31.03.1980

SPIEGEL Gespräch„Hafisullah Amin war ein Agent der CIA“

Der afghanische Staats- und Parteichef Babrak Karmal über die sowjetische Invasion
SPIEGEL: Herr Präsident, in Ihrem Land stehen seit drei Monaten sowjetische Truppenverbände. Warum?
KARMAL: Die Truppen der Sowjet-Union, des historischen Freundes der afghanischen Nation, sind auf eine offizielle und legale Einladung hin ins Land gekommen.
SPIEGEL: Sie meinen: als Freunde?
KARMAL: Diejenigen, die etwas von der Geschichte unseres Landes verstehen, wissen, daß nach der Großen Oktoberrevolution in Rußland 1917 und nach dem heldenhaften Aufstand des afghanischen Volkes gegen die englische Besatzungsmacht im Jahr 1919 diese standhafte Freundschaft entstand.
SPIEGEL: Aber das ist schon Historie.
KARMAL: Dieser historische Prozeß schließt zwei Generationen ein. Und im Laufe der letzten 27 Jahre haben sich diese freundschaftlichen Beziehungen aufgrund einer friedlichen Politik, des Prinzips der friedlichen Koexistenz und des gegenseitigen Respektes tagtäglich verstärkt.
SPIEGEL: Besonders doch wohl nach der April-Revolution von 1978, in der Premier Daud gestürzt wurde?
KARMAL: Sie bekamen aufgrund der beiderseitigen Interessen beider Länder in der Tat tiefere Dimensionen.
SPIEGEL: Was sind das für beiderseitige Interessen?
KARMAL: Nach der April-Revolution 1978, die im Wortsinne eine nationaldemokratische, antifeudalistische und antiimperialistische war, haben sich alle Kräfte der Reaktion in der Region, dazu die CIA und die internationalen imperialistischen Kräfte, besonders der USA, in einer unheiligen Front gegen die Errungenschaften dieser Revolution vereinigt. Diese Feinde der Freiheit und Unabhängigkeit haben große Verschwörungen gegen Afghanistan geplant, nachdem der Prozeß der Entspannung und die Prinzipien des Friedens langsam zum Erfolg geführt hatten. Damit gerieten die imperialistische Ordnung und das kapitalistische Monopol in eine Krise.
SPIEGEL: Und das alles wegen Afghanistan?
KARMAL: Nicht nur. Wir sehen die Ursache in den kriegsbejahenden Nato-Kreisen, an der Spitze wieder die USA, die eine Ratifizierung des Salt-II-Abkommens zurückstellen und mit der Stationierung von Pershing-Raketen in Europa Spannungen hervorrufen wollen.
Diese Verschwörung setzt sich fort im Mittleren Osten, durch den verräterischen Handel zwischen Sadat und Begin. Und sie wird verständlicher durch die Kämpfe in den fortschrittlichen Ländern des Nahen Ostens, so durch die islamische, anti-despotische und anti-imperialistische Revolution des Iran gegen das Terror-Regime der Pahlewi.
SPIEGEL: Die Entwicklung im Iran hat also Ihrer Meinung nach unmittelbar mit der Entwicklung in Afghanistan zu tun?
KARMAL: Der heldenhafte Aufstand des Brudervolkes von Iran unter Führung des Imam Chomeini, die Vernichtung der Spionagebasen, der Kriegsbasen des US-Imperialismus im Iran, hat den Imperialismus veranlaßt, gegen unsere April-Revolution aktiv zu werden. Afghanistan sollte die neue Aggressionsbasis der imperialistischen Kreise werden.
SPIEGEL: Gibt es dafür denn irgendwelche Beweise?
KARMAL: Es ist der Weltöffentlichkeit bekannt, daß die USA eine Verschwörung im Persischen Golf planen, um unter dem Vorwand, das Geiselproblem in der Teheraner Botschaft lösen zu wollen, in Wahrheit gegen die islamische Revolution im Iran und gegen die Revolution des heldenhaften afghanischen Volkes vorzugehen. Leider sind alle Kommunikationsmittel im Westen dem Diktat des Imperialismus unterworfen, und die Wahrheit wird von ihnen nur verzerrt dargestellt.
SPIEGEL: Einmal angenommen, eine solche Verschwörung gäbe es wirklich: Warum wird die islamische Revolution im Iran mit einer solchen Gefahr ohne ausländische, ohne sowjetische Hilfe fertig, Afghanistan aber nicht?
KARMAL: Solange Nur Mohammed Taraki (Vorsitzender des Revolutionsrates und Premier Afghanistans von April 1978 bis September 1979) am Leben war, war es den demokratischen Kräften des Landes möglich, gegen die Aggressionen der Verschwörung Widerstand zu leisten. Wobei ich hinzufügen muß, daß diese unheilige Front S.140 im Pentagon von Washington beginnt, London, Tel Aviv und Kairo einschließt und bis nach Islamabad in Pakistan reicht.
SPIEGEL: Und was war nach Taraki?
KARMAL: Heute haben wir genaue Informationen, daß sich bei der Entwicklung unserer Partei, der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, leider ein von der CIA erzogener Agent einschleusen konnte, der die Revolution in eine falsche Richtung trieb.
SPIEGEL: Sie meinen Ihren Vorgänger, den Taraki-Nachfolger Hafisullah Amin, der im Dezember 1979 hingerichtet wurde?
KARMAL: Die verbrecherischen Taten, die dieser CIA-Agent vorhatte und zu einem großen Teil schon praktizierte, sind ungeheuerlich. Es gab einen Plan, Afghanistan unter fremde Länder aufzuteilen. Die südlichen und südöstlichen Teile sollten unter die Herrschaft Pakistans kommen, die Nordteile, wie Badachschan und Tachar unter die Chinas. Und in Kabul sollte ein Henker als absoluter Befehlsempfänger der CIA eingesetzt werden.
SPIEGEL: Und Afghanen hätten dabei mitgemacht?
KARMAL: Die verräterische Politik, die Amin dem Volk aufgedrängt hat, war verbunden mit einer in unserer Geschichte beispiellosen Unterdrückung. Zehntausende patriotische Geistliche, die nationale Bourgeoisie, die Mittelklasse, Händler, Arbeiter und Bauern wurden auf Befehl der CIA, der schwarzen Reaktion der Region und durch chinesische Provokation gruppenweise durch Massenmord vernichtet. Zehntausende starben in den Folterkammern der Gefängnisse.
Allein von Mitgliedern der Demokratischen Volkspartei kamen bis zu 4500 Patrioten nach barbarischer Folter um, ungefähr weitere 8000 saßen im Gefängnis. Diese Terror-Herrschaft schonte weder Kultur noch Wissenschaft. Sogar der größte Schatz der Geschichte Afghanistans, das Nationalmuseum in Kabul, wurde ausgeraubt und geplündert. Das Regime war hundertmal erbarmungsloser als Pol Pot in Kambodscha.
SPIEGEL: Aber wieso eigentlich ist das Schreckens-Regime Amins ein Beweis für einen Auftrag oder eine Einmischung des Auslands?
KARMAL: Sie spielten die Stämme gegeneinander aus, die Nationalitäten gegen andere Nationalitäten. Hier wurde das bekannte Prinzip des Kolonialismus benutzt: Teile und herrsche. Sogar Provokationen gegen die Revolution im Iran wurden angezettelt.
SPIEGEL: Aber hat das den militärischen Einsatz der Sowjets gerechtfertigt?
KARMAL: Auch heute noch werden Söldner als berufliche Mörder engagiert, wie bei den barbarischen Nazis. Sie werden in insgesamt 50 Camps und Militärbasen in Pakistan ausgebildet. Es gibt reichlich Dokumente dafür. Amerikanische und chinesische Spione, Pakistaner, Engländer, Ägypter und Israelis werden durch die Petrodollars der reaktionären arabischen Kreise unterstützt. Seit langem kommen Tausende von Tonnen an Ausrüstung und Kriegsmaterial über das Meer und durch Karatschi in Pakistan an die afghanische Grenze. Und auch in China, in Sinkiang, existieren einige Camps, in denen diese Rebellen ausgebildet werden.
SPIEGEL: Aber Herr Präsident, es gibt doch auch viele Afghanen, die gegen Ihr Regime und die Sowjettruppen im Land mit der Waffe kämpfen.
KARMAL: Bei den Spionen und Söldnern, die wir gefangen haben, wurden amerikanische, chinesische oder pakistanische Waffen gefunden. Sie standen also unter der Militärgewalt der genannten Länder und erhielten von dort ihre Befehle.
Sie bedrohen das Volk mit Mord und Unterdrückung. Aber leider mit den typischen Methoden des englischen Imperialismus, der schon immer die heiligsten Gefühle für die Pläne seiner Politik mißbrauchte. Unter dem Vorwand, den islamischen Glauben zu retten, versuchen die Imperialisten die heiligsten Gefühle des afghanischen Volkes zu verwirren.
SPIEGEL: Dagegen brauchen Sie die Hilfe Ihrer sowjetischen Freunde?
KARMAL: Was soll ein Volk tun, das durch ausländische Aggression und einen nicht erklärten Krieg bedroht ist? Wenn das Vaterland in Gefahr ist, die nationale Souveränität bedroht ist, warum soll man nicht einen großen Nachbarn, einen historischen und nationalen Freund, der die revolutionären, nationaldemokratischen Bewegungen immer unterstützt hat, um Unterstützung bitten? Als ob das nicht das Recht eines freien Volkes wäre, das darüber einen Vertrag aus dem Jahr 1978 hat, der auch bei der Uno registriert ist.
SPIEGEL: Aber die Mehrheit der Uno-Mitglieder, darunter auch viele blockfreie Staaten, hat diesen Akt "brüderlicher Hilfe" verurteilt und den Rückzug der Sowjets verlangt.
KARMAL: Unter den blockfreien Staaten gibt es fortschrittliche und reaktionäre. Paragraph 51 der Uno-Charta erkennt das Recht eines jeden Volkes ausdrücklich an, sich zu verteidigen und seine Unabhängigkeit und Nationalität gegen ausländische Aggression zu wahren.
SPIEGEL: Das Urteil der übrigen Welt über die Stationierung der Sowjets in Afghanistan ficht Sie also nicht an?
KARMAL: Die reaktionären internationalen Kräfte in Zusammenarbeit mit der chauvinistischen Führung Chinas versuchen jetzt, Pakistan für ihre Ziele einzusetzen. Sie geben Milliarden Dollar für die Aufrüstung eines Landes aus, in dem nicht mehr als 400 Familien das gesamte Volk unterdrücken und ausrauben. Das alles geschieht unter dem Vorwand, den Islam zu retten. Wir erwarten von dem sogenannten zivilisierten S.141 Westen, daß er erst mal die imperialistische Geschichte seiner Väter analysiert, bevor er ein Urteil über Afghanistan fällt.
SPIEGEL: Das bedeutet, daß für Sie auch westliche Lösungsvorschläge nicht akzeptabel sind wie der Vorschlag der EG, die Neutralität Afghanistans international zu garantieren, damit die Sowjet-Truppen wieder abziehen können.
KARMAL: Der Imperialismus hat dreimal unser Land angegriffen. Das können Sie auch in der Literatur in Deutschland finden. Wie kann da der Imperialismus jetzt von der Neutralität Afghanistans reden? Die Kinder des deutschen Volkes sollten in ihrer Literatur nachschlagen, um zu wissen, was der britische Imperialismus in Afghanistan getan hat.
SPIEGEL: Die Sowjet-Truppen sollen also bleiben. Wie lange?
KARMAL: Die begrenzten Truppenkontingente der Sowjet-Union werden in Afghanistan als Reservearmee gegen die ausländische Aggression eingesetzt. Sie mischen sich in die inneren Angelegenheiten Afghanistans nicht ein. Sobald die letzten Reste der ausländischen Aggression beseitigt sind, in dem Moment werden die Truppen der Sowjet-Union in ihr Land zurückkehren.
SPIEGEL: Wie viele sowjetische Soldaten sind zur Zeit in Ihrem Land stationiert? Die Westpresse spricht von 80 000 Mann.
KARMAL: Viel weniger. Mehr als 15 000 Mann sind es nicht.
SPIEGEL: Wie stark schätzen Sie Ihren eigenen Anhang im Lande ein?
KARMAL: Heute, da die Bevölkerung in der Nationalen Front ihre Reihen enger schließt, werden wir moralisch und militärisch tagtäglich stärker. Das afghanische Volk bewaffnet sich gegen die Feinde und wird seine Unabhängigkeit, seine nationalen Gefühle, seine Familien verteidigen. Neben ihnen steht die afghanische Armee, die unter der Herrschaft des CIA-Agenten siebenmal von Patrioten gesäubert wurde.
SPIEGEL: Wie lange wird es dauern, bis die sowjetischen Truppen und die afghanische Armee mit ihren Feinden fertig geworden sind?
KARMAL: Hier muß ich Ihre Frage korrigieren: Die Truppen aus der Sowjet-Union stehen den vom Ausland entsandten Aggressoren noch nicht in einem offenen Krieg gegenüber. Wie ich gesagt habe, sie sind eine Reservekraft. Es ist die afghanische Armee, die kämpft.
Ich hoffe, daß sich in Pakistan die Vernunft durchsetzt und dort versucht wird, den Aggressoren das Handwerk zu legen. Wir wollen mit unseren Nachbarn, besonders Pakistan und S.144 Iran, in Frieden leben, wir sind Brudervölker.
SPIEGEL: Welche Beweise haben Sie nach Ihrer Machtübernahme für die These gefunden, daß Ihr Vorgänger Amin mit den Pakistani konspiriert hat und sich den Amerikanern zuwenden wollte?
KARMAL: Ich muß erneut Ihre Frage richtigstellen: Ich habe die Macht nicht an mich gerissen. Das war der revolutionäre Wille des afghanischen Volkes. Die demokratischen und freiheitsliebenden Kräfte arbeiteten schon zu Zeiten Amins im Untergrund.
Ein großer Teil dieser Kräfte blieb öffentlich und sogar ganz offiziell in der Regierung. Der legale Wille dieser Kräfte, das heißt der Mehrheit im Revolutionsrat und im ZK der Demokratischen Volkspartei, hat mir diese Verantwortung übertragen ...
SPIEGEL: Gut, aber wie ist es mit den Beweisen gegen Amin?
KARMAL: Es sind Dokumente vorhanden, daß Hafisullah Amin bei Gelegenheit einer außerordentlichen Uno-Konferenz geheime Gespräche mit hohen amerikanischen Regierungsbeamten geführt hat. Nachdem er nach Afghanistan zurückgekehrt war, hat er langsam, langsam die Macht an sich gerissen. So führte er eine Verschwörung gegen die Partei, gegen das Volk, gegen die Revolution und schließlich gegen die Regierung. Die Dokumente darüber wurden in Kabul veröffentlicht.
SPIEGEL: Es klingt ziemlich unglaubhaft, daß ein Mann, der Außenminister und Vizepremier der Revolutionsregierung war, über Nacht in die Dienste der USA getreten sein soll.
KARMAL: Wir kennen die Verschwörung gegen Mossadegh im Iran. Diese Aufgabe hatte Amin in Afghanistan übernommen. Es gibt noch einen historischen Beweis: Als Amin 1955 in Amerika studierte, war er Vorsitzender der afghanischen Studentenschaft in den USA. Selbst aufrichtige Journalisten in Amerika bezeugen, daß damals niemand Chef einer ausländischen Studentenorganisation werden konnte, ohne sich der CIA zu unterwerfen.
Seine Verbindungen mit der schwarzen Reaktion in Amerika, mit der chauvinistischen Führung Chinas und mit Pakistan wurden auch in der indischen Presse entlarvt. Sogar Pakistans Staatspräsident Sia-ul Hak hat seine Verbindung zu Amin eingestanden. Ein anderer Beweis ist seine Verteidigung durch Carter: Ein Mensch, der den Vorsitzenden des Revolutionsrates, Taraki, nach dessen Rückkehr von einer Auslandsreise nach Kuba verschwörerisch umgebracht hat, wird vom US-Imperialismus verteidigt] Ist das nicht ein akzeptabler Beweis, daß er Agent der CIA gewesen ist?
SPIEGEL: In ersten Meldungen aus der Sowjet-Union hieß es, Amin habe die Sowjet-Truppen ins Land gerufen. Nach anderen Meldungen sollen Sie es gewesen sein. Was ist denn nun richtig?
KARMAL: Nach der April-Revolution von 1978 hat Mohammed Taraki nach entsprechenden Beschlüssen des Revolutionsrates und der Regierung die Sowjet-Union um die Entsendung von Hilfstruppen gebeten, etwa 14mal.
Damals war die ausländische Aggression noch nicht so offensichtlich, Amerika setzte seine Hoffnungen auf Amin. Aber nach der Ermordung von Taraki war die Notwendigkeit der Hilfe durch die Sowjet-Union unentbehrlich. Damals bin ich auf geheimen, revolutionären Wegen nach Afghanistan gekommen und war im afghanischen Untergrund aktiv.
SPIEGEL: An welchem Tag genau sind Sie nach Afghanistan zurückgekommen?
KARMAL: 15 Tage nach dem Nur Mohammed Taraki getötet wurde. Sofort habe ich in Zusammenarbeit mit Freunden die Kräfte des Widerstandes organisiert, selbstverständlich im Untergrund. Auch mit der Mehrheit der Mitglieder des Revolutionsrates, die offiziell in der Regierung, aber unsere Genossen waren, haben wir Verbindung aufgenommen.
Wir waren die Mehrheit, in der Regierung und auch im ZK der Partei. Alle waren der Meinung, daß Amin vor Gericht gehörte und bestraft werden sollte.
SPIEGEL: Was dann aber nicht geschah ...
KARMAL: ... weil Afghanistan in Gefahr war, geteilt zu werden, unsere territoriale Integrität und unsere nationale Souveränität in Gefahr gerieten. So wurde Amin einige Tage vor dem 27. Dezember durch den Druck der Mehrheit in Revolutionsrat und ZK gezwungen, die Sowjet-Union um begrenzte Truppenkontingente gegen eine jeden Moment mögliche Aggression von seiten Pakistans zu bitten. Ohne daß ich persönlich von dieser Bitte wußte und ohne Einflußmöglichkeiten kamen die sowjetischen Militäreinheiten nach Afghanistan.
SPIEGEL: Wenn sich Afghanistan und auch die Sowjet-Union von auswärtigen Mächten akut bedroht sahen, warum haben beide dann nicht den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angerufen?
KARMAL: Das war überhaupt nicht notwendig. Wir sehen dieses Problem als innerafghanische Angelegenheit. Der Wille des afghanischen Volkes sprach dafür, daß wir einen selbstlosen Freund, der ein Verteidiger der Freiheit und des Friedens in der ganzen Welt ist, um Hilfe baten. So sahen wir keine Notwendigkeit, uns an den Sicherheitsrat zu wenden.
SPIEGEL: Der pakistanische Präsident Sia-ul Hak hat vorgeschlagen, entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze eine Friedenstruppe zu stationieren, die Grenzverletzungen verhindern soll. Warum haben Sie diesen Vorschlag abgelehnt?
KARMAL: Das ist wieder einer der skrupellosen Vorschläge der imperialistischen Monopole und Nato-Kreise. Auch Pakistan steht unter dem Diktat dieser Kreise. Es wäre besser, wenn die sogenannten Kräfte des internationalen Friedens nach Pakistan gingen, um den Völkern Pakistans zu helfen, die massiv unterdrückt werden.
SPIEGEL: Nach westlichen Presseberichten vernichten die Sowjets im Kampf gegen die Gegner Ihrer Regierung ganze Dörfer und setzen dabei auch Giftgas ein.
KARMAL: Das sind Lügen der westlichen Medien, ist die giftige Propaganda gegen das afghanische Volk. Weil die imperialistischen Monopole und die Chauvinisten in China selbst solche Verbrechen, zum Beispiel in Vietnam, begangen haben, versuchen sie die menschlichste und friedlichste Kraft in der Welt, die Sowjet-Union, zu verleumden.
SPIEGEL: Es gibt Berichte, nach denen es am 21. und 22. Februar in Kabul zu Straßenkämpfen gegen Ihre Regierung gekommen ist.
KARMAL: Das waren keine Straßenkämpfe, das war ein begrenzter Aufruhr. Er entsprach genau dem Plan der reaktionären Kräfte vor dem 27. Dezember. Die ausländischen Feinde schleusten ungefähr 6000 Banditen, Mörder und Terroristen in unser Land. S.145
Dieser Aufruhr wurde vor allem durch die Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad inszeniert, der, wie Sie wissen, enge Verbindungen zur Savak des Schah gehabt hat. Die Provokateure haben 35 Stunden auf alles geschossen und auch Handgranaten geworfen.
SPIEGEL: Auch die afghanische Armee hat geschossen.
KARMAL: Trotz der angezettelten Gewalttätigkeit gab ich anfangs niemandem den Befehl, auf diese Elemente zu schießen -- bis festgestellt wurde, daß sie Frauen und Kinder angriffen, die Ordnung mißbrauchten und Brandanschläge verübten. In nur wenigen Stunden hatten wir diese Elemente mit Hilfe von Wasserwerfern umzingelt.
SPIEGEL: Was ist mit den Verhafteten geschehen?
KARMAL: Von den 1700 Festgenommenen wurden 1300 nach kurzer Zeit wieder freigelassen, sie begriffen, daß der Feind seine Hände bei dieser Aktion im Spiel hatte. Ungefähr 200 Leute werden noch gefangengehalten. Wenn sie unschuldig sind, werden auch sie freigelassen; diejenigen, die Drahtzieher waren, werden vor Gericht gestellt. Es sind auch 15 Pakistani aus der Provinz Pandschab dabei und ein ägyptischer Spion, der zugegeben hat, Kontakt zu der CIA zu haben.
SPIEGEL: Westliche Presseagenturen haben gemeldet, daß in den zwei Tagen Hunderte ums Leben gekommen seien.
KARMAL: Immer wenn Sie von westlicher Presse reden, sind das reine Lügen. Weil diese Lügen dermaßen skrupellos und ungeheuerlich sind, kann man darüber nur lachen.
SPIEGEL: In Afghanistan wird davon gesprochen, daß unter der Herrschaft Amins Hunderttausende ums Leben gekommen sind. Ist das auch eine Lüge?
KARMAL: Mehr als 99 Prozent des afghanischen Volkes haben die April-Revolution unterstützt. Aber Amin hat durch seine verräterische Verschwörung und seine faschistischen Methoden mehr als eine Million, 1,5 Millionen Menschen, erbarmungslos durch Massenmord vernichtet.
SPIEGEL: Stimmt es, daß auch ganze Dörfer bombardiert und ihre Einwohner ausgerottet wurden?
KARMAL: Ja, sehr viele Dörfer sogar. Amin hat ohne Wissen des Revolutionsrates und des ZK der Demokratischen Volkspartei die Befehle erteilt. Und diejenigen, die solche Befehle ausführten, dachten, daß es wirklich Einsätze gegen den Feind seien.
SPIEGEL: Wurden im Dezember außer Amin noch andere Verantwortliche verurteilt und hingerichtet?
KARMAL: Während des Aufstandes vom 27. Dezember wurden einige seiner Anhänger, drei oder vier Personen, getötet, weil sie Widerstand leisteten. Die Elemente, die an Amins Verschwörung beteiligt waren, sitzen im Gefängnis. Es sind ungefähr 200 Mann, sie werden genau vernommen und vor Gericht gestellt. Die Verhandlungen werden menschlich und demokratisch sein.
SPIEGEL: Sie als Marxist haben bei öffentlichen Auftritten mehrmals ihren tiefen Respekt vor der Religion des Islam erklärt. Sind Sie zum Islam zurückgekehrt?
KARMAL: Erlauben Sie mir zu fragen, wann ich mich nach dem 27. Dezember als Marxist bezeichnet habe?
SPIEGEL: Sie haben recht, wir kennen kein Zitat.
KARMAL: Deshalb trifft Ihre Frage auch nicht. Afghaner sind von jeher aufrichtige, ehrliche Moslems gewesen und werden es bleiben. Kein Verantwortlicher der Regierung wird gegenüber dem afghanischen Volk Mißachtung zeigen.
SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie als Parlamentsabgeordneter einmal den Koran verbrannt haben?
KARMAL: Das ist wieder die hinterlistige Propaganda des Westens. Sie können alle meine Vorträge und Reden während meiner Abgeordnetenzeit von acht Jahren nachschlagen, sie liegen alle schriftlich vor. Ein Mensch, der nur ein bißchen Humanität und keinen tierischen Charakter besitzt, weiß, daß jeder, der in Afghanistan eine solche Tat begeht, auf der Stelle vernichtet werden würde.
SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft für den Süden Ihres Landes? Wird die Sowjet-Union unter Einbeziehung von Südwest-Pakistan eine Volksrepublik Belutschistan ins Leben rufen?
KARMAL: Diese Frage ist absolut unsinnig. Afghanistan verteidigt seine nationale Souveränität ebenso wie seine territoriale Integrität gegen ausländische Aggressionen. Im Grunde ist Pakistan die Basis der aggressiven Aktionen. Auch für die Sowjet-Union ist diese Frage unsinnig.
Ich wiederhole und betone mit aller Deutlichkeit: Die Sowjet-Union wird uns, falls die Regierung Afghanistans es fordert, gegen jede öffentliche Aggression innerhalb der afghanischen Grenzen unterstützen. Sonst existieren hier keine Pläne und Ziele.
SPIEGEL: Sie schließen damit auch aus, daß jemand aus dem benachbarten pakistanischen Belutschistan Sie oder die Sowjet-Union um brüderliche Hilfe bittet?
KARMAL: Das Thema der Beziehungen der Sowjet-Union zu Belutschistan ist durch die Propaganda des Westens hochgespielt worden. Das ist eine verleumderische Intrige.
SPIEGEL: Herr Karmal, was müßte der Westen, was müßten Ihre Nachbarn tun, damit Sie als Vorsitzender des Revolutionsrates, als afghanischer S.146 Premierminister und als Generalsekretär der Demokratischen Volkspartei in der Lage wären, die sowjetischen Freunde wieder nach Hause zu schicken?
KARMAL: Die Länder, die für den Frieden und die Sicherheit in dieser Region sind, sollen einzig und allein ihre Aggression und Einmischung, ihre Provokation und Propaganda aufgeben. In diesem Fall, ich betone es noch einmal, werden alle Truppen der Sowjet-Union Afghanistan verlassen. Dann wird ein freies, unabhängiges, revolutionäres Afghanistan in Frieden mit allen Völkern der Region, insbesondere mit dem iranischen und dem pakistanischen Volk, leben.
SPIEGEL: Sie sollen einmal gesagt haben, daß Sie der deutschen Kultur ein prägendes Bildungserlebnis verdanken. Stimmt das?
KARMAL: Eine solche Äußerung habe ich nie getan. Das afghanische Volk hat gegenüber den Deutschen historisch gesehen Sympathien, das gilt natürlich nicht für den deutschen Faschismus. Die Sympathien galten einem Volk mit hoher Kultur, mit hoher Zivilisation, mit großen Begabungen und dem Volk, das in Technologie, Wissenschaft und Kunst ein wertvolles Erbe übernommen hat.
Aber es muß ein Unterschied gemacht werden zwischen dem deutschen Volk und den Herrschenden. Heute hilft uns die Deutsche Demokratische Republik ohne die kleinste Diskriminierung oder ohne irgendwelche Gegenleistungen zu erwarten, ökonomisch und technisch.
SPIEGEL: Für die Bundesrepublik Deutschland gilt das nicht?
KARMAL: Auch für die Bundesrepublik sind die Türen offen, vorausgesetzt, daß sie sich nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischt, daß sie ihre verleumderische Propaganda unterbindet und unsere Feinde, das heißt die reaktionären Kräfte Afghanistans, in Deutschland nicht unterstützt. Daß Deutschland den Reaktionären Zuflucht gewährt, hat das afghanische Volk tief enttäuscht.
SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie in den sechziger Jahren heimlich in der Bundesrepublik waren?
KARMAL: Nein, das ist nicht wahr. Ich habe Deutschland bisher nicht besuchen können.
SPIEGEL: Bisher ist jeder Versuch einer fremden Macht, sich in Afghanistan festzusetzen, gescheitert. Glauben Sie, daß es den Sowjets anders ergehen wird?
KARMAL: Ich sage noch einmal, als ein Mann, der sein Vaterland liebt, der sich in den Dienst seines Volkes gestellt hat, als ein Politiker, der die nationale Unabhängigkeit, die nationale Souveränität und die territoriale Integrität verteidigt, als erklärter Feind des alten und neuen Kolonialismus, als Gegner von Imperialismus, Zionismus, Rassismus, Faschismus und Apartheid, als Politiker, der sich für eine glückliche und demokratische Gesellschaft einsetzt: Daß die Sowjet-Union das afghanische Volk beherrschen will, ist reiner Unsinn.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für das Gespräch.
S.139 Mit SPIEGEL-Mitarbeiter Mosstafa Danesch. * S.145 Mit Stahlhelmen nach deutschem Weltkrieg-I-Modell. *
Von Mosstafa Danesch

DER SPIEGEL 14/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL Gespräch:
„Hafisullah Amin war ein Agent der CIA“