20.02.2016

PopBorderliner

Kanye West hat den SPIEGEL nicht explizit erwähnt, aber vermutlich zählt auch dieses Magazin zu jenen "weißen Publikationen", die sich über schwarze Musik nicht mehr äußern sollen. Diese Bitte war Teil eines Anfalls auf Twitter, den West im Zuge der Veröffentlichung seines neuen Albums "The Life of Pablo" (gemeint ist Picasso, nicht Escobar) erlitt, und das war noch eine der weniger besorgniserregenden Äußerungen des Musikers. "Nenn mir ein Genie, das nicht verrückt ist", rappt West nun auf dem neuen Album – und meint eindeutig sich selbst. Narzissmus und Zweifel, Hybris und Paranoia, das ist der Stoff, aus dem West seine Kunst produziert. Aber möglicherweise ist er inzwischen tatsächlich verrückt geworden oder doch arg in Not. In einem Twitter-Anfall (rund 200 Tweets) bekannte er unter anderem, dass er 53 Millionen Dollar Schulden habe, weil er sein Vermögen seit 13 Jahren in Kunst und Wahrheit und in die Rettung der Welt investiere. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ("Mark, ich weiß, es ist dein Geburtstag, aber bitte ruf mich morgen sofort an") müsse ihm für seine Kunst eine Milliarde Dollar zur Verfügung stellen (Zuckerberg rief wohl nicht an, und er hatte auch nicht Geburtstag). Außerdem war zu erfahren, dass Wests neues Album niemals irgendwo zu kaufen, sondern nur bei Tidal zu hören sein würde, dem erfolglosen Streaming-Dienst seines Kumpels Jay-Z. Vor einem Jahr schon, bei einem SPIEGEL-Interview in London, sprach West von der Schönheit der Kunst und ihrer Wahrheit und von seinem großen Projekt, zusammen mit den Milliardären aus der Mode und dem Silicon Valley die mächtigste Firma der Welt zu gründen, um mit ihr den Menschen zu retten. Er wirkte wie ein hyperintelligentes Kind, das vor lauter Einfällen keinen Gedanken zu Ende führen kann. Damals bereute er auch seine Ausfälle gegenüber anderen Musikern, häufig gegenüber erfolgreichen Frauen wie Taylor Swift, denen er mit einer irritierenden Missgunst begegnete. In einem der neuen Songs ("Famous") rappt er nun, dass er und Taylor Swift bestimmt noch mal Sex haben würden, schließlich habe er die "bitch" berühmt gemacht. Als Swift am Montag ihren Grammy für das beste Album des Jahres entgegennahm (während West die Veranstaltung boykottierte), sagte sie "zu allen jungen Frauen", dass man immer mal wieder auf Typen treffe, die "versuchen, deinen Erfolg zu untergraben" oder "deine Leistung oder deinen Ruhm für sich zu reklamieren". Überhaupt scheint es, als hätten die weiblichen Künstler von heute, Taylor Swift, Rihanna oder Beyoncé, eine klare Vorstellung davon, was sie künstlerisch und weltanschaulich sagen wollen, während die großen Männer entweder sterben (Lemmy Kilmister, David Bowie) oder tief verunsichert sind über ihre Popstarrolle. Zuletzt war das für ein Millionenpublikum zu besichtigen, als Beyoncé in der Halbzeitshow des Superbowls mit einem feministisch inspirierten Black-Power-Auftritt dem eigentlichen Headliner, den vier mittelalten, weißen Männern von Coldplay, die Show stahl. Andererseits: Dürfte sich der SPIEGEL noch über schwarze Musik äußern, würde er behaupten, dass dieses überbordende, kindische, größenwahnsinnige und böse Album "The Life of Pablo" riskanter und radikaler ist als die disziplinierte, vernünftig kalkulierte und mit Grammy ausgezeichnete Popsoße von Swift und Adele und Rihanna.
Von Oeh

DER SPIEGEL 8/2016
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