20.02.2016

Der Augenzeuge„Die lachen sich kaputt“

Olaf Jensen, 58, ist einer der letzten Elbfischer Hamburgs. Jede Woche fährt er mit seinem Boot raus, um Fisch zu fangen und ihn anschließend zu verkaufen. Nun steht sein Geschäftsmodell vor dem Aus. Von der Stadt Hamburg fühlt er sich im Stich gelassen.
"Seit 35 oder 40 Jahren mache ich das jetzt, vier-, fünfmal in der Woche. Ich fahre mit meinem Boot raus. Mal um zwei Uhr nachts, mal mittags um zwölf, je nach Wetter. Manchmal fische ich Dorsch, Hering oder Krabben in der Ostsee, meistens aber Aal und Zander in der Elbe. Meinen Fang habe ich bislang auch immer selbst verkauft. Das geht jetzt aber nicht mehr. Der Platz in Finkenwerder, wo ich meinen Aal geräuchert und angeboten habe, hat jetzt einen neuen Pächter. Dem habe ich nicht ins Konzept gepasst, und da musste ich ausziehen. Jetzt suche ich seit mehr als einem halben Jahr nach einer neuen Gelegenheit. Vergebens bisher. Einige Hundert Meter weiter von meiner bisherigen Stelle wären zwar Garagen für Fischer, die sich perfekt eignen würden. Die sind allerdings nur als Lager vorgesehen. Fisch räuchern oder davor verkaufen darf man dort nicht. Das steht so in dem alten Pachtvertrag mit der Stadt. Ändern wollen sie daran aber nichts. Da fühlt man sich schon verarscht. Vor allem tut die Stadt Hamburg immer so, als würde sie sich für die Elbfischer einsetzen. Davon spüren wir nichts. Die Stadt gibt viele Millionen dafür aus, die Elbe zu vertiefen oder den Schlick auszubaggern. Wenn wir Fischer aber einmal Hilfe brauchen, dann ist kein Geld da. Wir haben einfach keine Lobby mehr. Früher sind wir zum Demonstrieren mit den Kuttern einfach in die Mitte der Elbe gefahren, wenn uns was nicht gepasst hat. Da wurden wir noch beachtet. Heute geht das nicht mehr, weil wir nur noch so wenige sind. An der gesamten Unterelbe gibt es nur noch fünf oder sechs Berufsfischer, in Hamburg bin ich einer von dreien. Wenn wir uns mit drei, vier Booten auf der Elbe versammeln, lachen sich die Leute kaputt. Wenn es so weitergeht und ich meinen Fang nicht mehr selbst anbieten kann, werde ich die Fische an den Großhandel verkaufen müssen. Das will ich aber nicht. Fischerei ist für mich viel mehr als nur das bisschen Profit. Es geht für mich um das Vermarkten, das Verkaufen, den Kontakt zu den Leuten. Viele kenne ich schon seit Jahrzehnten. Es wäre sehr traurig, wenn das vorbei wäre."
Von Josef Saller

DER SPIEGEL 8/2016
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