20.02.2016

SyrienJenseits der roten Linie

Für den Traum von einem eigenen Land greifen die Kurden nun auch gemäßigte Rebellengruppen an – eine weitere Eskalation im Krieg.
Drei Tage und Nächte lang haben sie im Bombenhagel russischer Flugzeuge und kurdischer Mörser ausgeharrt, sie haben 30 Mann verloren und sich schließlich nach Norden durchgeschlagen. Nun sitzen die letzten Flüchtlinge aus der Kleinstadt Tall Rifaat auf durchweichten Pappen an der türkischen Grenze. Ein paar Kämpfer, ein paar Zivilisten.
"Ich verstehe die Kurden nicht", sagt nach einer Weile des Schweigens Osama Khatab, der mal Sprecher des Ortsrates von Tall Rifaat war: "Wir haben die nie angegriffen. Wir haben darauf gehofft, dass sie sich der Revolution anschließen würden, die haben doch früher gelitten wie wir. Und jetzt: bombardieren sie uns, töten sie uns, um ihr Gebiet zu erweitern. Okay, sie haben ihren Traum von Kurdistan – aber wie soll das funktionieren, wenn sie auf Leichen ihrer Nachbarn bauen?"
Kaum etwas zeigt den Irrsinn des Krieges in Syrien so deutlich wie der überraschende Angriff der Kurdenmiliz YPG auf Rebellen zwischen Aleppo und der Türkei. Genau dort, im Norden des Landes, eskaliert die Lage jetzt.
Die Kurden sind ein kompliziertes Geflecht aus Allianzen eingegangen. In anderen Teilen Syriens kämpfen sie gemeinsam mit arabischen Rebellen gegen den "Islamischen Staat" (IS). Doch hier, im Nordwesten, bringen sie nun Islamisten und gemäßigte Rebellen gegen sich auf – die zum Teil mit der Türkei verbündet sind.
Und dann detonierten am Mittwoch und Donnerstag auch noch zwei Bomben in der Türkei: In der Hauptstadt Ankara starben mindestens 28 Menschen bei einem Anschlag auf einen Militärkonvoi, im Südosten kamen wohl 6 Soldaten ums Leben.
Sofort machte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu die Kurden verantwortlich, einer der Attentäter soll ein syrischer Kurde sein. Die Kurden dementierten massiv, aber schon die Anschuldigung ist brandgefährlich: Die Türken wollen den Vormarsch der Kurden in Syrien unbedingt stoppen, seit Tagen beschießt ihre Artillerie YPG-Einheiten. Zudem fordert Staatschef Recep Tayyip Erdoğan den Einmarsch einer internationalen Truppe, bislang vergebens.
Erdoğan hat sich verrannt. Würde er die Anschläge als Anlass nutzen und allein einmarschieren, könnte der Nato-Partner Türkei mit Russland kollidieren. Ein Vertreter der syrischen Kurden in Moskau drohte am Donnerstag mit dem "großen Krieg": "Russland wird auf eine Invasion reagieren und die territoriale Unverletzbarkeit Syriens verteidigen."
Doch warum greifen die YPG gemäßigte Rebellen an? Sie wollen ihr neues Land "Rojava" im Nordosten mit ihrer Enklave Afrin im Westen vereinigen. Sollten die Kurden das versuchen, hatte Erdoğan immer wieder gesagt, sei für ihn eine rote Linie überschritten. Die Türkei werde es unter allen Umständen verhindern.
Im Moment stehen die Kurden vor der strategisch wichtigen Stadt Asas, davor hatten sie Tall Rifaat attackiert: In der Kleinstadt hatte die örtliche Rebellengruppe Liwa al-Fatah Ende 2014 den Kampf gegen den IS geführt, der im Ort einen wichtigen Stützpunkt unterhielt. Hier starb einer der prominentesten Anführer des IS, Haji Bakr, einst Oberst in Saddam Husseins Militärgeheimdienst, der die Eroberung Syriens bis ins Detail geplant hatte.
Abdu Ibrahim, der kurdische Sprecher der "Demokratischen Kräfte Syriens", sagte zwar vergangene Woche gegenüber dem SPIEGEL: "Wir wollen Tall Rifaat von den Terroristen befreien und arbeiten nicht mit den Russen zusammen." Aber das Vorgehen am Boden belegt das Gegenteil.
Russlands Luftwaffe hat nun um Tall Rifaat mit bis zu 100 Angriffen pro Tag die letzten Verteidiger sturmreif bombardiert, bis die YPG-Verbände das Trümmerfeld erobern konnten. Im Feuer der vorrückenden Kurden starb auch Kamal Hadbe, einer jener Rebellenchefs aus Tall Rifaat, die zwei Jahre zuvor den Kampf gegen den IS geführt hatten.
Der größte Verlierer in dem Chaos ist Erdoğan. Seit Beginn des Krieges hat er versucht, seine Unterstützung für die syrischen Aufständischen zum Kampf gegen die Kurden zu nutzen. Immer wieder beschimpfte Erdoğan die YPG-Miliz und ihre Partei PYD als Terrororganisation.
Im Juli 2015 erklärte er, die Türkei werde nun den IS bekämpfen – in Wahrheit bombardierte seine Luftwaffe dann fast ausschließlich Quartiere der Kurden. Das erwies sich als fataler Fehler, als Russland die syrische Bühne betrat. Seitdem die türkische Luftabwehr einen russischen Jet abgeschossen hat, der für Sekunden in ihr Hoheitsgebiet eingedrungen war, bombardieren russische Jets alle mit der Türkei verbündeten Rebellen – und helfen damit den Kurden.
Erdoğan hat sich im Krieg gegen die Kurden einen Gegner geschaffen, der sich international als der geschicktere Spieler erweist: Partner der USA im Kampf gegen den IS und Bodentruppe der Russen im Feldzug gegen Rebellen und Türken.
Die USA, die den IS im Osten bombardieren, wirken nur noch wie Kommentatoren des Geschehens im Rest Syriens: Sie forderten die türkische Regierung auf, ihre Artillerieangriffe gegen die YPG einzustellen. Und sie forderten die YPG auf, ihren Feldzug gegen arabische Orte zu beenden. Ansonsten kann Washington offenbar nicht mehr viel tun.
Von Christoph Reuter und Wladimir van Wilgenburg

DER SPIEGEL 8/2016
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