20.02.2016

GlücksspielLetzter Einsatz

Der Glanz der staatlichen Kasinos des Landes ist dahin, Kunden bleiben weg und mit ihnen das große Geld. Der Finanzminister registriert empfindliche Einnahmeverluste. Nun soll eine neue Spielbank in Köln die Rettung bringen.
Hoch über dem Ruhrtal, direkt neben der Ruine der mittelalterlichen Festung, liegt erhaben die Spielbank Dortmund-Hohensyburg. Sylvia, die Königin von Schweden, adelte das Kasino einst mit ihrer Anwesenheit, Arnold Schwarzenegger und Udo Lindenberg ließen hier die Roulettekugel rollen. Zur Eröffnung im Jahr 1985 sang gar Sammy Davis, Jr., der legendäre Rat-Pack-Entertainer. Ein Hauch von Las Vegas, von Glamour und Prominenz wehte damals durch den Ruhrpott.
Und nun das.
Auf einer provisorischen Bühne im ersten Stock des Kasinos plagen sich sechs Tänzer des Showballetts Imperio, um einen gähnend leeren Raum mit ein wenig Sex-Appeal aufzuladen. Vor ihnen sitzen 20 Zuschauer. 35 Euro hat jeder von ihnen bezahlt, um die "mitreißende Burlesque-Show des ehemaligen Bordballetts des Traumschiffs MS Europa" zu sehen. Nun rutschen sie peinlich berührt auf ihren Stühlen herum und wünschen sich weit weg. Die Show ist ein erotischer Totalausfall.
Dem einen Tänzer schwabbelt ein Fettröllchen aus der schwarzen Lederhose. Der andere schaut so grimmig, als arbeitete er für Moskau Inkasso. Und der netzbestrumpften Sexgöttin mit der verruchten Stimme hängt ein H&M-Etikett aus dem BH. Grotesk statt Burlesque.
Als die gepeinigten Zuschauer nach 60 Minuten endlich an die Spieltische fliehen können, ahnen sie nicht, dass sie Opfer eines Tricks geworden sind. Spielbanken dürfen keine Werbung für ihren Spielbetrieb machen. Wohl aber für andere Veranstaltungen, die in ihren Räumen stattfinden. Und so werden immer wieder C-Promis und Acts zweifelhafter Qualität gebucht, um die Spielbank per Inserat ins Gedächtnis potenzieller Kunden zu bringen.
Das ist nötiger denn je: Wie überall im Land kämpfen auch landeseigene Spielbanken in Nordrhein-Westfalen um jeden Kunden. Drei der vier Häuser melden deutliche Besucherrückgänge. Die goldenen Zeiten, in denen die Gewinne der Kasinos die Landeskassen füllten, sind vorbei. Die Konkurrenz von Internetanbietern und Spielhallen, aber auch das Rauchverbot haben den staatlichen Spielbanken mächtig zugesetzt.
Binnen sechs Jahren verloren die Glücksspielpaläste in Dortmund, Duisburg, Aachen und Bad Oeynhausen 40 Prozent ihrer Besucher. Der Betreiber Westspiel, eine Tochter der NRW-Bank, schreibt seit 2009 im eigentlichen Spielgeschäft rote Zahlen. Zehn Jahre zuvor erwirtschaftete Westspiel noch einen sogenannten Bruttospielertrag von 195 Millionen Euro.
Das klassische Glücksspiel in noblem Ambiente hat seine Anziehungskraft verloren – und seine wichtigste Klientel. Noch Anfang der Neunzigerjahre waren die mit weichem Filz verkleideten Spieltische von Menschen in Smoking, Abendkleid und mit langer Zigarettenspitze umlagert. Kasino, das war das Flair der großen, weiten Welt, ein gesellschaftliches Ereignis mit einer Prise von "geschüttelt, nicht gerührt".
Der Nervenkitzel, in solcher Atmosphäre auch noch reich werden zu können, zog auch anderes Publikum an. Es waren die Pizzabäcker und Imbissbudenbesitzer, die Autohändler und Immobilienhändler, die Halbseidenen aus dem Rotlichtmilieu, die nach Mitternacht mit leicht beschürzten Gespielinnen auftauchten. "Sie alle nutzten die Kasinos, um ihre legalen und illegalen Tageseinnahmen zu waschen", erinnert sich ein Croupier.
Es war die Zeit, in der Pagen an den hell erleuchteten Drehtüren einen Hundert-Mark-Schein zugesteckt bekamen, wenn sie den Porsche des Kunden auf den Parkplatz steuerten. Und es war die Zeit, in der die Spieler am Tisch von ihrem Gewinn so viel Trinkgeld an die Angestellten gaben, dass deren üppige Gehälter komplett davon bezahlt wurden. Manche Croupiers verdienten so viel wie ein regionaler Bankvorstand.
Die Spielbanken scheffelten Gewinne in mehrstelliger Millionenhöhe. Sie vergoldeten Wasserhähne, kauften zeitgenössische Kunst und schienen einer sorgenfreien Zukunft entgegenzusteuern.
Der erste Knick kam ab Mitte der Neunzigerjahre, als der Staat erste Konzessionen für private Automatenspielhallen und Sportwettenanbieter vergab. Noch konnten sich die Kasinos halten, doch um die Jahrtausendwende tauchten dann mehr und mehr Internetanbieter auf. "Poker, Black Jack, virtuelle Rouletterunden mit teilweise unbegrenzten Einsätzen: Es gibt nichts, was Spieler dort nicht finden", sagt Westspiel-Geschäftsführer Steffen Stumpf.
Die Spielbanken erkannten die Gefahr früh. In einem internen Papier wurde 1995 festgehalten: "Der Trend der rückläufigen Ergebnisentwicklung im klassischen Glücksspiel setzt sich mit Minus 7,9 Prozent zu 1994 deutlich fort und konnte durch die Steigerung im Automatenbereich nicht mehr kompensiert werden."
Westspiel reagierte mit einem schwierigen Spagat. Das Unternehmen stellte immer mehr Automaten auf, die heute mehr als 60 Prozent der Einnahmen generieren, auch weil die Gewinnmöglichkeiten drastisch erhöht wurden. Manche der bunt leuchtenden Maschinen, in die man früher ein paar Münzen geworfen hat, saugen jetzt 500-Euro-Scheine in ihre Slots.
In Duisburg, im ersten Kasino, das Westspiel in ein Einkaufszentrum in der Innenstadt baute, wird in der Automatenabteilung regelmäßig ein Auto als Sonderprämie ausgespielt. Schon morgens um elf füttern Dutzende Gestalten mit grauen Gesichtern Daddelmaschinen namens "Geisha", "Sun God" oder "Dangerous Beauty". Einige haben sich Stullen mitgebracht und verstecken Thermoskannen in ihren Taschen.
Billigend nimmt Westspiel in Kauf, dass das Kasinopublikum deutlich prolliger wird. Statt Anzug und Abendrobe dominieren heute Kreppsohlen, Karosakkos und Kakis. Damit die Tristesse nicht abfärbt, sind die Automatenspiele räumlich vom anderen Glücksspiel getrennt.
Im Spieltischraum schweben beleuchtete Skulpturen über den Tischen, verchromte Lamellen halten das Tageslicht ab, an der Bar werden Cocktails serviert. Duisburg hat das modernste Kasino in NRW und das ertragreichste in Deutschland. Eine Gruppe junger Männer spielt ein Pokerturnier, ein paar Damen zocken am Blackjack-Tisch, eine Gruppe junger Mädchen feiert Geburtstag am Zwei-Euro-Roulette.
Doch zwischen diesen vergnügten Gelegenheitsspielern drängeln sich Not und Elend. Männer mit fiebrigen Augen, die an vier Tischen gleichzeitig spielen. Frauen, die wie ferngesteuert immer wieder große Beträge auf die Acht setzen. Betrunkene, die zu voll sind, um Jetons zu holen, und zerknüllte Geldscheine auf den Tisch werfen. Ein unscheinbar wirkender Mann um die fünfzig wuselt zwischen den Tischen umher und setzt offenbar ohne Plan überall Jetons. Er spricht unablässig mit sich selbst, ruft in einem fort: "Das gibt's doch nicht, das kann doch nicht sein!" Stundenlang geht das so. Niemand hält ihn auf.
"Der hat einen an der Klatsche", sagt ein Sicherheitsmann. Er kennt den Kerl, der kommt jeden Tag ins Kasino. So wie ungefähr 80 Prozent der Spieler, sagt der Kasinoangestellte. "Wir leben von diesen Stammspielern."
Man kann sie auch Spielsüchtige nennen, doch dieses Wort nimmt hier niemand in den Mund. Schließlich ist es die erklärte Daseinsberechtigung von staatlichen Spielkasinos, die Spiellust der Menschen kontrolliert zu kanalisieren, damit niemand Haus und Hof verspielt. Die Profite sind offiziell nebensächlich.
"Unser Personal ist geschult, Spielsüchtige zu erkennen und notfalls zu sperren", sagt Westspiel-Geschäftsführer Stumpf. "Speziell geschulte Mitarbeiter nehmen sich der Gäste an, die ein auffälliges Glücksspielverhalten zeigen." Davon ist wenig zu spüren. Niemand hat ein Interesse daran, Cashcows rauszuwerfen. Stattdessen gibt es spezielle Anfixtische, wo Anfänger von pädagogisch geschickten Croupiers in die Geheimnisse und Strategien von Poker, Blackjack und Roulette eingeführt werden. Besonders Schüchterne bekommen von der Dame an der Kasse Ein-Euro-Freikarten für den Beginners-Table.
Mit immer neuen Angeboten versuchen die Kasinos, Kundschaft zu ködern. Es gibt Ladies-Days, Pokerturniere und Konzerte, selbst Faschingsprinzen werden aufgefahren. Sterne-Restaurants und edle Bars sollen finanzstarke Klientel erst an die Tröge und dann an die Spieltische locken.
Sehr erfolgreich, räumen die Westspiel-Geschäftsführer ein, sei die Strategie in der Vergangenheit noch nicht gewesen. "Das Live-Spielerlebnis braucht darüber hinaus einen zeitgemäßen Auftritt und einen angemessenen Rahmen."
Aber weil man bis heute noch keine wirklich zündende Idee hat, wird eben die alte fortgeführt: Der Krise zum Trotz plant Westspiel mit Unterstützung des Landes ein weiteres Kasino. Es soll in Köln-Deutz gebaut werden, gleich neben der Messe mit Autobahn- und Bahnanschluss, in einem Wohn- und Industriegebiet. Dort findet sich die neue Klientel: Die Automatenspieler, mit denen das Geld verdient wird, wohnen nun mal nicht in mondänen Villengegenden. Stillschweigend akzeptiert das Land, dass die Zockerbuden vermehrt auf finanzschwache Kunden zielen.
1,2 Millionen Euro wurden bereits in der Planungsphase für Makler, Architekten und Rechtsanwälte ausgegeben. Das ärgert Ralf Witzel, FDP-Finanzexperte im Landtag. Das Projekt berge das Risiko einer Millionenruine, sagte er. Schon jetzt arbeiten die Spielbanken nicht mehr wirtschaftlich. Da laufe doch etwas schief. Auch in der Bezahlung der Manager: Angesichts der Performance seien Gehälter von 225 000 Euro für die Leiter von Westspiel kaum zu rechtfertigen, so Witzel.
Zunehmend unwillig wird auch der Landesrechnungshof. Angesichts der sinkenden Besucherzahlen sei es nicht mehr vertretbar, dass fast hundert Finanzbeamte im Dienst seien, um die Kasinos zu kontrollieren, heißt es im Jahresbericht 2015. Kosten für das Land: rund sechs Millionen Euro pro Jahr. Man erbitte konkrete Verbesserungsvorschläge.
Die Westspiel-Manager finden die Kritik unfair. "Wenn wir normal besteuert würden, könnten wir leicht schwarze Zahlen schreiben", sagt Westspiel-Geschäftsführer Lothar Dunkel.
Wahr ist, dass das Finanzamt über die Spielbankabgabe erst einmal die Hälfte aller Einnahmen einzieht. NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) kassierte auf diesem Weg allein im Jahr 2014 rund 35 Millionen Euro. Danach erst werden Kosten, etwa für Personal oder Mieten, abgezogen. Der Rest wird dann nochmals mit 75 Prozent versteuert. Von dem Geld der Glücklosen finanziert NRW die Stiftung Wohlfahrtspflege, die sich um sozial Benachteiligte und Behinderte kümmert.
Auch im Jahr 2015 wird das Unternehmen rote Zahlen schreiben. Doch das Management will erste kleine Erfolge ausmachen können. So habe man im Vergleich zum Vorjahr beim Ergebnis ein "deutliches Plus von zehn Prozent erzielen" können, sagt Stumpf.
Um die Westspiel wäre es noch viel schlechter bestellt, hätte das Management nicht längst begonnen, das Tafelsilber zu verscherbeln. In den goldenen Siebzigerjahren hatte das Unternehmen in großem Stil Kunst gekauft und in seine Kasinos gehängt. Mit der Zeit gerieten viele Werke in Vergessenheit. "So manches millionenschwere Gemälde wurde von den Putzfrauen mit Ata gescheuert, weil niemand mehr wusste, dass es sich um echte Werke und nicht um Poster handelte", so ein Mitarbeiter.
In der finanziellen Notlage erinnerten sich die Geschäftsführer wieder ihrer Schätze. In Aachen lagerten zwei Bilder des US-Künstlers Andy Warhol, die Westspiel in den Siebzigern für weniger als 200 000 Euro erstanden hatte. Zum Entsetzen der Kunst- und Museumsgemeinde kamen die Werke beim Auktionshaus Christie's unter den Hammer und erlösten 110 Millionen Euro. Mit dem Geld soll der Kölner Neubau finanziert und sollen Häuser wie das in Aachen zu neuer Blüte zurücksaniert werden, verspricht das Management. "Wir wollen an die erfolgreichen Zeiten anknüpfen. Deshalb investieren wir in Mitarbeiter, Ausstattung und Produkte. Unsere Kasinos entwickeln wir wieder zu besonderen Orten", sagt Stumpf.
Das ist auch nötig. Nirgendwo ist der Niedergang der Glücksspielkultur so eindringlich zu besichtigen wie in Aachen. Das Kurhaus an der Monheimsallee, mit seinen weißen Säulen einst illustrer Treffpunkt der Schönen und Noblen, steht verlassen in einer kiesweggesäumten Parkanlage. Die Springbrunnen sind abgestellt, die Parkplätze verwaist, die Kunstwerke abgehängt.
Vor wenigen Monaten ist der Spielbetrieb umgezogen – in eine dunkle Etage im Bauch des Fußballstadions Tivoli, wo der Viertligist Alemannia Aachen kickt. Ein schmuckloser Funktionsbau mit viel Beton, Plastik und Sprühdosenschmierereien an den Wänden.
Die Frau an der Kasse empfiehlt: "Nehmen Sie das Ticket für zehn Euro, da sind fünf Euro Spielgeld und ein Gratisgetränk schon mit drin." Einen Stock höher verlieren sich fünf Männer und zwei Frauen in einem Raum mit 100 Geldspielautomaten.
Im Nachbarraum stehen Spieltische. Nur ein paar Roulettetische sind geöffnet. Zwei Männer setzen einige Jetons. "17, schwarz", sagt die Croupière und sammelt die verlorenen Einsätze ein. Sie nörgelt über ihre zu langen Fingernägel, die sie behinderten. "Ich werde sie schneiden müssen", raunt sie einem Kollegen zu.
Mit dem mondänen Kasino an der Monheimsallee hat das alles nichts mehr zu tun. Westspiel behauptet, das alte Spielkasino nach einer aufwendigen Restaurierung frühestens 2020 wieder beziehen zu wollen. In der Stadt sieht man das skeptisch. Das neu geplante Kasino in Köln ist nur 70 Kilometer entfernt.
Doch selbst wenn: Der alte Glanz ist wohl für immer dahin. Statt echter Kunst soll im Neuen Kurhaus eine Replik von Michelangelos Sixtinischer Kapelle entstehen, "originalgetreu, unterhaltsam und multimedial aufbereitet – Weltklassekunst für die breite Öffentlichkeit", nennt das der eigens engagierte Event-Spezialist. Was die "Frankfurter Allgemeine" mit beißendem Spott kommentierte: Die Zocker könnten so "ein Schnäppchen machen und mit jedem Besuch in Aachen gleich zwei teure Reisen sparen. Eine nach Rom und eine nach Las Vegas".
Von Frank Dohmen und Michaela Schießl

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