20.02.2016

Global VillageFrische Luft

Wie das Vermietungsportal Airbnb zum Ausbau illegaler Siedlungen im Westjordanland beiträgt
Die Bilder versprechen Idylle: Die Hütte ist vorne blau gestrichen, vor der Tür stapelt sich Holz. Die Luft sei "sehr frisch", der Ausblick "großartig", die Unterkunft befinde sich "richtig in der Natur". Drinnen gibt es einen Holzofen, eine Küchenzeile und zwei Betten. Über das Internetportal Airbnb kann man die Hütte ab 86 Dollar pro Nacht mieten. Leider aber ist es mit der Idylle nicht ganz so einfach. Denn die kleine Hütte befindet sich im von Israel besetzten Westjordanland, in Havat Gilad, einem sogenannten illegalen Außenposten.
Wenn man auf der Website von Airbnb nach Unterkünften in Israel sucht, werden auch Angebote im Westjordanland angezeigt. Die Auswahl reicht von Luxusvillen mit Swimmingpool über "geräumige Jurten" bis hin zu der kleinen blauen Hütte. Die meisten liegen in großen, etablierten Siedlungen, die zumindest nach israelischer Rechtsauffassung legal sind, auch wenn der Rest der Welt das anders sieht. Aber dann gibt es Außenposten wie Havat Gilad, die sogar aus israelischer Sicht unrechtmäßig sind. Noch dazu ist Havat Gilad ein berüchtigter Außenposten. Er befindet sich an der Grenze zu jener Zone A im Westjordanland, die von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet wird; Israelis dürfen sie eigentlich nicht betreten, und wenn sie es doch tun, dann auf eigene Gefahr. Havat Gilad wurde mehrmals von der Armee geräumt, aber die Siedler kehrten immer wieder zurück. 30 Familien leben hier, außerdem einige Jugendliche, von denen manche zur Hilltop-Bewegung gehören sollen. Sie greifen Palästinenser an, hacken Olivenbäume ab oder beschädigen Moscheen und Kirchen. All das wird auf der Seite von Airbnb nicht erwähnt.
Der Besitzer der Hütte heißt Ariel. Im Vorfeld stellt er ein paar Regeln klar: Seine Küche ist koscher, die Gäste müssen vegetarisch kochen, damit sie nicht versehentlich Milch und Fleisch vermischen. Außerdem handle es sich um ein religiöses "Dorf", man müsse sich bitte "konservativ" kleiden. Und am Sabbat sei es nicht erlaubt, mit dem Auto herumzufahren. Am Telefon spricht Ariel von einer "echten Israel-Erfahrung".
Der Ausblick ist tatsächlich großartig. Bunte Häuschen schmiegen sich in die grünen Hügel, die von Olivenbäumen bewachsen sind. Auf der anderen Seite des Tals liegt ein palästinensisches Dorf. Ariel ist 26, er hat eine braune Lockenmähne und trägt einen Kapuzenpulli, vor fünf Jahren ist er hierhergezogen, aus finanziellen Gründen. Wo sonst hätte er einfach ein Haus bauen können? Ein Anruf bei der Ortsverwaltung genügte. Das Land bekam er umsonst, die Hütte musste er selbst errichten. Davor steht ein altes, rosafarbenes Sofa, daneben lagern Munitionsboxen aus seiner Zeit als Reservist beim Militär. Überall liegen Zementsäcke herum; ein Anbau ist halb fertig. Ariel plant weitere Zimmer, sobald er wieder Geld hat – und dazu soll Airbnb beitragen.
Airbnb, könnte man sagen, unterstützt den illegalen Siedlungsbau. Darüber ist nun eine internationale Kontroverse entbrannt: Die Palästinensische Autonomiebehörde wirft dem Vermietungsportal vor, es würde "die illegale Kolonisierung besetzten Landes vorantreiben". Die Siedler schlagen zurück, indem sie ihre Leute aufrufen, noch mehr Häuser an Touristen zu vermieten – als Zeichen ihres Willens, Israel über die Grenzen von 1967 auszuweiten. Wie ist es also, in einem illegalen Außenposten Urlaub zu machen?
Man könne problemlos zu Fuß hinüber ins Zentrum gehen, erklärt Ariel. "Das hier ist sicherer als in Tel Aviv, die Palästinenser denken, wir sind verrückt." Und das sei gut so, denn sie trauten sich daher nicht nach Havat Gilad. Klar, es gibt auch Soldaten, die regelmäßig durch den Außenposten patrouillieren. Aber Ariel hält nicht viel von den Soldaten. "Wir waren alle bei der Armee, wir wissen, was wir tun müssen."
Außer Kindern und Schafen ist kaum jemand zu sehen. Der Spielplatz, das verrät eine Tafel, ist vom rechtskonservativen US-Multimillionär Irving Moskowitz gesponsert. Zwei Jugendliche mit langen Schläfenlocken und gehäkelten Kippas stoppen ihr Auto und fragen finster, wohin man denn wolle. Der "Chief", der private Sicherheitsmann, fährt in einem Peugeot mit kanariengelbem Blinklicht um die Häuser und übergibt seine Telefonnummer, für den Notfall.
Plötzlich öffnet sich eine Tür, und heraus tritt eine Frau. Sie heißt Ilana Shimon und lädt zum Sabbat-Essen ein. Shimon ist 40 Jahre alt, sie wohnt mit ihrem Mann Yehuda seit acht Jahren in Havat Gilad, sie haben acht Kinder. Es ist Freitag, ihr Mann geht zur Synagoge, die gegenüber ihrem Häuschen liegt. Die Männer, die man durchs Fenster sehen kann, erinnern mit ihren weißen Gewändern, Bärten und Waffen an die Taliban. Beim anschließenden Essen erzählt Yehuda Shimon vom Gazastreifen. Wie sie damals, vor zehn Jahren, in die Siedlungen dort reisten und gegen die Räumung demonstrierten. Wie das Militär sie gewaltsam vertrieb. Er ist noch immer wütend auf die Regierung. "Ein Jude darf überall im Heiligen Land siedeln." Selbst die Politiker der ultrarechten Siedlerpartei Jüdisches Heim hält er für schale Dampfplauderer. Jude sein, sagt er, das bedeute, von einem König regiert zu werden und den dritten Tempel in Jerusalem zu errichten. Doch nichts davon geschehe. "Es ist gut, dass ihr hier gewesen seid", sagt Ilana Shimon zum Abschied. Sie hält Airbnb in Havat Gilad für eine ziemlich gute Sache. "So sehen die Menschen, dass wir ganz normale, nette Leute sind."
Twitter: @NicolaAbe
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 8/2016
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