20.02.2016

KinoOpfer als Verdächtige

Der Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ erinnert an den NSUBombenanschlag in Köln – wie die Anwohner ihn erlebten.
Seit Anfang des Jahres gilt eine neue Zeitrechnung in Deutschland, sie heißt "nach Köln". Gemeint sind die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht und die Debatte darüber, was diese Taten für das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern bedeuten.
"Nach Köln", eine solche Zeitrechnung hätte man schon früher einführen können: am 9. Juni 2004, dem Tag des Bombenanschlags in der Keupstraße in Köln-Mülheim, an den jetzt ein neuer Dokumentarfilm erinnert.
So unvergleichbar die beiden Ereignisse sein mögen: Beide haben das Vertrauen in den Rechtsstaat beschädigt. In beiden Fällen haben sich Polizei und Politiker blamiert. Nach dem Anschlag dauerte es allerdings mehr als sieben Jahre, bis ihr Versagen offensichtlich wurde.
Die Aufnahmen der Überwachungskamera vom 9. Juni 2004 sind grobkörnig und schwarz-weiß, aber man erkennt eine Großstadtidylle. Junge Frauen und Männer sitzen in der Sonne vor einem Hauseingang, es ist die Zentrale des Musiksenders Viva in Köln. Ein Mann mit Baseballkappe kommt auf die Kamera zu, er schiebt ein Fahrrad über den Bürgersteig. Im Nachhinein wirkt es, als habe der Mann das Rad besonders vorsichtig bewegt, aber vielleicht bildet man sich das auch nur ein. Die Polizei wird später ermitteln, dass er auf dem Gepäckträger des Fahrrads eine Bombe transportierte.
Außer Sichtweite von Überwachungskameras stellte der Mann das Rad ab, in der Keupstraße vor dem Haus Nummer 29. Im Erdgeschoss befindet sich das Haarstudio Özcan, ein türkischer Friseursalon, der an jenem Nachmittag erst zum Tatort wurde und dann zu dem Ort, an dem eine von skandalösen Fehleinschätzungen begleitete Ermittlung ihren Lauf nahm. Otto Schily, damals Bundesinnenminister, sagte über die Keupstraße: "Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu."
Im Dokumentarfilm "Der Kuaför aus der Keupstraße" (Kinostart 25. Februar) zeigt der Regisseur Andreas Maus den Fall aus der Perspektive der Anwohner. Sein Film ist eine Mischung aus Reportage, Interviews und von Schauspielern nachgestellten Vernehmungen; die Originalprotokolle aus den Ermittlungsakten dienten als Quelle. Im Mittelpunkt stehen der Friseur, auf Türkisch: Kuaför, Özcan Yildirim, Inhaber des Salons, und sein Bruder Hasan, der ebenfalls im Laden arbeitet.
Es ist eine Geschichte von Opfern, die zu Tatverdächtigen wurden ebenso wie viele andere Angehörige von Opfern der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Der NSU-Prozess und seine unheimliche Protagonistin, Beate Zschäpe, kommen im Film nicht vor.
Die Bombe in der Keupstraße explodierte um 15.56 Uhr, gezündet mit einer Fernsteuerung, die eigentlich für elektrisches Spielzeug gedacht war. Der Sprengsatz war eine sogenannte Nagelbombe, mehr als fünf Kilogramm Schwarzpulver, versetzt mit 702 Zimmermannsnägeln, jeder mehr als zehn Zentimeter lang. Durch die Detonation verwandelten sich die Nägel in potenziell tödliche Geschosse, sie trafen Schaufenster, Fassaden, Menschen. 22 Anwohner und Passanten wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Ein Mann lag blutüberströmt vor dem Friseurgeschäft. Fritz Schramma, der damalige Kölner Oberbürgermeister, formulierte sein Entsetzen kurz nach dem Anschlag so: "Irgendwo hört der Spaß auf."
Die Keupstraße ist geprägt von türkischen Geschäften und Restaurants. Im Film treten ein Konditor auf, die Betreiberin eines Fachgeschäfts für Hochzeitsbedarf, ein Juwelier, ein CD-Händler. Dass Rechtsextremisten gezielt in einer solchen Gegend Terror verbreiten wollen, konnten oder wollten sich die Ermittler offenbar nicht vorstellen. Stattdessen "stand die ganze Straße unter Verdacht. Es ist unglaublich, wie die Polizei versucht hat, diese Menschen in eine bestimmte Ecke zu drängen", sagt der Dokumentarfilmer.
Maus, früher Theaterregisseur, heute Autor des WDR-Magazins "Monitor", zitiert in seinem Film einen Aktenvermerk, verfasst kurz nach dem Anschlag: "Der Friseursalon in der Keupstraße wird von Türken aus der Türsteherszene aufgesucht", daher sei ein "OK-Bezug möglich", also organisierte Kriminalität, angeblich ging es um Schutzgelderpressung. Insbesondere die Brüder Yildirim gerieten ins Visier der Ermittler: "Wir wurden nicht als Opfer vernommen, sondern als Verdächtige." Die erste Frage der Polizisten nach dem Attentat, sagt Özcan Yildirim im Film, habe gelautet: "Sind Sie versichert?"
Jahrelang wurde in die falsche Richtung ermittelt, ohne Ergebnis, doch die Verdächtigungen setzten den Opfern zu. Kunden und sogar ihre eigenen Angehörigen hätten begonnen, den Gerüchten zu glauben, erzählen die Brüder. Özcan Yildirim dachte an Selbstmord.
Erst nachdem 2011 der NSU aufflog und ein Bekennervideo zu dem Anschlag bekannt wurde, fühlt sich Özcan Yildirim einigermaßen rehabilitiert. 2014, zum zehnten Jahrestag des Attentats, kam sogar der Bundespräsident im Friseursalon vorbei, ein Solidaritätsbesuch. Ein Foto, das die Brüder mit Joachim Gauck zeigt, steht bis heute ganz oben auf Özcan Yildirims Facebook-Seite.
Twitter: @martinwolfhh
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 8/2016
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