20.02.2016

MilieusEndstation Bataclan

Tag für Tag chauffierte Samy Amimour den 148er-Bus durch die Pariser Banlieue. Dann jagte er sich in die Luft. Ein Roadmovie durch die Trümmerlandschaften einer verunsicherten Republik. Von Alexander Smoltczyk und Maurice Weiss (Fotos)
Der 148er-Bus der Pariser Verkehrsgesellschaft RATP durchquert die Vorstädte Bobigny, Drancy und Le Blanc-Mesnil, oft fahrplanmäßig und meist überladen. Knapp acht Kilometer durch die Banlieue, jene "Bannmeile", in die sich alles geflüchtet hat an Hautfarben, Sprachen, Steuerklassen, was sich die Hauptstadt nicht leisten kann. Samy Amimour kam von hier. Er gehörte dazu und dann nicht mehr. Jedenfalls ging er hin am 13. November und half dabei, 89 Besucher eines Rockkonzerts hinzurichten und Menschen aus nächster Nähe zu erschießen, die so jung waren wie er. Aber zuvor, in einem anderen Leben, hat dieser Samy Amimour diesen Bus gefahren, die Linie 148, als Angestellter der RATP.
14 Monate lang, weit über tausendmal chauffierte er den 148er durch die Tarifzone 3, immer von der Haltestelle "Bobigny – Pablo Picasso" bis "Le Blanc-Mesnil/Luft- und Raumfahrtmuseum" und zurück. Über tausendmal muss er die Namen der Haltestellen gehört haben: "Danton", "Libération", "Division Leclerc". Heldennamen wie ein Mantra der Französischen Republik, wie eine Anrufung ihrer Götter. Samy Amimour, Busfahrer und Massenmörder, hatte einen anderen Fahrplan, seine Endstation hieß Bataclan.
Wer den 148er-Bus heute nimmt, wird keine Erklärung für eine Tat finden, die eine Erklärung nicht verdient. Doch begegnet der Reisende auf dieser Strecke den Verlorenen und Gekränkten, den Zurückgelassenen wie den Unentwegten und Trotzigen. Alle, ob sie es wollen oder nicht, sind Citoyens, stolze Bürger einer République, der ihre eigenen Götter fremd geworden sind. Die Angst hat. Die selbst nicht mehr weiß, wohin die Reise geht.

Vor Schichtbeginn stehen die Fahrer vorm Café des Bus, wo der Kaffee besser ist als im Pausenraum. Aus der Tiefgarage des Einkaufszentrums am Busbahnhof Bobigny – Pablo Picasso, einer sinistren, schwarz angelaufenen Betonburg, löst sich eine Formation Soldaten, Maschinenpistole vor der Brust, witternd, peilend wie im Straßenkampf. Niemand scheint sie zu beachten. Eltern ziehen den Nachwuchs Richtung Kita.
Ghislaine Dumesnil war 16 Jahre lang Busfahrerin in der Banlieue. "Die RATP war mein Traum. Ich habe mir den Führerschein selbst finanziert. Ich wollte beweisen, dass Frauen genauso gut Bus fahren können." Die RATP, ihre RATP, war eine Gemeinschaft. "Man grüßte sich mit Küsschen", erzählt Dumesnil. "Aber eines Morgens weigerte sich ein Kollege, mir die Hand zu geben. Dann ein zweiter. Weil das gegen deren Glauben sei. Und dann kommst du in den Pausenraum, und niemand grüßt. Als wärst du gar nicht da."
Nach den Banlieue-Unruhen vor zehn Jahren hatten die Verkehrsbetriebe verstärkt Bewerber aus den Vorstädten angestellt. Damals hatte die Banlieue gebrannt, und CNN schickte Reporter wie in ein Kriegsgebiet, erstmals seit dem Algerienkrieg war im Land der Ausnahmezustand ausgerufen worden.
Ghislaine war wie ihre Eltern Mitglied der kommunistischen Gewerkschaft CGT. Schon als Kind hatte sie Flugblätter verteilt. "Ich meine, erst gibt man einer Frau nicht mehr die Hand, weil sie unrein ist oder etwas Niedrigeres. Warum nicht als Nächstes einem Schwarzen oder Schwulen nicht? Wir haben gekämpft, um Busse fahren zu dürfen. Und jetzt kommen die mit ihrer Ideologie von weit her und wollen es mir verbieten?"

Es ist ein Geschiebe und Drängeln im Bus, Kinderwagen werden umrangiert, "die Tür, s'il vous plaît! Die Tür!" Der 148er ist, von der ersten Haltestelle Maurice Thorez an, eine schaukelnde Arche. Er enthält die Welt im wahren Proporz, viele Asiaten, viele Nord- und Schwarzafrikaner, nur wenige "Gallier". "Gaulois" sagen sie in der Banlieue zu den angeblich so gebürtigen Franzosen, den Duponts und Ledoux, von denen mancher noch nie in Bobigny oder Drancy gewesen ist.
In Bobigny haben die Kommunisten seit 1919 den Bürgermeister gestellt, mit Ausnahme der Kriegsjahre. In diesem Teil Frankreichs, der sich als "roter Gürtel" um die Hauptstadt legte, war man so selbstverständlich Kommunist, wie man die Kinder zur Sommerfrische in die DDR schickte. Und das noch lange nach dem Ende des Sowjetimperiums. Maurice Thorez war Stalins Mann in Frankreich, Parteiführer der Kommunisten noch bis in die Sechzigerjahre. Eine Stadt in der Ukraine, im Separatistengebiet, ist nach ihm benannt. Außerhalb der Pariser Banlieue ist Thorez vergessen. Nur ein Zitat von ihm, aus den Dreißigerjahren, wird noch auf Plakate gedruckt oder an Pfeiler gesprüht: "Frankreich den Franzosen".

Die Abkürzung MIRE in der Straße Lieutenant Lebrun steht für den Versuch, junge Leute in Arbeit zu bringen, ein chronisches Problem in Frankreich. "Sie kommen zu uns", sagt Carole Soucaille, die Sozialarbeiterin, "und manche haben weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen. Mit Mietschulden, ohne Führerschein und einem Nachnamen, der nach Getto klingt."
Im Flur hängen Angebote für ein besseres Leben: "Kassiererin", "Regaleinräumer", Ausbildung zum Sicherheitsagenten, "Voraussetzung Lesen/Schreiben". Über das MIRE hatte auch Samy Amimour seinen Posten als Busfahrer bekommen.
Carole Soucaille malt schweigend ein Rechteck vor sich hin. Dann einen Pfeil, der Amimours Leben beschreiben soll. "Wir haben bei Samy alles hinbekommen. Wohnung, Führerschein, die Familie ist fantastisch, seine Mutter eine führende Feministin in Algerien, die Schwester Erzieherin im Jugendhaus. Und dann ..." Der Pfeil stoppt vor dem Rechteck: "Was ist hier passiert?"
Auch in der Banlieue, sagt Soucaille, wollten die allermeisten einfach nur einigermaßen komfortabel leben, wie jedermann. "Der Impuls zum Bruch kommt immer von außen. Jemand spricht sie an, in der Moschee, im Gefängnis, über das Netz. Diese Jungen sind so zerbrechlich."
Soucaille ist eine Frau in Jeans mit zurückgebundenem Haar. "Manchmal", erzählt sie, "kommt einer: kein Englisch, kein Führerschein, kein Führungszeugnis. Aber er will unbedingt einen Job am Flughafen, bei der Gepäckabfertigung." Sie macht eine Pause. "Als hätte ihn jemand beauftragt."
Es sei schlimm, Angst zu haben vor einer Generation, in die man eigentlich seine Hoffnung setzen möchte. "Die Eltern wussten, weshalb sie aus dem Maghreb kamen. Ihre Kinder wissen nichts mehr." Letztlich, sagt sie, sei alles ein Problem der Beziehung Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien. "Algerien. Es ist immer Algerien, wenn in Frankreich nicht gesprochen wird." Der fürchterliche Kolonialkrieg, mindestens 300 000 Tote.

Escadrille Normandie-Niémen ist der Halt zum "Franko-muslimischen Hospital Avicenna". Es ist in den Dreißigerjahren für die "Harki" gebaut worden, die frankreichtreuen Kolonisierten nicht nur aus Algerien. Auch Tunesier, Marokkaner hatten im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben von Verdun gelegen, um für Frankreich zu kämpfen.
Im dritten Stock einer Sozialwohnung in der nahen Rue Rameau entstand einer der erfolgreichsten Mythen Frankreichs. Die Geschichte eines kleinen, zänkischen, aber letztlich unbesiegbaren Volkshelden: Asterix. Hier, mit Blick auf den muslimischen Friedhof, hat Alberto Uderzo den ersten heldenhaften Gallier gezeichnet.
"Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, wer dieser Uderzo war", sagt Marilyn Sargin, die heute hier wohnt. "Mein Mann hat die Wohnung von seinen Eltern übernommen, wissen Sie." Sargins Eltern sind aus dem Irak geflüchtete Christen. Ihre beste Freundin Nyouma überlebte den 13. November nur knapp. Sie war im Petit Cambodge verabredet.
Vor einigen Jahren wurde im Avicenna-Hospital, direkt neben dem muslimischen Friedhof, eine Grabstätte der Gallier entdeckt. Gallier, Muslime, Gallier. Die Geschichten liegen übereinander, und sie berühren sich plötzlich wie die Schichten eines Blätterteigs.
Weiter schaukelt der 148er-Bus. Durch eine Stadtlandschaft, die durcheinandergeraten ist. Sozialbautürme neben Rentnerpavillons, Lagerhallen, Schnellstraßen, "Nelson-Mandela-Schule", alles dicht an dicht. Angebliche Identitäten sind nur mehr Hinweise. So wie die Ortsschilder in dieser Unterscheidungslosigkeit keine Grenzen mehr darstellen, sondern Gedenktafeln sind: Hier standen einmal "Drancy", "Bobigny", "Blanc-Mesnil".
In diesen Vierteln diese Straßennamen, so pathetisch und rührend: Lenin und Saint Just, Straßen der Gerechtigkeit und der Industrie. Straßen, die nach Widerstandskämpfern benannt wurden, Arbeiterführern, Befreiern und Parteisekretären, nach heroischen Eisenbahnern, Justizopfern, Deportierten und revolutionären Märtyrern. Erinnerungsmarken einer Zeit, als die Geschichte trotz aller Rückschläge noch einen Sinn hatte. In der Terroristen ihre Taten noch selbst zu erklären versuchten; da Gewalt auf die Staatsgewalt zielte und nicht auf irgendwelche Passanten von irgendwoher an irgendwelchen Abenden vor irgendwelchen Kneipen. Einer Zeit, als es noch ein Kontinuum gab, von Robespierre bis Lenin, von Asterix bis de Gaulle. Eine Geschichte, mit der Samy Amimour nichts mehr zu tun haben wollte.

Haltestelle Danton, es gibt hier zwar keine Büros des Front National, aber in der ersten Runde der letzten Regionalwahlen hat Marine Le Pen in der Banlieue doppelt so viele Stimmen bekommen wie die Linke. Die Basis der Extremrechten ist verborgen in den Köpfen und zeigt sich nur an Wahltagen. In Frankreich war die extreme Rechte immer eine Feindin der Republik. Jetzt tritt sie als ihre Verteidigerin auf, mit dem Slogan "Patriotische Banlieues" und einem Plakat, wonach zwischen Burka und Jakobinermütze zu wählen sei.

"Amimour" steht noch an dem Briefkasten der Wohnung, gleich hinterm Rathaus, der Mairie de Drancy. Das war seine Haltestelle. In seinem Zimmer hätten auch die Sportzeitungen "L'Equipe" und "France Football" gelegen, sagte die Polizei. Die Mutter stand auf der Wahlliste des Bürgermeisters. Der Vater ist dem Sohn nach Syrien hinterhergereist, um ihn aufzuhalten, zurückzuholen, er wollte ihn nicht aufgeben. Als die beiden sich dann gegenüberstanden, soll Samy nur gesagt haben, er habe jetzt eine neue Familie.
Zu Hause in der Pariser Banlieue hatte Amimour stets ein Fresko vor Augen, in Trompe-l'Œil-Technik auf die komplette Rückwand des Sozialamts gemalt: "Die Freiheit führt das Volk", nach Eugène Delacroix. Die übereinanderliegenden Kadaver, den Pulverrauch, die gereckten Waffen. Darunter steht, ebenso täuschend echt gemalt, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. Mit dem Artikel III: "Der Ursprung jeder Souveränität liegt ihrem Wesen nach beim Volke." Und nicht bei Gott oder Allah.

Nächster Halt Cimetière de Drancy. "Wir haben Samy verloren", sagt Hassen Chalghoumi, der Imam von Drancy. "Seine Mutter kam 2012 und fragte mich um Rat. Ich sagte, sie solle dem Geheimdienst Bescheid sagen. Samy wurde auch vernommen, sein Pass eingezogen. Da fuhr er ohne Pass nach Syrien. Wir haben sehr viele verloren."
Chalghoumi predigt einen Islam in den Farben Frankreichs. Er trifft sich mit Rabbinern und Priestern. Er hält die Republik und ihre Werte für eine Chance. Deswegen predigt er in schusssicherer Weste.
Hassen Chalghoumi ist in Tunis geboren, ein großer, viel und sanft redender Mann, glatt rasiert bis auf ein paar Haare am Kinn. Vielen Wortführern der Muslime in Frankreich gilt er als "Kollaborateur" und "Zionistenliebling". Das skandierten seine Feinde 2011 vor der Moschee in Drancy, tage- und wochenlang, nachdem Chalghoumi sich für das Burkaverbot ausgesprochen hatte. "Es war schlimm. Vor allem für meine Familie. Die Islamisten verteilten in der ganzen Gegend ihre Broschüren und Videos. So kam Samy Amimour in Kontakt mit ihnen."
Seit dem 13. November habe er keine Nacht daheim geschlafen: "Ich wechsle die Wohnungen. Unsere Nachbarn sind ausgezogen. Neulich bin ich im Restaurant nicht bedient worden, wegen der anderen Gäste, sagte der Besitzer." Wenn Chalghoumi auf die Straße geht, was er vermeidet, gehen fünf Elitepolizisten mit ihm herum, alle sehr nervös und mit Maschinenpistole im Anschlag. Das ist dann eine Szene wie in Bagdad außerhalb der grünen Zone; aber es ist das Weichbild von Paris. Es ist der Alltag eines Reformmuslims in der Heimat der Menschenrechte 2016.
"Der Staat hat Angst", sagt der Imam. "Jeder weiß, dass es in der Banlieue Waffenlager gibt. Aber dieses schlechte Gewissen der Republik, diese Rede von den Opfern des Kolonialismus ... Aus falsch verstandener Toleranz lässt der Staat die Arme hängen. Die breite Masse macht nichts. Alle haben Angst."
Die Wege des Imams und des Busfahrers Samy Amimour haben sich oft gekreuzt. Auf dem 148er-Bus hatte Chalghoumi eine Zivilbewegung Grands Frères gestartet: "Wir trommelten die älteren Brüder zusammen und sagten den Jugendlichen, sie sollten die Füße vom Sitz nehmen und sich um ihre Ausbildung kümmern. Das war alles im 148er."
Im Collège Anatole France an der Straße Henri Rouanet hängt die neue "Charta der Laizität". In 15 Artikeln wird jede Form von Staatsreligion und Missionierung verdammt. Die Schüler haben sich in ihrem Glauben zu respektieren und ausnahmslos am Unterricht teilzunehmen. "Augenfällige" religiöse Symbole oder Kleidungsstücke sind verboten. Für den "Islamischen Staat" ist die Charta ein Ausdruck von "Fanatismus". Alle sind verwirrt in diesem Land.
"Eine Schülerin fragte mich, ob sie das Wort ,Kirche' in ihrem Aufsatz verwenden dürfe. Dabei sollte sie nur ein Dorf beschreiben." Das sagt die Leonbergerin Christiane, die in der Banlieue Deutsch und Englisch unterrichtet und ihren Nachnamen lieber nicht gedruckt sehen möchten. Das Prinzip der Laizität sollte die Kirche aus der Staatsschule heraushalten. Inzwischen scheint aus der Neutralität gegenüber Religion die Tabuisierung jeder Glaubensäußerung geworden zu sein. Wobei der Islamist den Priester als Feindbild ersetzt hat.
"Ich hatte Klassen", sagt die Lehrerin Christiane, "in denen hätte sich niemand als Franzose bezeichnet. Manche kennen diese Spezies nur aus dem Fernsehen. Alle sind Algerier, Rumänen, Kurden, Malier, auch wenn sie hier geboren sind." Ist das schlecht? Ist es gut?
Die Statistik sagt, dass sich kein Land der EU so gut mischt wie Frankreich. Schon in der zweiten Generation sind 44 Prozent der Nordafrikaner mit Nichtimmigranten verheiratet. Das verhindert nicht das Heranwachsen unversöhnlicher Feinde. Es hat Samy Amimour nicht verhindert.

Jenseits der endlos breit gesponnenen Gleise des Pariser Güterbahnhofs, am Platz Roger Salomon, steht das Café Le Moderne. An der Wand ein Foto des Che, am Schanktisch zwei Angestellte des städtischen Gartenbauamts, die im "Paris Turf" blättern, einem Wettmagazin.
Im Fernseher erklärt ein ehemaliger Minister, dass durch den Islamismus "zwei Drittel der Weltbevölkerung in direkter Gefahr" seien. "Noch einen Kleinen, Azad", sagt einer der Arbeiter und winkt mit der Espressotasse. Azad ist der 25-jährige Sohn des Wirts, eines Kurden. Er redet gern über Politik, und wenn es um Kurdistan geht, fällt er in die erste Person: "Hätten wir die PKK nicht gehabt, wären wir auch Islamisten geworden."
"Frankreich hat sich nie für den Algerienkrieg entschuldigt", sagt Azad in den Dampf der Kaffeemaschine hinein. Deswegen würden einige seiner Kunden auch niemals die Trikolore raushängen. Egal wie schlimm ein Attentat sei.
"Es gibt eben keine Arbeiterbewegung mehr. Die Bürgerlichen haben die Banlieue erobert. Weil es keine Arbeiter mehr gibt. Weil alles durcheinander ist. Ich habe selbst gesehen, wie die Bärtigen Plakate für den rechten Kandidaten, Thierry Meignen, geklebt haben. Weil der ihnen eine Moschee versprochen hat." Und so habe ein Bürgerlicher, nach 80 Jahren, zum ersten Mal das Rathaus von Blanc-Mesnil erobern können. "Ich sage Ihnen etwas", sagt Azad, "die Moscheen haben unser Département zerstört. Sie haben uns die Revolution gestohlen."
Die Banlieue ist nicht die Bronx der Siebziger-, Achtzigerjahre. Meistens funktionieren die Straßenlaternen, und ältere Damen kleben Zettel daran: "Habe gestern Abend eine kleine Katze verloren, mit grauen Ohren". Der Bus passiert kleine verzierte Häuschen für den Lebensabend mit gestutzten Hecken davor. Renault-Arbeiter wohnten hier zu Tausenden, nach ihnen kamen Pakistaner, Bulgaren, Chinesen, viele Migranten zählen zu den Wählern des Front National. Er will, eines Tages, auch die Rathäuser hier erobern, das Hôtel de Ville du Blanc-Mesnil, eine weitere Station auf der Strecke des 148ers.

Thierry Meignen ist ein raumfüllender, hochtouriger Mensch und so zukunftstrunken wie das Rathaus von Blanc-Mesnil. Es wurde in den Sechzigern von der Kommunistischen Partei gebaut, als Festung für die Ewigkeit. Als Meignen hier einzog, "der rechte Kandidat", hielten das viele für einen Witz. So, als hätte Horst Seehofer das Rathaus in Berlin-Kreuzberg übernommen.
"Das Rathaus war die Geldpumpe der Kommunistischen Partei. Ein System gegenseitiger Gefälligkeiten, von Drohungen, undurchsichtigen Vereinigungen und schlechten Gewohnheiten", sagt Meignen. Er gehört zur Partei von Nicolas Sarkozy, den Republikanern, wie sie sich seit Neuestem nennen. Er fährt ein Benz-Coupé und hat für den Geheimdienst gearbeitet. "Das riecht für manchen nach Schwefel", sagt er. "Aber die Leute kennen mich von früher. Sie wissen, dass ich nicht der Teufel bin. Sie wollten einen Wechsel. Die Kommunisten glaubten, sie hätten wegen ihrer Rolle im Widerstand ein historisches Anrecht auf das Rathaus."
Der neue Bürgermeister hat den Wasserpreis um die Hälfte gesenkt. Er hat Gemeindepolizisten auf Fahrräder gesetzt und Überwachungskameras installiert. Vor das Bild des linken Staatspräsidenten in seinem Büro hat er eine Büropflanze geschoben. Und die versprochene Moschee wird ebenfalls gebaut.
"Die Linke hat die Banlieue auch verloren, weil sie die Religion unterschätzt hat", sagt Thierry Meignen. "Sie hat Wahlkampf mit strikter Laizität und Gender-Themen gemacht. Nach dem Motto: Auch Ahmed trägt mal Lippenstift. Viele Muslime stimmen in diesen Fragen aber genauso bürgerlich ab wie unsere braven Katholiken."
Zwei Bürger Blanc-Mesnils sind im Bataclan ums Leben gekommen. Ein dritter liegt noch im Krankenhaus, ein Modedesigner, einer der wenigen, die es aus der Vorstadt nach Paris geschafft hatten.

Kurz vor dem Platz der Befreiung, Libération, passiert der 148er das Haus Nr. 133. Es hat seit Kurzem neue Eigentümer, eine Familie aus Bulgarien. Sammy Ghozlan, der das Haus für sich gebaut hat und den man den "koscheren Bullen" nannte, ist fortgezogen. Nach Israel. Als Kommissar war er jedem auf die Nerven gegangen mit seinen Warnungen. Zuletzt wenige Stunden bevor ein koscherer Supermarkt gestürmt wurde.
Da packte Sammy Ghozlan seinen Koffer. "Besser, freiwillig zu gehen, als eines Tages gezwungen zu werden", sagt der Auswanderer, per Telefon aus Netanya. Früher, sagt er, hätten sie sich alle respektiert. "Der Rabbi las am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, auch die Rede des Imams vor, weil der kein Französisch konnte." Sie kamen hier in dem Viertel alle aus Algerien, vom anderen Mittelmeerufer, Juden, Gallier, Muslime.
Die Leute hätten sich geändert, sagt Ghozlan. "Das Auto wurde mir im Vorgarten angezündet. Der Staat hat Angst. Immer mehr Schulen, Kommissariate, Supermärkte müssen bewacht werden. Da bleibt weniger Schutz für uns Juden. Ich bin sehr deprimiert. Ich bezweifle, dass es eine Zukunft für die Juden in Frankreich gibt."
Im vergangenen Jahr wanderten fast 8000 französische Juden nach Israel aus. Sie stellen dort inzwischen die größte Einwanderergruppe.
Als junger Polizist, sagt Sammy Ghozlan, habe er noch Kollegen gehabt, die an den Razzien gegen Juden teilgenommen hatten: "Ich habe es erst später erfahren. Über dieses Frankreich wird ungern gesprochen."

Von Haltestelle zu Haltestelle wird die Busstrecke mehr zu einer Galerie der kriegerischen Helden und nationalen Märtyrer. Die Division Leclerc hat Paris befreit, 1944. Der 148er-Bus fährt den Mythos der Republik ab und zerschneidet ihn. Auch den des Generals de Gaulle und den des Märchens eines Frankreichs, das geeint den deutschen Besatzern widerstanden hätte.
Die Sozialbauten hier heißen HLM, übersetzt: Wohnungen zur maßvollen Miete. Man findet sie in jeder Stadt Frankreichs. Es war die Idee des sozialen Fortschritts: gesunde und billige Wohnungen für die Arbeiter. Das Ideal der HLM steht ein paar Hundert Meter vom 148er entfernt. Es ist die Cité de la Muette, in den Dreißigern gebaut für die Pariser Busfahrer und ihre Familien.
Doch die Busfahrer wollten lieber in kleinen Häuschen wohnen. So stand die Cité leer, bis 1939. Aus dem HLM wurde ein Gefangenenlager, es genügte, Stacheldraht zu ziehen, um den U-förmigen Bau abzuriegeln. Im Juni 194o übernahmen die Deutschen die Cité, erst als Kriegsgefangenenlager, dann als KZ. 63000 Juden wurden in der Vorstadt interniert.
Vom Bahnhof Le Bourget gingen die Züge nach Auschwitz, Sobibor und Majdanek. Gut möglich, dass die Verladearbeiter ihren Café-Calvados damals im Le Moderne genommen haben. Alles ist noch da, die Gleise, das Bahnhofsgebäude, die Cité de la Muette. Nur die Pariser Juden nicht.
Aus dem KZ ist wieder ein Sozialwohnungsbau geworden. Es war ganz einfach, es musste nur der Stacheldraht weg. Nacheinander bezogen Algerienfranzosen die Cité de la Muette, Repatriierte, und später Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien, erst aus Nordafrika, dann aus Mali, aus dem Senegal, von der Elfenbeinküste – und das bis zum heutigen Tag.

In der Straße der Cosmonautes stehen junge Männer mit Altherrenbart, die Hosen in die Socken gestopft und unter der Wattejacke Gewänder bis zum Knöchel. Die Garagen-Moschee hier ist zu den Gebetszeiten gut besucht.
Bashir Hacheh verachtet den Imam von Drancy. "Der macht sich klein. Der rechtfertigt sich zu sehr. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Ich bin stolz auf meinen Glauben. Ich bete fünfmal am Tag. Weshalb? Aus Furcht vor Allah."
Er spricht abgehackt, ein wenig heiser und betont kehlig, damit es nach Cité klingt oder nach Maghreb. Nach Heimat. "Die Werte der Republik, was ist das?" Die Liberté der Spötter von "Charlie Hebdo"? Die Egalité der auswechselbaren Präsidentschaftskandidaten? Und Fraternité, heruntergekommen zur Sozialhilfe?
Aber noch mehr kann sich Bashir Hacheh darüber aufregen, dass gerade alles vermischt wird. Dass jeder Muslim verdächtigt wird. Er hat vom Bürgermeister einen Posten als Sportwart und kümmert sich um eine Jugendgruppe. Er hätte gern ein größeres Auto und Pay-TV. Mag sein, dass Bashir an ein Paradies glaubt. Aber Samstagabend auf dem Sofa zu liegen und Fußball auf Sky zu schauen kommt dem schon ziemlich nah.

Nächster Stopp: Avenue V. I. Lénine. Sechs-Lenin, wie sie hier sagen, nicht Vladimir Ilitsch. Wegen der römischen Ziffern.
Yvette Sauvage, Volksschullehrerin im Ruhestand, glaubt nicht an Gott und Teufel. Deswegen ist es ihr egal, wenn ihr Hochhaus, direkt an der Haltestelle, als la tour infernale, der Höllenturm, gilt.
Sperrmüll häuft sich am Eingang, und Drogendealer beobachten das Kommen und Gehen: "Ja, die kleinen Komitees von jungen Leuten, die auf ihre Kunden warten. Zu alten Damen wie mir sind sie äußerst zuvorkommend", sagt Yvette Sauvage. Sie ist gerade 85 Jahre alt geworden.
Yvette Sauvage hat den Acker noch gesehen, auf dem das Viertel hochgezogen wurde, Mitte der Sechziger, als die Algerienfranzosen untergebracht werden mussten. Sie hat ihr Leben in dieser Cité verbracht. Jetzt ist sie eine der letzten "Gallierinnen" im Turm. "Ich bin gern hier", sagt sie. Ein Leben auf dem Land oder unter alten Leuten sei kein Leben für sie. Nach ihren Sätzen flattert manchmal ein kaum hörbares Lachen auf.
30 Jahre lang saß sie für die Kommunistische Partei im Gemeinderat. Sie erzählt, wie sie mit eigenen Händen, im Kollektiv, einen Park an der Kosmonautenstraße angelegt haben, alles planiert. Leitungen gezogen, gepflanzt. Und nach Jacques Duclos benannt, dem großen Kommunisten. "Dann kamen die Schwarzafrikaner und ..." Sie hält kurz inne. "Sie waren ..., sie wussten nicht ..." Wieder die Pause. Man müsse, sagt sie, seine Worte sehr sorgfältig wählen in diesen Zeiten.
Yvette Sauvage hat ihr Leben damit verbracht, Menschen etwas beizubringen. Das war ihr Glaube. In ihrem Turm gibt sie immer noch Unterricht in Französisch. Manchmal verteilt sie auch Flugblätter, und dann staunt sie über die Ungläubigkeit der Menschen: "Sie zweifeln an unseren Vorschlägen. Sie glauben an nichts mehr. Nicht mal an sich selbst."
Bei den Gettoaufständen 2005 stand Yvette Sauvage am Fenster und sah Jugendliche das Stadtteilhaus auseinandernehmen. "Sie haben verbrannt, was für sie gedacht war." Die Arbeitslosigkeit sei natürlich schon ein Geschwür, fügt sie an. "Niemand weiß mehr, wie es früher hier ausgesehen hat. Sie wertschätzen nicht die Arbeit der Linken. Nun, das ist wohl so." Wieder das Lachen.
Nur einmal hat es wehgetan. Da sei eine Frau auf sie zugekommen: "Sie meinte, unser Duclos-Park komme nicht von der Stadtverwaltung, sondern sei das Werk Gottes."

Die Endhaltestelle des Busses 148 liegt in der "Straße der Märtyrer der Deportation". Hinter Platanen im Fassonschnitt sind schon Düsenjäger zu sehen und die phallische Spitze einer "Ariane"-Rakete vom Musée de l'Air et de l'Espace, dem, so wörtlich: Museum für Luft und Raum. Der Bus 148 hält kurz an und wartet.
Hassen Chalghoumi, der Imam, hat sich diesen Ort für sein Fotoporträt ausgesucht. Jeder andere Ort an der Strecke wäre zu gefährlich. Als die drei Wagen der Kolonne anhalten, sichern die Leibwächter das Gelände, mit entsicherter Maschinenpistole vor der Brust. C'est pas bon ici – "kein guter Platz", sagt ihr Chef und schaut hoch zu den Fenstern der Sozialbauten. Kein Mensch ist zu sehen.
Auf ein Zeichen hin stellt sich Chalghoumi neben die Bushaltestelle, für den Moment eines Fotos, dann jagen die Wagen wieder davon. Ein Mann des Glaubens, der die Toleranz predigt, am Rande von Paris, unter Personenschutz wie ein Antimafiarichter, mit einem letzten Händedruck schon wie ein Gewesener.
Der 148er-Bus dreht um und fährt zurück, knapp acht Kilometer. Von Bobigny – Pablo Picasso bis zum Musée de l'Air et de l'Espace, immer hin und her wie ein Messer, das die Bannmeile aufschneidet, diese Banlieue, wo die Namen der Toten genannt werden, von Haltestelle zu Haltestelle, auch wenn sie längst keiner mehr kennt, "Danton", "Thorez", "Lenin". Hin und her fährt der 148er, an dessen Steuer nicht mehr Samy Amimour sitzt, rund um die Uhr, hin und her, vor und zurück und vor und zurück.

Zu Hause hatte der Attentäter ein Fresko vor Augen, an der Wand des Sozialamts: "Die Freiheit führt das Volk."

In der Straße der "Cosmonautes" stehen junge Männer mit Altherrenbart, die Hosen in die Socken gestopft.

Über den Autor

Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, in Berlin geboren, schreibt seit 1997 Reportagen für den SPIEGEL. Als Korrespondent berichtete er aus Paris, Rom, dem Vatikan und Abu Dhabi. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau, dank des Schnellzugs TGV kaum mehr als drei Stunden von der Pariser Banlieue entfernt.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 8/2016
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