wie Ara elf Jahre alt, weiß es. "Küken ist Kind von Huhn", sagt er mit wichtiger Miene.
Ein Dienstagmorgen an der St.-Walburga-Hauptschule im sauerländischen Meschede. 26 Schüler sitzen an Gruppentischen, sie tragen Kapuzenpulli, Jeans, Turnschuhe. Vor sich auf dem Tisch hat jedes Kind ein Wörterbuch – mal Russisch-Deutsch, mal Arabisch- oder Farsi-, einige Polnisch-Deutsch. Die Schüler stammen aus Polen und Mazedonien, aus Afghanistan, dem Irak oder Syrien. In Deutschland ist keiner von ihnen aufgewachsen. Die meisten sind hier, weil ihre Eltern in der Heimat keine Arbeit gefunden haben oder Konfliktgebieten, etwa im Nahen Osten, entkommen wollten. Einige sind allein gekommen, sie haben eine anstrengende, gefährliche Flucht hinter sich. Ein Jugendlicher aus Afghanistan hat unterwegs seine Familie verloren, er weiß nicht, ob sie noch lebt.
Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die nun gemeinsam Deutsch lernt. Ara und Nikola sind die Jüngsten; die Älteste, ein Mädchen aus Serbien, ist bereits volljährig. Einige Schüler sind seit dem Sommer hier und sprechen schon ein paar Sätze Deutsch. Andere haben vor wenigen Tagen zum ersten Mal eine deutsche Schule betreten.
In der Vorbereitungsklasse, die je nach Bundesland auch Willkommensklasse, Intensivklasse oder Internationale Klasse genannt wird, sollen die Zuwanderer fit für das deutsche Schulsystem werden. Wenn sie ein bestimmtes Level erreicht haben, nehmen sie erst stundenweise, dann ganz am regulären Unterricht teil.
Die Vorbereitungsklasse an der St.-Walburga-Hauptschule ist die erste dieser Art im 30 000-Einwohner-Städtchen Meschede. Dass eine Hauptschule ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Zwar wird sie oft als Restschule geschmäht, in vielen Bundesländern ist sie ein Auslaufmodell oder schon mit anderen Schulformen verschmolzen.
Doch wer die weiterführenden Schulen vergleicht, stellt fest: Die Lehrerinnen und Lehrer an den Hauptschulen schultern derzeit die größte Last der Integration. In Bayern etwa werden zugewanderte Kinder und Jugendliche laut einem Sprecher des Kultusministeriums "fast ausschließlich" an Mittelschulen unterrichtet, wie die Hauptschulen dort heißen. In Baden-Württemberg befinden sich drei Viertel der Vorbereitungsklassen an Hauptschulen oder sogenannten Werkrealschulen.
In Sachsen-Anhalt nehmen die Sekundarschulen, eine Mischung aus Haupt- und Realschule, den größten Teil der neuen Schüler auf. In Rheinland-Pfalz übernimmt diese Aufgabe nach Angaben des Bildungsministeriums zu fast 95 Prozent die "Realschule plus", eine kombinierte Haupt- und Realschule.
Rund 325 000 Flüchtlingskinder wurden in den vergangenen beiden Jahren an deutschen Schulen aufgenommen, schätzt die Kultusministerkonferenz. Die genauen Zahlen sind sowohl für die Grundschulen als auch die weiterführenden Schulen schwierig zu ermitteln, weil jedes Bundesland die Schulpflicht der Flüchtlinge anders regelt. In Thüringen müssen sie bereits drei Monate nach ihrer Ankunft den Unterricht besuchen, in Baden-Württemberg nach sechs. Migranten aus EU-Staaten, die bisher den Großteil der Schülerschaft ausmachten, sind dagegen vom ersten Tag an schulpflichtig. Stammten bis 2013 die meisten zugewanderten Kinder aus Polen und Rumänien, lag 2014 erstmals Syrien an der Spitze.
Fast jede Woche kommen neue Schüler auch in der Mescheder Vorbereitungsklasse an und beäugen schüchtern die Pappschilder mit den Buchstaben an der Wand. Manche haben noch nie eine Schule besucht, weil Krieg, Gewalt und Vertreibung in ihrer Heimat einen Unterricht unmöglich machten. Die Klassenlehrerin Marita Korte-Exner, eine zupackende Frau mit Kurzhaarfrisur und vielen Lachfalten, die sonst Geschichte und Erdkunde unterrichtet, fängt häufig ganz von vorn an, sie erklärt geduldig Wörter wie "Stift", "Heft" und "Stuhl". Dann setzt sie sich zu den Kindern und übt das Alphabet, lässt sie ihr erstes A, M oder T malen. Die Verständigung ist kompliziert; wer nicht schreiben kann, weiß natürlich auch noch nicht, wie man ein Wörterbuch benutzt.
Die Kinder zu fördern sei kaum möglich, sagt Ilse Führer-Lehner von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen, dazu sei das Bildungsniveau viel zu unterschiedlich. "Selbst Arbeit in Kleingruppen funktioniert oft nicht."
An Hauptschulen sind ohnehin normalerweise mehr Kinder, in deren Elternhaus kein Deutsch gesprochen wird, als an anderen Schulen. Deshalb eignen sie sich besonders für die Arbeit mit Flüchtlingen, da sind sich die Experten einig. Und: Hauptschullehrer seien Meister darin, "auch Schüler mitzunehmen, die sich schwertun", sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Klassenlehrerin Korte-Exner unterrichtet seit August in der Vorbereitungsklasse; sie weiß, was es heißt, mit Jugendlichen zu arbeiten, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. "Ich muss mir was einfallen lassen, damit es nicht langweilig wird", sagt sie. Spiele gehen immer: Vokabel-Memory mit Bauernhoftieren, Vokabel-Bingo mit Möbeln, Lebensmitteln oder Berufen. Anregungen holt sie sich meist im Netz, die Lehrbücher für Deutsch als Fremdsprache hat sie in den Schrank verbannt. Aufgaben wie "Unterstreiche das Verb" seien für die Kinder nun mal schwer zu verstehen.
Um in eine Regelklasse wechseln zu können, brauchen die Schüler grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache. Auch damit werden sie es "nicht leicht haben, dem normalen Unterricht zu folgen", warnt Margot Freise, Schulleiterin der St.-Walburga-Hauptschule. Gerade hat sie ihr Kollegium auf eine Fortbildung geschickt: wie man Schüler fördert, die fachlich mithalten können, aber Probleme haben, sich zu verständigen. "Das Thema wird uns noch viele Jahre begleiten", sagt Freise.
Doch auf manche Situationen kann kein Seminar vorbereiten. Kürzlich, so erzählt Korte-Exner, brachte sie ihrer Klasse Vokabeln zum Thema Familie bei: Tante, Schwester, Großvater. Anschließend sollten die Kinder ihre Familie malen und die neuen Begriffe dazuschreiben. Das Blatt einer jungen Syrerin blieb lange leer. Schließlich zeichnete sie eine Frau und zwei Kinder. "Und dein Papa?", fragte Korte-Exner. Die Schülerin schaute sie an, dann sagte sie: "Papa bumm."
Viele Kinder haben Traumatisches erlebt, Korte-Exner bohrt nicht nach, wartet ab, ob jemand von sich aus reden möchte. Manchmal helfe es mehr, die Hand der Schülerin zu drücken und über die Schulter zu streichen, als die Dinge in Worte zu fassen. Wer in einer Willkommensklasse unterrichtet, ist auch Elternersatz, Tröster, Psychologe. Doch es fehlt an Lehrern und auch an Räumen. Einige Schulen wie die Klosterhof-Schule in Itzehoe haben bereits einen Aufnahmestopp für Flüchtlingskinder erklärt.
Vielleicht würde es schon helfen, die neuen Schüler gleichmäßiger auf alle weiterführenden Schulen zu verteilen. Denn bisher halten sich die Gymnasien meist zurück, oder die Schulbehörden verhindern, dass sie Flüchtlingskinder aufnehmen.
In Baden-Württemberg etwa befinden sich nur 28 der mehr als 700 Vorbereitungsklassen an Gymnasien. In Sachsen-Anhalt und Sachsen hat keine einzige höhere Schule eine solche Klasse eingerichtet. In Bayern laufen laut Kultusministerium Pilotversuche an zwei Gymnasien in Nürnberg und München. In Hamburg hatten zum Schuljahresbeginn gerade mal 11 der 71 Gymnasien eine Internationale Vorbereitungsklasse eingerichtet.
Das Gymnasium sei eben keine Schule für alle, sagt Josef Kraus vom Lehrerverband, "wer ans Gymnasium kommt, muss leistungsstark sein, der Standard ist hoch". Die Gefahr sei groß, dass Flüchtlingskinder dort von Anfang an abgehängt würden. "Alle Schulformen müssen Verantwortung übernehmen", sagt dagegen Ilse Führer-Lehner von der Lehrergewerkschaft GEW in Nordrhein-Westfalen.
Im Ruhrgebiet, wo sich seit den Sechzigerjahren viele Zugewanderte niedergelassen haben, öffnen sich Gymnasien schon seit Längerem. Das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium in Bochum etwa hat mit ausländischen Schülern viel Erfahrung, Vorbereitungsklassen gibt es hier seit über 30 Jahren. Zunächst kamen vor allem Aussiedler, Mitte der Neunzigerjahre Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, ab 2000 Afghanen, Iraner, Iraker. Seit etwa fünf Jahren sitzen nun viele Kinder aus Bulgarien und Rumänien und neuerdings auch aus Syrien im Unterricht.
An der Schule sei die Belastungsgrenze jetzt allerdings erreicht, sagt Schulleiter Eckhard Buda. 45 Jungen und Mädchen aus Zuwandererfamilien, verteilt auf drei Klassen, betreut sein Kollegium. Die Schulsozialarbeiterin verbringe einen Großteil ihrer Arbeitszeit damit, Anträge für finanzielle Unterstützung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket auszufüllen. Zum Glück seien die Kinder engagiert, sagt der Deutschlehrer Kai Brandt. Da ist zum Beispiel Rashid, 13. Er gehört zu den Eifrigsten in seiner Klasse, schreibt alles mit, stellt viele Fragen. Er kommt aus Damaskus, zu Fuß hat er sich gemeinsam mit seiner Mutter und seinen kleinen Schwestern in die Türkei gerettet, sein Vater war schon vorher nach Deutschland gegangen. Nun leben sie zu fünft in zwei kleinen Zimmern. Er gehe gern zur Schule, sagt Rashid. Er freut sich, dass er wieder lernen darf.
Der Großteil der Flüchtlingskinder mache schnell Fortschritte, einige stünden vor dem Wechsel in die Regelklasse, sagt Lehrer Brandt. "Die haben richtig Spaß am Lernen." Manche könnten sogar am Gymnasium bestehen, doch die Schule kann sie nicht behalten: Auch dort sind die Klassen voll. Schulleiter Buda möchte deshalb gern neue Klassen einrichten.
Omar, 16, aus Syrien hatte Glück: Er ergatterte einen Platz am privaten Gymnasium in Meschede, nimmt sogar am Regelunterricht teil. Eine Vorbereitungsklasse gibt es dort nicht. Er schlägt sich gut, spricht fließend Englisch, ist fit in Mathe. Er stammt aus der Nähe des umkämpften Aleppo, seine Familie ist noch dort. Er kam ganz allein nach Deutschland und hält nun per Handy Kontakt zu seinen Eltern.
Die Chancen stehen gut, sagen seine Lehrer, dass er in ein paar Jahren das Abiturzeugnis in Händen hält. Nur Deutsch muss er noch lernen. Dafür besucht er stundenweise die Vorbereitungsklasse von Marita Korte-Exner – in der Hauptschule.
Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 8/2016
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