20.02.2016

FilmkritikWas für ein Skandal

Der oscarnominierte Spielfilm „Spotlight“ zeigt, warum Journalisten gebraucht werden.
Wenn ein Journalist über die eigene Branche schreibt, während überall über die "Lügenpresse" debattiert wird und die Tageszeitung "Die Welt" einen Redakteur entlassen musste, weil dieser heimlich die AfD beraten habe, dann sollte er den Text mit einer guten Nachricht beginnen. Allein schon zur Abwechslung. Hier kommen zwei: Der Spielfilm "Spotlight", der fast nichts anderes zeigt als gewissenhafte Journalisten bei der Arbeit, ist für sechs Oscars nominiert, darunter für den Preis als bester Film. Die andere gute Nachricht lautet, in Kurzfassung: Jürgen Klopp.
Klopp, das muss man einigen Feuilletonlesern möglicherweise erklären, ist seit vergangenem Herbst Trainer des FC Liverpool. Klopps Chef, der Eigentümer des FC Liverpool, ist ein sehr reicher Geschäftsmann aus Boston namens John W. Henry. Henry, Collegeabbrecher und Gründer einer Investmentfirma, gehören auch die Boston Red Sox, ein berühmtes Baseballteam. Vor allem aber hat Henry 2013 den kriselnden "Boston Globe" gekauft, eine der renommiertesten Tageszeitungen der USA, die zuvor dem Verlag der "New York Times" gehörte. Ein Investmentprofi, der auf allen Gebieten immer nur das Beste will, glaubt also an die Zukunft des Qualitätsjournalismus. "Der ,Boston Globe' wird überleben", schrieb Henry zum Amtsantritt.
Was guter Journalismus leisten kann, erzählt jetzt der Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy in seinem Spielfilm "Spotlight" am Beispiel jenes "Boston Globe". McCarthy, 49, war früher Schauspieler; in der letzten Staffel der Fernsehserie "The Wire" – ein Thema: die Zeitungskrise – verkörpert er einen Reporter. Für das Drehbuch zu "Spotlight", die spannende Rekonstruktion einer wahren Geschichte, hat McCarthy nun selbst lange recherchiert: Wie deckt man einen Skandal auf?
"Spotlight" beginnt im Sommer 2001. Beim "Globe" tritt ein neuer Chefredakteur sein Amt an, Marty Baron, gespielt von Liev Schreiber. Anders als seine Vorgänger stammt Baron nicht aus Boston, er ist auch nicht katholisch, sondern Jude. Und er interessiert sich nicht für Baseball. In Boston gehört Baron damit in jeder Hinsicht zu den Außenseitern.
Für einen Journalisten ist das nicht die schlechteste Position. Im eigenen Blatt entdeckt Baron eine Meldung über einen Priester, der Kinder sexuell missbraucht haben soll. Ein Einzelfall? Baron beauftragt das Ressort Spotlight, der Sache nachzugehen.
Spotlight ist die kleine Investigativabteilung des "Globe". Unter der Leitung von Walter Robinson (Michael Keaton) recherchieren die Kollegen mitunter wochen- und monatelang an einem Thema. Sie wirken dabei nicht so glamourös wie Robert Redford und Dustin Hoffman im Watergate-Thriller "Die Unbestechlichen" von 1976, aber sie sind genauso hartnäckig. Journalismus ist für sie ein Mannschaftssport.
Eine Reporterin (gespielt von Rachel McAdams) findet über eine Selbsthilfegruppe Missbrauchsopfer, die zum Interview bereit sind. Ihr Kollege (Mark Ruffalo) fahndet bei Gericht nach Unterlagen, die Entschädigungszahlungen der Kirche an Opfer dokumentieren könnten. Und er gewinnt das Vertrauen eines Rechtsanwalts (großartig: Stanley Tucci), der einige der Opfer vertritt. Der Anwalt warnt den Journalisten vor der Ausdauer des Gegners: "Die Kirche denkt in Jahrhunderten. Hat Ihre Zeitung die Ressourcen, sich mit ihr anzulegen?"
Chefredakteur Baron wird derweil von Bostons Erzbischof zur Audienz empfangen. Der Bischof, ein gütig lächelnder Herr, schenkt dem Journalisten einen Katechismus ("Lesen Sie das Buch als Leitfaden für Boston"), er beherrscht die Kunst der subtilen Drohung: "Ich glaube, die großen Institutionen der Stadt sollten zusammenarbeiten." Danke, sagt Baron, "ich glaube, wir kommen ganz gut allein zurecht".
Es beginnt "ein Kampf Goliath gegen Goliath", wie Regisseur McCarthy sagt, Zeitung gegen Kirche. Der Erzbischof hat gute Anwälte, die die Missbrauchsopfer zum Schweigen bringen; er hat PR-Berater, die Strafvereitelung zum Gemeinwohl erklären.
Regisseur McCarthy besitzt die Gabe, auch heikle Szenen taktvoll zu inszenieren. Anders als in Clint Eastwoods Boston-Thriller "Mystic River" gibt es in "Spotlight" keine Szenen mit Kindern in Todesangst. Erwachsene Männer erzählen, was sie als Kinder mit Priestern erlebt haben, das ist verstörend genug. Doch dem Spotlight-Team geht es nicht um Einzelfälle, so erschütternd sie auch sein mögen. Sie wollen beweisen, dass die Kirche die Taten systematisch vertuscht hat.
Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Der Erzbischof von Boston musste abdanken, er wurde mit einem Posten in Rom versorgt. In aller Welt, auch in Deutschland, meldeten sich Opfer, die von Priestern sexuell missbraucht worden waren. Bis heute kämpft die Kirche mit den Folgen des Skandals.
Das Spotlight-Team wurde mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet, einige der Journalisten arbeiten noch immer beim "Globe". Marty Baron ist mittlerweile Chefredakteur der "Washington Post". Auch diese Zeitung gehört seit 2013 einem reichen Investor: Jeff Bezos, Gründer von Amazon. Die "Post" hat seitdem 50 neue Redakteure eingestellt. Das ist dann zum Abschluss die dritte gute Nachricht in diesem Text.
Kinostart: 25. Februar
* Mit Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Brian d'Arcy James, Michael Keaton, John Slattery.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 8/2016
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