09.06.1980

LITERATURNicht zu ertragen

Ein 19jähriger schrieb eine Novelle über seine Schulzeit.
Ob der 19jährige Ronald Schernikau aus Lehrte bei Hannover in diesen Wochen das Abitur geschafft hat, wissen nur die Götter seines altmodischen Lateinlehrers, der nun unter dem Namen "lat" in einem Stück moderner Prosa sein Fett bekommen hat: Ronald hat den cholerischen Pauker in einer Novelle verarbeitet.
Denn bei der drögen Latein-Lektüre hat Ronald in all den Schuljahren "wahre Werte" wie den Militarismus hassen und sonst nur gelernt, daß schon die Römer Kleinschreibung praktizierten. Folglich hat der frustrierte Schüler sein erstes Buch konsequent klein geschrieben, Begründung: "Das geht auf der Schreibmaschine einfacher."
In seinem Leistungsfach Deutsch fabrizierte Schernikau "in den letzten S.210 beiden Jahren nur Fünfen"; die Lehrer wollten "keine betonten Formulierungen, bitte". Sein Biologielehrer durfte dagegen beim Thema Homosexualität ungestraft den "Vorrang des gesellschaftlichen Interesses" betonen: "Arterhaltung."
Dem homosexuellen Schüler Schernikau war die Selbsterhaltung lieber: "Um mich zu wehren", schrieb er knapp zwei Jahre an einem Buch, "in dem viel Rache steckt". Das Ergebnis, das ganz und gar nichts mit wehmütiger Primanerpoesie zu tun hat, veröffentlichte jetzt der Rotbuch Verlag; Titel: "Kleinstadtnovelle".
( Ronald M. Schernikau: ) ( "Kleinstadtnovelle". Rotbuch Verlag, ) ( Berlin; 72 Seiten; 7 Mark. )
Schernikau beschreibt darin das halbherzig reformierte Gymnasium in seiner Kleinstadt Lehrte, das seine privilegierten Insassen und vermeintlichen Nutznießer wenn nicht ins langweilige Funktionieren, so in die Verzweiflung, den Suff, die Apathie treibt; in dem man heute eine "kleine Insel Selbstbewußtsein" nicht mehr nur gegen die imperialistischen Heere vorgestriger Lateinlehrer, sondern auch gegen eine liberal sich gebende Hochleistungspädagogik verteidigen muß.
"b." -- Schernikaus literarische Hauptfigur -- haßt diese Schule, in der ein ständiger "Kampf von geistigschallenden Ohrfeigen" jede menschliche Regung blockiert; in der Irrtümer in Kommaregelreihen mit einem "Notensturz" beglichen werden, der "Panik auslöst wie der des Dollars in der Tagesschau"; in der, so "b." angewidert, "nur ein Großkotz mit Peitsche zu rufen braucht: Allez] ... und alles springt für Noten und Punkte durch brennende Reifen".
Aber sosehr "b." diese Schule haßt: Sein Ekel vor dem System ist zu groß, als daß ihm eine Veränderung der herrschenden Verhältnissen noch attraktiv erschiene. Er wählt den Rückzug. Sein Widerstand ist die innere Emigration.
Aus diesem Exil heraus startet "b." allenfalls noch kleinere Angriffe gegen die privaten Verschrobenheiten einzelner Lehrer, belustigt sich über ihre Neurosen, macht "Kabarett". Das Große und Ganze läßt er in Ruhe.
Was hier auf den ersten Blick als ein Beleg für die These von der resignierten, narzißtischen, angepaßten Jugend erscheinen mag, ist Ausdruck einer neuen Haltung unter kritischen Schülern, die nur keine Lust mehr haben, sich an scheinheilig gesprächs- und veränderungsbereiten Institutionen den Kopf einzurennen.
"b." erfährt den Charakter der Schule bei einem Konflikt um seine Homosexualität: Während einer Schulfahrt hatte er mit einem Klassenkameraden geschlafen, der dieses Erlebnis nicht verkraftete und sich selber bei seinen Eltern verpetzte. Der Fall erregt Aufsehen. S.211 "b.", der Schülersprecher, soll auf Betreiben der Eltern von der Schule entfernt werden. Auf einer Konferenz wird die Angelegenheit verhandelt.
In Rückblenden erkennt der gebrandmarkte "miese Schwule" auf dieser Konferenz die unüberbrückbare Distanz zwischen ihm und dem System, das ihn erziehen soll. Er will seine Lebensfreude nicht von einer Allianz autoritärer Sachzwänge und provinzieller Lehrer-Mentalität ersticken lassen. Er projiziert seine Glücksphantasien in die subkulturellen Areale außerhalb der Institutionen.
In der "Kleinstadtnovelle" feiert jugendliches Selbstbewußtsein Triumph über den "schalen Geschmack", den die Schule hinterläßt. Dem 19jährigen Schernikau ist ein erhellendes Stück Prosa gelungen: Er gibt Einblick in die psychischen Be- und Empfindlichkeiten derer, die heute nur allzugern als "Schlaffis" bezeichnet werden. Schernikau, zeigt, wie der "Wille zur Subkultur" entsteht oder die absolute Willenlosigkeit: "Das ist das, wozu dich die Schule erzieht: Wenn schon alles Scheiße ist, dann aber auch totale Flucht aus allem, Gegenwehr ist Kackmist, zum Scheitern verurteilt."
Am Kiosk nahe der Schule, wo die stehen, die sich "schon morgens um halb zehn ihr Bier reinknallen, weil''s anders nicht zu ertragen ist", steht einer mit einer Anti-Atomkraft-Plakette, raucht einen Joint. "b." sagt lächelnd zu ihm: "Wenn wir nur genug rauchen, hören die schon auf mit ihren AKWs."
Der steht mit beiden Beinen daneben.
Wolfgang Spindler
S.210 Ronald M. Schernikau: "Kleinstadtnovelle". Rotbuch Verlag, Berlin; 72 Seiten; 7 Mark. *

DER SPIEGEL 24/1980
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