20.02.2016

LiteraturEntfremdet

Im Roman „Der Fall Meursault“ verschafft Kamel Daoud dem ermordeten Araber aus Albert Camus' „Der Fremde“ eine Identität – und erzählt von der Krise der islamischen Welt.
In Algerien, bemerkte Kamel Daoud einmal, gebe es drei Religionen: Islam, Christentum und Albert Camus. Er ergänzte seine ironische Bemerkung mit dem Hinweis, dass auch die Camus-Religion ihre Hohepriester, Schriftgelehrten und natürlich ihre Pilger habe. Und so einer saß dann mal bei ihm, in der Redaktion des "Quotidien d'Oran", wo Daoud, 45, als Leitender Redakteur und Kolumnist arbeitet. Es war ein französischer Journalist, der seinen algerischen Kollegen mit Fragen bedrängte: Wird Camus in Algerien als Algerier gesehen? Ist er mehr Franzose oder mehr Algerier? Fragen, die, so sieht es Daoud, die universelle Dimension des Literaturnobelpreisträgers ignorieren und nirgends hinführen.
Kamel Daoud war genervt. Weil er aber auch eine tägliche Kolumne zu schreiben hat und stets, wie ein Spürhund, Material dafür sucht, entschied er sich, seinen Ärger produktiv umzuleiten und nun seinerseits über Camus zu schreiben. Zu sagen, was ihm einmal aufgefallen war bei einer erneuten Lektüre des 1942 erschienenen "Fremden", eines der Hauptwerke Albert Camus', das bis heute zu den wirkmächtigsten Büchern der Welt zählt und, ohne dass es den Lesern so richtig bewusst ist, auch eine Darstellung Algeriens ist und die Wahrnehmung des Landes bis heute prägt.
"Der Fremde" spielt um 1940, als das nordafrikanische Land noch als integraler Bestandteil Frankreichs betrachtet wurde. Die 1830 begonnene französische Kolonialherrschaft war zu diesem Zeitpunkt zunehmenden Spannungen unterworfen, etwas mehr als ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung des "Fremden" begann der algerische Unabhängigkeitskrieg, der 1962 mit der Eigenständigkeit des Landes und der Flucht der Algerienfranzosen endete.
Camus erhielt vor allem wegen dieses Romans 1957 den Literaturnobelpreis und war damit der erste in Afrika geborene Autor, der so ausgezeichnet wurde. Der Ruhm von Camus nahm seitdem stetig zu, während Algerien selbst bis heute schwere Zeiten durchlitten hat: Eine Phase der Demokratisierung führte zu einem Erstarken der Islamisten, es folgte ein grausamer Bürgerkrieg, und nun herrscht eine Art Grabesruhe. Der algerische Präsident wurde unlängst von dem britischen Magazin "The Economist" als vermisst gemeldet: "Anyone seen this man?" Denn Präsident Abdelaziz Bouteflika ist in unklarer gesundheitlicher Verfassung, reiht Klinikaufenthalt an Klinikaufenthalt, meist in Frankreich. Daoud hat es sich also zur Aufgabe gemacht, den Ruhm Camus' wieder mit der historischen Realität in Algerien in Beziehung zu setzen und gewissermaßen zu erzählen, was seither geschehen ist, nach dem Ende des "Fremden" und der Flucht der Franzosen.
Daouds Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" wurde in Frankreich zu einem Bestseller, erhielt wichtige Preise und ist nun auch auf Deutsch erschienen(*).
Er handelt von einer Leerstelle: In "Der Fremde" werden bekanntlich ein Verbrechen und das sich anschließende Gerichtsverfahren aus der Sicht des Angeklagten Meursault geschildert. Die für Daouds "Gegendarstellung" zentrale Szene des Buchs schildert dieses Verbrechen und spielt am Strand von Algier, am frühen Nachmittag. Da sieht sich Meursault, dem das Licht der Sonne, der Schweiß und ganz allgemein seine Leiblichkeit zu schaffen machen, einem Araber gegenüber, den er aus früheren, bedrohlichen Situationen kennt. Meursault erkennt kaum, was der Mann tut, immerhin aber sieht er eine Klinge in der Sonne aufblitzen. Meursault erschießt den Mann mit einem einzigen Schuss und feuert dann noch weitere vier Kugeln ab. Der Leser merkt, dass es sich um Notwehr gehandelt haben könnte, aber Meursault hat keine Zeugen und obendrein vier Kugeln zu viel abgefeuert – der Prozess entwickelt sich ungünstig, insbesondere seine mangelnde Anteilnahme bei der Beerdigung wirkt sich nun verschärfend aus. Meursault wird dann – ein Zeugnis für die Willkür und Zufälligkeit in der menschlichen Existenz – zum Tode verurteilt.
Dieser sparsam erzählten Geschichte setzt der Protagonist Daouds eine andere Erzählung entgegen. Sie nimmt die Form eines spätabendlichen Kneipengesprächs an, eher eines Monologs, wie ihn ein Mann halten könnte, dessen Liebe zum Leben nicht erwidert wurde. Der Erzähler sitzt also in einer Kneipe und behauptet, dass der von Meursault erschossene Araber sein Bruder gewesen sei. Und er empört sich immer wieder über den zentralen Skandal im "Fremden", dass nämlich das Opfer keinen Namen gehabt habe. Er heißt im gesamten Buch nur: der Araber. Bei Daoud nun wird das endlich anders, da ist das Opfer Moussa, der ältere Bruder.
Moussa ist in dieser Geschichte der Einzige, der es gewagt hatte, der tyrannischen Mutter zu widersprechen. Der Einzige, der sich getraut hatte, eine Freundin zu haben. Dieser starke Mann verliert nicht nur sein Leben am Strand von Algier, er verliert dabei auch seine Identität, seinen Namen. Selbst sein Leichnam ist – in der Version Daouds – verschwunden. War es das Meer? Ohne Namen, ohne Leiche wird die Familie nicht entschädigt, erhält er nicht den Status eines Märtyrers. Die Angehörigen des Opfers werden auch nach der Unabhängigkeit nicht ins Recht gesetzt.
Der Erzähler ist nun ganz der strengen und unversöhnlichen Mutter ausgeliefert, die mit ihm in ein Dorf zieht. Dort fristen sie ein Dasein in der ländlichen Unterschicht, die hier berührend und aufklärerisch krass beschrieben wird. Daoud erhebt mit dieser Gegendarstellung eine bestechende Anklage gegen jene politischen und militärischen Cliquen, die das junge Algerien in ihre Hände bekamen und bis heute im Griff halten. Können die Probleme der Städte noch einigermaßen kaschiert oder gemildert werden, so wird im Hinterland das völlige Elend Algeriens sichtbar, dort verhungern die Leute.
Es gelingt der Familie ebenso wenig wie der sich gerade entwickelnden Gesellschaft, den Tod des Mannes in eine Erzählung einzubinden – als Sinnbild für ihre eigene Geschichte und für die jüngste Geschichte des Landes. Ihnen bleiben bloß zwei Meldungen aus einer Tageszeitung – angeblich das Rohmaterial, aus dem Albert Camus sein Buch entwickelt hat. In der Gegendarstellung aber werden die zerknitterten Ausschnitte zu Indizien der Anklage: So wenig stand in der Zeitung, so wenig vermochte die Familie des erschossenen Arabers sich einen Reim auf die ganze Sache zu machen.
Dieser Perspektivwechsel gerät bei Daoud keineswegs zu einer Widerrede gegen den "Fremden", sondern zu einer Erörterung der Identitätsschwäche der algerischen Republik und ihrer Gesellschaft. Und eröffnet uns damit eine atemberaubende Dimension, denn in dieser desolaten kulturellen Lage war nicht nur die Familie Moussas, des erschossenen Arabers, in dieser Lage sind ja nahezu alle Staaten des Maghreb und darüber hinaus. Die Zivilgesellschaft hat dort einfach nur die Wahl zwischen den militaristischen, autoritären Herrschaftscliquen und den Islamisten. Das ist die Bedrängnis, aus der Daoud schreibt.
Der Erzähler mahnt mehrfach, dass die Bar, in der er seine Monologe hält, bald die letzte des Landes sein wird. Er fantasiert davon, sich das Mikro des Muezzins zu schnappen und die Leute einmal mit säkularem Klartext zu erquicken. Er bedauert die miese Rolle der Frauen, die nur noch an wenigen Orten und nur in Algier und Oran ein selbstbestimmtes Leben führen können. So entweicht jede Poesie und jede Freiheit aus einem wunderschönen, mit Bodenschätzen und Naturreichtümern üppig bedachten Land. Daoud macht es sich aber nicht einfach bei der Suche nach den Gründen für diese Misere. Er schreibt der rachsüchtigen und bornierten Mutter des Opfers und des Erzählers eine wesentliche Rolle bei der Perpetuierung des Unglücks zu. Weil die Gewalttat, der Mord am älteren Sohn, das dominierende, traumatisierende und nie richtig aufgearbeitete Erlebnis der Familiengeschichte ist, verübt der verbliebene Sohn, der Erzähler, einen Mord an einem Franzosen. Dieser Tote führt aber zu keiner Untersuchung und zu keinem Strafprozess, in den neuen Verhältnissen nach der Unabhängigkeit versanden die Dinge einfach, und die Leichen verschwinden. Nichts hat Folgen, es regiert eine bleierne Stille.
So liest man diese Gegendarstellung als eine beklemmende Sozial- und Kulturgeschichte einer Gesellschaft, die nach der von Gewalt erfüllten Kolonialepoche und den folgenden Befreiungskämpfen den roten Faden nie wieder so richtig gefunden hat. Und das berührt unsere unmittelbare Gegenwart. Denn mit seinen beträchtlichen Ressourcen und seiner strategischen Lage, seiner Nähe zu Europa und den gewachsenen historischen und sozialen Bindungen nach Frankreich ist Algerien eines jener Länder, über das wir dringend mehr wissen müssten. Es steht, und auch hier ist Camus ein wichtiger Zeuge, am Beginn einer fatalen Entwicklung. Diese Geschichte ist eine gemeinsame, dies lernen wir aus der Gegendarstellung Daouds, und wir können recht genau rekonstruieren, wann und wo es die konzeptionelle Separierung zwischen den Kulturen war, die zu jenen Problemen führte, die uns heute so sehr plagen.
Als Albert Camus 1957 seinen Nobelpreis bekam, hielt er eine Fragestunde mit Studenten an der Stockholmer Universität ab. Dort war auch ein algerischer Student, dem schwedische, mit der Befreiungsbewegung FLN sympathisierende Freunde Stichworte für Fragen zuflüsterten. Sie waren aggressiv formuliert und drängten Camus dazu, sich doch endlich zur Sache der Befreiungsfront und zu ihren militärischen Mitteln zu bekennen. Das war damals der Common Sense der europäischen Linken. Doch Camus wollte nicht. Auf die Bombenkampagne der FLN angesprochen, gab er zu Bedenken, dass seine Mutter noch in Algier wohne, dort die öffentlichen Verkehrsmittel nutze. "Und zwischen der Sache der Gerechtigkeit und meiner Mutter wähle ich immer noch meine Mutter!" Man hat Camus diese Äußerung sehr übel genommen, als eine Entsolidarisierung von einer Befreiungsbewegung, die doch vor allem auf die gnadenlose französische Repression reagiert habe. Damals entstand eine der Grundüberzeugungen der europäischen Linken, dass eine radikale Entkolonisierung auch der Motor des sozialen und politischen Fortschritts sei. Doch so ist es nicht gekommen. Die brutalen Methoden der Befreier inspirierten auch ihren Stil nach der Staatsgründung. In Algerien blieb nur die Wahl zwischen einer alles dominierenden Staatspartei mit angehängter Bürokratie, der Armee oder den Islamisten.
In Daouds Buch erfährt der Leser wenig Neues über Camus' Meisterwerk, aber sehr viel Brisantes über eine Gesellschaft, der die Dekolonisierung nicht den versprochenen Segen gebracht hat. Meursault, so heißt es im "Fremden", begreife, dass seine Schüsse am Strand wie das Klopfen an der Tür des Unglücks gewesen waren. Daoud beschreibt, was alles noch geschah, während diese Tür offen stand, als sich alle nur für Meursault interessierten. Und er warnt uns: Sie steht bis heute offen.
* Kamel Daoud: "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung". Aus dem Französischen von Claus Josten. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 204 Seiten; 17,99 Euro.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 8/2016
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