20.02.2016

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtSaufen und lieben

Dr. Theo Sommer ist ein konzilianter, betagter Herr. Die alte Bundesrepublik kennt ihn als politischen Kommentator, der Moskau, Washington und Brüssel die strategischen Leviten liest, die Weltordnung denkt und Raketen zählt. Für Helmut Schmidt baute er ab 1969 im Verteidigungsministerium einen Planungsstab auf, weil er "einer der fünf Journalisten damals war, die überhaupt etwas von Verteidigungspolitik verstanden", wie er sagt. Davor und danach war er Redakteur für die "Zeit", von 1973 bis 1992 Chefredakteur, dann einer ihrer Herausgeber. Drei Journalisten der "Zeit", die gerade das 70. Jahr ihres Erscheinens begeht – Glückwunsch, verehrte Kollegen! –, befragen den heute 85-Jährigen in der Jubiläumsausgabe, und man kann sagen, die Beteiligten schenken sich nichts außer Aufmerksamkeit. Dafür jeden Respekt!
Verquickung mit der Macht durch Nähe zu den Regierenden, Grapscherei und Altherrendünkel, belehrender Hochmut statt hohen Mutes, das sind die Themen dieses Generationengesprächs; eher Mentalitätspolitik als Kämpfe zwischen rechts und links. Und da tun sich Abgründe auf. Auf der einen Seite die nicht rüpel-, aber rüdenhafte Vitalität, mit der da ein silver ager der einflussreichsten Kreise ein Journalistendasein Revue passieren lässt. Auf der anderen Seite die skrupulöse, noli-me-tanga-hafte Moralität der jüngeren Generation: Ging es in Bonn nicht allzu verbrüderhaft zu, muss man die Mächtigen nicht meiden, und was habt ihr alten Herren eigentlich für die Inklusion der Frauen und anderer Benachteiligter getan? Beim Gegenüber: robuste Arglosigkeit. "Frauen haben mich nie gestört." Nähe zur Macht: Warum denn nicht, wenn man so an Informationen kommt? Und Vorwürfe wie "Lügenpresse"? "Pfeift doch drauf!"
Nach Temperament und Temperatur meint man zwei Konzeptionen des Ich zu sehen: das eine selbstverständlich in Nähe und Konflikt, ohne Befangenheit und voller Vertrauen darauf, dass man am einen Tag saufen und streiten, am nächsten saufen und sich wieder lieben kann. Dass weder die eigene Urteilskraft noch die Beziehung darunter leiden. Kein Schwächeln durch Selbstbefragung, keine psychologische Reflexion, die möglicherweise aufdecken würde, warum man so spricht, wie man denkt – als Mann und Akademiker, als Chef und als Privilegierter. Vitalität und Bedenkenlosigkeit, die einander nähren. Das andere voller Bemühen und Achtsamkeit, aber auch moralisierend und zugleich rigide, als gelte es, mit dem Gewissen eine Pufferzone um das Ich zu ziehen: Nur keine Fehler machen! Die anderen mitbedenken, die Folgen des Redens gleich einbeziehen, immer alles zugleich im Kopf. Die blinden Flecken analysieren, bevor man spricht. Das eine ein unbekümmerter Narzissmus, das andere ein bekümmerter. Das eine ein Kameradschaftsmodell, das den offenen Kampf umfasst, das andere ein Diskursmodell, das Opfer vermeiden will.
Ich spreche hier nicht von Personen, sondern von Generationen. Was besser ist, was weniger gut? Ich sehe nur einen Unterschied, der waltet über die Einzelnen hinweg oder auch durch sie hindurch.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 8/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht:
Saufen und lieben

  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?
  • "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug