20.02.2016

FußballVom Jemand zum Niemand

Beim SC Paderborn haben große Trainerlaufbahnen begonnen. Im Fall von Stefan Effenberg wird das wohl nichts. Die Geschichte eines Irrtums.
Wenn es etwas gibt, was Stefan Effenberg den Job rettet, dann ist es das Telefonieren. Am Freitagabend vor einer Woche, nach der 0:4-Pleite seiner Mannschaft gegen Kaiserslautern, war er ein Trainer auf Abruf, so gut wie gefeuert. Einen Tag und ein Telefonat später sah es anders aus.
Effenberg rief bei Wilfried Finke an, dem Präsidenten des SC Paderborn, der auf seiner mallorquinischen Finca weilte. Der wohlhabende Möbelunternehmer ist der Mann, der seine Hand über den Trainer hält – wenn er sie wegzieht, ist Effenberg seinen Posten los. Finke will endlich wieder Siege im Kampf gegen den Abstieg aus der Zweiten Liga sehen, und die bleibt der Coach schuldig. "Zutiefst besorgt" sei er nach dem Kaiserslautern-Spiel gewesen, sagte Finke nach dem Gespräch am Wochenende, aber er habe "das Gefühl, dass Stefan Effenberg Trainer bleiben sollte".
Nur, wie lange noch?
In Ostwestfalen erreicht ein interessantes Experiment seine entscheidende Phase. Beim SC Paderborn haben schon einige Trainerkarrieren begonnen, der Klub gilt als ideale Adresse für ambitionierte Einsteiger. Roger Schmidt machte hier auf sich aufmerksam, heute coacht er Bayer Leverkusen. Borussia Mönchengladbachs André Schubert stieg in Paderborn zum Cheftrainer auf. André Breitenreiter verabschiedete sich im vorigen Sommer zu Schalke 04. Sie kamen als Niemand – und gingen als Jemand.
Effenberg ist der Erste, der schon ein Fußballstar war, bevor er in Ostwestfalen seinen ersten Job im Trainergeschäft annahm. Scheitert er, dann wäre seine Fallhöhe umso größer. Und er wäre nicht bei einem der berühmteren Klubs aussortiert worden, sondern bei einem Provinzverein auf dessen Weg in die Bedeutungslosigkeit.
Als der frühere Nationalspieler Mitte Oktober in Paderborn anheuerte, wirkte die Lage für ihn beherrschbar. Der Verein war aus der Bundesliga abgestiegen, ein junger, unerfahrener Trainer namens Markus Gellhaus stellte sich nach zehn Spieltagen als überfordert heraus – aber die Substanz der Mannschaft schien gut genug für die Zweite Liga. Außerdem liegt Paderborn weit genug abseits der großen Fußballwelt, um in Ruhe arbeiten zu können. Dachte man.
Mehr als ein Spieler benötigt ein Trainer den Ruf, ein seriöser Typ zu sein. Als Spieler besaß Effenberg diesen Ruf nicht. Er trieb den FC Bayern München zwar zum Champions-League-Sieg, galt aber als launischer Querkopf mit Stinkefinger-Attitüde. Für die neue Karriere brauchte er ostwestfälische Bodenständigkeit, ein Stück Solidität in der Vita, um das Bild zu wandeln, das so viele von ihm haben.
Der SC hat vieles richtig gemacht: Über viele Jahre war er stetig emporgestiegen, hatte dabei besonnen gewirtschaftet und sich auch durch das eine Jahr in der Bundesliga nicht von diesem Weg abbringen lassen. Statt in teure Spieler zu investieren, baute der Verein Schulden ab und eine neue Trainingsanlage auf.
Doch den Effekt des Abstiegs auf die Mannschaft unterschätzten Finke und die Vereinsführung. Neben Trainer Breitenreiter gingen auch wichtige Spieler, und den Rest erfasste Verunsicherung. Es brauchte jetzt einen Fußballlehrer, der Selbstbewusstsein und Unerschütterlichkeit ausstrahlt. Also kam Effenberg.
"Nerven aus Stahl" zu haben, bescheinigt Finke ihm. Doch der 64-jährige Klubpatron, der mit seiner weißen Haartolle und dem gebräunten Teint an einen gealterten Schlagersänger erinnert, hatte Effenberg auch geholt, damit der etwas von der Bedeutung konservieren sollte, die der Verein durch den Abstieg aus der Beletage des deutschen Fußballs zu verlieren drohte. "Stefan Effenberg", sagt Finke, "hat Paderborn etwas Provinzielles genommen."
Nun schauten viele darauf, wie sich der Star in Ostwestfalen so macht. Und aus war es mit der Ruhe, die er für sein Jobdebüt nötig gehabt hätte. Kein Verein kann einen neuen Effenberg verpflichten, ohne den alten mitgeliefert zu bekommen.
Seine zwei Siege zu Beginn wurden übertrieben bejubelt, vom "Effe-Rausch" schrieb "Sport Bild". Aber als die Misserfolge überhandnahmen, jazzten die Medien kleinere Fehltritte zu Affären hoch. Als Stürmer Nick Proschwitz im Wintertrainingslager in der Türkei seine Hose in Anwesenheit einer Frau herunterzog, zielten die Schlagzeilen vor allem auf Effenberg: Hat er, der als Spieler nicht gerade durch Disziplin aufgefallen war, seine Mannschaft etwa nicht im Griff? Über diesen Vorwurf ärgert er sich mehr als über den Zwischenfall an sich.
Tatsächlich macht Effenberg, inzwischen 47, als Trainer einen gereiften Eindruck. In den Spielanalysen verhehlt er seine Enttäuschung nicht, aber der Zorn über Niederlagen fällt ungewohnt gedämpft aus. Die anhaltende Erfolglosigkeit steckt er nach außen hin erstaunlich gut weg. Druck auszuhalten, das ist die Eigenschaft, die ihn vorerst im Job hält. Länger als es in der Branche üblich wäre.
Wenn nicht ein Wunder geschieht, geht der Versuch von Verein und Trainer, voneinander zu profitieren, schief. Der SC Paderborn wollte mehr Größe, Effenberg mehr Seriosität. Bekommen haben sie weder das eine noch das andere.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 8/2016
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