09.02.1981

UNTERNEHMERDunkler Drang

Der Chef der größten deutschen Privat-Spedition wollte gern Reeder werden. Die Kosten des mißglückten Unternehmens: rund 100 Millionen Mark.
Eigentlich hatte Klaus-Michael Kühne nahezu alles, was ein Hamburger Kaufmann verlangt: eine Villa an der Außenalster, ein Kontor an der Binnenalster und eine gutgehende Firma mit nötiger Tradition -- die 1890 gegründete Spedition Kühne & Nagel, das größte private Transportunternehmen der Bundesrepublik.
Doch darüber hinaus hat der knapp 1,90 Meter lange Hamburger "jenen dunklen Drang", so weiß ein Kühne-Vertrauter, "der alle reichen Hanseaten irgendwann überkommt": So recht vollendet, heißt das, ist ein Kaufmannsleben an Norddeutschlands Küsten erst, wenn eine eigene Schiffsflotte über die Weltmeere fährt.
Dieser landsmannschaftlich geprägte Erwerbstrieb, der wohlhabende Bayern von einer Brauerei, reiche Ruhr-Industrielle von einem eigenen Stahlwerk träumen läßt, verhalf dem heute 43jährigen Kühne Anfang der siebziger Jahre zu einer eigenen Reederei. Und er kostete ihn runde 100 Millionen Mark, die nun durch einen Teilverkauf der Firma hereingeholt werden müssen.
Die Reeder-Karriere des umtriebigen Hamburgers ("Man muß den Mut haben, früh irgendwo einzusteigen, auch wenn man den Trend noch nicht erkennt") litt nämlich unter zwei entscheidenden Mängeln: Anfang und Ende lagen jeweils zur falschen Zeit.
Kurz nachdem Kühne im fernen, aber steuergünstigen Panama unter dem Namen Scalottas SA die Reederei gegründet hatte, brachen im Gefolge der ersten Ölkrise die Frachtpreise auf den Weltmeeren zusammen. Die Dampfer, die Kühne für sich und seine im schweizerischen Lenzerheide lebenden Eltern anschaffte, fuhren ständig Verlust ein.
Als Kühne 1978 mit dem Verkauf der Schiffe begann, um die Verluste zu stoppen, war der Zeitpunkt wiederum denkbar ungünstig gewählt: Der jahrelange Verfall der Frachtraten hatte die Schiffspreise drastisch gedrückt.
Die Scalottas-Dampfer -- den Namen entlieh sich Kühne von einem nahe Lenzerheide gelegenen Berg, auf dem er gelegentlich Ski fährt -- brachten nur noch Bruchteile der Kaufpreise.
So zum Beispiel der Massengut-Ölfrachter "Mercedes". Den hatte der unternehmungsfreudige Hanseat 1973, in seinen Reeder-Lehrjahren, gemeinsam mit dem Hamburger Reeder Friedrich-Adolph Detjen für 60 Millionen Mark erstanden. Der 248 Meter lange 42 000-Tonner, benannt nach Kühnes Mutter, dampfte fünf verlustreiche Jahre über die Weltmeere.
1978 verkaufte Kühne das kostspielige Gefährt an die Düsseldorfer Abschreibungsgesellschaft Divag, die der kürzlich verhaftete und vorige Woche gegen Kaution freigelassene Steuerakrobat Detlef Brümmer managte. Für Brümmer war es ein erstklassiges Geschäft: Der guterhaltene Dampfer kostete nur 30 Millionen Mark und fährt, inzwischen umgetauft auf "Saxonia", für die Anleger der Abschreibungsofferte Navi-Fonds Nr. 7 stattliche Gewinne herein. Seit 1978 nämlich zogen die Frachtraten kräftig an.
Unter dem Holding-Dach der panamaischen Scalottas bereederte Kühne auf dem Höhepunkt seiner Karriere insgesamt sechs Schiffe. Neben "Mercedes" ließ er sich wohlklingende Namen einfallen: "Anauticum", "Turicum", "Mediolanum", "Ivory Sun". Alle Schiffe, bis auf die "Ivory Pellus", hat er inzwischen wieder verkauft.
Unabhängig von den Panama-Geschäften beteiligte sich der Jung-Reeder noch an einem Schiff namens "Turmalin". Auch das ging schief. Die "Turmalin" hat "mich einiges Geld gekostet", räumt er ein. Nicht nur ihn.
Auch die Howaldt-Werft in Hamburg hat keine guten Erinnerungen an das Abschreibungsschiff. Eine Reparaturrechnung der Werft ist bis heute unbezahlt, die "Turmalin"-Gesellschaft ging pleite.
Da haben es die direkten Gläubiger des erfolglosen Reeder-Novizen besser. Die rund 100 Millionen Mark Schulden, die sich Kühne seine See-Abenteuer kosten ließ, sind bestens gesichert. Die Speditionsfirma Kühne & Nagel, laut Vorstandssprecher Günther Arberg "eine Perle", dient den Banken als Sicherheit.
So fiel es der Deutschen Genossenschafts-Bank (DG-Bank) nicht übermäßig schwer, Kühne mit über 40 Millionen Mark beizuspringen, um die Scalottas-Löcher zu dichten.
Als die Abwicklung der Schiffsverkäufe allerdings neue Lücken offenbarte, ließen die Banker wissen, daß sie zur Sicherheit lieber Geld als die Firma hätten. Kühne mußte sich nach einem Käufer von Firmenanteilen umsehen.
Da bot sich zunächst ein alter Geschäftspartner an: die Lufthansa.
Für 70 Millionen Mark offerierte Kühne der Fluglinie zunächst 25,5 Prozent der florierenden Speditionsfirma. Als die Lufthansa-Manager nicht so recht wollten, bot er eine 10jährige Option auf weitere 24,5 Prozent. Schließlich diente er sogar die Mehrheit an; S.90 doch Ende letzten Jahres lehnte die Lufthansa endgültig ab.
Zuvor hatte das Flug-Unternehmen durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sorgfältig untersucht, ob ein Einkauf bei Kühne & Nagel lohne. Das Prüfungsergebnis: Die Firma ist gesund, rund 210 Millionen Mark wert -- aber dennoch kein empfehlenswertes Objekt.
Die Kühne & Nagel-Gruppe, in der weltweit 8500 Beschäftigte im vergangenen Jahr drei Milliarden Mark Umsatz heranschafften, ist derart kunstvoll über den Erdball verwoben, daß ein neuer Besitzer kaum durchblicken könnte. Das komplizierte Firmengeflecht, das Kühne Mitte der siebziger Jahre nach einer Steuerprüfung ersann, die elf Millionen Mark Nachzahlungen kostete, erschwert nun den Verkauf.
Übersichtlich ist eigentlich nur die aus Bremen und Hamburg gesteuerte Stammfirma, die sich den deutschen Geschäften widmet. Für Kanada, wo die Firma größter Spediteur des Landes ist, und für Amerika wird der Geschäftsgang von den British Virgin Islands dirigiert -- einem steuerfreundlichen Eiland in der Karibik. Den Rest der Welt umsorgt eine Holding aus dem schweizerischen Pfäffikon.
Unterhalb dieser drei Gesellschaften tummelt sich, für den Fremdling undurchschaubar, die Basis im KN-Reich. Die Lufthansa-Prüfer zählten rund 130 rechtlich selbständige Untergesellschaften in allen Winkeln der Erde.
Nach der Absage der Flug-Gesellschaft sucht Kühne nach weiteren Interessenten. Bei dem Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert, der mit dem Handel beauftragt wurde, hat sich, so Kühne, schon jede Menge Interessenten gemeldet.
Das muß auch sein. Mit diskretem Druck ließen die Banken wissen, daß sie gern Geld sehen würden -- bis Mitte des Jahres.

DER SPIEGEL 7/1981
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