20.02.2016

KriegeDer Wortschatz der Schlacht

Seelsorger und Briefträger: Der Autor und Musiker Serhij Zhadan schreibt über die Rolle der Künstler an der Front.
Zhadan, 41, lebt im ukrainischen Charkiw. Er ist Schriftsteller und singt in einer Band namens Hunde im Weltall, die mehrmals im Jahr in den umkämpften Gebieten in der Ostukraine vor Soldaten auftritt. Zuletzt erschien von Zhadan der Roman "Mesopotamien".
Nach einem Konzert in der Frontstadt Mariupol bekamen wir eine kugelsichere Weste geschenkt. Sie hatte einem Kämpfer mit dem Decknamen Engel gehört. Der schwarze Stoff war eingerissen, die Stahlplatte von einer Kugel eingedellt, vor einem Jahr, als Engel die Stadt verteidigte, rettete die Weste ihm das Leben. Nun erhielten wir sie – als Andenken.
Die Soldaten schenken Freiwilligen und anderen Gästen, die aus ihren warmen Städten zu ihnen kommen, gern solche Dinge: Fahnen, Patronenhülsen, Granatsplitter. Die spitzen und kalten Bruchstücke des Krieges brennen sich in die Handflächen ein wie Meteoritenbrocken, die aus dem Jenseits angeflogen kommen. Wie oft bin ich in den vergangenen anderthalb Jahren hier gewesen, in der "Zone der Anti-Terror-Operation"?
Es fühlt sich immer ähnlich an – du fällst aus der normalen Wirklichkeit heraus, und die Umstände ändern sich so schnell und leicht, als würdest du von einem Zimmer ins andere gehen. Der Krieg hat eine ganz andere Realität, obwohl normale Menschen daran beteiligt sind, die meisten von ihnen hätte man in Vorkriegszeiten auf der Straße, in der Metro oder auf einem Rockkonzert treffen können.
In Kriegszeiten verändert sich auch die Kultur. Das ist nicht ungewöhnlich. Die Auftritte vor den Soldaten in Kasernen und Speisesälen (oder zum Beispiel unter freiem Himmel auf der Laderampe eines Lkw) haben wenig gemein mit Lesungen und Konzerten in Hörsälen und Intellektuellenklubs. Der Krieg stellt die soziale Herkunft jedes Einzelnen infrage, und alle müssen plötzlich neue Funktionen übernehmen – manche gehen zur Armee, andere arbeiten als zivile Helfer an der Front. Bei ihren Auftritten überbringen Schriftsteller und Musiker Nachrichten, sie informieren über die Lage und hören vor allem zu. Sie sind Seelsorger und Briefträger zugleich.
Die Soldaten bedanken sich dafür, dass sie nicht vergessen werden, freuen sich, dass jemand kommt, laden alle ein wiederzukommen. Die Kunst selbst geht dabei irgendwie verloren – längst nicht alle Soldaten haben vor dem Krieg moderne ukrainische Literatur gelesen oder alternative ukrainische Musik gehört. Die meisten sind ohnehin russischsprachig. Auch an der Front passiert etwas, was schon während der Maidan-Proteste zu beobachten war: Kunst und Kultur werden zu einem essenziellen Bestandteil des zivilgesellschaftlichen Lebens, die Anwesenheit eines Schriftstellers ist selbstverständlich und erscheint notwendig, genauso notwendig wie die Anwesenheit eines Arztes oder Priesters.
Denn selbst wenn die meisten Soldaten nicht an Gott glauben, ist es trotzdem besser, wenn ein Priester in der Nähe ist. So ähnlich ist das auch mit der Kultur in den Schützengräben, die Soldaten brauchen weniger die Dichtung als einen Gesprächspartner, sie brauchen Austausch und Rückhalt. Was dargeboten wird, ist zweitrangig – es reicht, zusammenzusitzen und alte Hits zur Gitarre zu singen. Die kommen übrigens auch am besten an. Und sei es nur deshalb, weil die Menschen, die heute kämpfen, so verschieden sind, so unterschiedliche Vorlieben und Vorkriegserfahrungen haben. Was, außer den Songs, die früher im Radio und Fernsehen rauf und runter gespielt wurden, könnte sie denn verbinden? Die Popkultur macht uns vielleicht nicht klüger, aber sie weckt gemeinsame Erinnerungen.
Man muss mit den Soldaten nicht unbedingt über den Krieg sprechen. Und schon gar nicht über das Heldentum. An der Front bekommt Sprache ein besonderes Gewicht, eine besondere Tragweite, du redest nämlich mit Menschen über das Leben, die mit dem Tod in Berührung kommen, die den Tod auf Sichtweite haben. Pathos ist da meist unangebracht. Aber was passt? Worauf gehen sie ein? Auf Gefühle – auf Liebe, Trauer, Ironie, Scherz. Alles wie immer, nichts Neues.
Am Morgen nach dem Auftritt packen wir unsere Sachen in den Bus und verabreden mit den Soldaten ein nächstes Treffen. Der Fahrer legt Musik ein, Lieder zur Gitarre, über den Krieg im Donbass, über "Männerarbeit" und "Soldaten als Kameraden". "Wer singt?", will ich wissen. "Ex-Afghanistankämpfer", antwortet er. "So klingt es auch", sage ich. Als die sowjetischen Afghanistankämpfer, die "Internationalisten", Anfang der Neunzigerjahre in ein zerfallendes Imperium zurückkehrten, sangen sie heroisch-romantische, nicht gerade fröhliche Gitarrenlieder. Nun sind 25 Jahre vergangen und wieder wird gesungen. Heute über den Krieg im Donbass, heute sind es die "Afghanen" der Ukraine, die nun gegen die "Internationalisten" aus Russland kämpfen. Die Lieder sind genauso heroisch, romantisch und ein wenig traurig. Der Krieg ist ein anderer, aber die Lieder sind die gleichen. Merkwürdig.
Die Ukraine ist heute auf der Suche nach einer Sprache, mit der sie über den Krieg spricht. Niemand war hierzulande auf einen Krieg vorbereitet, vorbereitet haben sich die anderen. In Russland ist das Vokabular eines militarisierten Alltags omnipräsent – angefangen bei der Sprache der Politik bis hin zur Kunst. Dass der Krieg zur alltäglichen Realität geworden ist, genauso wie die Bombenangriffe oder die Soldaten und Invaliden im Straßenbild, das war bis zum Frühling 2014 in der Ukraine nur das Szenario eines Horrormärchens, eines Fantasyfilms. Jetzt ist der Krieg keine fantastische Romanidee mehr. Und nun musst du dich irgendwie damit arrangieren.
So wurde dieses Land dazu genötigt, Dinge zu benennen, mit denen es vorher nie zu tun gehabt hatte. Das fing schon damit an, dass sich lange Zeit niemand traute, das Wort "Krieg" in den Mund zu nehmen. Stattdessen redet man noch heute offiziell und seltsam vage von einer "Anti-Terror-Operation", obwohl alle wissen, dass es sich um einen echten Krieg handelt, dem niemand entkommen kann, im Osten der Ukraine genauso wenig wie im Westen. Die Vagheit betrifft nicht nur die eigentliche Bezeichnung der Ereignisse, die Vagheit erstreckt sich auf alles – auf die trockene und gefühllose Sprache der aktuellen Meldungen über die Zahl der Toten und Verwundeten, auf die Nachrichten über die angespannte Lage, über die Verletzung des Waffenstillstandsabkommens durch den Gegner. Sie äußert sich in den Worten, mit denen der bürokratische Apparat versucht, den Krieg abzuhandeln. Propaganda auf Plakaten und in Fernsehclips, Propaganda in Politikerreden und in der Rhetorik der Journalisten, Propaganda auf Festveranstaltungen.
Die Regierung feiert die Helden an der Front, verliert aber kein Wort über die Verräter im eigenen Land, die den Staatshaushalt plündern, und sie verliert auch kein Wort über die Probleme, mit denen die Soldaten bei ihrer Rückkehr ins zivile Leben zu kämpfen haben. Die Regierung äußert sich auch nicht über die zivilen Helfer, die längst schon Aufgaben des Staates übernommen haben, die eigentlich denjenigen obliegt, die im Fernsehen ihre Propagandafilmchen laufen lassen.
Propaganda hat von jeher etwas Unappetitliches. Aber wenn Propaganda die Verantwortungslosigkeit und Bestechlichkeit der Politiker und Staatsbediensteten überdecken soll, wird sie einfach zynisch. Es gibt sie in jedem Krieg, man kann ihr nicht entrinnen, es gibt sie auf beiden Seiten. Man muss sich allerdings fragen, wen sie wirklich beeinflussen kann. Die meisten haben sich längst für eine Seite der Barrikade entschieden. Aber die Staatsstrukturen sind träge, und es gibt tatsächlich Leute, denen das gefällt, Leute, die wirklich glauben, dass im Krieg ein paar Plakate mit Schwarz-Weiß-Vokabular ausreichen und man auf Zwischentöne getrost verzichten kann.
Ich sage es noch einmal: Die Ukrainer sind nun dazu gezwungen, über den alltäglichen Tod im Krieg, der eines schönen Morgens jeden treffen kann, zu sprechen. Daher rührt das Bedürfnis nach klaren Zuordnungen und schwarz-weißen Bewertungen. Es gibt hierzulande viele, die glauben, auf Propaganda müsse mit Gegenpropaganda geantwortet werden. Und wenn Russland Propagandamaterial und Kriegsrhetorik in seine Informationskanäle pumpt, dann sollte die Ukraine, so die Meinung, diesem Strom voller Hass und Politsprache etwas Ähnliches entgegensetzen.
Andererseits: Die wahrheitsgetreue Berichterstattung ist nützlicher als eine lackierte Wirklichkeit. Wir alle wissen, dass selbst Helden Hilfe brauchen und jede Menge Probleme haben. Und dass sich diese Probleme nicht mit Propaganda lösen lassen. Und auch die Möglichkeiten der Künstler sind da wohl beschränkt.
Bei einem unserer Konzerte in Kiew fiel mir eine Gruppe Soldaten auf. Normalerweise kommen Soldaten in Zivil auf unsere Konzerte, diesmal aber trugen die Männer Tarnkleidung. Sie setzten sich abseits und verfolgten das gesamte Konzert im Sitzen. Das wunderte mich: Wozu kommen die eigentlich auf ein Punkkonzert, wenn sie den ganzen Abend lang rumsitzen und kein einziges Mal ihren Hintern hochkriegen?
Nach dem Auftritt wurden wir gebeten, uns noch ein wenig mit den Soldaten zu unterhalten. Zur Begrüßung stand einer von ihnen auf. Er hielt eine Krücke in der Hand, sein Bein war verletzt. Er bedankte sich für das Konzert und humpelte dann zurück ins Militärkrankenhaus. ■

DER SPIEGEL 8/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kriege:
Der Wortschatz der Schlacht

  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet