20.02.2016

Homestoryo. E.

Kinder muss man vor vielem schützen, aber nicht vor allem.
Neulich fuhr ich mit meinem Sohn zum Fußball. Die Mannschaft sollte sich um neun Uhr treffen, es war das erste Punktspiel seines Lebens. Er war noch müde, als er ins Auto kletterte; wahrscheinlich hätte er lieber weitergeschlafen.
Mein Sohn spielt in der F-Jugend. Ein Spiel dauert zweimal 20 Minuten, das Feld ist kleiner als ein normales Fußballfeld, ebenso die Tore. Er ist im Sommer sieben geworden, 40 Minuten sind für ihn eine lange Zeit. Es gibt Phasen, in denen er sich konzentriert, und es gibt Abschnitte, in denen es so aussieht, als sei er mit seinen Gedanken eher woanders.
Bevor das Spiel angepfiffen wurde, gab ich ihm ein paar Ratschläge. Dass er sich den Ball nicht wegnehmen lassen solle; dass er ruhig mal aufs Tor schießen solle, wenn sich die Gelegenheit ergibt; dass ein Gegentor kein Grund sei, den Kopf hängen zu lassen. Er nickte ernst.
Das Spiel ging mit 1:10 verloren. Zehn Gegentore in 40 Minuten – was sagt man da, hinterher? Hauptsache, ihr wart an der frischen Luft? Schön, dass die Trikots noch sauber sind?
Offenbar hatte man sich beim Hamburger Fußball-Verband (HFV) dazu auch schon Gedanken gemacht. Auf der Ergebnisseite im Internet finden sich hinter den Begegnungen der F-Jugend keine Ergebnisse, sondern immer nur dasselbe Kürzel: "o. E.". Das wirft Fragen auf. Was ist o. E.?
Beim Stöbern auf der HFV-Seite stieß ich auf die "Durchführungsbestimmungen zum Spielbetrieb". Das Dokument umfasst 51 Seiten. Die Ergebnisse und Tabellen, das stand dort unter Punkt 3.26, "werden nicht veröffentlicht. Die Meldepflicht des Ergebnisses bleibt bestehen".
"O. E." heißt "ohne Ergebnis". Trotzdem werden die Resultate notiert. Es wird sogar eine Tabelle geführt, weil man die Mannschaften am Ende der Saison nach Spielstärke sortieren will. Nur sehen soll die Ergebnisse niemand. Begründet wird dieses Versteckspiel mit einer Art Fürsorgepflicht. Die Kinder sollten den Spaß am Fußball nicht verlieren, sagte der Mann vom Fußballverband, den ich um eine Erklärung bat. Als ob ein Siebenjähriger ins Internet ginge, um herauszufinden, wie das Spiel ausgegangen ist. Die Tabelle sei zweitrangig, sagte der Mann, die Kinder sollten nicht unter Ergebnisdruck spielen.
Für mich fühlt sich das krumm an. Denn es ist ja keineswegs so, als würden Siebenjährige nicht mitbekommen, dass sie gerade nach allen Regeln der Fußballkunst vermöbelt wurden. Beim 1:0 meines Sohnes mussten nach jedem Gegentor zwei aus seiner Mannschaft zum Mittelkreis schleichen, um den Anstoß auszuführen; die wussten schon, warum. Und nach dem vierten Gegentor fing der Torwart an zu weinen.
Andererseits ist so ein 1:10 auch eine Lektion. Es gibt andere, die stärker sind als ihr; es gibt andere, denen das Gewinnen wichtiger ist als euch. Vielleicht waren die anderen schneller, gewandter, ausdauernder. Es lag also gar nicht am Schiedsrichter, am Platz, an der frühen Uhrzeit. Wenn ihr gewinnen wollt, sagt dieses 1:10, müsst ihr kämpfen.
So ist Sport. So ist das Leben. "Alles, was ich über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Sport", das sagte Albert Camus, übrigens ein passabler Torwart. Erinnert sich noch jemand an das rauschhafte 7:1 der Deutschen gegen Brasilien? Bestimmt wünschte sich mancher damals, auf der Anzeigentafel im Stadion möge ein gnädiges "o. E." stehen. Weil dort aber jedes Tor mitleidlos notiert wurde, ging es bei diesem Spiel irgendwann nicht mehr ums Gewinnen, sondern darum, mit Haltung zu verlieren. "Es geht darum, den Stolz wiederherzustellen", sagte der BBC-Reporter.
Fußball ist Wettkampf; selbst nach dem Training berichtet mein Sohn stolz, welche Mannschaft gewonnen, wer das entscheidende Tor geschossen hat. Siegen macht Spaß, Verlieren muss man ertragen können – siegen kann nur, wer das Verlieren gelernt hat.
So gesehen hat es sogar etwas Respektloses, nach einem Spiel so zu tun, als gäbe es keine Verlierer. Genauso wie es respektlos ist, zu einem Kind, das gestürzt ist, zu sagen: Ist doch nicht so schlimm! Es ist schlimm, weil jedes Hinfallen wehtut; Trost spenden kann nur, wer Kummer ernst nimmt.
Wann haben wir Erwachsenen eigentlich angefangen zu glauben, es sei möglich, eine Haltung zu entwickeln, ohne die Wahrheit zu benennen? Wann haben wir aus dem "Altenheim" die "Seniorenresidenz" gemacht? Wie kann es sein, dass im Sommer Tausende Menschen eine Petition unterschrieben haben mit dem Ziel, die Bundesjugendspiele abzuschaffen? Nur weil eine Mutter Mitleid mit ihrem unsportlichen Sohn empfand, der statt einer Siegerurkunde nur eine Teilnehmerurkunde nach Hause brachte, immerhin?
Vor einiger Zeit begleitete ich meine beiden älteren Söhne, die ebenfalls Fußball spielen, zu einem Turnier. Jedes Kind bekam am Ende einen Pokal, selbst die Letztplatzierten wurden freundlich beklatscht, dafür, dass sie gekommen waren.
Vor dem Stadion war ein kleiner Flohmarkt aufgebaut. An einem der Stände bot jemand Pokale an, kleine, große, silberne, mit goldenen Henkeln und ohne.
Das ist der O.-E.-Gedanke, konsequent zu Ende gedacht: Wem der Pokal zu klein war, den er gerade bekommen hatte, konnte sich hier den passenden kaufen.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 8/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Homestory:
o. E.