20.02.2016

TennisDie Erschaffung der Nr. 1

Als Belinda Bencic ein Kind war, beschloss der Vater, aus ihr die beste Spielerin der Welt zu machen. Ein Unternehmer finanzierte die Karriere. Jetzt ist die 18-Jährige in den Top Ten angekommen. Eine Geschichte, die zeigt, dass Erfolg im Profisport planbar ist.
Belinda Bencic war sechs Jahre alt, als der Unternehmer Marcel Niederer sie zum ersten Mal Tennis spielen sah. Ein zierliches Mädchen mit Spangen in den Haaren und Armen, so dünn wie Streichhölzer. Eine Stunde lang schlug Belinda Bälle übers Netz, so hart und präzise, dass Niederer noch während des Trainings entschied, dieses Kind zu seinem neuen Investment zu machen.
Er hatte schon oft gute Geschäftsideen gehabt. In den Neunzigerjahren, kurz nach der Wende in Deutschland, verkaufte Niederer Bananen in die ehemalige DDR. Später handelte er mit Instantkaffee in Russland. So war er reich geworden. Nun war da dieses talentierte Mädchen. Niederer schloss einen Deal mit Belindas Vater ab, er bot an, die Karriere der Tochter zu finanzieren. Der Plan war, aus der Sechsjährigen eine Weltklassespielerin zu machen. Ein irrer Plan. Sollte sie es schaffen, würde Niederer als ihr Manager arbeiten und einen Teil ihrer Einnahmen erhalten. Die Männer gaben einander die Hand. Das war im August 2003.
Es sieht so aus, als ginge ihr Plan auf.
Belinda Bencic, 18, trägt einen schwarzen Blazer und Perlenohrringe, sie hat in einem Restaurant in Wollerau am Zürichsee Platz genommen. "Ich liebe Paris, Dubai und New York", sagt Bencic, "vom Turnier her gefällt mir Indian Wells und natürlich Wimbledon und dann noch Rom. Lange an einem Ort zu bleiben, das wird mir schnell langweilig. Ich brauche das abwechslungsreiche Leben." Am Nebentisch sitzen Marcel Niederer und ihr Vater, der sie zum Interview gefahren hat – sie hat noch keinen Führerschein.
Bencic kommt aus Flawil im Kanton St. Gallen, sie spielt seit zwei Jahren auf der Profitour. Zuerst sei sie von den anderen Spielerinnen geschnitten worden, erzählt sie. Ein Baby, unterwegs mit Papi, so wurde sie im Tenniszirkus gesehen. Inzwischen ist sie die Nummer neun der Weltrangliste, im vorigen Juni gewann sie in Eastbourne, England, ihr erstes Profiturnier, sie war im Viertelfinale der US Open, vor zwei Wochen demontierte sie im Fed Cup den neuen deutschen Tennisstar Angelique Kerber in zwei Sätzen. Bencic habe ein "enormes Spielverständnis", sagt Heinz Günthardt, der acht Jahre lang Steffi Graf trainiert hat. "Sie ist die Nächste, die eine ganz Große wird", sagt die Weltranglistenerste Serena Williams.
Bencic lächelt. "Viele junge Spielerinnen setzen auf Powertennis, volles Risiko, immer voll drauf. Ich versuche, zwei, drei Schläge vorauszudenken, einen Ballwechsel aufzubauen. Ich versuche, meine Gegner arbeiten zu lassen, um sie dann auszuspielen." Sie klingt so routiniert, als hätte sie schon ein Dutzend Grand-Slam-Turniere gewonnen.
Tennisprofis sind Ich-AGs, Einzelunternehmer, die vor allem sich und der eigenen Sache verpflichtet sind und Teams um sich scharen, die sie 24 Stunden lang betreuen. Mit den Titeln kommen die Agenten, die berühmten Trainer und Experten. Belinda Bencic hatte ihre Entourage schon, bevor sie erfolgreich wurde. Ihre Karriere ist das Produkt perfekter Rahmenbedingungen und der Beweis, dass Erfolg im Leistungssport planbar ist.
Im Vorzimmer der Tennishalle in Wollerau nimmt sich Marcel Niederer einen Kaffee aus der Maschine. "Die einfachsten Ideen sind die besten, das ist mein Lebensprinzip", sagt er. Niederer, 55, spielte früher Eishockey, zusammen mit Ivan Bencic. Die beiden wurden Freunde. Neben dem Sport studierte Niederer Betriebsökonomie. Der Vertrag mit seinem Eishockeykumpel Ivan war für ihn eine Wette auf die Zukunft. Niederer hatte wenig Ahnung vom Profitennis, aber er wusste: Sollte es Bencic tatsächlich in die Top Ten schaffen, würde er viel Geld verdienen.
Fünf der sechs am besten bezahlten Sportlerinnen der Welt sind Tennisspielerinnen, Marija Scharapowa verdient mit Werbung rund 20 Millionen Dollar pro Jahr. "Die Tenniswelt ist nicht nur Sport", sagt Niederer, "sie ist auch Luxus, Mode und Showbiz. Das hat mich gereizt bei meiner Entscheidung, in Belinda zu investieren. Als Unternehmer schaue ich zuerst auf die Zahlen, aber ein bisschen Abenteuer und Nervenkitzel gehören dazu."
Von seinem Geld konnte die Familie Bencic gut leben. Ivan Bencic gab seinen Job als Versicherungsmakler auf und begleitete seine Tochter zu Turnieren und Tennisschulen. Mit sieben Jahren trainierte sie sechs Monate lang in Florida, an der Akademie des Tennisgurus Nick Bollettieri, der schon Monica Seles zur Weltklassespielerin formte. Mit 14 Pokalen kehrte Belinda Bencic zurück in die Schweiz.
Mit 11 Jahren hatte sie ihr erstes Sponsorenlogo auf dem Tennisdress. Mit 14 gewann sie die Schweizer Meisterschaft der 18-Jährigen. Mit 15 beendete sie die Schule und konzentrierte sich aufs Tennis, im selben Jahr spielte sie ihr erstes WTA-Turnier, ein Sponsor schenkte ihr dafür einen Diamantring. In der vergangenen Saison hat sie von zehn Matches gegen Top-Ten-Spielerinnen acht für sich entschieden.
"Bei allem, was wir tun, ist unser oberstes Ziel, dass Belinda in Ruhe und mit Freude Tennis spielen kann", sagt Niederer. In Wimbledon mietete er für Familie Bencic ein Haus, ganz in der Nähe des Stadions. Im Spielerhotel in der Innenstadt ging es ihnen zu hektisch zu. Kurz vor den US Open ließ Niederer einen renommierten Sportarzt aus Zürich nach New York fliegen. Eine Muskelverspannung plagte sie am Handgelenk, nichts Ernstes, "aber mit so etwas kannst du nicht in ein normales Spital gehen", sagt Niederer.
Wie viel Geld er schon in ihre Karriere gesteckt hat, will er nicht verraten. Über zwei Millionen Franken, schätzen Schweizer Medien. Niederer winkt ab, mehr als "einige Hunderttausend Franken" seien es nicht gewesen. Rund 2,5 Millionen Dollar Preisgeld hat Bencic bislang eingespielt. Sie hat sieben Sponsoren, darunter Rolex und Peugeot. Wie viel Prozent der Einnahmen bei Niederer landen? Auch das sagt er nicht, nur so viel: "Im Moment habe ich noch nicht alles zurück, was ich investiert habe. Aber die Verträge mit den Sponsoren laufen ja noch ein paar Jahre."
Ist es in Ordnung, einen Vertrag über eine Sechsjährige abzuschließen? Einen Vertrag, der ihre Zukunft vorzeichnet, als wäre es Malen nach Zahlen?
Die großen Karrieren im Leistungssport haben oft mit Eltern zu tun, die ihre eigene Laufbahn der des Kindes unterordnen, mit knallharten Trainern und noch härteren Businessplänen. "Belinda hätte zu jeder Zeit mit dem Tennis aufhören können", beteuert Niederer, "sie hätte mir dann nichts geschuldet."
In einem Tennisklub in Zürich gibt Bencic eine Autogrammstunde. Kleine Mädchen und ältere Herren stehen in der Schlange. An der Wand hinter ihr steht ihr Vater, die Arme verschränkt, die Mundwinkel zeigen nach unten. Ivan Bencic verfolgt jedes Autogramm seiner Tochter, als spielte sie gerade auf dem Court im alles entscheidenden Tiebreak.
Ivan Bencic emigrierte 1968 aus der Slowakei in die Ostschweiz, wo er als Eishockeyprofi in der ersten Schweizer Liga spielte. Als Martina Hingis 1997 die Australian Open gewann, stellte er sich nachts den Wecker, vor dem Fernseher fieberte er mit. Ivan Bencic war fasziniert, wie Hingis zur besten Tennisspielerin der Welt aufstieg und mit gerade mal 16 Jahren Silberpokale küsste, die halb so groß waren wie sie selbst.
Und er ließ sich inspirieren. Seine Frau war damals mit Belinda schwanger. Als die Tochter zwei Jahre alt war, machte Ivan die ersten koordinativen Übungen mit ihr. Er spannte eine Schnur über den Garagenvorplatz ihres Hauses, warf einen Tennisball darüber. Das Kind musste ihn auf der anderen Seite fangen und zurückwerfen, später mit einem kleinen Schläger zurückspielen. Bald übte die Kleine mit ihrem Vater eine Stunde täglich, auch an Weihnachten.
Irgendwann rief Ivan Bencic bei Melanie Molitor an, der Mutter und Trainerin von Martina Hingis. Molitor lebte früher auch in der Slowakei, später eröffnete sie eine Tennisakademie in Wollerau. Für eine große Karriere, sagte Molitor, müssten Kinder, bis sie zehn Jahre alt sind, eine halbe Million Bälle übers Netz geschlagen haben.
Ivan Bencic wollte keine Zeit verlieren, er schickte seine Tochter in Molitors Akademie. Dort trainiert sie bis heute.
Der Typus des ehrgeizigen Tennispapas wurde in den Neunzigerjahren geprägt von Vätern wie Jim Pierce und Stefano Capriati, die ihre Töchter zu Ballmaschinen drillten und bei Spielen pöbelten. Manche Karrieren sind an den besessenen Papas zerbrochen. Ivan Bencic weiß das, er versucht, es anders zu machen.
Auf der Tour ist er zwar ständig an der Seite seiner Tochter, aber er habe gelernt, sich "auch mal auf die Zunge zu beißen", sagt er. Man dürfe Kinder "nicht immer nur zurechtstutzen", schließlich müssten sie später allein auf dem Platz stehen und stark sein. "Belinda kriegt ihre Ventile, sie kann ruhig mal fluchen und den Schläger auf den Boden werfen", sagt Ivan Bencic. "Oder shoppen gehen."
Der Vater gibt sich als diplomatischer Antreiber, trotzdem ahnt man, dass Belinda Bencics Kindheit nicht leicht war. Um sie zur "Kämpferin" zu machen, erzählt Ivan Bencic, habe er sie neben Tennis verschiedene Sportarten üben lassen, Fußball, Eishockey. Es sei darum gegangen, ihr Ellenbogeneinsatz beizubringen, ihr das Weiche zu nehmen.
Als Vierjährige spielte Belinda ihr erstes Turnier, gegen Kinder, die mehr als doppelt so alt waren wie sie. Die anderen Eltern sprachen den Vater empört an: Wie könne er nur ein so kleines Mädchen auf den Platz schleppen? Das arme Kind.
"Manche Leute, die uns früher kritisiert haben, klopfen uns heute auf die Schulter", sagt Ivan Bencic.
Wann wird seine Tochter die Nummer eins der Weltrangliste? In drei Jahren? In zwei?
"Alles ist möglich", sagt er.
Im Restaurant in Wollerau hat Belinda Bencic auch nach knapp einer Stunde Interview keinen Schluck aus ihrem Wasserglas genommen. Sie sagt: "Jeder hat Druck im Leben, auch andere Mädchen, die zum Beispiel gerade auf ihre Matura lernen. Klar, ich spüre Druck, erfolgreich spielen zu müssen, aber den mache ich mir selbst, niemand sonst. Mir wurde nie gesagt: Du musst gewinnen wegen uns."
Sie spricht die Sätze wie ein Gedicht, das sie auswendig gelernt hat. Dann steht sie auf, Frau Molitor wartet schon in der Trainingshalle. Wenig später liefert sich Bencic lange Ballwechsel mit ihrem Trainingspartner. Ihre Mutter sammelt die Bälle ein und legt sie in einen Einkaufswagen. Neben dem Feld steht Molitor, gibt Anweisungen auf Slowakisch. Am Aufschlag müsse Bencic noch arbeiten, sagt sie später. "Ansonsten ist Belinda eine komplette Spielerin, sie hat Kraft und trotzdem viel Ballgefühl."
An über 200 Tagen im Jahr reist Bencic um die Welt, von Turnier zu Turnier, zusammen mit ihrem Sparringspartner, dem Fitnesstrainer und ihrem Vater, der sie unterwegs coacht. Martina Hingis ist ihre Mentorin, vor den Matches gibt sie Bencic Tipps zur Taktik.
Auf ihren Reisen paukt Bencic Französisch. "In der Westschweiz, von wo einige unserer Sponsoren kommen, wird Französisch gesprochen", sagt ihr Manager Marcel Niederer. Er ist gerade auf der Suche nach einem Hauptsponsor. Er denkt an eine Versicherung, eine Bank oder einen Schokoladenhersteller.
Die Saison begann vielversprechend. Bei den Australian Open in Melbourne erreichte Bencic das Achtelfinale, beim WTA-Turnier in St. Petersburg verlor sie erst im Endspiel. Sie ist der erste Teenager in den Top Ten seit sieben Jahren.
Niederer bekommt inzwischen Briefe von Tenniseltern aus der ganzen Welt, sie fragen, ob er nicht auch für ihre Tochter, ihren Sohn eine kleine Anschubfinanzierung hätte. Sie schicken ihm Videos und Leistungsnachweise. Niederer lehnt immer ab. Er sagt: "So ein Glück habe ich kein zweites Mal."
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 8/2016
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