20.02.2016

SimbabweDer Herrscher mit der kalten Hand

Robert Mugabe, der älteste Staatschef der Welt, wird 92 Jahre alt. Bartholomäus Grill über einen Mann, den er einst für eine Lichtgestalt hielt und der sich zum Verbrecher wandelte.
Wann kommt er endlich? Drei Männer warten ungeduldig vor der Privatresidenz des Präsidenten. Sie tragen dunkle Anzüge, verspiegelte Sonnenbrillen, Knöpfe im Ohr. Ihr schwarzer Mercedes ist vor dem Portal im chinesischen Pagodenstil geparkt. Wir fahren langsam an der einen Kilometer langen Außenmauer vorbei, die das protzige Anwesen mit seinen 24 Schlafzimmern umgrenzt. Im Abstand von 200 Metern sind Scharfschützen postiert.
"Schnell weiter, sonst haben wir ein Problem", sagt der Fahrer und beschleunigt das Taxi.

Es ist 9.30 Uhr morgens, ein ungewöhnlich kühler Tag im November. Normalerweise rückt der schwer bewachte Fahrzeugkorso des Staats- und Parteichefs Robert Mugabe jeden Werktag um diese Zeit aus. Er lässt sich dann vom Reichenviertel Borrowdale Brook zum State House chauffieren, zu seinem Amtssitz im Zentrum der Hauptstadt Harare. Doch heute bleibt das Stahltor zu.
Ist der Präsident schon wieder krank? Ist er wieder einmal hingefallen? Erst kürzlich, bei einem Besuch in Indien, konnte ihn Premierminister Narendra Modi im letzten Moment auffangen. Mugabe ist der älteste Staatschef der Welt, am Sonntag feiert er seinen 92. Geburtstag. Er stolpert bei Empfängen, schläft bei Sitzungen ein, liest vor dem Parlament eine Rede ab, die er schon einmal gehalten hat. Er ist senil und krank, Prostatakrebs, heißt es. Die Simbabwer fragen sich, wie lange der Alte noch leben wird. Viele hoffen, dass er bald zu den Ahnen geht und seine Gewaltherrschaft endet.
Unvorstellbar, dass ich diese Hoffnung einmal teilen würde, damals, als ich Robert Gabriel Mugabe noch bewundert habe. Er zählte Anfang der Achtzigerjahre zu meinen Helden des antikolonialen Befreiungskampfes, zu jenen Männern, die die europäische Fremdherrschaft überwanden und ihre Nationen in die Unabhängigkeit führten. Die nicht nur ihren Völkern Würde zurückgaben, sondern auch das Selbstbewusstsein der diskriminierten Schwarzen in aller Welt stärkten. Hinzu kam, dass Mugabe den Widerstand gegen das Apartheid-Regime in Südafrika anführte. Ich war wie viele davon überzeugt, dass er sein Land zu einem Entwicklungsmodell für Afrika machen würde – beflügelt von der Idee eines "demokratischen Sozialismus".
Mugabe war die Lichtgestalt eines geschundenen Kontinents. Heute halte ich ihn für einen Staatsverbrecher, und die Frage treibt mich um, wie man sich in einem Menschen derart täuschen kann. Wie es möglich war, dass der Hoffnungsträger zu einem brutalen Diktator mutierte, dessen Räuberregime das einst wohlhabende Simbabwe in den Abgrund gerissen hat. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, über 90 Prozent haben keine Arbeit. Drei bis vier Millionen – ein Viertel der Bevölkerung! – sind ins Ausland geflohen.
Aber von diesen katastrophalen Zuständen bekommt Mugabe wenig mit. Auf seinem täglichen Weg zum Präsidialamt sieht er ein anderes Land. Er sieht die prächtigen Villen der Parteibonzen, blühende Gärten, Straßenlampen mit Solarzellen, eine moderne Shoppingmall. Seine Limousine gleitet über eine "Straße der Macht", kein Schlagloch auf 18 Kilometern. Mugabe nimmt das Land wahr, das er wahrnehmen will. Die Wirklichkeit halten seine Günstlinge von ihm fern. Keiner traut sich, dem Genossen Bob die Wahrheit zu sagen. Und keiner wagt es, offen über die Zeit nach Mugabe zu reden.
Doch das Endspiel des Diktators hat begonnen. In seiner Partei toben erbitterte Nachfolgekämpfe. Nur der Alte will nichts davon wissen. Er ist seit 36 Jahren an der Macht – und will nach eigenem Bekunden auch noch mit 100 Jahren regieren. Seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2018 hat er bereits angekündigt. Ein Herrscher auf Lebenszeit, so wie seine Amtskollegen in Uganda, Burundi oder Kamerun. In Mugabes Muttersprache Shona gibt es kein Wort für Ruhestand.
Die Geschichte Robert Mugabes liefert ein Lehrstück über den Machtwahn. Und darüber, wie ein Unterdrückter zum Unterdrücker wird. Es ist auch eine Geschichte über eine der gröbsten Fehleinschätzungen, die mir in meinen 30 Jahren als Afrikakorrespondent unterlaufen sind.
Die Geschichte beginnt an einem sonnigen Tag im März 1988. Vor dem State House in Harare wehen die Flaggen Simbabwes und Deutschlands. Darunter stehen Mugabe und Richard von Weizsäcker. Die beiden Staatsoberhäupter halten sich lächelnd an den Händen und lauschen einem schwarzen Kinderchor, der ein deutsches Volkslied singt: "Kein schöner Land".
Es war eine rührende Szene beim ersten Staatsbesuch eines deutschen Bundespräsidenten in Simbabwe, und ich dachte: Endlich, Robert Mugabe wird als ehrenwerter Staatsmann anerkannt. Vorbei die Zeiten, in denen er im Westen als gefährlicher Terrorist oder kommunistischer Gangster gebrandmarkt wurde. Er war jetzt ein afrikanischer Friedensbringer, ein Vorbild für den ganzen Erdteil.
So sah es auch Richard von Weizsäcker. "Was halten Sie von Robert Mugabe?", fragte ich den Bundespräsidenten bei einem Spaziergang an den Victoriafällen. Die Antwort war im Gedonner der Wassermassen kaum zu hören: "Er ist ein kluger, besonnener Politiker, der um Ausgleich bemüht ist. Ich bin beeindruckt."
Das Regime des klugen, besonnenen Politikers hatte – von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt – gerade einen Massenmord verübt.
Robert Mugabe, der zum Mehrheitsvolk der Shona gehört, ließ seinen hartnäckigsten Rivalen Joshua Nkomo ausschalten, einen Freiheitskämpfer aus der Minderheit der Ndebele. Mugabes Geheimdienst CIO und die berüchtigte Fünfte Brigade, eine von Nordkoreanern gedrillte Eliteeinheit des Militärs, massakrierten zwischen 1982 und 1987 bis zu 20 000 Ndebele, Exkämpfer und Zivilisten. Anschließend wurde Nkomos Organisation mit Mugabes Einheitspartei zur Zanu-PF zwangsvereinigt.
Überlebende sollten später von unbeschreiblichen Gräueltaten berichten, von Menschen, die lebendig in ihren Hütten verbrannt wurden, von schwangeren Frauen mit aufgeschlitztem Bauch, von Leichenbergen in den Dörfern.
In Bulawayo, der Hauptstadt von Matabeleland, stand die Bevölkerung noch unter Schock, als der Bundespräsident eintraf. Doch beim Staatsempfang zu seinen Ehren waren die Folgen des Terrors nur einem der geladenen Gäste anzusehen: Joshua Nkomo. Der bullige Hüne wirkte, als hätte man ihm das Rückgrat gebrochen. Neben ihm stand Mugabe, der Triumphator: schwarzer Maßanzug, schwarze Krawatte, dunkle Hornbrille. Er trat auf wie ein Pastor, streng und steif, ohne Charisma. Ich schüttelte seine weiche, kalte Hand. Er fasste mich väterlich am Oberarm und sagte: "We are on track." Alles läuft nach Plan.
Niemand sprach über die Verbrechen in Matabeleland, ihr wahres Ausmaß war noch nicht bekannt. Ich hielt dieses dunkle Kapitel für Propaganda der Feinde Mugabes, ich verdrängte es, um den Mythos dieses Mannes zu bewahren. Simbabwe, das war ein aufstrebendes Musterland in Afrika, und sein Präsident gehörte zu den Visionären des Kontinents.
20 Jahre später auf Mugabe angesprochen, reagierte Altbundespräsident Richard von Weizsäcker unwirsch: "Dieser Kerl hat mich an der Nase herumgeführt."
Vom Ende her betrachtet erscheint Mugabes Vita wie eine tragische Metamorphose. Er wächst ohne Vater in armen Verhältnissen auf, ein blitzgescheiter, schüchterner, verschlossener Junge. Auf einer Missionsschule der Jesuiten hört er von der christlichen Nächstenliebe, zugleich erlebt er die Doppelmoral der Kolonialherren, die Schwarze wie Untermenschen behandeln. Mugabe studiert in Südafrika, liest die Werke von Marx und Lenin, erwirbt im Laufe der Jahre sechs Hochschulabschlüsse, arbeitet als Lehrer in Ghana.
Nach der Rückkehr in die Heimat schließt sich Mugabe dem Widerstand gegen das britische Kolonialregime im damaligen Rhodesien an. Er wird verfolgt, eingesperrt, misshandelt. Sieht Kameraden im Gefängnis verrotten. Weint tagelang, weil er nicht zum Begräbnis seines dreijährigen Sohnes darf. In dieser Zeit lernt er wohl, die Weißen zu hassen. 1974, nach elf Jahren Haft, zieht er in den Chimurenga, den Befreiungskrieg, doch den Guerillakämpfern bleibt der militärische Sieg versagt. 1979 wird in London in einem Abkommen die Unabhängigkeit ausgehandelt. Im Jahr darauf gewinnt Mugabe mit deutlicher Mehrheit die ersten Wahlen. Er wird Premierminister, und Rhodesien heißt fortan Simbabwe. Der Freiheitskämpfer ist am Ziel – und streckt die Hand zur Versöhnung mit den weißen Rassisten aus.
Zunächst blüht die junge Demokratie unter Mugabes Führung auf. Das eigene Volk verehrt ihn wie einen Messias, im Ausland begegnet man ihm mit Hochachtung, die britische Königin verleiht ihm einen Orden. In meinen Kommentaren lobe ich seine Politik: das friedliche Nebeneinander von Schwarzen und Weißen, das Gesundheitssystem, ein Bildungswesen, das in Afrika seinesgleichen sucht.
Schon bald aber beginnen die Kader der Einheitspartei, sich hemmungslos zu bereichern, die Korruption nimmt zu, Regimegegner sterben unter mysteriösen Umständen. Mugabe kürt sich mittels trickreicher Verfassungsänderungen zum Exekutivpräsidenten mit uneingeschränkter Macht.
Erstmals übe ich vorsichtig Kritik an seinem autokratischen Führungsstil. Die giftigen Warnungen von Ian Smith, dem letzten weißen Premier von Rhodesien, halte ich dennoch für übertrieben. "Ich habe immer vor diesem Terroristen gewarnt. Er ist ein Diktator, der unser schönes Land zugrunde richtet", schimpft er. Währenddessen serviert uns ein dunkelhäutiger Lakai mit Seidenhandschuhen Tee. Ausgerechnet Smith, der Erzrassist, der selbst ein Diktator war. Ich wollte damals, im Frühjahr 1996, nicht wahrhaben, dass sich der schwarze Präsident längst seinem weißen Vorgänger anverwandelt und dessen Polizeistaat übernommen hatte.
State House, Harare, Ende März 1996. Die zweite persönliche Begegnung. Mugabe hat gerade die Präsidentschaftswahl gewonnen, 92,7 Prozent der Stimmen. Vielleicht gibt er deshalb eines der seltenen Interviews, westliche Journalisten kann er eigentlich nicht ausstehen.
Ein abgedunkeltes Kabinett, viktorianische Prunkmöbel, an der Stirnwand ein großes Porträt des Präsidenten. Robert Mugabe schlendert betont lässig herein. Sein Gesicht ist härter, seine Hand noch kälter geworden. Er trägt feines Tuch, Savile Row, London. Ein Gentleman, der alles Englische liebt, die Umgangsformen, die Kleidung, Kricket, die Romane von Graham Greene. Die britische Elite aber verachtet er, sie verkörpert in seinen Augen den ewigen Imperialismus.
Der Präsident rutscht tief in einen golden schimmernden Sessel, in seinem Blick liegt etwas Lauerndes. Unser Gespräch verläuft wie die Reise in einer Zeitmaschine, zurück in eine Epoche, in der es Simbabwe noch nicht gab. "Ich habe den bewaffneten Kampf, der unser Volk befreit hat, angeführt. Das haben die Menschen bis heute nicht vergessen." Mugabe lebt in der Vergangenheit, immer wieder beschreibt er in makellosem Oxford-Englisch die glorreiche Zeit des Buschkriegs. Jede kritische Frage zur Gegenwart schmettert er ab. Zwischendurch spricht er in der dritten Person von sich: "Auch ein Mugabe ist sterblich." Gut zu wissen.
Wäre Mugabe in jenem Jahr abgetreten, hätte er als angesehener Elder Statesman um die Welt reisen und in Würde ergrauen können. Aber er krallt sich an die Macht.
Letzte Frage: "Mister President, Ihre Gegner nennen Sie einen Diktator." Mugabes Gesicht erstarrt zur Maske, er antwortet mit einem Lächeln: "Junger Mann, Sie lesen zu viele englische Zeitungen."
Mugabe litt damals darunter, dass er plötzlich im Schatten Nelson Mandelas stand. Nach dem Untergang der Apartheid hatte ihm der südafrikanische Präsident den Rang als meistbewunderter Befreiungskämpfer Afrikas abgelaufen. Mugabe bekam das schmerzlich bei der Hochzeit mit seiner ehemaligen Sekretärin Grace zu spüren: Der Stargast vom Kap stahl dem Bräutigam die Schau. Eine Kränkung, die hinter der Fassade der Allmacht einen unsicheren Menschen erahnen ließ, einen Mann mit Minderwertigkeitskomplexen.
Mugabe steuert mit machiavellistischem Feingespür ein weitverzweigtes Patronage-Netzwerk. Während er und seine Diebesbande ein üppiges Leben genießen, wächst im Volk die Not. Die 1999 gegründete Oppositionsbewegung Movement for Democratic Change (MDC) hat immer mehr Zulauf. Bei einem Referendum im Februar 2000 lehnt die Mehrheit der Wähler einen Verfassungsentwurf ab, der vorsah, weiße Farmer zu enteignen. Mugabe muss die erste Niederlage hinnehmen. Seine Rache wird fürchterlich.
Die staatlichen Sicherheitsorgane entfesseln eine Gewaltkampagne gegen die Opposition, zahlreiche Regimegegner werden ermordet. Gleichzeitig ermutigt Mugabe die um ihre Renten betrogenen Kriegsveteranen, sich am Eigentum der "Kolonialisten" schadlos zu halten; die müssen dafür büßen, dass sie die MDC unterstützen. Im Laufe der kommenden Jahre werden 4000 von 4500 weißen Farmern ihrer Ländereien beraubt und vertrieben. Der Hunger kehrt nach Simbabwe zurück. In ein Land, das einmal die Kornkammer des südlichen Afrika war.
April 2000, 20. Jahrestag der Unabhängigkeit. Mugabe steht allein auf dem Heroes Acre, dem Heldenfriedhof für die toten Freiheitskämpfer. Wir Journalisten dürfen die Weihestätte nicht betreten, aus der Ferne wirkt Mugabe wie sein eigenes Denkmal. Ein einsamer, unnahbarer Potentat, der am Grab seiner ersten Frau Sally trauert. Mugabe soll an diesem Tag Tränen in den Augen gehabt haben. Er zeigte Gefühle, ein seltener Augenblick.
Terror und Wahlfälschungen sichern Mugabe den Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2002. Die Europäische Union verhängt Sanktionen gegen sein Regime, der Despot wird international geächtet.
Ein Diplomat meinte, dass Mugabe am "Cäsaren-Wahnsinn" leide, an jener Krankheit der Macht, die der deutsche Historiker Ludwig Quidde am Beispiel des römischen Kaisers Caligula beschrieben hatte. Mugabe zeige die Charakterzüge des paranoiden Alleinherrschers, er dulde keine Widerrede, traue niemandem, wittere überall Verschwörungen, berichten Abtrünnige. Er umgibt sich nur noch mit Jasagern. Parteigenossen, die den Personenkult nicht mitmachen, müssen vor ihm niederknien und Abbitte leisten.
Das Volk zittert vor Mugabe. Er herrscht nach einer Maxime Caligulas: Oderint, dum metuant. Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten. Es ist riskant geworden, in Simbabwe zu recherchieren. Mugabes wirksamstes Herrschaftsinstrument ist die nackte Gewalt, sein Regime führt Krieg gegen die eigenen Bürger: Simbabwe verzeichnet die meisten staatlichen Gewaltübergriffe in ganz Afrika.
April 2009: Auf dem Höhepunkt einer Hyperinflation wird die eigene Währung abgeschafft, Simbabwes Wirtschaft kollabiert, der Staat ist bankrott. Im Folgejahr feiert Mugabe seinen 86. Geburtstag, mit Champagner und Kaviar. Die Sause soll eine halbe Million Dollar gekostet haben.
"Dieser Mann hat unendlich viel Leid über unser Land gebracht", sagt Rugare Gumbo. Man wundert sich, wie locker ihm dieser Satz über die Lippen geht, denn er gehörte bis zu seiner Verbannung aus dem innersten Kreis der Macht zu den kreuzloyalen Handlangern des Diktators. Gumbo bekleidete Ministerämter, er war Sprecher der Partei. Als er am 13. November 2014 aus dem Politbüro geworfen wurde, verstand er die Welt nicht mehr. Mugabe zeigte mit dem Finger auf Gumbo und beschuldigte ihn, zu den Drahtziehern eines Mordkomplotts zu gehören.
Gumbo ist ein Parteisoldat von 75 Jahren, wohlbeleibt, bedächtig, ein sympathischer alter Herr. Er war Mugabe im Jahre 1964 zum ersten Mal in einem Gefängnis des weißen Kolonialregimes begegnet; seine Zelle lag neben der Mugabes. "Er hatte einen scharfen Verstand und dachte strategisch. Er war der geborene Führer."
Fast ein halbes Jahrhundert lang kämpfte Gumbo an der Seite des "Chefs", wie er ihn immer noch nennt. Doch schon einmal, während des Befreiungskampfes in den Siebzigerjahren, war er in Ungnade gefallen. Mugabe, der Oberkommandeur, ließ Gumbo und ein paar Mitstreiter wegen einer angeblichen Verschwörung monatelang in finstere Erdlöcher werfen. "Wir dachten, wir verrecken", sagt Gumbo. Der "Chef" habe alle und jeden verdächtigt. "Er hatte in seinem ganzen Leben keinen einzigen echten Freund." Gumbos Erinnerungen legen nahe, dass Mugabe nicht erst als Machthaber zum Tyrannen wurde.
Hätte ich also schon viel früher erkennen müssen, dass sich hinter der Maske des Demokraten die Fratze des Despoten verbarg? Heute weiß ich, dass mein mildes Urteil über Mugabe einer naiven Hoffnung geschuldet war. Es war die Hoffnung des Dritte-Welt-Bewegten, der in den Zeiten des Kalten Krieges an das sozialistische Modell Simbabwe glauben wollte.
Rugare Gumbo war nicht der Einzige, der Ende 2014 vom Hof gejagt wurde. In einer Säuberungskampagne ließ Mugabe Hunderte Genossen absetzen, darunter 15 Minister, Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, Parteivorsitzende der Provinzen und seine potenzielle Thronfolgerin Joice Mujuru. Seither ist die Einheitspartei Zanu-PF schwer zerrüttet.
Noch sind die Tage Mugabes nicht gezählt. Er wirkt zwar verwirrt und hinfällig, die Zügel scheinen ihm allmählich aus der Hand zu gleiten, doch er will es nicht wahrhaben. Es ist, als würde im Körper des Greises noch immer der vaterlose, verschlossene, starrköpfige Junge leben. Ein Panzer der Selbsttäuschung schützt ihn davor, sein monumentales Scheitern zu erkennen. Schuld an der Misere seines Landes sind die anderen: die Weißen, die Sanktionen des Westens, die "Schlangen" in den eigenen Reihen. Mugabe hat sein Land befreit – und blieb mental ein Gefangener des Kolonialismus, der einen lebenslangen Rachefeldzug gegen die europäische Bevormundung führen musste.
Die Eliten Afrikas verehren ihn genau deshalb. Vergangenes Jahr krönte ihn die Afrikanische Union zu ihrem Vorsitzenden.
Doch manchmal suchen Mugabe die Dämonen der Vergangenheit heim. Offenbar befürchtet der alte Mann, dass er für seine Staatsverbrechen doch noch belangt werden könnte. Schon allein wegen einer möglichen Strafverfolgung muss Mugabe im Amt bleiben, denn nur als Staatsoberhaupt genießt er absolute Immunität. Er muss herrschen bis zum letzten Atemzug.
In meinem Bücherregal liegen ein paar Trockenblumen. Ich habe sie aus dem Kranzgebinde gezupft, das Robert Mugabe am Unabhängigkeitstag 2000 auf dem Heldenfriedhof niedergelegt hatte: ausgebleichte Pflänzchen, verwelkt wie die Blütenträume von einem besseren Simbabwe.


Bartholomäus Grill, 61, berichtet seit 30 Jahren aus Afrika, seit 2013 ist er Korrespondent des SPIEGEL in Kapstadt.

Über den Autor

Bartholomäus Grill, 61, wohnhaft in Kapstadt, ist seit 30 Jahren Afrikakorrespondent, erst für "Die Zeit", "Weltwoche" (Zürich) und "Profil" (Wien), seit 2013 für den Spiegel. Er war afrikapolitischer Berater von Bundespräsident Horst Köhler und hat eine Reihe von Büchern über den Kontinent geschrieben, darunter den Bestseller "Ach, Afrika".
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 8/2016
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