20.02.2016

DFB-AffäreDer vierte Mann

Eine Protokollnotiz zeigt: Kurz vor der Vergabe der WM 2006 fehlte den Deutschen eine Stimme aus Asien. Sprang der korrupte Fifa-Funktionär Jack Warner ein?
Manchmal kann ein Satz elektrisieren, obwohl er durch und durch dröge klingt. Hauptsatz, Nebensatz, Protokollsprache eben. Im März 2000, vier Monate vor der Vergabe der Fußball-WM 2006, traf sich das DFB-Präsidium, und danach hieß es im Protokoll unter dem Routinepunkt "Genehmigung der Niederschrift", man habe da eine Korrektur im Februarprotokoll vornehmen müssen. "Fifa-Exekutivkomitee-Mitglied Mohamed Bin Hammam (nicht der Emir von Katar) erklärte, dass aus seiner Sicht von vier Stimmen des AFC im Fifa-Exekutivkomitee drei auf Deutschland entfallen werden."
Liest sich wie Kleingedrucktes. Was macht es schon, ob der Emir von Katar oder sein treuer Vasall Bin Hammam irgendetwas erklärt hatte? Aber noch heute, 16 Jahre später, kann man sich ausmalen, welche Nervosität, welchen Schrecken dieser Satz bei den deutschen WM-Bewerbern auslöste: Bin Hammam, Spitzenfunktionär des asiatischen Fußballverbands AFC, Freund der Deutschen, ließ also wissen, dass er vier Monate vor der Entscheidung in Zürich drei von vier Wahlmännern seines Verbands auf Deutschlands Seite sah. Nur drei von vier. Das war die Nachricht, und es war eine schlechte. Denn ohne alle Asiaten an Bord, so viel war klar, würde es sehr schwer sein, die WM gegen Südafrika ins Land zu holen.
Warum dieser Satz heute noch so elektrisiert, hat aber einen anderen Grund: Die bisher unbekannte Protokollnotiz macht plötzlich den Zünder scharf, der in einer anderen Aussage zum deutschen Sommermärchen steckt. Denn 2013, kurz vor seinem Tod, hatte einer der gewieftesten Strippenzieher und Stimmensammler im Dunstkreis der Fifa, der Libanese Elias Zaccour, genau hier angesetzt. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er, einer der vier Asiaten, der Südkoreaner Chung, sei den Deutschen überraschend von der Fahne gegangen – und dafür Jack Warner eingesprungen.
Warner, jener allzeit empfängliche Wahlmann aus Trinidad und Tobago, bekannt dafür, dass er seine Stimme gern versilberte, besser: vergoldete. Mit diesem Jack Warner machte das WM-Organisationskomitee (OK) dann vier Tage vor der Abstimmung einen dicken Vertrag, der aus Sicht des DFB heute als versuchte Bestechung von Warner zu werten ist.
Das Rätsel, was wirklich geschah in jenen Monaten vor der WM-Entscheidung, wird durch die Protokollnotiz zwar nicht gelöst. Auch die Ermittler der vom DFB beauftragten Kanzlei Freshfields werden es, Stand heute, nicht komplett knacken können, wenn sie am 4. März ihren Abschlussbericht vorlegen. Aber die Version, dass die Deutschen Warner und sicherheitshalber wohl noch andere Wackelkandidaten einkaufen wollten, bekommt dadurch neue Nahrung. So wie sich die Ermittler auch in anderen Fragen mühsam an die mögliche Wahrheit heranrobben. Es gibt weitere Ungereimtheiten, Merkwürdigkeiten, die zeigen, dass wichtige Akteure des Sommermärchens wohl immer noch viel zu verbergen haben.
Dass der Libanese Zaccour mehr über die deutsche WM-Bewerbung wusste, als je an die Öffentlichkeit dringen sollte, ist schon seit 2003 bekannt. Damals kam heraus, dass der Medienunternehmer Leo Kirch einen Vertrag aufsetzen ließ, der dem Rennpferde-Liebhaber Zaccour 250 000 Dollar im Jahr bescheren sollte, insgesamt eine Million.
Kirch wollte unbedingt die WM ins eigene Land holen, um seine Fernsehrechte teurer vermarkten zu können. Er hatte auch das Geld für so einen Vertrag. Der eigentliche Kopf dahinter aber war Fedor Radmann, der engste Vertraute von WM-Bewerbungschef Franz Beckenbauer. Radmann hatte kurz vor dem Vergabetermin Druck gemacht, dass Kirchs Leute den Zaccour-Vertrag schleunigst unter Dach und Fach bringen sollten.
Tatsächlich flossen 500 000 Dollar an Zaccour – fragt sich nur, wofür. Angeblich beriet der Libanese die Kirch-Gruppe im Filmgeschäft. Davon hatte der Mann keinen blassen Schimmer. Dafür war er aber im Fußball so gut vernetzt, dass nur Insider wussten, wo Zaccour mal wieder seine Finger im Spiel hatte. In der Szene genoss er den Ruf eines gewieften Stimmenbeschaffers für WM-Aspiranten. Mit besten Kontakten zu Bin Hammam, dem Katarer, und auch Warner, dem Karibik-Funktionär.
Aber gab Warner den Deutschen in der geheimen Wahl tatsächlich seine Stimme? Klar ist: Als er vier Tage vor der WM-Vergabe den Millionenvertrag mit Beckenbauer unterschrieb, wird er sicherlich davon ausgegangen sein, dass der Kontrakt auch gilt – und nicht, wie später geschehen, von der DFB-Spitze einkassiert werden würde. Für Warner eine böse Überraschung. Allerdings war er dafür bekannt, dass er schnell seine karibische Gelassenheit verlor, wenn er nicht bekam, was er wollte. Dass der Vertrag platzte, nachdem er abgestimmt hatte, dürfte er deshalb kaum sportlich genommen haben. Musste er also beruhigt werden? Hier kommen nun möglicherweise die 6,7 Millionen Euro ins Spiel, die der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus den deutschen WM-Planern lieh. Vom Kirch-Konzern, der im April 2002 pleiteging, war nämlich nichts mehr zu erwarten gewesen.
Das Geld des Franzosen, das gilt inzwischen als ausgemacht, landete zunächst beim Katarer Bin Hammam. Danach verliert sich die Spur. Ging es zu Warner? Das ist eine Variante, die auch im DFB-Umfeld für möglich gehalten wird.
Von den Hauptfiguren der Sommermärchen-Affäre ist wohl nicht mehr viel an Aufklärung zu erwarten. Mit einer Ausnahme, Ex-DFB-Chef Theo Zwanziger, behaupten alle, die WM sei nicht gekauft gewesen, aber was heißt das schon? Beim DFB hält man es für wahrscheinlich, dass sich die ehemaligen WM-Macher längst ihre eigene Wahrheit basteln, in der Hoffnung, dass sie hält. Vergangene Woche mussten die früheren Vizechefs des WM-OK, Horst R. Schmidt und Zwanziger, gemeinsam einräumen, dass sie wohl nicht erst 2005, sondern schon 2003 bei Louis-Dreyfus waren, um ihn zum Verzicht auf sein Geld zu bewegen ( SPIEGEL 7/2016). Bedeutet: Beide wussten mindestens zwei Jahre länger, dass in der deutschen WM eine Skandalbombe tickte.
Und Günter Netzer, der die beiden Herren zu Louis-Dreyfus chauffierte? Netzer, damals Geschäftspartner von Louis-Dreyfus und Mitglied im Aufsichtsrat des WM-Organisationskomitees, will nun auch nicht ausschließen, dass das alles schon 2003 passierte. Auffällig, wie die Erinnerung erst zurückkehrt, wenn Fakten nicht mehr zu bestreiten sind.
Auch andere hüten unerklärliche, zumindest aber noch unaufgeklärte Geheimnisse. Da ist zum Beispiel die frühere Firmenkundenbetreuerin der Dresdner Bank in Frankfurt. Sie war dort zuständig für den Geldverkehr des DFB, kannte seine Konten und zahlreiche Transfers, darunter wohl auch jene 6,7 Millionen Euro, die der DFB im Jahr 2005 über den Umweg Fifa an Louis-Dreyfus leitete. Vor einigen Jahren schied sie bei der Bank aus; bald danach hatte sie einen neuen Arbeitgeber: den DFB.
Das Merkwürdige: Der Verband machte sie zur Personalleiterin, ein Amt, das sie heute noch hat. Eine besondere Kompetenz im Personalwesen lässt sich aus ihrer Zeit bei der Dresdner Bank nicht ablesen. Zufall oder nicht? Ihre Stelle verdankte sie dem DFB-Vize-Generalsekretär Stefan Hans, der sie aus seiner Zeit als Finanzexperte des WM-Komitees kannte. Bevor er kürzlich wegen seiner Rolle in der Sommermärchen-Affäre seine Stelle verlor, unterstand ihm das Personalwesen. Ob er sie holte, weil sie möglicherweise zu viel über die klebrigen Geschäfte des Verbandes wusste, das ist eine Frage, die auch die internen Ermittler heute spannend finden sollen. Die Anwältin von Hans ließ eine SPIEGEL-Anfrage dazu ebenso unbeantwortet wie der DFB.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 8/2016
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