20.02.2016

GESTORBENBOUTROS BOUTROS-GHALI, 93

Vielleicht lag sein Aufstieg zu einem der bekanntesten Diplomaten der arabischen Welt in der Karriere seines Großvaters begründet. "Boutros Ghali Pasha war der erste christliche Premierminister Ägyptens, das damals noch unter osmanischer Herrschaft stand, ich bewunderte ihn", begann Boutros-Ghali im März 2015 einen Beitrag für das SPIEGEL-Geschichte-Heft "Israel", in dem er den Höhepunkt seiner Karriere schildert: die schwierigen Friedensverhandlungen zwischen Kairo und Jerusalem in Camp David, dem Feriensitz von US-Präsident Jimmy Carter. Zwölf Tage lang lieferten sich im September 1978 der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat und der israelische Premier Menachem Begin einen erbitterten Nervenkrieg um das Abkommen. Als Staatsminister im Außenministerium war Boutros-Ghali einer der Architekten des Separatfriedens zwischen dem jüdischen Staat und der arabischen Großmacht. Durch das Abkommen erhielt Kairo den im Sechstagekrieg 1967 verlorenen Sinai zurück – allerdings um den hohen Preis jahrelanger Isolation in der arabischen Welt. Dem Spross einer politisch aktiven wie vermögenden Kopten-Familie schien zuerst eine Universitätskarriere beschieden: Nach Jurastudien in Kairo und Paris arbeitete Boutros-Ghali als Professor für Internationales Recht und Internationale Beziehungen an der Kairoer Universität. Seine Vorlesungen begriff er als Gelegenheit, die Studenten davon zu "überzeugen, sich für den Aufbau einer modernen, demokratischen Gesellschaft einzusetzen". Im Oktober 1977 ereilte ihn der Ruf Sadats ins Außenministerium. "Ich war überrascht und auch verärgert", schrieb er später. "Die sozialistischen Gesetze hatten meine christliche Familie zu einer Art Volksfeind gemacht, unser Besitz, unter Präsident Nasser als 'feudal' eingestuft, war noch immer konfisziert. Ich hatte 90 Prozent meines Erbes verloren. Ausgerechnet ich sollte ein öffentliches Amt antreten? Doch ich konnte nicht ablehnen, ich fühlte mich in der Pflicht." Die Jahre als Vertrauter Sadats waren seine erfolgreichste Zeit, auch wenn er später zum ersten arabischen und afrikanischen Uno-Generalsekretär aufstieg. Doch schon bei der Nominierung schlug Boutros-Ghali das Misstrauen Washingtons entgegen. Dem damaligen US-Präsidenten George Bush war der Ägypter suspekt, weil er für die Palästinenser einen eigenen Staat forderte. Da Boutros-Ghali zugleich den US-Einfluss in der Uno zurückdrängen wollte und dagegen war, die bosnischen Serben von der Nato bombardieren zu lassen, geriet er auch mit Bushs Nachfolger Bill Clinton in Konflikt. Der verhinderte dann eine zweite Amtszeit des Ägypters. Um die Zukunft seines Landes sorgte sich Boutros-Ghali bis zuletzt und warnte vor dem Machthunger der Islamisten. Unter Verweis auf seinen Großvater, der von einem fanatischen Nationalisten erschossen worden war, verurteilte er jede Art von Extremismus. Boutros Boutros-Ghali starb am 16. Februar in Kairo.
Von Bez

DER SPIEGEL 8/2016
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